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Jüdische Korrespondenz · 1919-12-05 · 45 (5.12.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
45 (5.12.1919)
Date
1919-12-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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5$eite 4 Jüdische Korrespondent Nr. 45 nacheinander statt. Eine Bande löst die andere in dieser Heldentätigkeit ab und jede hat sich eine eigene Pogrommethode zurechtgeleat. Die eine liebt das Plündern und Abschlachten, die andere macht die Schändung jüdischer Mädchen zu ihrer Haupttätigkeit, eine dritte übt sich in der edlen Kunst des Brandstiftens usw. So kam zum Beispiel nach Jekaterinoslav eines Tages eine Kosakenbande, deren Führer die folgende zynische Erklärung abgab: „Wir sind nicht ermächtigt, zu toten, weil die Engländer dagegen sein werden, aber rauben und plündern dürfen wir. Das wird auch den Juden gut tun, denn ihr werdet nach jedem Pogrom reicher." Die russische Intelligenz und die Pogrome. Auch die russische Intelligenz, die vor dem Kriege mit allen Kräften den Pogromen entgegenwlrkte, segelt heute ganz im Fahrwasser des Antisemitismus. In Elisabethgrad nahmen Studenten und Lehrer in edler Eintracht an dem Pogrom Anteil. Der Pogrom iu Fastow. Am fürchterlichsten wütete der Pogrom in Fastow. Er begann in dem Augenblick, wo die Truppen Denikins nach dem Abzug der Bolschewiki in die Stadt eindrangen. Die Bevölkerung hielt sich in den Kellern verborgen, um sich vor den Bomben zu schützen. Soloaten drangen in die Häuser ein, plünderten, mordeten und schändeten kleine Mäochen in Gegenwart der Eltern. Die Leichen und die Verwundeten, die um Hilfe schrien, häuften sich in den Straßen. Am fünften Tage des Pogroms brach ein Feuer aus, das 200 Häuser einäscherte. Da begab sich der Geistliche der Stadt zum Kommandanten und machte die folgende drastische Aeußerung: „Jetzt muß ein Ende gemacht werden. Das Feuer muß gelöscht werden, denn es versteht es nichts einen Unterschied zwischen Nationalitäten zu machen." Erst daraufhin wurden hundert Soldaten zur Löscharbeit kommandiert. Der Eindruck auf die Oeffentlichkeit. Der Pogrom in Fastow machte einen erschütternden Eindruck selbst auf die nichtjüdische Oeffentlichkeit. In Kiew fanden Protestversammlungen auch nichtjüdischer Körperschaften statt. Ich vermag keine Worte zu finden, um den Eindruck zu beschreiben, den dieser Pogrom auf dre ukrainische Judenheit machte. In „Krimsky Westnik" las ich die folgenden herzzerreißenden Worte: „Freut euch, ihr Antisemiten! Ihr habt eure Arbeit in Fastow gut getan. Ihr habt lange gesät, aber ihr habt eine gute Ernte gehabt. Die zahlreichen Gräber von Fastow werden ein unsterbliches Monument eurer Heldentaten bleiben. Und du, ewiger Märtyrer, Du mußt dich in Trauerkleider hüllen und nicht mit Tränen, sondern mit Blut weinen. Denn unendlich ist deine Pein und ohne Erbarmen dein Verfolger." Eine andere Legende. Eine andere, gleichfalls populäre Legende ist das Märchen von der internationalen jüdischen Organisation, das bekanntlich schon während des Dreyfußprozeffes eine große Nolle in der antisemitischen Propaganda spielte. Selbst liberale Mitglieder des Rates Denikins erklärten, als man sie über die Judenpogrome interpellierte: „Wenn die Juden uns und der Welt zeigen wollen, daß sie in der Tat bereit sind, für Denikin einzutreten, warum bringt die jüdische Weltorganisation uns keine