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Jüdische Korrespondenz · 1919-09-23 · 35 (23.9.1919) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
35 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 35/36 Jüdische Korrespondenz Seite 7 fürsten sind's, Große ihrer Nation, die mit ihrem Volke gelebt und gelitten, tief in seine Seele hineingeschaut und begriffen hatten sein Weh und feine Sehnsucht und erfüllt waren von der hohen Aufgabe, vor deren Lösung sie sich sahen: die Tage heuiger Sammlung und seliger Erhebung den zu Gott Geladenen zur Quelle der Lebensheiligung und Lebensfreude werden zu lassen. Aus ihrem Geiste hat der große Bibelforscher unserer jüngsten Vergangenheit (S. N. Hirsch s. A) getrunken, wenn er in unvergleichlichen Worten die Sprache des Rosch Hafchana redete. '„Von dem leisen Atemzuge, dem wir an der Wiege unseres Säuglings mit banger Sorge lauschen bis zu dem Kriegeswürfel, der Schlachten, Tod und Kammer über Völker und Staaten verhängt, von der stillen Fügung, die eine Hütte oder ein Herz beglückt, bis zu den lauten Erlebnissen, die über das Wohl von Millionen entscheiden, das Geschick der Gesamtheiten und der einzelnen — alles, woran das Herz nur hängt, alles, wofür wir bange zittern, alles, wofür wir schüchtern hoffen, alles, wonach uns vie Sehnsucht trägt, alles sehen wir von dem Gedanken unseres Gottes erwogen, alles von seinem Munde den Ausspruch, von seiner Allmacht die Erfüllung und Verwirklichung erwartend. Und wir sehen ihn, den einzigen, wahrhaften König auf seinem Weltenthrone, Vergangenheit fassend, Gegenwart tragend, Zukunft gestaltend — sehen ihn als Richter wägen und prüfen, zählen und messen die Gedanken und Entschlüsse, die Taten und Handlungen der Völker und Menschen unsere Taten und Handlungen, Entschlüsse und Gedanken zählen und messen, wägen und prüfen, ob zum Leben, ob zum Tode, ob zum Frieden, ob zum Streite, ob zur Freude, ob zum Jammer — und sehen ihn als Vater, lieber das Leben als den Tod, lieber den Frieden als den Streit, lieber die Freude als den Jarnmer, ja Leben, Friede, Freude aus Tod und Streit und Jammer verheißen und verhängen — und es wird der Mund nicht stille, und es rastet nicht die Seele von der Huldigung unseres Königs, vorudem Selbsirichteu vor unserem Richter, von der Sehnsucht nach unserem Vater —(Ges. Schr. 6, 2.) So und nicht anders fühlten unsere Paitanim. Von diesen Empfindungen getragen, griffen sie zum Schosar mit seinen Malchioth, Sichronoth und Schausoroth, und die Tesilla wurde ihnen ein einziger Rosch Haschana-Weckruf, und vor ihrer Seele stand die tief ernste Mahnung, daß „Heil dem Volke erblühe, das die Therua begreift" — und sie hatten ihre Sprache nicht deuten sollen, daß sie erschütternd und erhebend in unser Herz dringe und uns zum Heile führe? Mit dankbarer Ergriffenheit lauschen wir ihren Weisen. Heil und Seligkeit tragen sie uns zu auf den Flügeln ihres Sanges. — 'Wir übergeben unsere Versuche mit dein Wunsche der Oeffentlichkeit, daß es ihnen vergönnt sein möchte, hier und da Anregung zu bieten und vielleicht zu erneuten, vertieften, noch gründlicheren Erforschung unserer Piutnnschätzo zu führen, daniit sie auch unsere arme Zeit' aufs neue für die Ideale erwärmen, denen die Träne und die Freude der Väter gegolten, ihre Dichterklänge auch in unserem Herzen wieder vollen Akkord finden, und so „die Pintim, sie, Zeugen einer glücklichen Zeit, auch Mittel werden zur Wiedererringung einer solchen. Mögen glückliche Enkel sie einst begrüßen." (Choreb, das.) Rundschau. (Kultusvorsteher Karl Leinberger s. A.) Vorigen Freitag verschied hier der langjährige Kultusvorsteher Herr Karl Lemberger. Der Verstorbene war in weiten Kreisen des Wiener Judentums bekannt und er hat sich bedeutende Verdienste um das Wohlfahrtswesen der jüdischen Gemeinde erworben, insbesondere die Chewra Kadischa in Wien verliert in ihm eines -ihrer aufopfernd tätigen Mitglieder. (Monarchismus und Antisemitismus.) Das „Pra' ger Tagblatt" meldet aus Wien: In den Regierungskreisen beobachtet man die in der letzten Zeit immer häufiger werdenden antisemitischen Krawalle mit großer Aufmerksamkeit. Es ist der Regierung bekannt geworden, daß hinter diesen Krawallen eine wohlvorbereitete monarchistische Agitation steckt, die mit allen Mitteln auf der Straße Verwirrung Hervorrufen lvill, um dann in der allgemeinen Unruhe irgendeinen Putsch zu wagen. Nach den Informationen, die den Behörden zuteil geworden sind, steht an der Spitze dieser Aktion der gewesene christlichsoziale Abgeordnete von Warnsdorf Dr. Jerzabek sowie der deutschradikale Landtagsabgeordnete Dr. Riehl, der be- Die Piutim zu Malchioth, Sichronoth und Schausoroth des zweiten Tages (Ahallah) sind