Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 35 (23.9.1919)
- Date
- 1919-09-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Jüdische Korrespondenz Nr. 35/86 es wieder die Jugendgruppe, die an der Aufbringung iutt> Sichtung des Materials werktätig mitarbeitete. Durchreisende Heimkehrer aus Italien fanden bei uns gastliche Aufnahme und hilfsbereite Leute, die ihnen bis zu ihrem Abtransport zur Seite standen. Inzwischen war es dem Finanzausschüsse durch zietbewußte Arbeit, die allseitige Unterstützung fand, möglich, die Geldmittel für das von Gönnern unserer Jugendgruppe — besonders aber Herrn Akiba Schreiber — mit Hilfe unseres Arbeitsbeziehungsweise des Lokalausschusses ermöglichte neue Lokal zu beschaffen. Noch ist die Arbeit für unser Heim nicht beendet, aber schon muß jeder den Eifer bewundern, der eine solche Fülle von Arbeit bewältigt hat. Was die „Jugendgruppe" bei der Aufbringung von Kleidungsstücken, Lebensmittel und von in viele Tausende gehenden Geldmittel für den ersten Transport heimkehrender Palästinenser geleistet hat, ist allbekannt. Weniger bekannt aber ist es, daß es den Bemühungen des so oft rühmlich genannten Fräulein Lorbeerbaum durch die Unterstützung der Jugendgruppe möglich war, einen kleinen Transport solcher Heimkehrer mit dem letzten Zuge vor Ausbruch des Streiks ans der Südbahn abzuschicken. So mag es denn gekommen sein, daß es bis nun nicht möglich tvar, einzelne Unklarheiten in prinzipiellen Fragen zu bereinigen. Wollen wir aber hoffen, daß mit dem Abgänge des alten Jahres auch das namenlose Elend ein Ende findet, auf daß eine neue glückliche Zeit für unser gepeinigtes und so vielfach gezüchtigtes Volk und nach ihm der ganzen Menschheit heranbricht. Dann wollen auch wir ein neues Wirken in altem Sinne beginnen. Z>ie GrtHodoXe Irtgerrdgruppe nimmt Abonnements für die „Jüdische Korrespondenz" nnd den „Kaderech" entgegen. Thoratreue Jugend und llatronaljudentum. Wir geben nachstehenden, an uns gelangten Brief wieder und werden auf die etwas leidenschaftlichen Ausführungen noch zurückkommen. D. Red. Vereheliche Redaktion! Mit großem Interesse habe ich in Ihrer letzten Nummer den „Jüdischen Film" gelesen. Sie berichten, daß Rabbi Jisr. Chaim Sonnenfeld persönlich angegriffen wurde. Ich hatte oft Gelegenheit, von meinem Vater und anderen ehemaligen Kollegen des großen Gelehrten Näheres über dessen Jugend zu hören. Palästinenser erzählen, daß alle Hoffnungen, die die Größen der ungarischen Judenschaft vor 45 Jahren in den jungen Mann gesetzt, von der Wirklichkeit weit übertroffen wurden. Seine Autorität auf dem Gebiete der Halacha ist unbestritten, feine Frömmigkeit und Bescheidenheit sind sprichwörtlich geworden — noch heute, nach mehr als vier Dezennien, sagt man in Jeschiwas des ehemaligen Ungarns: „Rechtschaffen wie Rabbi .Sonnenfeld seine Charaktergröße und seine Milde sind in Palästina stadtbekannt." — Sein Edelmut zeigte sich am besten in seiner Toleranz A-, ja selbst Antireligiösen gegenüber, wie dies des Ocfteren von denselben bestätigt wurde. Um so mehr muß es uns verbittern, wenn wir hören, daß unser Heiligstes, Emunah und Thora, welche uns — nachdem wir leider kein Bes Hamikdosch haben — in Gaon und Zadik verkörpert erscheinen, besudelt wird. Wir orthodoxe Jugend sollten schweigen, wenn unsere Ideale beschmutzt, unsere Geiftesheroen, zu denen wir in Ehrfurcht emporblicken, angefeindet werden? Unsere alten abgeklärten Führer sind gegen jeden offenen Kampf mit den Modernen und jenen, die das religiöse Moment im Judentum negieren: sie wollen den Antisemiten (die nichtjüdischen sind gemeint) nicht das ergötzliche Schauspiel eines Zwiespaltes im Judentum bieten. Sie verwehren es uns, Schädlinge — nicht nur der Religion — sondern auch der Judenheit, die sich jüdische Führer nennen, anzugreifen, d. h. in ihrem wahren Lichte zu schildern. Dürfen unsere Führer es uns nach