Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-12-19 · 46-47 (19.12.1919) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
46-47 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495460--1160-3496964
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 46/47 Jüdische Korrespondenz Seite 5 gefühlen des Kultus welcher Religion immer in der Slowakei vorgekommen wäre. Aber auch in der Vergangenheit scheint es, daß vereinzelte Fälle ständig in die Oeffentlichkeit gebracht, künstlich aufgebauscht, auf übertriebene Art der Bevölkerung mitgeteilt und das Volk so aufgereizt wurde. Hier bemerkt die „Jüdische Volkszeitung" (Preßburg): „Was diesen Teil der ministeriellen Rede betrifft, möchten wir den §errn Minister geziemend an die jüngste Verordnung des Militärkommandos iu Mhorod erinnern, die die dortige strenggläubige jüdische Kaufmannschaft zwingt, ihre Geschäfte am Sabbath offenzuhalten. Eine eklatantere Verletzung der religiösen Empfindungen und der Gewissensfreiheit der staatstreuen jüdischen Bevölkerung vermögen wir uns kaum vorzustellen. Hoffentlich werden die kompetenten Faktoren das Erforderliche veranlassen,, damit diese gravaminöse Verordnung zurückgezogen wird." Zur Lage der Juden in Züdrußland. Paris, 18. November. Dr. Mores Duchan, der zu den politisch und geistig führenden Mitgliedern der jüdischen Gesellschaft von Petersburg gehörte, ist vor kurzem in Paris eingetroffen, um an den Arbeiten der jüdischen Delegation teilzunehmen. Er war seinerzeit der Führer der zionistischen Fraktion in dem jüdischen Gemeindevorstand von Petersburg und ist Vorstandsmitglied der Zeire-Zion-Organisation in Petrograd. Er hat ein Jahr bolschewistisches Regime in Petersburg mitgemacht, hat selbst das Organisationsstatut geschaffen, auf Grund dessen der Kongreß der jüdischen Gemeinden im Juli 1918 in Moskau den Zentral Waad (Zewaad) geschaffen, flüchtete dann mit seiner Familie nach Südrußland und hat dort so ziemlich alle Evolutionen des Bürgerkrieges mitgemacht. Mehr als ein halbes Jahr weilte er als Professor an der Volksuniversität in Jekaterinoslaw, auch unter den Bolschewiken, die seine Lehrtätigkeit nicht inhibierten. Zuletzt leitete er das zionistische Bureau in Nowy-Rossisk. Ich ersuchte ihn, mir ein zusammenhängendes Bild über die Schicksale der Juden in Südwestrußland zu geben, da die spärlichen und ungenauen Nachrichten, die wir im letzten Jahre von dort erhalten, sich zu einem Ensemble nicht verbinden lassen. „Die Bauern Südwestrußlands lebten mit den Juden seit jeher in bestem Einvernehmen, wenn auch eine gewisse pogromistische Stimmung — vom zaristischen Regime gepflegt — in ihr schlummerte. Ein aktives judenfeindliches Handeln hätte sich aus ihrem Kreise heraus nie entwickelt. Demoralisiert und verroht durch den jahrelangen Krieg vermochten die interessierten Kreise sie jetzt zu Pogromen zu haranguieren. Während die christliche, städtische Intelligenz sich passiv verhielt, begannen die reaktionären Elemente, Kleinbürger, entlassene Beamte des alten Regimes, ländliche Großgrundbesitzer schon unter Kerenski, besonders energisch aber seit der bolschewistischen Revolution, die Bauern für ihr politisches Interesse zu gewinnen. Das alte Rezept wurde wieder angewendet: gegen die Juden und für die Reaktion. Das ist aber nur ein Moment. Die Selbständigkeitsbewegung unter Skuropadski und Petljura stachelten den nationalen Chauvinismus auf. Beide strebten eine Wirtschaftspolitik an, die die Juden aus dem Wirtschaftsleben ausschaltet. Als Petljura gegen die Bolschewiki kämpfen mußte, begannen seine Agitatoren die am Privateigentum interessierten Großbauern gegen die Juden als Kommunisten zu Hetzen. Sie säten auf bereits durchackerten Boden. Daraufhin sammelten sich Banden, unter denen die von Sokolowski, Selony, Sokolow und Struizki die berüchtigsten sind. Sie richteten die furchtbaren Pogrome im Territorium Petljura an. Machnow, ein anarcho-kommunistischer Bandenführer, hatte mit seinem disziplinlosen Gesindel ein Territorium nordöstlich von Jekaterinoslaw besetzt und sein Lager im Dorfe Gulaipol aufgeschlagen. In seinem Gebiete haben die