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Jüdische Korrespondenz · 1919-09-23 · 35 (23.9.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
35 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 J&disehe Korrespondenz Nr. 35/86 reiches Memorandum über die Wünsche der litauischen Judenschaft zu unterbreiten. Dieses Memorandum, dessen Fassung ebenfalls einstimmig zur Annahme gelangte, wurde am 4. August in jüdischer und litauischer Sprache dem Ministerpräsidenten Dr. Slasevicius durch eine Deputation (Advokat Herr M. Levyn ausRossieni, RabbinerKahanower ausPoniewez, Herr Dr. Wolff aus Kowno und Herr Golder aus Wilkomir) unterbreitet) und in einer dreiviertelstündigen Besprechung erörtert. Der Ministerpräsident versprach, alle im Memorandum geäußerten Wünsche zu erwägen, und soweit es bis zur bevorstehenden Einberufung des Gründungs-Sejms (Konstituante) durchführbar sei, zu verwirklichen. Die Beratung, die sehr sachlich verlief, wird hoffentlich viel zur Belebung der nationalen Tätigkeit beitragen. Die piutim für Rosch haschana. Von Dr. Joseph Breuer. Im Verlag von Sänger £ Friedberg, Frankfurt a. M., erschien soeben eine Uebersetzung der Piutim für Rosch Haschana von Dr. Joseph Breuer, welche das Beste auf diesem Gebiete darstellt. Mit großer Sachkenntnis hat der Uebersetzer da gar oft spröden Text bemeistert und die Ueber« setzung dem Geiste des Originals wundervoll ängopaßt. Ein ganz besonderer Wert kommt den Erläuterungen zu. Wir lassen im nachstehenden das Geleitwort des Ueber« setzers folgen, eine eingehende Besprechung uns vorbehaltend. Als stolze, beredte Zeugen einer großen Zeit grüßen uns die Piutim. Danken wir der Halacha, die sie trotz mancher Bedenken zu einem festen Bestandteil unseres Gottesdienstes hat werden lassen. Wir möchten sie nicht missen. Sie singen von der unvergleichlichen Kraft und Ausdauer unseres Volkes, dem Stolz seiner in sich gefestigten Lebensanschauung, seinem von unverwüstlicher Hoffnung getragenen Idealismus, von Gott erfüllten Lebensmut uno seiner Gott geweihten Lebensführung. Solche Dokumente einer zurückliegenden Zeit tragen die ewige Mahnung für jede Gegenwart in sich, nicht zurück« zustehen hinter Errungenschaften, die unsere Väter mit ihrem Lebensdlut einst sich erkämpft. Es gilt das Erbe aufzugreifen, das sie uns vermacht, das Vermächtnis zu erfüllen, für dessen Verwirklichung sie sterbend ihre Enkel geweiht. Laßt uns nicht gleichgültig solchen Forderungen gegenüberstehen, nicht roh verschmähen, was die Väter mit ihrem Herzblut sich erworben. Mit unseren Vätern rüsten auch wir uns im Gebet für unsere gottgewollte Lebensaufgabe. Die Aufgabe ist die gleiche geblieben. Ewig jung tritt sie an redes neue Geschlecht heran und erwartet von ihn: immer erneute Lösung. Laßt uns nicht zurückstehen hinter unseren Vätern. Warum sollen wir nicht die Erben sein ihrer Kraft? Ihnen floß die Kraft aus dem Gebet. Denn das Gebet war ihnen Selbstläuterung, Bereicherung ihres Geistes, Stählung ihres Willens, Erquickung ihres Herzens und Erhebung ihres Gemütes durch den köstlichen Schatz göttlicher Wahrheiten und göttlicher Anschauung von Weltgeschehen und Menschengeschichte und Lebensberuf. Sie wußten, daß wir vor allem göttlichen Daseinsforderungen zu entsprechen und für sie immer von neuem uns zu weihen haben, wenn wir das Recht gewinnen sollen, mit unseren menschlichen Anliegen vor Gott hinzutreten. Erst wenn wir göttliche Lebensziele erkannt, unser Lebensweg göttlichem Willen auch entspricht, wir auch im Leben Gott uns weihen, ist Gott auch im Gebet uns nah und neigt unserem Flehen sein Ohr. Unsere Väter