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Jüdische Korrespondenz · 1919-12-19 · 46-47 (19.12.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
46-47 (19.12.1919)
Date
1919-12-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 46/47 der Vereinheitlichung und Befestigung der Organisaüon, der nur mit Befriedigung begrüßt werden darf. Den Lesern dieses Blattes ist all das, was die „Agudas Jisroel" bisher geleistet hat, hinlänglich bekannt. Trotz der Ungunst der Zeiten hat sie es vermocht, der Orthodoxie nach innen und außen eine Stellung zu verschaffen, gegen welche die Gegner vergeblich ankämpften. Je fester das Band, das die Orthodoxie aller Länder zusammenhält, desto eher wird es möglich sein, das gesteckte Ziel zu erreichen. Nochmals die orthodoxe „Gefahr". Es ist eigentlich ganz selbverständlich, daß der orthodoxe Vochude sich keinem andern Volke. zugehörig fühlt als dem jüdischen. Aber gerade deshalb glaubt er zuweilen, dies nicht auch noch nach außen hin politisch deklarieren zu müssen. Das jüdische Volkstum ist so sehr Wesen des frommen Juden, daß es ihm als Degradation, als unter seiner Würde stehend' erscheint, es noch nebstdem zu betonen. Max Brod. Für Männer mit gutem Geschmack ist es wahrlich kein Vergnügen, die Wiener zionistischen Organe lesen zu müssen. Für uns orthodoxe Juden ist diese Lektüre in jüngster Zeit etwas angenehmer geworden. Die wütenden Ausfälle gegen die „organisierte" Orthodoxie sind ein Beweis dafür, daß nur die Organisation der thoratreuen Judenschaft imstande ist, das dem echten Judentum abträgliche Tun der Nurnationalen mit Erfolg zu bekämpfen. - Die Art und Weise der Angriffe gegen die Orthodoxie ist in jüngster Zeit ebenso läppisch als verlogen geworden. So zum Beispiel schrieb unlängst die zionistische Tageszeitung folgendes: „Die frommen ungarischen Juden lassen sich taufen! Wer hätte das erwartet? Nun jeber; der weiß, daß jüdische Frömmigkeit ohne jüdisches Volksbewußtsein ein hohles schwächliches Ding ist, welches jeder Windstoß über den Haufen wirft. Sie waren und taten wirklich sehr fromm, die ungarischen Juden. Je weiter sie sich innerlich vom Judentum entfernt haben, desto eifriger haben sie dem Spiele mit rituellen Äußerlichkeiten gestöhnt." Die haarsträubenden Märchen von den zahlreichen Taufen ungarischer orthodoxer Juden sind stei erfunden. Vielleicht hat es unter den Täuflingen, die der Kommunistenschreck aus dem Judentum hinausgetrieben, auch einzelne gegeben, denen die bloße Angst ihre Religiösität hat vergessen lassen, aber Massenlaufen frommer Juden sind ein wahnwitziges Gebilde nationalseinsollender Einbildungskraft. Daß der Nurnationalismus nicht geeignet ist, die Juden dem Judentume zu erhalten, dürften schon die nächsten Dezennien zur Evidenz ergeben. Die ungarischen Orthodoxen sind für den Nurnationalismus nicht zu gewinnen und darum Räuber und Mördek! Nun jeder, der weiß, daß jüdisches Volksbewußtsein ohne jüdische Frömmigkeit ein leerer Schall ist, daß sich das Judentum durch Jahrtausende des härtesten Druckes der furchtbarsten Verfolgungen nur durch die Lehre und deren Uebung durch echt jüdische Wohltätigkeit erhalten hat, der wird begreifen, daß der fromme Jude vom Nationaljudentum, das im Prinzip areligiös ist und von seinen Vertretern, die bis auf wenige Ausnahmen antireligiös sind, nichts wissen will. Die Auseinandersetzung mit der Orthodoxie, die ein anderer Artikel in derselben Nummer dieser Zeitung verlangt, ist seitens der Orthodoxie längst erfolgt. Keine Gemeinschaft mit a- und antireligiösen Juden in jüdischen Dingen, denn Judentum heißt Religion. Daß die jüdische Religion, die den ganzen Menschen erfordert, auch das Nationalbewußtsein erhält, daß also der orthodoxe Jude auch Nationaljude ist, ist klar für jeden. Der letzte Parteitag der Wiener Zionisten und. Nationaljuden, über den das offizielle Organ derselben schreibt: Eines hat der Parteitag zur Evidenz ergeben, daß unsere (die Wiener) Organisation auf einem erschreckend niedrigen Niveau steht; die Vorgänge aus dem jüngsten Studententag zeigen, daß die großen Erfolge und die riesige Gefolgschaft, von der die Offiziellen faseln, eitel