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Jüdische Korrespondenz · 1919-09-23 · 35 (23.9.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
35 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 35/36 Jüdische Korrespondenz Seite 5 einen Brief der Warschauer Szlome Emune Jisroel überbracht der eine genaue Schilderung der kritischen Lage des polnischen Judentums enthält. Der Brief ist außer von Abgeordneten Rabbiner Halftern und dem Sekretär der Organisation auch vom Gerrer Wunderrabbi unterschrieben. Es verlautet, daß auch Abgeordneter Rabbiner Perlmutter demnächst nach London kommen soll. — In Amsterdam fand eine Plenarversammlung des Verbandes der holländischen Oberrabbiner statt, in welcher der Vorsitzende des Zentralbureaus der „Agudas Jisroel" iu Zürich, Doktor Leweustein, der, von Paris und London kommend, dort eingetroffen ist, über die derzeit im Vordergrund des Interesses stehenden öffentlichen jüdischen Angelegenheiten referierte. — Auf Einladung der litauischen „Agudas Jisroel" hat sich Dr. Nathan Birnbaum, Mitglied des Zentralburearls der Agudas Jisroel, Zürich, nach Litauen begeben. — Am 17. August hat in Jerusalem eine allgemeine Versammlung der Agudas Jisroel stattgefuuden. Rabbiner Fraenkel, der Führer des Waad Aschkenasi, eröffnete die Versammlurrg und legte die Aufgabe der Agudah dar. Der unlängst aus der Schweiz zurückgekehrte Rabbiner Slonim aus Jaffa, hielt ein ausführliches Referat über die Arbeiten der Agudah in der Diaspora und ihr Programm betreffs der zukünftigen Arbeit in Palästina. Zum provisorischen Präsidenten wurde Rabbiner Fraenkel gewählt. Alle Mitglieder der Histadruth Jeruscholaim sind der Agudas Jisroel beigetreten. — „The Sinaist", der seit drei Jahren zweimonatlich iu London herausgegeben wurde, erscheint nunmehr monatlich in vergrößertem Umfange und ist die einzige Zeitschrift, die überhaupt in englischer Sprache die Interessen der Orthodoxie vertritt. Im Juliheft gibt der Sekretär Harry A. Goodmann in einem „The Spirit of Sinai" betitelten Aufsatz nähere Aufklärung über die Ziele des „Sinai". Morgenthau insultiert. „Der Morgen" meldet: Von einem mit dem Ententezug Sonntag, den 14. September, abends in Wien eingetroffenen Reisenden erhalten wir folgende Mitteilung über einen bemerkenswerten Zwischenfall im Ententezug Warschau-Wien. Zu einem bei den Passagieren des Samstag abends von Warschau nach Wien abgegangenen Ententezuges vielbemerkten polnisch-amerikanischen Zwischenfall kam es Sonntag um halb 5 Uhr nachmittags an derdeutschösterreichisch-tschecho-slowakischen Grenze. In dem Zuge fuhr der amerikanische Gesandte Morgenthau, der gegenwärtig in Polen unter anderem im Aufträge der amerikanischen Regierung als Präsident der Untersuchungskommission über die dort vorgefallenen Pogrome fungiert. Während in Hohenau die Gepäcks- und Paßrevision vorgeuommen wurde, bildete sich um einen vor einem Waggon stehenden Herrn eine Gruppe, aus der Gesandter Morgenthau wüste Beschimpfungen und Drohrufe gegen die Juden vernahm. Gesandter Morgenthau mischte sich in das Reukoutre und nahm rügend gegen den Passagier, der sich in den Beschimpfungen gegen die Juden erging, Stellung. Daraufhin wurde dieser auch gegen den amerikanischen Gesandten, den er nicht kannte, ausfällig. Gesandter Morgenthau beauftragte bte ihm beigegebenen amerikanischen Offiziere, die Bahnhofwache zu holen, um den gegen die Juden in so ungehöriger Form Stellung nehmenden Herrn allenfalls an der weiteren Benützung des Ententezuges zu hindern. Nun legitimierte sich der zur Ausweisleistung angehaltene Herr als ein beglaubigtes Mitglied der polnischen Gesandschaft. Der amerikanische Geschäftsträger erklärte, daß er die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen, sondern beim Ministerpräsidenten Paderewski Beschwerde über das sonderbare Vorgehen eines