haben gelebt, denn sie haben zu beten verstanden, sie verstanden zu beten, denn sie wußten zu leben. Deshalb gewährte ihnen das tägliche Gebet auch den geheimnisvollen Schlüffe! zum Leben, trocknete das Sabbatgebct die Träne des Schmerzes, löste die Fesseln der Knechtschaft und verscheuchte die finsteren Schatten eines historischen Jammers. Und wie ihr Gebet die Tischobeawträne ihnen entlockte und selbstverschuldetes Unglück doppelt sie fühlen ließ, so wurde es ihnen auch zum beglückenden Boten der Gewißheit göttlicher Lenkung und Fürsorge, wenn es an den Zeitenstiftungen des jüdischen Jahres zur Besinnung und Prüfung, zur Weihe unö Heiligung, zum Vertrauen und zur Freude, zum Leben und zum Frieden sie lud. Im Gebet wurden die Väter zu Dichtern, deshalb wurde auch das Leben ihnen zum Gedicht. Peitanim nennt der alte Sprachgebrauch die Dichter, Piutim ihre Dichtungen. Sie quollen ihnen aus dem Gebet und schließen inhaltlich ihm sich an*. Insofern aber unsere Piutim * Damit erklären sich auch die üblichen Bezeichnungen der einzelnen Piutstücke. Die in Tefilla „eingefügten" Teile heißen „Keroboth" (s. Heidenheim, Einleitung), „Seder", die von der „Ordnung", der Bedeutung des Tages handeln, pi^D der „letzte", in der Regel zur Keduscha führende Abschnitt. Die Ausdrücke ,*T2>T stammen aus den entsprechenden Teilen des Schachrith-Gebets. Piutim zu Maarsiw sind in unser Machsor für Rosch Haschana nicht ausgenommen (s. hierüber Mahril zu n"i). dem tiefsten Verständnis für unsere Gebete ihre Entstehung verdanken und Männern aus der Feder flössen, denen im Gebete alle Momente gegenwärtig waren, für die es bereichernd und Leben spendend sich erweisen will, bilden sie jslber den herrlichsten Kommentar zu unseren Gebeten. „Sie sind allesamt nichts anderes, als vollendetere Ausführung der Tagesbedeutung und der aus ihr fürs Leben fließenden Gedanken. Aus dem Schatz jüdischer Wissenschaft ist dem- P'aiton der Tag nach seiner geschichtlichen nnd gesetzlichen Seite und nach den über Beides ausgesprochenen Ansichten unserer Chachomim gegenwärtig, und von ihm erfüllt tritt er uns bei den einzelnen Teilen des Gottesdienstes entgegen, den innewohnenden Begriff im Lichte der Tagesbedeutuna vollendend." (Choreb § 671.) Wenn wir die Piutim unserer Väter lesen, folgen wir beu Spuren, auf denen das Gebet ihnen zum Leben wurde. Denn aus ihnen pulst die Kraft, die das Leben gebar. Wer noch für dies Leben erglüht, für das kein Opfer zu groß ihnen schien, wird andächtig den Zeugen lauschen, die ihnen erzählen, wie die Väter zu beten verstanden. Wer noch Herz hat für seine jüdische Vergangenheit, wem die Großen seines Volkes nicht umsonst gelebt, wird nicht achtlos an ihren Piutim vorübergehen. Sie sind uns zum Teil fremd geworden. Sind uns vielleicht gar die Gefühle fremd, die aus ihren Dichtungen zu uns sprechen? Dann hedürfen wir ihrer dringender denn je. Sie haben aber in sie die Fülle halachischer und midraschischer Stoffe hineingearbeitei, und dunkel und schwer ist oft durch gedrängte Kürze ihre Sprache. Dürfen wir es aber unseren Dichtern verargen, wenn ihnen im Gebet die Wissenschaft und ihre reichen Schätze gegen« wärtig waren, zu denen das Gebet sie wies, und aus denen sie Verständnis für es sich holten? „Beneiden wir das Zeitalter, wo Jaakauws Erbteil, seine Wiffenschaft, also Gemeingut der Jaakauwsgemeinde war, ihr Geist also die Glieder durchdrang, daß wenigstens die bedeutendsten Tatsachen und gesetzlichen Begriffe, wie auch die fruchtbarsten Aussprüche der Chachomim, der Paiton heimisch in der Brust seiner Hörer voraussetzen konnte, und überall nur den Grundton