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Jüdische Korrespondenz · 1919-12-19 · 46-47 (19.12.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
46-47 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46/47 Jüdische Korrespondenz Seite 3 bleiben. Wir wollen ehrlich gestehen, daß wir verschiedener Art und Rasse sind. Wir dürfen die Rassengrenzen nicht verwischen, das nützt weder dem Judentum noch dem Deutschtum. Wir können uns nebeneinander sehen lassen. Beide Völker gehören zusammen, sind aufeinander angewiesen und durch Wahlverwandtschaft verbunden. Wir wollen mit den Juden eine Einheitsfront bilden gegen die Auswüchse des öffentlichen Lebens, wie sie sich in Presse, Handel und Wandel auf beiden Seiten zeigen. In dieser Arbeit wird der Antisemitismus überwunden werden. Die Aussprache eröffnete Dr. Paul Nathan, der die edle Gesinnung hervorhob, die aus den Worten des Vorredners sprach, ohne seinen Ausführungen in allen Einzelheiten zustimmen zu können. Die jüdische Empfindlichkeit, die Dr. Müller hervorhebt, ist nach Dr. Nathans Auffassung eine Abwehrreaktion auf die langen Leiden der Juden. Eine Herabsetzung dieser Empfindlichkeit wird auch von den Juden erstrebt. Die Vorwürfe gegen die Presse mögen im allgemeinen berechtigt sein, treffen aber die Juden nicht mehr als alle anderen Mitarbeiter derselben, da sich die gleichen Erscheinungen auch in allen denjenigen Ländern zeigen, in denen die Juden keine führende Rolle in der Presse haben. Jedes Volk hat die Presse, die es will, da jeder einzelne Leser sie erst lebensfähig macht. Dr. Nathan will den vom Vorredner zurückgewiesenen Gedanken der Verschmelzung von Juden und Christen nicht so ohne weiteres , verneinen. Es gibt auch Uebertritte aus Ueberzeugung. Die Phalanx der Anständigen auf beiden Seiten wird eine Zukunftsarbeit für alle werden, die es ehrlich mit dem Vaterland meinen. Professor Dr. D. Strack: Der Antisemitismus droht zur Feuerbrunst zu werden, welche die christlichen Kreise mehr bedroht als die jüdischen. Gerade die Kreise, welche über ein Ueberwiegen der Juden im öffentlichen Leben klagen, haben sich von allen öffentlichen Ehrenämtern aus Bequemlichkeit zurückgehalten, sodaß die Juden sie übernehmen mußten. Die jüdische Ueberempfindlichkeit, mit der alle für einen eintreten, zum Beispiel in Protestkomitees, wenn ein einzelner Jude fälschlich des Ritualmordes beschuldigt wird, muß die christlichen Mitbürger abstoßen. Gewiß hat das Kriegsgewinnlertum sich nicht auf die Juden beschränkt, aber die berechtigten Auswüchse sollten von den Juden zugegeben werden. Noch ist es zu früh für gemeinsames Schaffen, aber die Arbeit des Einzelnen muß schon jetzt einsetzen. Rabbiner Dr. Baeck: Der Antisemitismus ist keine Angelegenheit des Judentums, sondern des Christentums und des deutschen Vaterlandes. In den Jahrtausenden unserer Wanderungen haben wir uns eine gewisse Gelassenheit erworben. Wir haben Assyrien und Babylon, Hellas und Rom überlebt und werden auch den deutschen Antisemitismus überdauern. Der Haß gegen die Juden stammt aus der Unkenntnis. Wir sollen krasse Materialisten sein. Wären wir das, warum halten wir fest am Judentum, das uns das Leben erschwert? Was ist das Judentum, das uns über alles teuer ist? Es ist die einzige Gemeinschaft, die keine Konzessionen kennt, die nie ihr Knie einem Bilde oder Baal beugte, das lebende Zeugnis für eine Macht, die mehr ist als Zahl oder Gewalt. Das Judentum ist der ewige Idealismus, der um Gottes Willen den Menschen trotzt. Unsere Gesamtheit wehrt sich, wenn dem Einzelnen ein Unrecht geschieht; nicht des Einzelnen wegen, sondern weil, unser Rechtsgefühl verletzt wird. Wenn das Judentum begriffen sein wird, werden die Christen auch die Juden verstehen, dann wird die Zeit für eine gemeinsame Arbeit gekommen sein. Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. Weymann: Wenn das Judentum wirklich so wäre, wie Rabbiner Dr. Baeck es schilderte, gäbe. es in Deutschland keine Judenfrage und keinen Antisemitismus. Diese Feststellung, daß das Judentum aber auch noch ein anderes Gesicht hat, soll keine Anklage sein. Deutschland ist aus Mangel an Idealismus zusammengebrochen. Die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Denkweise hat uns starker idealistischer Faktoren beraubt und uns gleichzeiüg eine ungeahnte wirtschaftliche Entwicklung gebracht, welche die tiefe Kluft zwischen Arbeitern und Arbeitgebern schuf. Diese Entwicklung haben in verstärkter Kraft die auf das exakte Denken eingestellten Juden erfahren, wodurch der Abfall der Juden vom religiösen Judentum vorbereitet wurde. Die Folgen dieser Entwicklung lassen uns die Juden als Verhängnis des deutschen Volkes empfinden. Dem jüdischen Geiste liegt 'auch die Wendung zum Radikalismus, der Deutschlands Untergang verursachte. Gegen diese Denkweise wendet sich unser germanisches Wesen mit aller Schärfe. Erst wenn es dem Judentum gelingt, diese von seinem ureigensten Wesen abgefallenen Bestandteile zu überwinden, kann von gemeinsamer Arbeit gesprochen werden. — Prof. Dr. Ludwig Stein spricht sich für den Versuch einer Einheitsfront aus. Nur die Betonung des Gemeinsamen kann die jetzigen Gegner zusammenführen. Wäre der gleiche gute Wille auch auf antisemitischer und deutschnationaler Seite vorhanden, so wäre die Einheit schon gegeben. Graf v. Hoensbroech erklärt, daß er den Antisemitismus verabscheut. Die Judenfrage in Deutschland sei aber keine religiöse, sondern eine nationale Frage. Die Gegenüberstellung: „Juden und Christen" ist falsch, sie muß lauten: „Juden und Deutsche". Deutsche und Juden sind verschiedenen Volkstums. In dieser Feststellung liegt kein Werturteil, vielleicht ist bei psychologischer Wertung gerade die jüdische Rasse als die wertvollere zu bezeichnen. Der Umstand, daß die Juden im Kriege ihre Schuldigkeit für das deutsche Vaterlandvoll und ganz getan haben, erweist noch leinenem einsame Rasse. Beide Rassen müssen sich verstehen lernen. 7Wenn das gelingt, so ist der Boden für gemeinsames Wirken gegeben. Dr. Cora Berliner gibt zu, daß die heutige Judenfrage nicht nur eine religiöse, sondern im wesentlichen Teile eine Rassen- und Abstammnngsftage ist. Trotzdem ist eine Gegenüberstellung von „Juden" und „Deutschen" falsch, denn es gibt wohl eine arische oder germanische, aber keine deutsche Rasse. Die Zugehörigkeit zum deutschen Volke kann den Juden mit derartigen ° Argumenten nicht bestritten werden. Die Volkszugehörigkeit ist eine Frage der Ueberzeugung und des Wollens. Die Juden fühlen sich als ebenso gute Deutsche wie jeder Germane und Christ in Deutschland. Die Ideale und Ziele der jüdischen Jugend sind dieselben wie die der anderen deutschen Jugendgemeinschaften. Es muß uns darum umso tiefer schmerzen, daß jene dasselbe Ziel mit dem Antisemitismus vereinigen wollen. Die Jugend muß den Wall von Haß abtragen, der zwischen beiden Lagern errichtet wurde. Wenn die Jugend zur Jugend sprechen kann, wird sie sich in gemeinsamer Arbeit für daS Vaterland finden. Dr. Jsmar Freund drückt seine Befriedigung aus, daß ein Verständigungswillen auch bei den Gegnern zum Ausdruck gekommen ist. Wir Juden sind nicht verblendet genug, uns für fehlerfrei zu halten, wir verwahren uns aber dagegen, daß unsere ganze Gemeinschaft verworfen wird, weil in unserem Kreise auch Schlechte sind. Zur Steuer der Wahrheit müssen wir uns gegen den Vorwurf wehren, daß die Juden besonders viele Drückeberger und Kriegsgewinnler stellten. Wir haben unseren Mann ^gestellt. Von 500.000 deutschen Juden standen über 100.000 im Heere, 20.000 Eiserne Kreuze zweiter Klasse, 900 Eiserne Kreuze erster Klasse beweisen, daß wir unsere Pflicht getan haben. Wir Juden fühlen uns als Deutsche, ohne zu verkennen, daß wir anderen Blutes sind. Wir sind Glieder der gewaltigen deutschen Kulturgemeinschaft, die wir mitgeschaffen haben. Student Georg Lechler, ein Führer des „Wandervogels", erklärt, daß er der Einladung des Jugendverbandes gern gefolgt und bereit ist, sich mit der jüdischen Jugend auseinanderzusetzen. Wenn die Jugend zur Jugend spricht, kann sie sich vielleicht verstehen. Juden und Christen sollen sich als Bewohner eines gemeinsamen Hauses mit Achtung gegenüberstehen. Achtung bedingt noch keine Freundschaft, aber sie ist entfernt von Haß und Kampf. Mit der jüdischen Jugend, die mit der älteren Generation im eigenen Lager denselben Kampf kämpft widie deutsche Jugend gegen die ältere Generation, werden wir uns gern aussprechen. In später Stunde spricht Dr. Müller das Schlußwort, das in die Aufforderung ausklingt: „Jeder tue an seiner Stelle das, was als notwendig erkannt ist."

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