Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 37 (7.10.1919)
- Date
- 1919-10-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37/88 Jüdische Korrespondenz Seite 7 Die Lage in Ungarn. Nach wie vor langen aus Ungarn Nachrichten über Juden- Hetzen und Judenexzesse ein. Daran ändert das Bemühen der. Regierung nichts, alles zu dementieren, oder zu beschönigen. — Aus Budapest wird gemeldet: Ministerpräsident Stephan Friedrich hatte Besprechungen mit hervorragenden Vertretern des Pester Judentums. Der Plan, im Kultusministerium eine besondere Sektton für jüdische Angelegenheiten zu errichten, erweckte keinen Widerspruch, und sobald in konkreter Form diesbezügliche Vorschläge vorgelegt werden, werden sie von zuständiger Stelle geprüft werden. Der Präsident der Pester israelittschen Religionsgemeinde, Franz Szekely, teilte einem Berichterstatter des „Pester Lloyd" mit, er habe mit zwei anderen Führern der ungarischen Judenschaft den Ministerpräsidenten Friedrich um Vorkehrungen gebeten, damit die Missetaten gegen Juden verhindert und diejenigen Militär- und Zivilpersonen, die an irgendwelchen Greueltaten teilgenommen haben, bestraft werden. Die Abordnung habe ferner gefordert, daß die Universitäten und Mittelschulen von den Juden ungehindert besucht werden können, sowie, daß die sich meldenten jüdischen Offiziere ihrem Range entsprechend in die bewaffnete Macht eingeteilt werden. Die Gerüchte, als ob auch die Besetzung eines Ministerpostens mit einem Juden gewünscht worden wäre, seien falsch. Die Deputatton habe lediglich den gesetzlich verbrieftes, prinzipiellen Standpunkt betont, daß die Zugehörigkeit zur israelittschen Konfessiou für niemanden ein Hindernis für die Erlangung selbst der höchsten staatlichen Stellung sein dürfe. Für den Fall der Einsetzung eines Staatsrates oder eines Finanzrates sei allerdings gefordert worden, daß die Angehörigen der israelitischen Konfession diesen Körperschaften in entsprechender Anzahl zugezogen werden. Die von der Abordnung geäußerten Wünsche seien vom Ministerpräsidenten sofort billigend zur Kenntnis genommen und deren unverzügliche Erfüllung zugesagt worden. Die Deputaüon habe keine wie immer gearteten Verpflichtungen, sei es materieller oder anderer Natur, übernommen, was von ihr auch gar nicht gefordert worden sei. — Der neugegründete Landesverband der ungarischen Juden erläßt einen Aufruf, worin er der Anklage entgegentritt, daß für die Geschehnisse während der kommunistischen Herrschaft einzig und allein die Juden verantwortlich zu machen seien. Indem wir anerkennen, heißt es in dem Aufruf, daß es in Ungarn unter den Verkündern der kommunistischen Grundsätze und den Schöpfern der Proletarierdiktatur viele Personen jüdischer Abkunst gab, müssen wir gleichzeitig feststellen, daß diese Leute sich mit dem Judentum weder in Religionsnoch in Rassengemeinschast eins fühlten. Ihre Angriffe trafen in erster Linie die Juden, soweit sie Repräsentanten des Kapitals waren. Der Aufruf klingt in eine.Aufforderung an die christlichen Mitbürger aufeinander die Hand zu reichen zur Rettung des Vaterlandes. In Paks ließ dieser Tage der Stuhlrichter Saboray die Juden auffordern, die Stadt binnen 24 Stunden zu verlassen, da sonst ein Pogrom stattfinden werde. Die Juden wandten sich an den Kommandanten des vor Paks ankernden englischen Monitors. Dieser befahl dem Stuhlrichter, die Frist Um 12 Stunden zu verlängern, teilte dem Beamten aber mit, daß er sofort nach der Abreise der Juden die Stadt beschießen lassen werde. Die Juden dursten in Paks bleiben. — Wie aus Frauenkirchen (Wieselburger Komitat) berichtet wird, hat dort seit dem am vorigen Dienstag erfolgten Eitizug der weißen Gardisten eine wüste Pogromhetze eingesetzt, die die in dem Orte lebenden fünfzehn jüdischen Familien täglich von neuem in Schrecken versetzt. Der Führer des nach Frauenkirchen entsendeten Haufens, Leutnant Bücher, ließ gleich am ersten Tage überall Plakate anbringen, die Aum Mord und Raub an Juden aufforderten. Bücher, ein ganz junger Mensch, reizt selbst auf der Straße die sonst gutmütigen Franenkirchner zum Pogrom auf. Er wandte sich auch mit einem „dringenden Ersuchen" an sein