Hilfe. Sie könnte doch nach Rußland Dollars und englische Pfunde schaffen und so den KurS des Rubels heben." Die Unsicherheit deS Reifens. Für die allgemeine Unsicherheit, die heute für den Juden in Rußland besteht, ist es zum Beispiel charakteristisch, daß kein Jude es wagen wird, eine längere Reise anzutreten. Wenn ein Jude gezwungen ist, eine Reise zu machen, dann läßt er sich von einem OfMer begleiten, dem er eine hohe Summe zahlt. Das ist die einzige Möglichkeit für einen Juden zu reisen. Ausblick. Leider kann ich keine tröstlichen Aussichten für die Zukunft eröffnen. Keine Stimme der Vernunft kann in dem Chaos, das heute in Rußland herrscht, durchdringen. Haß, Raubgier und Zerstörungswut ersttcken jede bessere Regung. Herzls Prophezeiung, daß die Juden bei einer sozialistischen Umwälzung am stärksten leiden werden, weil sie in den Lagern des Kapitalismus und Sozialismus auf den exponiertesten Posten stehen, findet heute in Rußland ihre furchtbare Erfüllung. Der Parole der Bolschewiki: „Tot der Bourgeoisie! Es lebe die Kommune!" antwortet der Kampfruf: „Tot den Juden! Es lebe das unteilbare Rußland!" Ich glaube auch nicht, daß eine europäische Intervention das russische Problem lösen kann. lieber die Verbreitung der Geisteserkrankungen bei den Juden in der Schweiz. Don vr. msä. Rafael Becker. (Ein Auszug aus der gleichnamigen nächst erscheinenden Arbeit in der Zeitschrift „Demographie und Statistik der Juden" in Berlin.) lAnige Zusammenstellungen über die geisteserkrankten Juden in verschiedenen Ländern und Städten mit großer jüdischen Bevölkerung haben wir. Und beim Vergleiche der Zahlen der jüdischen Geisteskranken mit den geisteskranken Nichtjuden sind wir dort zu besttmmten Ergebniffen gekommen. Es ist notwendig und ungemein wichtig, daß in allen Ländern, wo Juden wohnen, nach Möglichkeit diesbezügliche Statistiken durchgeführt und an geeigneten Orten veröffentlicht werden. Nur dadurch werden wir ein getreues Bild von der Verbreitung und der Art der Geisteskrankheiten bei den Juden erhalten. Und auch die Schweiz mit ihrer verhältnismäßig kleinen jüdischen Bevölkerung soll bei der statistischen Bearbeitung dieser Frage nicht übergangen werden. Auch hier wiederholt sich en miniature das gleiche Bild, wie wir es früher an anderer Stelle über die Verbreitung und Art der Nervosität bei den Juden im allgemeinen festgestellt haben*. Die folgenden Ergebnisse sind der amtlichen ^Schweizerischen Statistik" entnommen; so zum Beispiel in den statistischen Aufgaben über die in den staatlichen und wichtigen privaten Irren-, Heil- und Pflegeanstalten der Schweiz im Jahre 1692 ein- und ausgetretenen Geisteskranken greifen wir folgendes heraus über das Verhältnis der Geisteserkrankten zu den verschiedenen Konfessionen zu einander. Im Jahre 1892 in 17 kantonalen und privaten Anstalten sind 1976 Patienten eingetreten, wovon sind reformiert 1391, katholisch 606, israelitisch 17 und ohne Angabe der Konfession 32. Also alle Geisteserkrankten nach ihren Konfessionen stehen zu einander in folgendem Verhältnis: Die Reformierten sind in 66°8 Prozent vertreten „ Katholiken „ „ 30 5 , „ „ „ Israeliten „ „ 0 86 „ „ ohne Angaben „ „ 166 „ „ Total 100 00 Prozent Nehmen wir eine zweite Tabelle, die in den statistischen Angaben über die während der Jahre 1900 —1904 in den kantonalen Irren-, Heil- und Pflegeanstalten der Schweiz ein- und ausgetretenen Geisteskranken