Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 37 (7.10.1919)
- Date
- 1919-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37/38 Jüdische Korrespondenz Seite 3 So minimal auch die Anhängerzahl des Antisemitenbundes ist, die Hetze darf nicht unterschätzt werden, angesichts der Not und der Unzufriedenheit, die in Wien herrscht. Es ist zu erwarten, daß die Regierung auch künftig das Nötige veranlassen wird, um die Ruhe aufrechtzuerhalten. Oelegiertentag -er orthodoxen Gemeinden in der Slowakei. (Originalbericht.) (Schluß.) Zweiter Tag. — Vormittag. Rabbiner Schreiber (Preßburg) eröffnet die Sitzung, teilt mit, daß die Kandidierungskommission ihre Aufgabe noch nicht vollendet hat, hingegen die Statutenkommission über ihre Tätigkeit referieren wird. Rabbiner Weber (Pistyan) bittet vor der Tagesordnung um das Wort und wünscht, wenn es gestattet wird, einen Antrag zu stellen. Wird gestattet. Er weist darauf hin, daß eine wichtige Frage bisher unbesprochen blieb, welche in erster Reihe bereinigt werden muß: daß ist die Frage des Verhältnisses der Orthodoxie zum Volksverbanh Nach längeren Ausführungen stellt er den Antrag, daß der Delegiertentag eine Kommission, bestehend aus drei Rabbinern und drei Baalbattim, entsende mit der Aufgabe, mit dem Volksverbande in Fühlung zu treten, auf weche Weise es zu bewerkstelligen sei, daß der Volksverband wirklich das sei, was er zu sein vorgibt, und unter welchen Bedingungen es möglich wäre — unter Ausschluß jeder anderen Frage — jüdische rein wirtschaftliche Politik gemeinsam mit dem Volksverband zu betreiben. Diesbezüglich müßten wir persönliche und sachliche Sicherheiten bekommen. Nachdem Dr. Herzog in persönlicher Sache gesprochen, stellt Oberrabbiner Reich (Bätorkeszi) den Antrag, mit RüMcht darauf, daß viele Gemeinden hier nicht erscheinen konnten, welche, wenn die von Pistyaner Oberrabbiner aufgeworfene Frage auf der Tagesordnung gestanden wäre, trotz der größten Schwierigkeiten zur Versammlung geeilt wären, diese Frage einem in kürzester Zeit einzuberufenden Delegiertentag vorzulegen, welcher darüber einen Beschluß fassen soll. Oberrabbiner Jungreis (Kaschau) weist auf die Gefahr der Spaltung hin, welche der Orthodoxie drohe, wenn, bevor noch die Autonomie unter Dach und Fach gebracht sei, ein Zusammengehen mit dem Volksverband beschlossen werde.' Den Antrag Pistyan modifiziert er dahin, daß jetzt schon eine Wirtschaftskommission eingesetzt werde, die mit Genehmigung der Landesrepräsentanz von Fall zu Fall mit dem Volksverband in wirtschaftlichen Fragen Zusammenarbeiten soll. Oberrabbiner Reich (Vabo) erklärt den etwa mißverstandenen Antrag des Pistyaner Rabbiners dahin, daß nicht ein sofortiger Anschluß beantragt wurde, sondern bloß die Entsendung einer Kommission zur Feststellung, ob ein Zusammenarbeiten mit dem Volksverband möglich sei. Unter großer Aufregung, die seine Ausführungen hervorriefen, verliest Delegierter Weisz (Bösing) eine Resolution für das Zusammenarbeiten mit dem Volksverband. Nach Ausführungen des Oberrabbiner Weisz (Nagymegyer) schließt Vorsitzender Präses Steiner die Debatte. Anttag Pistyan wird mit überwiegender Majorität angenommen; infolgedessen werden die andern Anttäge gegenstandslos. Nun folgt das Referat der Statutenkommission, erstattet von Oberrabbiner Spitzer (Kirchdrauf) und die Verlesung des Vrotokolles der Statutenkommission durch Delegierten Eichner (Kirchdrauf). Anschließend an das Referat werden im Verlaufe einer lebhaften Debatte verschiedene Modifikationen der Statuten bestimmt und der Statutenentwurf im Ganzen angenommen. Nachmittags halb 4,Uhr. Delegierter Steiner (Neutra) eröffnet die Sitzung. Er läßt über einen Ergänzungsanttag des Rabbiners Spitzer (Kirchdrauf) zu § 59, der vormittags irrtümlich als angenommen erklärt wurde, nochmals abstimmen. Der Antrag wird angenommen. Die Erledigung des Punktes 8 der Tagesordnung (Wahl der Landesrepräsentanz) muß, da die Kandidierungskommission ihre Tätigkeit noch nicht beendet hat, verschoben werden. Es folgt die Beratung über Punkt 10 (Festsetzung der Quote). Präses Steiner weist darauf hin, daß die zur Erhaltung der Landeskanzlei nöügen Auslagen auf zweierlei Wegen beschafft werden können, entweder durch direkte Kultussteuer in Form eines Zuschlages, oder durch Zuschlag zu den indirekten Steuern. In der entstehenden Lebhaften Debatte, an welcher sich die Delegierten rege beteiligen, gelangt der Anttag Adler (Neutta), daß die Gemeinden zu den Landesauslagen im Verhältnis ihrer steuerpflichtigen Mitgliederzahl beitragen sollen, zur Annahme.' Bezüglich der Höhe des Jahresbeitrages wird der Bettag von K 5 — für jedes steuerpflichtige Mitglied bestimmt, und ist die halbjährige Rate für 1919 von den Gemeinden gleich zu enttichten. Da die Kandidierungskommission ihre Arbeit auch jetzt noch nicht beendet hat, erbittet Rabbiner Katz (Neutta) das Wort. Er spricht in einer großen Beifall erntenden Rede von der Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Gesetzestreuen der ganzen Welt. Er beleuchtet die Gefahren, welche der Jugend von Seite der Zionisten drohen, weiters die rühmenswerte, erfolgreiche Tättgkeit der Aguda in Deutschland, ihre Leistungen während des Krieges in Rußland. Er beantragt, daß der Delegiertentag gleich den Anschluß an die Aguda aussprechen solle. Oberrabbiner Jungreis (Kaschau) führt in längerer, mit größter Spannung angehörter Rede aus, daß wir das Palästinaprogramm der Aguda nicht einfach akzeptieren können. Die Orhodoxie müsse erst Delegierte nach Erez Israel entsenden, um bte Auffassung der dort lebenden Gesetzestreuen kennen zu lernen. Seiner Auffassung nach habe sich der Delegiertentag mit äußerer jüdischer Politik nicht zu befassen. Da diese Frage nicht auf der Tagesordnung steht und das Arbeitsprogramm des Delegiertentages noch nicht zu Ende geftihrt ist, beanttagt Oberrabbiner Spitzer (Kirchdrauf), diese Frage der Landesrepräsentanz zuzuweisen. Oberrabbiner Schreiber übernimmt den Vorsitz. Oberrabbiner Weiß (Nagymegyer) referiert im Namen der Kandidierungskommission und nach anschließender längerer Debatte werden mit Betrauung für ein Jahr gewählt: als Präses der Landeskanzlei Oberrabbiner Weber (Pistyan), als zweiter Präses Steiner (Neutra), als Mitarbeiter Rabbiner Hirschler (Preßburg). Die gewählten Präsidenten danken mit herzlichen Worten für das ihnen geschenkte Vertrauen. Hierauf folgt die Wahl der Landesrepräsentanz mittels der von der Kandidierungskommission verfertigten Listen, in welchen die von den Wählern nicht Gewünschten gestrichen werden. In die Landesrepräsentanz werden 40 Baalbattim und 25 Rabbiner gewählt. Da jedoch die Kommission bei der Kandidierung der Rabbiner die östlichen Teile der Slowakei nicht genügend berücksichtigt hat, wird das Rabbinerkomitee 5 Rabbiner der Ostslowakei kooptieren. (Suspendierung der Sitzung.) Abendsitzung. Präses Steiner berichtet über das Ergebnis des Skrutiniums. Es erfolgt noch die Wahl der Kommission, welche die Verhandlungen mit dem Volksverband zu führen hat. In diese Kommission werden gewählt: die Rabbiner: Ahron Katz, Spitzer, Hirschler; die Baalbatttm: Adler (Neutta), Rosenbaum (Preßburg), Stern (Pistyan). Präses Steiner schließt sodann die denkwürdigen Beratungen der orthodoxen Judenheit in der Slowakei, spricht dem provisorischen Vollzugsausschuß für seine ersprießliche Tätigkeit und der Preßburger Gemeinde für ihre opferwillige Gastfreundschast den Dank des Delegiertentages aus.