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Jüdische Korrespondenz · 1919-09-23 · 35 (23.9.1919) · page 8

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
35 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Jüdische Korrespondenz Nr. 35/36 peitschen, die öffentliche Ruhe und Sicherheit zu stören, und die Festigung der Staatsautorität zu erschweren, ohne Ansehen der Partei rücksichtslos vorgegangen werden." (Asewitismns in Ungarn.) In Budapest wurde ein „Asemitenbund" unter Führung des Universitätsprofeffors Johann Ritook gegründet, der die Universität mit allen Mitteln jndenrein machen will. Gestern fand eine magyarischnationale Veranstaltung in der Musikakademie statt, an der auch jüdische Künstler mitwirkten. Die erwachenden Magyaren demonstrierten erst mit Schmährusen und schlugen dann aus die die Akademie verlassenden Juden mit Stöcken ein. Erst als eine rumänische Patrouille herannahte, zogen sich die erwachenden Magyaren zurück. (Die Morgeuthan-Kommission.) Aus Warschau wird gemeldet: Die amerikanische Mission in Polen, die unter Führung von Henry Morgenthau zum Zwecke der Untersuchung der Judenfrage in diesem Lande im Aufträge der Friedenskonferenz reiste, ist am Dienstag nach Paris zurückgekehrt. Sie hat sich zur Untersuchung der polnischen Judenfrage insgesamt zwei Monate im Lande aufgehalten. Ihr Bericht besagt, daß in Polen zwar eine starke antisemitische Strömung bestehe, daß aber die von den Zeitungen gemeldeten Grausamkeiten an der jüdischen Bevölkerung nicht in dem berichteten Umfang und nicht in so rascher Folge stattgefunden hätten. (Entschädigung für Kriegsschäden.) Das Warschauer „Jüdische Volk" meldet: Das Departement für Kultus beim Ministerium für Kultus und Bildung erhielt durch Vermittlung der polnischen Liquidationskommission in Paris einen Fonds zur Vergütung der Schäden, die das deutsche, russische und österreichische Militär während des Krieges in den Gebäuden der jüdischen Kultusgemeinden, in den Synagogen sowie Bet- und Lehrhäusern angerichtet hat. (Die amerikanische Hilfe.) Der Vertreter des Joint Distribution Commitee für Polen, Dr. Bogen, ist für einige Monate nach Amerika abgereist. Einem vor seiner Abreise veröffentlichten Bericht ist zu entnehmen, daß gegenwärtig 889 Orte in Polen durch dieses Komitee unterstützt werden. Die) Gesamtsumme der Unterstützungen für die Zeit vom 1. Februar bis 1. September 1919 beläuft sich auf 23,799.731 Mark. (Pogromagitation in der Tschecho-Slowakei.) In Mähren hat sich eine Geheimgesellschaft unter dem Namen „Blauer Stern" gebildet, welche die Ausrottung der Juden durch Veranstaltung von Maffenpogromen zum Zwecke hat und ihre Tätigkeit über das Gebiet der ganzen Tschecho- Slowakei erstreckt. Plangemäß sollen die Judenmetzeleien Ende September, also zur Zeit der hohen jüdischen Feiertage, in Szene gesetzt werden. Die tschecho-slovakische Regierung hat von der Tätigkeit der Gesellschaft „Blauer Stern" Kenntnis, was daraus hervorgeht, daß an alle Sicherheitsposten und Gendameriekommanden Erlässe ergangen sind, die Arbeit der Pogromagitatoren zu verfolgen und Ausschreitungen rechtzeitig zu verhüten. (Wahlen in Wilna.) Sonntag, den 7. September, haben in Wilna die Stadtratswahlen stattgefunden. Es wurden 5 christliche und 5 jüdische Listen aufgestellt. Die jüdischen Listen waren gekoppelt. Der Wahlkampf trug einen offen radikalen antisemitischen Charakter. Tausenden Juden machte man es durch verschiedene Schikanen unmöglich, ihr Wahlrecht auszuüben. Der christliche Block hat auch einen Sieg davongetragen. Es entfielen auf die Liste des antisemitischen, christlich-nationalen Komitees 31.655 Stimmen, auf alle anderen Listen zusammen 27.000 Stimmen. Die Juden erhielten 14 von 48 Mandaten, davon sind 4 Zionisten, 6 jüdische Demokraten, 3 vom jüdischen kaufmännischen Verband und ein Handwerker. Von den 34 polnischen Stadträten sind 31 Nationaldemokraten, 2 Sozialisten und ein Demokrat. (Die Armut im okkupierten Litauen.) Der Delegierte des amerikanischen jüdischen Hilfskomitees, der zwecks Hilfsarbeit eine Reihe von kleinen Städten des gegenwärtig von den Polen okkupierten Gouvernements Grodno bereist