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Jüdische Korrespondenz · 1919-10-07 · 37 (7.10.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
37 (7.10.1919)
Date
1919-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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. Seite 3 Jüdische Korrespondenz die Natur uns das Bild des allgemeinen Absterbens vor Augen führt, eine Verjüngungskur hält! Und diese Verjüngungskur ist eben das Sukkothfest mit feiner Feststrauße! *We’ sukko thijeh lezel jaumom mechaurew uTmachsse ul’mistaur miserem umimatar.“ Es schützt uns vor Verdorrung in der Glut der Freiheitssonne, dort wo sie uns heuchlerisch anlächelt; es ist unsere Zuflucht vor Sturm und Wetter, wo sie durch die vielen Jahrhunderte, die vor uns vorüberrauschten, tobten, daß'das Schäumen der gepeitschten Wogen an uns hinaufspritzte und mit ihrem salzigen Wasserschwall überschwemmte. Der Feststrauß symbolisiert die ewige Konünuität des Judentums mit dessen Jugendzeit, verknüpft seine Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft. Diese arba minim beaguda achas, die vier Arten in einem Bund, zeigen, daß Israel in der Diaspora ebenso eins ist, wie einst in seiner territorialen Einheit; ein Volk trotz der Ermangelung einer staatlichen Hoheit, nur kraft der Solidarität, die im jüdischen Bewußtsein wurzelt, kraft des religiösen Bandes, das die Zerstreuten Israels zusammenhält und verknüpft. Der letzte Tag dieses herrlichen Festes ist das Simchas- Thora-Fest. Diesen Tag begeht Israel besonders festlich, weil es eben seine Thora zu Ende gelesen hat und sie von neuem anfängt. An diesem Tage wird es daran erinnert, daß seine Thora ihm ein „Erbteil" ist, »Mora ziwo lonu Maussche, mauroscko kehilat Joakauw“, nicht eine „Matana“, ein „Geschenk", das oft auf die ursprünglichen Geber zurückkehrt, sondern „rnauroselio", ein Erbteil, das sich vererbt von Vater auf den Sohn, vom Sohn auf den Enkel, vom Enkel auf den Urenkel usf. bis in alle Zeiten. Und, fürwahr, das mag Israel freuen! Denn nur dieser Thorarolle verdankt das jüdische Volk, daß es noch besteht und nicht gleich den klassischen Völkern vom Erdboden verschwunden ist. Die Thora war der Lebensquell, an dem der Baum des jüdischen Geistes lebendig erhalten wurde. Wo sind die Nationen, deren Ruhm die Geschichte kündet? Wo sind die zahlreich starken Legionen, die einst eine Welt für Rom unterjocht? Wo ist der Glanz Athens, der Heldensinn Spartas? Es meldet die Geschichte, daß sie waren, ihr Ruhm wird in den Büchern der Historie gefeiert, aber sie — sind tot, denn als Roms und Hellas Götter schwanden, fielen auch Rom und Griechenland! — Auch Jerusalem' ward Schutt und Trümmer, auch Zion fiel nach langem Kampf geschwächt, aber nur das Reich Juda siel, nicht aber das Judentum! Als Zion sank, da raffte sich der Römer in toller Wut, hält im Tempel Lustgelage und wirst die heilige Thorarolle in die Glut — aber siehe „Giljaunaut nisrofim we'aussiauß paurchaus“ — das Pergament zerstiebt in Tausend Funken, die Rolle brennt, jedoch die Lettern fliegen auf! Der Geist der heilige schwingt sich empor beim ruchlos bösen Spiel und folgt dem Volk in Drang und Not, Elend und Exil! Beinahe zwei Jahrtausende sind seither verflogen. Unermeßlich ist das Leid, das Israel im Laufe dieser Zeit zu erdulden hatte. In den engen Ghettomauern eingeschlossen, mußte es gar oft die Luft, die es atmete, das Wasser, das es trank, mit seinem Herzblut bezahlen, es fand jedoch Trost in seiner Thora, Kraft, Heil und Beseeligung in dem Buche der Bücher, das es hintrug durch alle Lande, von der es nicht gewichen, weder rechts noch links. Von einem Juden hatten sich die Nichtjuden die seltsamsten Vorstellungen gebildet; daß der Geisteshorizont eines Juden über Schacher und Erwerb hinausginge, glaubte niemand. Aber innerhalb des Judentums trieb es stets liebevolle Blüten, einig fühlten sich die Genossen aneinander geschlossen, hier blühte das Familienglück, hier waltete die jüdische Wohltätigkeit im großartigen Maßstabe; hier bewährten sich all die Tugenden der Nächstenliebe, der Opferfreudigkeit, der Pietät, wie sie den jüdischen Stamm stets auszeichneten; hier herrschte ein durch das Thorastudium stets rege gehaltenes Geistesleben und eine Geistesfrische, von der die Außenwelt keine Ahnung hat. Und dies alles hat Israel seiner Thora zu verdanken — was Wunder also, wenn der Tag, an dem es sie zu Ende liest und von neuem anfängt, sein größter Freudentag ist! „Leene kol Jisroel — Bereschith“ — Vor den Augen Israels spielt sich das 'Gotteswunder der Weltenschöpfung und Erhaltung immer wieder ab. „Im lau chukkaussai jaumom wolajlo Schomaim wo-erez lau ssamti!