Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-10-07 · 37 (7.10.1919) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
37 (7.10.1919)
Date
1919-10-07
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495452--1082-3496956
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 37/38 Jüdische Korrespondenz Seite 15 war. Da erinnerte er sich dessen, was ihm Ben Jehujada erzählt hatte und sein gequältes Herz schrie in die Lüfte: „Der Satan sitzt auf meinem Throne, während ich in ödem Lande irre. Was habe ich verbrochen, daß dieses Unglück mich traf? Ich will mich aufmachenund diesen Ort verlassen." Und er wandelte weiter viele, viele Tage Unstet und verlassen in dem Reiche des Satan. Aus dem Palaste des Königs waren der Jubel und die Freude gewichen. Erstaunt flüsterten die Sklaven einander zu: „Was ist unserem Könige zugestoßen, daß all sein Wohlwollen dahin ist und er uns nur grausam behandelt?" Und die Edelleute fragten einander: „Wohin ist bte Weisheit des Königs verschwunden?" Und die Pagen fragten: „Wo ist all die Pracht unseres Königs hin, daß er so lange im Schmutze herumgeht?" Uyd die Hofdamen fragten: „Wo ist die Freundlichkeit unseres Herrn, daß er immer so finster dareinblickt?" Und des Königs Mutter wunderte sich darüber, daß ihr Sohn nur Lästerworte und Schimpfworte im Munde führe. Eines Tages erschien ein zerrissener Bettler vor dem Rate der Alten und rief laut: „Ich war einst König dieser Stadt. Ich heiße Salomo." Die Wächter oeS Palastes stießen ihn zurück, denn sie hielten ihn für einen Narren. Die Alten aber glaubten nicht an den Wahnsinn des Mannes. Ben Jehujada, der unter den Greisen saß, näherte sich dem Bettler und sagte: Das mußt Du zuerst vor dem Könige beweisen, und nun laß uns Rat schaffen." Und die eisgrauen Männer rieten hin und her. Da sprach Ben Jehujada: „Sieben Jahre wurde ich nicht mehr zum Könige gerufen." Und die Greise entgegneten: „Auch wir sahen den König schon sieben Jahre nicht. Geh Du Ben Jehujada, trage die Sache der Königin und der Mutter des Königs vor, so wird die Wahrheit ans Tageslicht kommen." Und es geschah, da Ben Jehujada über den König mit deffen Gattin und Mutter sprach, daß beide vor Scham weinten, und nun ward es Ben Jehujada klar, daß der Teufel die Hand im Spiele haben müsse. Darum raffte er sich auf, nahm ein paar starke Männer und drang in den Palast. Und als sie des Königs ansichtig wurden, da gewahrten, sie, daß er einen Hahnenfuß unter dem menschlichen Fuße verborgen halte. Nun wußten sie, daß er ein Dämon sei und sprachen den Namen Gottes aus. Da Asmodai dies hörte, erschrak er sehr und verschwand durch die Decke in die Lüfte. — Ben Jehujada beeilte sich die Kunde weiterzutragen, näherte sich dem Bettler und rief: „Es lebe der König!" Und alle Greise beugten sich vor ihm und führten den König im Triumph nach seinem Palaste. Dre Königin fiel ihm um den Hals, und die Edelleute und die Damen beugten ihre Knie. Heller Jubel ertönte ringsum. Salomo aber ward nicht übermütig. Seitdem umstanden stets sechzig Männer seinen Thron und riefen ihm immer zur Warnung zu: „Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist eitel!" Bekenntnis. Die Seele Verkünde Empfehle Der Sünde Bch Deiner Gnad', Versöhnung Du, err, meine Leuchte auf dunklem Herr, der Du führst uns zur Pfad; ew'gen Ruh; Dir, der verzeihet. In Todesgrauen Sei sie gewechet: Wir Dir vertrauen: Haschem Echad! Haschem Elokenu l UnS grüßet. Uns fließet ' Des Heiles Quell, Dein Licht, Herr, mach' auch die Nacht uns hell. Noch in letzter Stunde Tön' aus unserm Munde: Schema