hat, Herr Lew, berichtete im Warschauer „Moment" über seine Erlebnisse. In den Städtchen Rushuani, Wolkowisk, Kossowo, Snow herrscht eine buchstäbliche Hungersfeuche. Die Sterblichkeit der Juden nimmt einen ungeheuren Umfang an. Flecktyphus und Schwindsucht begleiten die Hungersnot. In Snow fand der Delegierte fast in jedem Haus zwei oder drei Typhuskranke oder Schwindsüchtige. In der Stadt gibt es keine ärztliche Hilfe. Der nächste Arzt sitzt in Baranowitschi und hat in seiner Stadt so viel zu tun, daß er unmöglich für so weit entlegene Ortschaften in Betracht kommt. Die Hilfe, die aus Amerika gebracht worden ist, steht in keinem Vergleich mit der Not der Bevölkerung. Ein vollständiger Ruin eines einst so bevölkerten Gouvernements des jüdischen Ansiedlungsrayons! (Protest gegen die Judenpogrome in Polen und Ukraine.) Das Kopenhagens Zionistische Bureau meldet: Auf Initiative des Komitees der jüdischen Delegationen erließen die bedeutendsten Vertreter der politischen und wissenschaftlichen Welt in Frankreich einen Aufruf an die Menschheit, der in den stärksten Worten die blutigen Pogrome in Polen und besonders in der Ukraine geißelt, wo die jüdische Bevölkerung von vollständiger Vernichtung bedroht ist. Der Appell nimmt Bezug auf die furchtbaren Pogrome in Lemberg. Pinsk, Lida und Wilna. Er erwähnt, daß»mehr als 100 Städte in der Ukraine von schrecklichen Pogromen betroffen wurden, denen viele Tausende von Juden zum Opfer fielen. Ueber diese Pogrome heißt es in dem Aufruf: „Die Tage der furchtbarsten Inquisition sind wiedergekehrt; denn diese Massakers find von den grausamsten Forderungen sowie von schrecklichen physischen und moralischen Martern begleitet." Der Aufruf gibt ein erschütterndes Bild von der Lage der jüdischen Bevölkerung Osteuropas und fordert alle Völker auf, ihre Stimme gegen die Massakers zu erheben und überall Komitees zum Schutze der Juden zu organisieren. (Aus dem bolschewikischeu Rußland.) Wir brachten vor kurzem die Meldung über die von der bolschewikischen Sowjetregierung verfügte Auflösung der jüdischen Gemeindeverwaltungen und Drosselung des öffentlichen jüdischen und besonders des zionistischen Lebens in Großrußland. Das Warschauer „Jüdische Volk" berichtet hierüber, nach den Schilderungen einer aus Moskau zurückgekehrten Person, folgendes: Der Initiator des Dekretes betreffs Sistierung der jüdischen Gemeindeverwaltungen ist der Kommissär für jüdische Angelegenheiten bei der Sowjetregierung, Dimentstein. Gleichzeitig mit diesem Dekret sollte auch die Verfügung betreffs des Verbotes des Hebräischen publiziert werden. Diese Nachricht rief in den Moskauer jüdischen Kreisen einen sehr peinlichen Eindruck hervor. Ungeachtet der ungünstigen politischen Lage organisierte die Kulturgesellschaft „Tarbut" ein großes Protestmeeting. Auf dieser Versammlung, der die berühmtesten Bol-, schewikenführer inkognito beiwohnten, hielt der Rabbiner Mase ein glänzendes Referat. Tags darauf besuchte ihn der Bolschewikenführer Fürst Dolgorukow und teilte ihm mit, daß seine Rede großen Eindruck gemacht habe und daß der Volkskommissär Lunaczarski ihn einlade, die Frage des Hebräischen mit ihm zu besprechen. Nach einer Konferenz. zwischen dem Letztgenannten und Rabbiner Mase wurde auch das zweite Dekret inhibiert. Infolge des durchaus feindlichen Verhaltens und der unausgesetzten Verfolgungen seitens der jüdischen Kommunisten war man in Rußland wie in der Ukraine nahe daran, auch den Zionismus zu verbieten und nur dank den vielfachen Bemühungen ist es gelungen, dieses Verbot zu verhindern. Das zionistische Organ kann weiter erscheinen. Auch die Agitation für den „Geula-Schekel" zeitigte trotz der Unterdrückungsversuche einen großen Erfolg. (Die galizischen Juden in England.) Der Londoner Korrespondent der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" schreibt: Ein großer Teil der internierten galizischen Juden ist bereits befreit worden. Leider ist jedoch die Sir Stuart Samuel gegebene Zusicherung, daß bis zum 25. August alle Galizianer befreit sein werden, nicht vollständig eingehalten worden, ob- (Fortsetzung auf Seite 12.)

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