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Jüdische Korrespondenz · 1919-12-19 · 46-47 (19.12.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
46-47 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 46/47 Dr. Apfel beschließt den Abend mit der Feststellung, daß aus beiden Lagern der Wunsch nach einer Wiederholung dieser Aussprache geäußert wurde. Er hofft, daß die Veranstaltung dazu beigetragen hat, den Kampf zu vergeistigen. Ein Hoch auf das Vaterland beendete die Versammlung. Die jüdische Lage in Rußland. Der Kopenhagener Korrespondent des Londoner jüdischen Korrespondenzbureaus hat von Herrn H. Don Lewin, der von einer im Aufträge der „Chicago Daily News“ durch Rußland unternommenen Reise vor wenigen Tagen in Kopenhagen eingetroffen, folgende Mitteilungen über die jüdische Situation in Rußland erhalten: Bis vor kurzem hat die zionistische Organisation eine lebhafte Tätigkeit im ganzen Lande entfaltet, da der einzige Trost der russischen Juden in der heutigen schrecklichen Situation der Gedanke ist, daß die. Auswanderung nach Palästina bald beginnen wird. , Die Verfolgungen der zionistischen Bewegung, die vor kurzem eingesetzt haben, und das Werk der jüdischen Kommunisten mit den Herren Dimendstein, Rapes und Chefez an der Spitze. Sie haben die zionistischen Führer als eine Gefahr für Rußland denunziert und ihre Verhaftung erwirkt. Der Unterrichtsminister Lunatscharski erklärte mir, daß er an dem Kampf gegen die Zionisten keineswegs beteiligt sei und daß er persönlich das Verbot des Hebräischen nicht hervorgerufen habe. Das alles haben die jüdischen Kommunisten, insbesondere Dimendstein und Rapes, verlangt und durchgesetzt. Der Arrest der Zionistenführer, erklärte Herr Lewin, ist, wie man in ganz Rußland annimmt, auf Grund einer öffentlichen Denunziation des Herrn Dimendstein erfolgt. Herr Dimendstein hat in der „Jswestia", dem offiziellen Organ der Regierung, einen Leitartikel veröffentlicht, in welchem er die jüdischen Legionen der Unterdrückung des ägyptischen Aufstandes beschuldigt und die Zionisten als Agenten der Entente und Gegenrevolutionäre darstellt. 24 Stunden nach der Veröffentlichung des Artikels wurden gleichzeitig die Zionistenführer in Petrograd, Moskau und in den provinziellen Städten verhaftet. Einige Zionistenführer sind aber inzwischen in Freiheit gesetzt worden, unter ihnen Dr. Brutzkus und Herr Tscherikowor, der Leiter des jüdischen Nationalfonds in Rußland, die ich persönlich gesprochen. „Ich kann," erzählte weiter Herr Lewin, „Einzelheiten über die Pogrome mitteilen, die General Momontow veranstaltet hatte. Generel Momontow, der die rechte Hand Denikins ist, hat an die Bevölkerung der von ihm eroberten Städte folgenden Aufruf gerichtet: „Bauern, ergreifet das Schwert und rebelliert gegen die gemeinsamen Feinde des russischen Bodens, die Juden und die Bolschewik. Verjagt diese teuflischen Geschöpfe. Die große Kosaken- und Freiwilligenarmee zieht jetzt nach Moskau. Unsere Lage wird jetzt leichter werden. Wir werden freier atmen und uns aus den teuflischen Händen befteien, die uns in Knechtschaft schmiedeten, unseren Glauben und unsere Klöster zerstörten, unsere Geistliche, Greise und Kinder peinigten und unser Land in den Abgrund des Hungers und der Armut schleuderten. Mit Gottes Hilfe wird die Kraft des Teufels vernichtet werden, welcher sich in den Seelen der Juden und Kommunisten eingenistet hat." Der Auftuf hat seine Wirkung nicht versagt. In den letzten Monaten fand eine Reihe von Pogromen in Städten und Dörfern von ganz Rußland statt, welche von den Truppen Denikins besetzt worden waren. Unter anderen litten stark unter den Pogromen die Städte Konotop, Bachmatsch. Jelez, Koslow, Tasbow, Woromiecz. In der Ukraine haben fürchterliche Pogrome in Fastow, Slobodka, Biela Zorkow, Jekaterinoslaw und anderen stattgefunden. Besonders fürchterlich war der Pogrom in Koslow, wo 120 Juden getötet wurden. Sie wurden vor der Hinrichtung durchgepeitscht. Unter den Ermordeten befinden sich auch zwanzig Kinder von zwei