Geflunker ist. Die Orthodoxie muß sich organisieren, dann wird sie in der Lage sein, den verderblichen Einfluß der Nurnationalen einzuschränken und das Judentum in seiner ethischen und religiösen Größe rein zu erhalten. Christen und Inden in Deutschland. Die Erörterung der brennenden Frage des Verhältnisses zwischen Christen und Juden in Deutschland war die letzte Berliner Veranstaltung des Verbandes der jüdischen Jugendvereine in Deutschland gewidmet, - an der zahlreiche hervorragende Vertreter der drei Bekenntnisse teilnahmen. Rechtsanwalt Dr. Apfel eröffnete die Debatte mit einer kurzen Ansprache, in der er betonte, daß der heutige Abend einer sachlichen Erörterung der Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Bürgern in Deutschland . den Weg bahnen soll. Die jüdische Jugend fühlt sich zu dieser Aufgabe besonders berufen, weil sie für den Gedanken der Gemeinschaft aller Deutschen gekämpft und geblutet hat. Hoffentlich wird es gelingen, die Erörterungen über diesen Komplex brennender Fragen auf eine Grundlage zu stellen, welche einen sachlichen, ehrlichen Meinungsaustausch ermöglicht und den Tageskampf entgiftet. Das Referat des Abends hielt der Herausgeber der „Grünen Blätter" Dr. Johannes Müller: Die jüdische Frage steht heute im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Die Stärke der antisemitischen Welle, welche die Großstädte überflutet, ist erschreckend und vernichtungdrohend. Sie ist eine Krankheitserscheinung des deutschen Volkes, ein Schwächezeichen, das keine Nation mit starkem nationalen Rückgrat kennt. Falls die Juden wirklich eine Gefahr für Deutschland darstellen, so müßte das deutsche Volk an dieser Gefahr gewachsen sein, wenn die Juden den Bestand der deutschen Raffe bedrohten, so hätte diese Raffe im Kampfe erstarken müssen. Der Antisemitismus ist eine, unsittliche Bewegung, aber die Politik unserer Tage hat sich überhaupt von allen sittlichen Forderungen entfernt. Deshalb ist es auch falsch, den Antisemiten mit sittlichen Grundsätzen bekämpfen zu wollen, ebenso töricht wäre es, die Ausgangspunkte des Antisemitismus negieren zu wollen oder ihn zu übersehen. Die anttsemitische Verseuchung des deutschen Volkes ist die Folge einer vorhandenen Disposition, sonst könnte der Vorwurf der Ausbeutung und des Kriegsgewinnlertums nicht immer wieder gegen die Juden erhoben werden. Weite Kreise des deutschen Volkes fühlen sich ausgebeutet und schieben die Schuld den Juden zu, obwohl im Kriege auf beiden Seiten. geschoben wurde. Auch in Oberbayern, das fast judenstei ist, haben ethische oder nationale Gesichtspunkte nie einen Deutschen abgehalten, ein gutes Geschäft zu machen. Die Tatsache muß immer wieder betont werden. Eine Hauptschuld an der Vergiftung der Verhältnisie trägt die Presse, und die als „jüdisch" bezeichnten Organe haben sich in der Tat am deutschen Volke versündigt, für dessen Bedürfnisse sie kein Verständnis hatten und dessen tiefste Probleme sie zugunsten der Sensation zurückdrängten und dadurch zur Verflachung der öffentlichen Meinung beigetragen haben. Auch der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hat geholfen, den Antisemitismus lebendig zu erhalten. Seine Polemik stärkt den Antisemitismus, anstatt ihn durch positive Arbeit zu schwächen. Die jüdische Empfindlichkeit liefert dem Antisemitismus wirksame Waffen. Es ist verdächtig, daß die ganze Judenheit immer gegen das Unrecht auftritt, das einem Einzelnen geschieht. Diese Solidarität muß Verdacht erwecken und kann sogar .einen unbefangenen Deutschen zum Antisemiten machen. Die wirksamste Abwehrarbeit, welche allein klare und erträgliche Verhältnisse schaffen kann, ist eine Berührung der Anständigen aus beiden Seiten. Die Christen kennen die Juden gar nicht. Wir wollen keine Vermengung durch Mischehen oder Uebertritte, sondern ein ehrliches Kennenlernen. Jeder soll sesthalten an seiner überlieferten Art, jeder im eigenen Lager seine Eigenart pflegen. Wie es besondere jüdische Jugendvereine gibt, darf auch dem „Wandervogel" nicht zur Last gelegt werden, wenn er keine Juden aufnimmt. Die Jugend will unter sich

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