vorhanden ist, so finden wir, daß von 10.372 in diesen Jahren eingetretenen Patienten verteilen sich nach Konfessionen folgendermaßen: Protestanten 6152 59-3 Prozent Katholiken 4103 39°6 „ Israeliten 82 08 „ Andere Konfessionen 35 03 „ Total 10.372 100-0 Prozent Die Wohnbevölkerung in der Schweiz zählte aber im Jahre 1900 im ganzen 3,315.443 Seelen, wovon sind: Protestanten 1,916.157 57°8 Prozent Katholiken 1,370.664 416 Israeliten 12-264 0'4 Andere 7.358 0-2 „ Total 3.316-443 100-0 Prozent Vergleichen wir nun das prozentrale Verhältnis der verschiedenen Konfessionen zu einander, so sehen wir, daß die Juden in der ganzen Bevölkerung nur 0 4 Prozent ausmachen, während in den Anstalten als Geisteskranke 08 Prozent, oder anders ausgedrückt, auf je 1000 Seelen im allgemeinen in der Schweiz sind 3-1 Geisteskranke vorhanden, während auf je 1000 Protestanten 3-2, Katholiken 3'0, Israeliten 6 7, anderer Konfession 4-7 Geisteskranke entfallen. Also der Anteil der Juden an den Anstaltsinsaffen ist zweimal so groß, als er nach ihrer Einwohnerzahl sein sollte. Von den „anderen Konfessionen" anderthalbmal größer, diejenige der Protestanten und Katholiken stellt dem durch die Einwohnerzahl indizierten ziemlich nahe, der erste ist um 16 Prozent größer, der zweite um 2'0 Prozent kleiner. Dies alles bezieht sich auf die Statistik von 1900 —1904, aber auch in den Anstaltsstatistiken vom Jahre 1892 sind Juden mit 0-85 Prozenten vertreten, gleich wie in den Jahren 1900—1904. Leider haben wir keine amtlichen Zahlen über den Stand der Bevölkerung rm Jahre 1892, aber nach der ganzen Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in der Schweiz ist es sicher anzunehmen, daß in diesem Jahre es noch weniger Juden gab, wie absolut so auch relativ, also im bezug auf die Verbreitung der Geisteskrankheiten waren sie in diesem Jahre noch schlechter gestellt. .. Was aber die Verteilung der verschiedenen Psychosen bei den jüdischen Geisteskranken in der Schweiz anbetrifft, so möchte ich von <ttiführung diesbezüglicher Tabellen hier Abstand nehmen (diese Libellen werden in der vollständigen Arbeit erscheinen). Hier möchte ich nur darauf Hinweisen, daß auch diese kleine Statistik mit einigen Ausnahmen das bestätigt, was ich an Hand zahlreicher anderer Statistiken in meinen Abhandlungen über die Nervosität bei den -juben im allgemeinen festgestellt habe. Auch hier in der Schweiz scheine» die Juden den Geisteskrankheiten niehr unterworfen zu sein und auch hier geben sie in den Gruppen der konstitutionellen und sogenannten! einfachen erworbenen Psychosen mehr Kranke, während sie auch hier sehr wenig Alkoholiker dagegen sind hier die Juden in bezug auf die angeborenn Pwchosen (Kretinismus, angeborener Blödsinn, Schwachsinn) besser gestellt. Auch bei der Paralyse scheinen die Juden hier nicht besonders übel daran zu sein, während über die Verbreitung der Epilepsie bei ihnen diese Statistik keinen Aufschluß gibt. * R. Becker: ^Die jüdische Nervosität, ihre Art, Entstehung und Bekämpfung." Bortrag. 1918. Verlag: Speidel & Wurzel. Zürich. — „Die Nervosität bei den Juden." Ein Beitrag zur Raffenpsychiatrie. Verlag: Orell-Füßli, Zürich. 1919. — „Das jüdische Nervensanatorium in Palästina." „Jüdische Zeitung", Wien, Nr. 13.1919. „Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz", Nr. 16. 1919. „Volk und Land", Berlin. Nr. 17. 1919.

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