bis fünf Jahren und Dutzende von Greisen und Frauen. Sobald Momontow eine Stadt betrat, gab er den Befehl, die jüdischen Geschäfte zu erbrechen. Kosaken und Bauern begannen dann sofort zu plündern, Juden zu peitschen und zu stechen und auch die Kinder und Frauen nicht zu verschonen. So haben die Kosaken Momontows in der grausamsten Weise die ganze jüdische Bevölkerung von Tombow und Woromiecz ausgeschlachtet. Aber das alles sind Kleinigkeiten und kurze Striche aus der großen Judenabschlachtung in Rußland. Das russische Judentum lebt beständig in tödlichem Schreck und weiß niemals, was der nächste Morgen bringen wird. Auch die Juden in Weißrußland, die gehofft hatten, ihre Situation würde sich bessern, wenn die Polen das Land besetzen sollten, sind tief enttäuscht worden. Die Polen sind gekommen, aber ihre Lage ist schlimmer geworden. Die Bolschewiki haben die jüdische Bevölkerung verfolgt und namentlich ökonomisch ruiniert. Die Polen setzen die Arbeit der Bolschewiki mit noch größerer Grausamkeit fort. Das gleiche war auch mit Denikin der Fall. Das Wehklagen und die Appelle der russischen Juden an die Juden der anderen Länder und insbesondere Amerikas lassen sich nicht schildern. Man wartet auf eine Botschaft, auf irgend ein Wunder, das dem Blutbad, dem Hunger, der Not und den geistigen Leiden ein Ende bereiten soll. Und alle beherrscht der heiße Wunsch nach der Rückkehr des normalen Lebens. Minister Srobär über die Iudenstage. Ju einer Kaschauer Rede des Ministers örobär heißt es bezüglich der jüdischen Frage in der Slowakei: „Die Juden in der Slowakei suchen in letzter Zeit mit den slowakischen Kreisen in je engere Verbindung zu treten. Ich glaube, es ist im Interesse des Judentums und auch des Staates unserer Nation gelegen, daß das Judentum diese Verbindungen so' intensiv als möglich pflege und daß das Judentum den Standpunkt der vollständigen Isolierung im Staate und in der Nation aufgebe, damit das Mißtrauen und der Argwohn als Anachronismus des vergangenen Zeitalters vollkommen verschwinden und damit das Judentum seine Rolle, die es durch seine unglückliche Plazierung inmitten des slowakischen Volkes spielte, ändere. Das Judentum ist verpflichtet, durch Taten seine Treue und Liebe zu unserem Vaterlande, zu unserer Nation zu beweisen. Es ist verpflichtet, sich einen Platz zu suchen entweder im Kreise derjenigen staatsbildenden Parteien, die ihm ideologisch und wirtschaftlich am nächsten stehen, oder im eigenen Schoße eine Partei zu bilden, deren Tätigkeit jeden Verdacht des Mangels an Patriotismus oder staatsfeindlicher Gesinnung ausschließt. Den jüdischen Verstand, den jüdischen Unternehmungsgeist und das jüdische Kapital kann kein Staat auf lange Zeit entbehren, um so weniger ein Staat, der seine Institutionen erst zu fundamentieren beginnt und dem jeder ehrenhafte Mitarbeiter ein willkommener Helfer ist. Das Großkapital, sei es die Industrie, das landwirtschaftliche oder das Bankenkapital, muß ich nachdrücklichst ermahnen, daß es seine Privilegien, die es infolge des Reichtums inne hatte, im demokratischen Geiste benütze, daß es nicht auf Zufälle und auswärtige Verwicklungen rechne, die es nicht geben wird, und daß es seine Macht und seine Hilfsmittel zur Schaffung neuer Werte verwende, so daß die Arbeitslust in unserem Staate gedeihe und die Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag abnehme, denn die einzigen Feinde der Konsolidierung der Verhältnisse im Staate sind die M ü ß i g g ä n g e r, ob sie nun in einer Arbeitsbluse oder in Seidenfteidern einhergehen." Im weiteren Verlaufe seiner Rede kam Minister Lrobar auf die vielfachen Beschwerden zu sprechen, die die Verletzung der religiösen Gefühle der Bevölkerung zum Gegenstände haben. Mit Bezug auf diese Beschwerden führte der Minister folgendes aus: Die Erregung in der sogenannten Religionsftage hat sich im letzten Monat gelegt. In der letzten Zeit wurde von nirgendsher gemeldet, daß ein Fall der Verletzung von Religions-

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