Israel! _ A. Bernstein. Geschein und Tal. (Aus »The Jewish Encyclopedia*.) JnS Deutsche übertragen von A. Nußbaum (Wiesbaden). Unter Gesehsm versteht man eine der hebräischen Bezeichnungen für Regen; das Wort wird meistens für die schweren Regen angewandt, die in Palästina während der Herbst- und Winterzelt niederaehen. Dieses Halbjahr wird in der Mischnah deshalb auch „jemoth hageschomim“ (Regentage) genannt. In der deutsck-polmschen Lithurgie steht das „Gesohem-Gebet" unmittelbar vor den Pijutim, die im Muffafgebet des Schemini azereth als Einleitung zu den Worten: »masclub haruach umorid ha^aschem* gebetet und gesungen werden. Das „Geschemgebet" entspricht dem „Tal* (Taugebet), das an gleicher Stelle in der Lithurgie für den ersten Peßachtag vorkommt, wo. die oben zitierte Phrase (maechib etc.*) ausgelassen wird, da sie für das Frühjahr und den Sommer nicht anwendbar ist. Die. erwähnten Piutim schließen mit einer Anrufung in fünf Strophen; jede derselben endet mit der Bitte um Waffersegen, indem auf die Verdienste der Patriarchen, Moses', Arons, der zwölf Stämme, die das Schilfmeer durchzogen, Josuas und Elias der Reihe nach Bezug genommen wird. Die Reformgemeinden sowohl, die im Gebrauch der Piutim sparsam sind, als auch die Chassidim und die Südruffen, die den Ritus jener Sekte angenommen haben, schränken das Ganze auf die erwähnte fünffache Anrufung ein. Das gewöhnliche deutsch-polnische Machsor enthält noch eine Anzahl anderer Geschem-Dichtungen. Die erste unter diesen ist eine, die landwirtschaftliche Arbeiten ln jedem der zwölf Monate skizziert und parallel damit den Einfluß aus die zwölf Tierkreisbilder bezeichnet, indem sie den Widder dem Nissan gegenüberstellt, dem Stier den Jjar usw. In alten Machsorim ist dieser Text oft mit zwölf kunstlosen Holzschnitten illustriert. Es ist für den Muffafchasan an den Tagen, an denen „Geschem“ oder „Tal* eingeschaltet wird, gebräuchlich geworden, wie am Versöhnungstage „Kittel oder Mütze" (Sterbekleider) anzuziehen und vor dem Muffafgebet den Kaddisch in der Weise jenes heiligen Tages anzustimmen. Nach den oben erwähnten Anrufungen beginnt der Vorbeter mit erhobener Stimme: „Denn du Ewiger unser Gott, veranlasset den Wind zu wehen . . . zum Segen und nicht zum Fluch . . . usw." Die Gemeinde antwortet dreimal „Amen!" Als Abudarham sein Buch über die Lithurgie schrieb, waren die Sephardim noch der talmudischen Regel treu, daß „der Mensch in den drei erstenBenediktionen der „Tefillah" nicht um weltliche Bedürfnisse bitten dürfe"; deshalb zeichnet Abudarham den Mussafgottesdienst für Lchemlvi azereth nur in der Weise aus, daß er den Borbeter vor dem stillen Gebet „maschib horuach etc.* ausrufen läßt. Die modernen sephardischen Gebetbücher dagegen bringen ein poetisches Gebet nach „wagen adraham* und ein anderes, das zu den bezeichnten Worten der Jahreszeit überleitet. Hinzugefügt wird noch: „Zum Segen, zur Gnade, zur Freude" usw. Lewis N. Debitz, Rechtsanwalt in Louisville. In früherer Zeit (vergleiche Taanith 2 b, Ber. 33 a) hat die Geschem- Benediktion im Muffaf des Lchemini azereth dazu gedient. den Herbst des Jahres einzuleiten; später wurde sie auch am ersten Tage Peßach zu Beginn des Frühjahres vorgetragen, nur wurde das Wort „Tal* an Stelle des Wortes „Gescheifl* gesetzt; deshalb sind den Muffaf- ^gebeten dieser Festtage die Titel „Geschem* und „Tal* beigelegt worden. Die Talmudisten hatten entschieden, daß das aktuelle Gebet um Regen („Gib Tau und Regen zum Segen auf die Fläche des Erdbodens") in der neunten Benediktion der Schemoneh esreh nur zum