ein Vernlächtnis des ältesten und bekannten Piutdichters: R. Jose b. Jose (6. Jahrhundert?). Der Reschus zu Kalirs Keroba (Joreti) ist von R- Jekutiel st. Mosche aus Speier (11. Jahrhundert). Unssane tankef nach einigen von R. Amnon. nach andern von R- Kalonymos aus Mainz. Die Stücke Heje im Prpijaus sowie Hajaunr haraß stammen wohl aus der Zeit der Gaonim. Haj tea umzenu ist ein anonymer Piut, wahrscheinlich aus der Kaür unmittelbar folgenden Zeit (zu unseren Angaben vgl. Zunz). kanntlich die autitschechischen Krawalle ans de:n Wiener Nordwestbahnhof anläßlich der Zuaimer Svkol-Feierlichkeiten veranstaltet hat; außerdem wirken an dieser Agitation der gewesene Redakteur der (inzwischen eingegangenen) „Ostdeutscher: Rundschau" Herr Sedlak und der Schriftsetzer Orel mit, welch letzterer schon in verschiedenen Versammlungen wegen seiner äußerst radikalen Ausdruckswelse verprügelt worden ist. Es besteht der Plan, Abend für Abend kleine Versammlungen antisemitischen Charakters zu veranstalten, denen dann Straßenkrawalle folgen sollen. Die Behörden werden wahrscheinlich bereits in der nächste:: Zeit mit radikalen Maßnahmen gegen diesen Plan Vorgehen. Auch die Wiener Ententemissionen sind über den Charakter der angeblichen antisemitischen Krawalle genügend informiert worden. (Antisemitisches aus Tirol.) In der „Tiroktr Bauernzeitung" findet sich der nachstehende Aufruf des Landeshauptmannes Joses Schrasfl: „Behufs Anlage eines Judenkatasters werden alle Freunde des Landes dringenst gebeten, sofort ein genaues Verzeichnis aller im Hände eingenisteten Juden und Judenstämmlinge der Redaktion unseres Blattes zugehen zu lassen. Im Verzeichnis sind aufzuuehmen: alle Juden und Judenstäm'.nlinge, welche in Land und Stadt sich in der Sommerfrische befinden, Villen, Häuser, Industrien, Wasser- und Schurfkrüfte, Geschäfte und so fort erworben Haber: oder erwerben wollen, ferner alle jene Juden und Judenstämmlinge, die die Heimatberechtigung in Tirol angesucht oder erworben haben. Gleichzeitig sind auch alle Personen bekanutzugebeu, welche der: Juden im Lande irgendwelchen Vorschub geleistet haben oder leisten wollen." (Jüdische Sachverständige beim preußischen Kultusministerium.) Die Gleichstellung der jüdischen Konfession mit den christlichen Bekenntnissen kommt in Preußen fortan dadurch zum verwaltungsrechtlichen Ausdruck, daß die Angelegenheiten des Judentums nicht mehr den Ressort des Ministeriums des Innern '.lntersteherr, sondern im „Ministeriurn für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung" (Kultusministerium) bearbeitet werden. — Der Minister hat nunmehr zur Erstattung von Gutachten in jüdisch-religiösen Angelegenheiten Sachverständige bestellt, von denen anzunehmen ist, daß sie das Vertrauen der hauptsächlichen Richtungen im Judentum genießen. Als solche Sachverständige sind aus Vorschlag der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthoxen Judentums" und des „Verbandes der deutschen Juden" die Herren Rabbiner Dr. Munk und Justizrat Dr. Lilienthal, Berlin, berufen worden. Die beiden Sachverständigen sollen vor jeder wichtigen Entscheidung gehört werden. (Antisemitismus überall.) Unter dieser Ueberschrist schreibt die „Münchener Post": Wie man uns mittelst, wird innerhalb der Reichswehr — von wem wissen wir nicht — eine rege antisemitische Hetze betrieben. So werden in den Kasernen kleine Flugzettel in der Größe des bekannten — Wisches verbreitet, die vor: einem sogenannten „Deutschen Schutz- und Trutzbund" stammen. Wir denken, daß nach der Lektüre die Soldaten von den handlichen Papierchen den einzig logischen Gebrauch machen, richten aber das Ersuchen an die zuständigen Stellen, den antisemitischen Schmierfinken zu zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat, wenn sie aus Reinlichkeit ir: jeder Beziehung Wert legen. (Die deutsche Regierung gegen die Pogromhetze.) Das „Berliner Tageblatt" berichtet: „Die rücksichtslose Pogromhetze gewisser radikal-antisemitischer Kreise hat in jüngster Zeit die bedenklichsten Auswüchse gezeitigt und wiederholt zu Plünderungen und Zusammenstößen geführt. Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Verhetzung der Massen den zu dem Wiederaufbau und der Gesundung des Bolksgauzen dringend erforderlichen inneren Frieden ans das schwerste gefährdet. Der Staatskommissär für die Ueberwachnng der öffentlichen Ordnung hat sich daher gezwungen gesehen, diesem gefährlichen Treiben entgegenzutreteu. Es handelt sich dabei nicht um eine Behinderung legaler politischer Parteipropaganda, , wohl aber wird gegen jede Wühlarbeit, die offensichtlich müden Zweck verfolgt, die Leidenschaften der Massen aufzu-

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