vorgesetztes Kommando in Neusiedel, man möge ihm statt der deutschen magyarische Soldaten schicken, da jene für die Verwirklichung der Pogrompläne unzuverlässig seien. Der Kommandant aus Neusiedel erklärte anläßlich seines letzten Aufenthaltes in Frauenkirchen einer Judenabordnung, daß er dem Leutnant Bücher die Pogromhetze nicht verbieten könne, die dieser außerhalb seiner Dienstzeit übe. Der Kommandant warnte sogar die Juden davor, weitere Schritte gegen Bücher zu unternehmen, da sie sonst furchtbare Konsequenzen zu gewärtigen hätten. Aus Palästina. (Das Verbot des Singens der Nationalhymne.) Dem Kopenhagens Zionistischen Bureau wird aus Palästina berichtet: Das Verbot des Singens der Hatikwah an öffentlichen Stellen in Jerusalem hat begreiflicherweise unter der jüdischen Bevölkerung große Verstimmung hervorgerufen. Der Befehl spricht allerdings nicht von der jüdischen Nationalhymne. Er verbietet das Singen jeder Nationalhymne, mit Ausnahme der englischen. Die Juden können sich aber dennoch nicht des Eindrucks erwehren, daß das Verbot speziell gegen sie gerichtet ist, denn das Singen einer arabischen Hymne war in Jerusalem bisher überhaupt unbekannt. Das Verbot kann sich also unmöglich gegen diese richten. Die arabischen Zeitungen berichten auch, nicht ohne Stolz, daß das Verbot auf die Intervention des arabischen Klubs in Jerusalem zurückzuführen ist. (Ein Spracheusireit in Haifa.) In Haifa wird zurzeit ein Sprachenkampf geführt, der sehr charakteristisch ist. Die Stadtverwaltnng hat vor kurzem die Taxen für die Droschken und Fuhrwerke festgesetzt. Die Preise werden durch öffentliche Anschläge in verschiedenen Gegenden der Stadt bekanntgegeben. Die Veröffentlichung erfolgt nur in englischer und arabischer Sprache. Als sich die Juden bei der Stadtverwaltung beschwerten und die Veröffentlichung auch in hebräischer Sprache forderten, wurde ihnen erklärt, daß die Veröffentlichung auf Befehl des Militär-Gouverneurs erfolgt sei, der die Veröffentlichung in der hebräischen Sprache nicht angeordnet habe. Auf die Beschwerde der Juden wandte sich der Militär-Gouverneur in einem Schreiben an die Stadtverwaltung, in dem er. die Ankündigung der Taxe auch in hebräischer Sprache anordnete. Anstatt diesen Befehl auszuführen, beschloß die Stadtverwaltung, sich mit dem Gouverneur in eine lange Polemik einzulaffen. Sie versuchte in einem sehr ausführlichen Schreiben nachzuweisen, daß eine hebräische Veröffentlichung völlig überflüssig sei, weil die Haifaer Juden arabisch verstehen, und die Juden, die von auswärts kommen, sicherlich das Englische beherrschen. Die Forderung nach einer hebräischen Veröffentlichung könne nur als eine politische angesehen werden, als ein Bestreben nach nationaler Absonderung. Die Erfüllung einer solchen politischen Forderung werde unter den anderen Bewohnern der Stadt Unruhe Hervorrufen. — Der Gouverneur berichtete über die Sache nach Jerusalem, wo der „Sprachenkampf" nunmehr entschieden werden soll. Inzwischen werden auch alle anderen öffentlichen Anzeigen nur in englischer und arabischer Sprache veröffentlicht. (Missionstätigkeit.) Auch die Missionäre rüsten sich von neuem für ihre „Alltur-Tätigkeit". Der Vertreter der Londoner Missionsgesellschaft in Jerusalem, Herr Silbermann, erhielt von der Zentrale den Auftrag, die Wohnräume der Gesellschaft nicht mehr zu vermieten, da diese von der Gesellschaft selbst demnächst gebraucht werden. Vor dem Kriege besaß diese Gesellschaft ein Waisenhaus, einige Arbeitshäuser und ein Spital. Eine besondere Mission für die Araber bestand in Jerusalem, die ebenfalls einige Wohltätigkeitsanstalten eröffnete, durch welche sie mit den Arabern in Berührung kam. Während des Krieges hatte die Mission ihre Tätigkeit eingestellt. Im Gegensatz zu der jüdischen Mission hat die arabische Mission einige Erfolge zu verzeichnen. Vermöge ihres Einflusses haben sich zahlreiche Jerusalemer Araber in arabischchristlichen Gemeinden organisiert. In Jerusalem gibt es außerdem eine stanzösische Mission, die eine Mädchenschule „St. Joseph" unterhält. Diese Anstalt hat ihre Tättgkeit bereits wieder ausgenommen; auch einige jüdische Mädchen besuchen diese Schule.