Juden, die Gegner des Kommunismus, wohl besonders schwer gelitten. Die jüdischen Kolonien des Alexandrowsker, Mariupoler und Jekaterinoslawer Kreises hatten sich den Banden Machnows bewaffnet widersetzt und mußten dafür schwer büßen. Ende Dezember 1918, als die Bolschewiki nach Süden vordrangen, eroberte Machnow Jekaterinoslaw, wurde aber schon nach einem Tage von Petljura hinausgeworfen. Dieser eine Tag hatte genügt, daß die Banden Machnows unter den Juden Jekaterinoslaws ein furchtbares Blutbad anrichteten. Petljura wurde von den Bolschewiki geworfen, und sie hielten die Gouvernements des Donbeckens (Charkow, Jekaterinoslaw, Poltawa, Cherson) bis um Juni 1919 in ihrer Hand. Dann wurden sie von Denikin nach Norden geworfen. Während ihrer Herrschaft gab es wohl keine Pogrome, die jüdische Wirtschaft wurde aber aufs tiefste erschüttert, weil aller privater Verkehr verschwunden war. Die Bauernschaft setzte den Bolschewiki heftigen Widerstand entgegen. Bei der judenfeindlichen Stimmung der Massen fiel ihnen gerade die Teilnahme von Juden als Funkttonäre am bolschewistischen Regime besonders in die Augen, obgleich kein Jude im ganzen Gebiete leitender Volkskommissar war. Die Judenfeindschaft steigerte sich. Als Ataman Grigoriew, ein Freibeuter, der mit seinen Truppen von Petljura zu den Bolschewiki übergegangen war, im April einen Aufstand gegen die Bolschewiki arrangierte, wählte er zum Schlachtruf: Nieder mit den Volkskommissären! Nieder mit den Juden! Nieder mit dem Kommunismus! Sofort brachen in den von seinen Banden besetzten Gebieten Tscherkaffy - Jelisawetgrad - Snamenka - Dolinakaia-Werchnidnieprowsk furchtbare Pogrome aus. Im Dorfe Saxoha zum Beispiel hat man damals 96 jüdische Männer versammelt und zusammengeschossen. Ungefähr 40 jüdische Gemeinden wurden damals ruiniert und zirka 6000 Juden getötet. Der Vormarsch der Denikinschen Armeen in diesen Gebieten des Don'schen Bassins vollzog sich unter systematischer und gewalttätiger Vernichtung des jüdischen Lebens. Betrat eine Truppe einen größeren Ort, traten die alten, reaktionären Elemente sofort hervor. Zuerst wurden die Juden ausgeplündert, dann eine Reihe von ihnen als „Bolschewiki" gemordet und beraubt, hierauf setzte ein tagelang andauernder Pogrom ein, während dessen zügellos geraubt, geschändet, gemordet wurde, bis die Wut sich erschöpft hatte. Dann kam der Befehl eines Kommandos, welcher Gewalttätigkeiten gegen Juden mißbilligt und verbietet. Auf diesem Siegeszug der Bestie wurden auch jene jüdische Ackerbaukolonien als „bolschewistisch" völlig vernichtet, die sich Wochen vorher mit Waffen gegen die Einführung des Kommunismus gewehrt. Nicht ein militärgerichtliches Verfahren wurde eingeleitet, vielmehr wurden jene jüdischen öffentlichen Beamten, die während des Kerenski Regimes ausgenommen worden waren, jetzt bei der Reaktivierung dieser Behörden systematisch entlassen. Ich weise hier auf den Befehl des Mobilisierungskommiffars von Charkow vom 7. Juli 1919 hin, wonach alle jüdischen Offiziere seines RayonS bis auf ihre Wiedereinberufung aus dem Kriegsdienste entlassen werden. Denikin selbst hat kurz darauf die jüdischen Offiziere aus seiner Armee entfernt, obgleich von seiten derselben dagegen mit der Begründung protestiert wurde, daß sie nur durch gerichtlichen Spruch ihrer Charge könnten entkleidet werden. Bezeichnend für den Geist, der in den Denikinschen OffizierkorpS herrscht, ist die Entschuldigung, die Denikin einer Deputation für seinen Befehl gab, er hätte nicht anders können, weil erfürchtete, es könnte zu Konflikten zwischen den jüdischen und den übrigen Offizieren kommen. Das Resultat dieser systematischen Blutarbeit ist ein trauriges. Die Juden, die noch in den kleinen Marktorten, auf den Bahnstationen zerstreut angesiedelt waren, die in den Ackerbaukolonien gearbeitet haben, verkauften die Reste von Hab und Gut, die ihnen gelassen waren und flüchteten in die jüdischen Großgemeinden, wo sie in der Masse auf Schutz ihres Lebens hofften. Dort aber vervielfältigen sie Arbeitslosigkeit, Hunger, Elend und Krankheit. (K. f. d. O.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.