obengesagtem verargen, wenn wir uns von unserem Temperament Hinreißen lassen, und die ganz unbegründete öffentliche Mißachtung unserer Gefühle nicht ruhig hinnehmen wollen. Wohl haben wir als Religiöse viel mehr die Pflicht, einen öffentlichen Chillul Haschein zu verhüten, aber ist es nicht auch ein ergreifender Chillul Haschem, wenn wir znsehen müssen, wie die Träger der Thora von der Minderheit, die sie gerne majorisieren möchte, persönlich grundlos bekämpft werden? Unsere Führer müssen der Kampfeslust der Jugend Rechnung tragen, sie dürfen deren Begeisterungsfähigkeit nicht eindämmen. Und wenn auch die wahrhaft jüdisch erzogenen mit Thora gesättigten Jünglinge, ihre Meinung der Ansicht der Talmide Chachomim vorbehaltlich unt^rordnen, sich dem Rate der erfahrener! Sekenim unbedingt fügen, so verlangen wir doch in einem Berücksichtigung unserer Wünsche — in der Aufnahme des offenen verschärften Kampfes gegen die Feinde unserer Religion. Zu diesen zählen wir auch die Nationalisten. Die Frage, ob die Juden eine Nation sind, besteht erst seit zirka 20 Jahren. Vorher ist es niemandem eingefallen zu sagen, daß rvir keine Nation sind. Jedermann wußte, daß wir ein Volk sind, das auserwählt wurde, die Religionsgesetze Gottes zu üben: das Volk der jüdischen Religion. Eine Trennung von Konfession und Nation im Judentum schien undenkbar. Ein Jude, der nicht aus Assimilation, sondern etwa aus Ueberzeugnng zum Katholizismus Übertritt, scheidet naturgemäß aus der jüdischen Volksgemeinschaft aus, obwohl der Katholizismus keine Nation ist, er also eigentlich keinen Nationswechsel vollzogen hat. Der Arier hingegen, der, durchdrungen von der Wahrheit der jüdischen Lehre, Jude wird, gehört dem jüdischen Volke an. Dies ist überhaupt der Unterschied zwischen dem Judentum und den anderen Völkern des Altertums. Während sich bei diesen erst eine Religion bildete und durch das Zusammensein Gemeingut des ganzen Stammes wurde, ist die jüdische Nation durch den Glauben an den einzigen Gott, also durch die Religion entstanden. Erst in den letzten Jahren wurde es zur Frage, ob wir eine Nation sind, ob wir eine Nation sein können, ohne den Glauben als Basis des Judentums anzuerkennen. Unsere Weisen sagen in ihrer Toleranz — im Gegensätze zu der Unduldsamkeit anderer, die jeden, der anderen Sinnes als sie, zum Verräter stempeln: „Af al pi schechoto Jisroel hu.“ Obwohl er gesündigt, ist er doch Jude. Es mag mancher nicht die Kraft und Energie aufbringen, religiös zu leben, einem anderen fehlt das Gefühl für Religiosität, infolge stiner Erziehung und Gesellschaft, wieder ein anderer mag in dem Wahne leben, wissenschaftlich die Haltlosigkeit der Gottesidee oder des jüdischen Religionskodex nachgewiesen zu haben; aber Jisroel hu, er bleibt Mitglied der jüdischen Gemeinschaft. Die Ansicht aber, daß das Judentum eine Nur-Nation ist, Religion hingegen Privatsache, oder wie unsere nurnationalistischen Brüder so lieblich zu sagen pflegen, Privatvergnügen, spricht den historischen Tatsachen Hohn. Der Nationalismus soll eine Abwehr gegen die Assimilation sein. Ist doch der ganze Nationalismus, wie er heute geübt wird, ein assimilatorisches Gebilde! Wir würden unter Nationalismus verstehen, in erster Reihe die Erhaltung alles dessen, was für unsere Nation seit jeher heilig war, zumindest aber Pietät jenen gegenüber, die diese Erhaltung pflegen. Wir würden es uns zur nationalen Pflicht halten, die Antipathie den Peoth, Bärten und Kaftans gegenüber abzuschwächen, nicht aber deren Träger zur Assimilation anzueifern. Jener Nationalismus aber, der die Mesusa von der Tür entfernen läßt, in der Anbringung einer Fahne oder im Tragen einer Kokardeaber eine wichtige nationale Tat sieht, ist dem jüdischen Wesen fremd und anderen Völkern entnommen. Gefährlich ist der Nurnationalismus für unsere gesetzestreue Jugend, die ihres Judentums bewußt ist und jüdisch fein will.