“ Die Lehre und das Gesetz sind das Fundament der Welt! Mögen gewisse Elemente das Rätsel der Unverwüstlichkeit Israels wie immer zu erklären suchen, mögen sie dem Wahne huldigen, es könnte ohne politische Macht nicht länger existieren. Der glaubenstreue Jude läßt sich .nicht beirren; er weiß: der Thora hat das Volkseine Erhaltung zu verdanken, Jisroel we-aurajtha chad! Israel uno seine Lehre bilden eine Einheit, ein Ganzes. All das lehrt uns das schöne Sukkothfest, das zu feiern wir uns eben anschicken. Aber noch etwas anderes ist nach den heiligen Sohar in diesem Feste symbolisiert: Der Monat Elnl ist gekommen, das Schofarhorn mahnt an den nahen Gerichtstag. Der Jude tut Buße, verrichtet Gebete, remitiert Psalmen, verspricht Reue und Einkehr, um den himmlischen Richter zu versöhnen. Da erscheint der Satan, dieser Stifter alles Bösen, und verleumdet das jüdische Volk vor dem Himmelsgericht. Da rafft sich Israel zum Kampfe auf. Der milde und friedliche Geist der Versöhnung weht innerhalb der gesamten Judenheit, die Herzen erweichen sich, jeder Groll schwindet, der Geist der Liebe siegt über die finsteren Mächte des Hasses und mit vereinten Kräften führt Israel am Versöhnungstage den Kampf gegen den Satan auf. Volle 24 Stunden kämpft ein ganzes Volk, jedem irdischen Gelüste abgewandt, gegen seinen Verleumder. Im Himmel ftagen sich die Engelscharen nach der Beendigung des Ringens: Wer hat gesiegt? Da spricht der Ewige: Kommt, wir wollen unseren Blick der Erde zuwenden; wer von den Kämpfenden die Waffen hoch hält, der hat gesiegt. Und siehe: Die Juden haben ihre Häuser verlassen und hausen nur in Laubhütten, ohne feste Mauern, ohne Schloß und Riegelfrei nach allen Seiten, keinen Feind mehr fürchtend; mit Stolz und erhobenen Hauptes tragen sie die Palme des Sieges einher, der Ethrog und der Lulow, die Symbole des Ruhmes und des Triumphes. Da gewinnen die Himmelsscharen die Ueberzeugung: Israel hat gesiegt! ... So wollen denn auch wir festhalten an den Ueberlieferungen unserer Väter, allen modernen Schlagworten zum Trotz, in der Ueberzeugung, daß dieses Fest- und Hochhalten alle Welt zu dem Urteil zwingen wird: Israel hat gesiegt! _ Ben-Zwi. Die antisemitische Letze Ln Wien. Der Ausweisungsbefehl gegen die „Fremden" hat in Wien eine arge antisemitische Hetze ausgelöst. Da es sich auch als technisch unmöglich herausstellt, den Befehl durchzuführen, benützt der „Antisemitenbund" diese Frage, um sich wichtig zu machen und zu drohen, die „Ostjuden" zu vertreiben. Daß dabei ganz andere Absichten mitlaufen, daß es sich diesen Leuten um einen politischen Putsch handelt, ist bekannt und wird entsprechend gewürdigt. Für den ersten Tag Rosch Haschana haben die Herren eine große Demonstration mit einem Zuge in die Leopoldstadt angekündigt. Da Exzesse zu befürchten waren, so hat die Regierung die strengsten Maßnahmen angeordnet. Im Namen der amerikanischen Mission hat Mr. Halstead beim Staatskanzler vorgesprochen und auf den schlechten Eindruck hingewiesen, den Judenexzesse in Wien in Amerika Hervorrufen müßten. Dr. Renner versicherte, daß dies nicht zugelassen werden wird. Die antisemiüsche Versammlung verlief sehr stürmisch, es wurden blutrünsüge Reden gegen die Juden gehalten. Der Versuch, in die Leopoldstadt zu ziehen, wurde vereitelt. Bloß am Mathildenplatz kam es zu einem Zusammenstoß zwischen der antisemitischen Bande und der jüdischen Schutzwache, die im ganzen Bezirk konsigniert war. Ein Jude wurde hiebei verletzt. Die Juden kamen mit dem Schrecken dqvon — bloß das Taschlichgebet mußte ausfallen, um am Donaukanal keine Ansammlungen zu verursachen. Seither wird die Hetze fortgesetzt. Für den 5. Oktober wurde neuerdings eine Kundgebung an gekündigt. Mr. Halstead sprach auch diesmal beim Staatskanzler vor. Die Regierung traf die strengsten Maßnahmen, und die Hetzredner mußten sich mit dem Beifall ihrer nicht besonders zahlreichen Zuhörer begnügen.

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