Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 35 (23.9.1919)
- Date
- 1919-09-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35/36 Jüdische Korrespondenz Seite 11 Wenn man dieser Jugend sagen wird, daß sie jüdisch sein kann, ohne die Gesetze beobachten zn müssen, so wird sie recht gerne die Hemmungen der Religion beiseite lassen und sich dem Nurnationalismus, der ja auch den Begriff Judentum aussüllen kann, anschließen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie meinem Schreiben in der 311 erscheinenden Jugendbeilage Ihres gesch. Blattes Raum gewähren würden; und wenn sich meine Ausführungen mit Ihren Ansichten nicht decken, so bitte ich um belehrende Entgegnung. Ich würde mir es als Verdienst anrechnen, wenn ich die Ursache wäre zu einer energischer, zielbewußteu, öffentlichen Aufklärungsarbeit seitens unserer Führer. Diese tut uns, der-Jngend not. Ein Mitglied der orthodoxen Jngendgruppe. Jüdische GHefs mrd Arbeitsuchende wenden sich an den Verein Schonrre Schaööos, II., Kleine Schiffgasie 10, oder an die Hrthodore Jugendgruppe. Die Verhältnisse in der ZLorvaker. Von einem der führenden Mitglieder der orthodoxen Jugendbewegung in der Tfchecho-Slowakei erhalten wir nachstehenden Artikel: Eine in Mährisch-Ostrau erscheinende, sich jüdisch nennende Zeitung und eine Zeitung in Wien brachten in jüngster Zeit Berichte über die Lage der Juden in der Slowakei, und diese Nachrichten wurden von vielen anderen Blättern übernommen. Die Berichte der beiden zionistischen Zeitungen erzählten von Verrat, Verrat an dem Gesamtjudentum, den die Führer der Orthodoxie begangen hätten. Aus der Erklärung, welche das Zentralbureau der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei gegenüber den unerhörten Beschuldigungen abgegeben hat, ist klar erwiesen, daß die so konkretisierten Angaben der zionistischen Presse Lug und Trug sind. Verrat an dem Judentums ist geschehen, doch die Verräter sind diejenigen, welche die Verleumdungen ausstreuen und verbreiten. Der Gedanke, sich mit derartigen Kampfmitteln der Gegner der Orthodoxie überhaupt nicht zu beschäftigen, liegt sehr nahe, doch im Interesse der Oeffentlichkeit muß diese Kampfesweise festgenagelt werden. Die Konjunktur in der Tschecho-Slowakei ist ja den Nationaljuden nicht ungünstig, aus dem Elend des Judentums verstehen sie es, für ihre Idee Kapital zu schlagen, und es kann ihnen dies wohl niemand verargen, aber das gesetzestreue Judentum mit Verleumdungen und Verdächtigungen zu bekämpfen, verstößt stark gegen die Regel, welche auch im politischen Kampfe ein gewisses Minimum von Moral zu befolgen gebietet. Oder fassen die Gegner der Orthodoxie die Bestimmungen für den politischen Kampf anders auf, die kurze Regel ermöglicht es, sie ist nämlich dehnbar und schmiegsam, sie vermag sich ganz dem Charakter des Einzelnen anzupaffeu. Die Orthodoxie wäre für alles Unheil, welches das Judentum der Slowakei trifft, verantwortlich, das Vorgehen des Ministers Srobar in der Lizenzfrage hätte die Orthodoxie gefördert. Ist da nicht das alte Spiel der Antisenliten, daß „der Jud" imnier an Allem der Schuldtragende, innerhalb des Judentums wiederholt; an allem Unheil sind die Orthodoxen schuld, die richtigen Juden. Diese Kampfesweise der Gegner schwächt die Orthodoxie nicht, die gewählten Mittel beleuchten nur die Gegner. Dr. K. R. Heimreise der Palästinenser. Dank dem besonderen Entgegenkommen des Mr. Buttler (Chef d. Int. All. Food Com.), wie der englischen und italienischen Mission und infolge der unausgesetzten Bemühungen des Fräulein Anna Lorbeerbaum ist es dem Preßburger Kallel und dem dortigen Jischuw gelungen, der zweiten Gruppe palästinensischer Flüchtlinge in der Tschecho-Slowakeit die Heimreise zu ermöglichen. Mittwoch abends ging der