tatsächlichen Beginn der Regenzeit eingeführt werden sollte. Die Ankündigungen in „Geschem“ und „Tal“ wurden mehr als eine Bestätigung der gottesdienstlichen Kontrolle der Jahreszeiten betrachtet. Diese Ansicht führte zu der rabbinischen Instruktion, daß keine Privatperson weder zu Hause noch in der Synagoge die Formel aussprechen sollte, bevor sie vom Vorbeter oder, entsprechend einer späteren Ansicht, vom Synagogendiener vor Beginn der „Tefillah" ausgerufen wurde. Mordechai zu Taan. I; Schulcnan aruch, orach chajjim 114, 2; 3.) Aus einer ähnlichen Ursache rührte die Gewohnheit her, am 8ebemini azereth in der Synagoge eine Tafel auszuhängen, auf der die Formel geschrieben stand und die offiziell entfernt wurde, ehe das Muffafgebet am ersten Peßachtag begann. Es wurde natürlich sehr darauf gehalten, daß entsprechend der genauen Proklamation des »Geschem* und »Tal* eine besondere Melodie für jedes angenommen wurde, sowohl für die betreffenden Abschnitte der Tefillah als auch für die Piuttm, die mit diesen einleitend verbunden sind. Dadurch erschienen in jedem europäischen Ritus Melodien von gar seltsamen Reiz, die schon von hohem Alter und wohl des Fortbestehens wert sind. Die Melodie der Aschkenasim (siehe Baer, Baal tefillah, Nr. 634—636) ist die orientalischste im Stil und ist ursprünglich nur zum Geschemgebet gehörig. Sie ist auf zwei charakteristische Motive ausgebaut, die an Gottesdienste erinnern, die dem Schemini azereth unmittelbar vorausgehen. Die eine Phrase ist aus der Einleitung zum Neüahgebet, die andere aus dem Gesang beim Lulabschütteln im Hallet entnommen. Beide zusammen haben mit neuen Phrasen verbunden eine wirkungsvolle Kombination ergeben/ Obgleich, übereinstimmend mit dem System, in dem so viele traditionelle Melodien verwendet werden, es mehr die besondere Gelegenheit und der Gottesdienst, als der spezielle Text ist, welche die Tonart und den Umriß des KantorgesangeS bestimmen, ist es nicht nötig, den Vortrag des vorangehenden Halbkaddisch, der Eröffnungsbeneoiktionen des Muffaf, oder der folgenden mittleren Verse besonders zu beschreiben; es genügt zu sagen, daß alle nach dem erwähnten Motiv gesungen werden. Bei den Aschkenasim gilt die traditionelle Melodie für „Geschem* und „Tal*. Bei den Sephardim ist die typischste Melodie deS »Geschem* und »Tal* jene, die für das schöne Gedicht des Salomon iben Gabirol Vorbehalten ist, das mit den Worten „Leschoni bonanta“ beginnt und das in beiden Gottesdiensten vorkommt. Diese Melodie ist spanischen Ursprungs und legt Zeugnis davon ab, daß sie ursprünglich zu Worten von verschiedenem Rhythmus gesetzt worden ist. Es ist wahrscheinlich eine jener zahlreichen Volksmelodien, die nach dem Zeugnis der Zeitgenossen vom 10. bis 15. Jahrhundert in den Synagogen unverändert angewandt wurden. Die Melodie, die in der Levante bewahrt wird, scheint ein verstümmeltes Fragment der sephardischen zu sein. Statt der Piutim von Gabirol bewahren die türkischen Juden in diesem Gottesdienst einen Gesang von weit mehr östlichem Charakter. Tonart und Bau desselben gleichen einer neueren Abzweigung des perso-arabischen Systems. Die levantische Tradition schreibt Israel Najara (gestorben 1581) die Wahl nichtjüdischer Melodien zu, welche in ihrer Darstellung des Gottesdienstes gebräuchlich sind. Unter den 650 Melodien, die er zu hebräischen Texten angewandt hat, mag diese wohl einen Platz gefunden haben, besonders da die Weisen des perso-arabischen Musiksystems in seiner Melodienauslese am meisten begünstigt war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.