anzuregen hatte, um vollen Akkord in seines Hörers Gemüt zu wecken." (Choreb das.) Zu schwer ist unsere Lebensaufgabe, zu heilig das große Erbe, das eine gewaltige Vergangenheit uns aufgetragen, zu groß die Verantwortung, die wir einem kommenden Geschlechts schuloen, als daß wir nicht glücklich und dankbar sein wollen, wenn zu uns und der Zukunft unserer Kinder die beredten Zungen der Väter reden. Sie dürfen nicht verstummen. Und wenn in vergangenen Jahrhunderten sich bisweilen auch Bedenken regten, die der Stellung oer Piutim in unseren Gebeten und ihrer oft i'chwierigen Sprache galten, es überwogen die Stimmen, die ihnen verehrende Anerkennung zollten, und die Halacha (Sch. A. 8 68. .90. 112. 619) hat ihnen in unseren Gebeten bleibende Stellung verliehen. An-uns liegt es, uns den Weg zum Verständnis der Piutim immer mehr zu bahnen. Die Vergangenheit hat vorgearbeitet. Einen Meforosch begleitet ältere Machsorausgaben und hat in der Quellenangabe für die den Piutim innewohnenden Gedanrengänge Beachtenswertes geleistet. Heidenheim hat auf seiner Grundlage weiter gearbeitet und zugleich durch eine korrekte Textausgabe sich bleibendes Verdienst erworben. Uebersetzungen haben versucht, der Schwierigkeiten Herr zu werden, die sich aus naheliegenden Gründen ihnen entgegenstellten. Mit unserem Versuch einer Uebersetzung und eines Kommentars der Piutim glauben wir, einen weiteren Beitrag zu ihrem besseren Verständnis zu bieten. Bei der Uebersetzung konnten naturgemäßdie Fülle des Akrostichon, der kunstvollen Reime, der Anklänge an "2“m und andere charakteristische Erscheinungen unserer Piutim nicht zur Geltung kommen. Wir glaubten aber auch für sie an dem Grundsatz scsthalten zu dürfen, daß eine möglichst wortgetreue Uebersetzung — wo immer nur angängig — dem Verständnis der Piutim am meisten dient. Der Kommentar hat zunächst die Uebersetzung zu rechtfertigen, begleitet den Paiton und sucht seinen Empfindungen und Gedanken nachzugehen und beschränkt sich, sowohl aus raumökonomischen Gründen als auch, um die leichte Lesbarkeit nicht zu rauben, aus notwendigsten Quellenhinweis. Wo er über bisherige Auffaffungen hinausgegangcn oder von ihnen abmeichen zu müssen glaubte, vertraut er einer milden Kritik und dem verständigen Urteil, das angesichts der großen Schwierigkeiten über Mängel, die unseren Versuchen wohl anhaften mögen, billig denken, und dem Verfasser das Recht nicht streitig machen wird, die Piutim unmittelbar auf sich wirken zu lassen. Das aber hat oft die Auffassung nicht unwesentlich beeinflußt. Mit der Uebersetzung von nicht allzu geläufigen Vokabeln, die den Text in Fußnoten übersichtlich begleiten, hoffen wir manchem Leser einen Dienst zu erweisen. Auch da mußten wir mit Quellenangaben sparsam sein. Nach diesen allgemeinen Erinnerungen erübrigt sich eine Charakteristik der in vorliegendem Band enthaltenen Piutim für Rosch Haschana- Der Mund der ältesten Piut-Dichter spricht zu uns* Ueber ein Jahrtausend ist verflossen, seitdem sie ihre lebenweckenden, von glühender Begeisterung getragenen Worte an ihr Volk gerichtet haben. Dichter« * Der erste Tag (Schachrith, Muffaf, auch die Keduscha) steht vor allem unter dem Zeichen des bedeutendsten Piutdichters, dessen Namen die rückhaltlose Verehrung eines Raschi, der Toffasoth die Weihe verliehen, seinen Dichtungen die Autorität halachischer Aussprüche zuerkennt: R. Elasar b. Jakob Kalir (über seine Lebensdaten fehlen sichere Anhaltspunkte). Dem zweiten Tag hat R. Schimeon b. Jizchak aus Mainz (10. Jahrhundert) seine goldene Feder geliehen.

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