Transport von Wien ab. Die orthodoxe Jngendgruppe hat sich auch diesmal rege betätigt und wurde ein Schofar beigestellt, nachdem die Reisenden Rösch Haschaua auf dem Schiffe sind. Frau Dr. Clark von der englischen Mission hat in hochherziger Weise Lebensmittel für die Reisenden zur Verfügung gestellt. Es ist unsere airgenehme Pflicht, namens der Mittwoch, den 17. September, vom Südbahnheck abgereisten Palästinenser, allen jenen, die ulittaten an dem scyweren Werke, den inunigsten Dank auszusprecheu. Wer bei der Abreise anwesend war, konnte es sehen und hören, wie die Freude über das Ende der zum Teile langjährigen Verbannung Ausdruck fand. Uns aber obliegt es den Herren der International Mied Food Commission, Insbesondere aber den Herren Trumel, Oakley, Copeland, Josef Dimm, den Dank ihrer Schützlinge zu übermitteln. Mister Buttler und Frau Dr. Clark haben die für die ganze Reise nötigen Lebensmittel in übergenügeuder Menge zur Verfügung gestellt. Sein ganz besonderes Entgegenkommen bezeigte der im Zusammenhänge mit verschiedenen Wohlfahctswerken schon mehrmals genannte Mister Buttler, durch Beistellung eines Kraftwagens zur Uebertransportierung der auf der Ostbahn angekommenen Palästinenser und ihrer Habe. In gewohnt liebenswürdiger Weise haben die Herren der italienischen Mission zur Begleitung des fast ausschließlich aus Frauen und Kindern bestehenden Transportes einen Carabiniere als Kurier bis Triest mitgegeben. Diesen edlen Männern, allen voran aber den Herren F. Pietrabissa Eilhingo und Mister M. C. Saloi gilt unser innigster Dank. Der besonderen Förderung der von Fräulein Anna Lorbeerbaum in hingebungsvoller, selbstloser Weise geleiteten Aktion von seiten der Herren Polizeiräte Thomeier, Zdrubek, Dr. Scholz und Ludwig ist es zu danken, daß der Transport so klaglos durchgeführt werden konnte. Ihnen allen nochmals unseren aufrichtigsten Dank. vom Herzen zum Herzen! „Mensch, der du hier eintrittst, lasse die Hoffnung zurück!" — So oft ich nach Lainz fahre, um die im städtischen Versorgungshaus untergebrachten jüdischen Patienten zu besuchen, kommt mir dieses Dichterwort in den Sinn. Und wahrlich — es kennzeichnet auch treffend die dortigen Zustände. Unter ständigen körperlichen und seelischen Qualen leben dort die jüdischen Kranken. Wir können uns kaunr in die Gefühle eines frommen, galizischen Juden hineinleben, der jein ganzes bisheriges Leben der Thora und Awoda gewidmet hat und jetzt gezwungen ist, hier in nichtjüdischer Umgebung — vor den Augen ständig die Bilder und Symbole der christlichen Religion — seine letzten Tage zu verbringen. Von den Launen uttb Schikanen antisemitischer Aerzte und Pflegerinnen und von den rohen Pöbeleien seiner nichtjüdischeu Mitpfleglinge gequält, leidet er noch ständig unter dem Gedanken, Terefo genießen zu müssen. Wie oft hörte ich in den letzten Tagen die verzweifelte Klage: „Ach, wie wird es mir nur möglich sein, am Jom kippur nach dem Fasten Terefo essen zu müssen?" Wie froh sind diese bedauernswerten Menschen, wenn sie sich wenigstens einmal in der Woche, am Freitagabend, zum Gottesdienste versammeln können, den Herr Rabbiner Böla Fischer leitet, der übrigens in aufopferungsvoller Weise bestrebt ist, das Los dieser Armen zu verbessern. Aber die Fülle von Arbeit, die dazu nötig ist, kann unmöglich von einem Einzelnen — und wenn er noch so arbeitsfreudig und rührig ist — bewältigt werden. Und da diese Angelegenheit von der Allgemeinheit bisuun leider wenig beachtet wurde, so ist es die heiligste Pflicht eines jeden mitfühlenden Juden, die Lage dieser Armen und Elenden nach Möglichkeit zu erleichtern. Die orthodoxe Jngendgruppe hat einen ständigen Besuchsdienst eingerichtet, bei dem die jüdischen Patienten und Patientinnen mit Backwerk, Bonbons und kleinen