reisenden Diplomaten führen werde. Der Ententezug setzte hierauf mit einer kleinen Verspätung seine Reise fort und langte iu Wien um 6 Uhr abends ein. Von anderer Seite wird der „Morgenzeitung" gemeldet: Ein Passagier der ersten Klasse erging sich während der « Revision in Schimpfereien gegen die Juden und bediente sich hiebei der denkbar gemeinsten Ausdrücke. Ein älterer Herr, der sich in-Begleitung eines mnerifanifc!jen Offiziers befand, gesellte^ sich zu der Gruppe und stellte den Schreienden zur Rede, worauf er in noch rüderer Weise von diesem beschimpft wurde. Der ältere Herr, der, wie sich herausstellte, Herr Morgenthau selbst war, veranlaßte sofort die Feststellung des Mannes durch die Volkswehr, was ungeheures Aufsehen er- ~ regte und Herrn Morgenthau große Ovationen seitens des reisenden Publikums eintrug. Bei der Aufnahme des Nationales stellte sich heraus, daß der Schimpfer der Ingenieur Julius Wagner, Leutnant der polnischen Armee und Mitglied der polnischen Gesandschaft ist. Herr Morgenthau wird dieser Angelegenheit noch bei der Wiener polnischen Gesandschaft nachgehen. — Diese Mitteilung wird uns von Kondukteuren des Zuges bestätigt. Von polnischer Seite wird versichert, daß der Betreffende kein Mitglied der polnischen Gesandtschaft ist. Vom jüdischen Leben in Litauen. Die „Jüdische Rundschau" meldet: Auf Einladung des Ministers für jüdische Angelegenheiten fand in Kowno vom 31. Juli bis 3. August 1919 eine Beratung statt, an der etwa dreißig Mitglieder von Gemeinderäten Kowuos und der benachbarten Kreisstädte teiluahmen. Die Beratung glaubte nicht, bindende Beschlüsse fassen zu dürfen, da sie von einer nicht genügenden Anzahl von Vertretern beschickt war, sondern regte nur an, daß, sobald in allen Gemeinden Litauens Gemeinderäte gewählt worden sind, ein Kongreß sämtlicher Gemeindevertreter durch den Minister für jüdische Angelegenheiten einberusen werden soll. Dr. Soloweitschik erstattete einen ausführlichen Bericht über seine Tätigkeit, und im Anschluß daran fand eine lebhafte Diskussion über Fragen des Schulwesens und der ökonomischen Lage des litauischen Judentums statt. Die Versammlung beauftragte den Minister, einen speziellen Rat stir die ökonomischen Fragen einzusetzen, der ein Programm entwerfen soll, wie die Produktivität der jüdischen ökonomischen Tätigkeit gehoben werden könne. Ueber die Schulfragen entspann sich im Anschluß an die Berichte Dr. Soloweitschiks und Dr. Deutschländers (Ministerialrat beim litauischen Unterrichtsministerium) eine lebhafte Diskussion, an der sich Vertreter der drei Hauptrichtungen, der orthodoxen, der hebräischen und der jidischstischen beteiligten. Folgende Resolution gelangte einstimmig zur Annahme: „1. Die Beratung bekundet ihren festen Willen, daß die jüdischen Volksschulen sich überall unter der Aufsicht der betreffenden Ortsgemeiuden befinden sollen. Jüdische Volksschulen, die auf Staatskosten unterhalten werden sollen, sollen ausschließlich auf Alttrag von Gemeinden errichtet werden. 2. Bis zu bem Zeitpunkt, zu dem ein Kongreß von Gemeindevertretern einberufen werden soll, der das Programm der jüdischen Schulen für ganz Litauen zu bestimmen haben wird, sind die Ortsgemeinden allein für das Programm wie auch für die Unterrichtssprache zuständig. — Die Beratung fordert von der Regierung, daß den jüdischen Schulen kein Programm außer einem obligatorischen staatlichen Minimum, aufgezwungen werden soll. 3. Die Beratung fordert den Minister für jüdische Angelegenheiten auf, eine gemischte Kommission einzusetzen, welche beauftragt werden soll, sämtliche von der Regierung ausgearbeitete Schulprojekte zu prüfen, um sie mit den oben genannten Anforderungen in Einklang zu bringen." In einer der Sitzungen wurde auch von allen Seiten anerkannt, daß die litauische innere Anleihe von allen Schichten der Bevölkerung tatkräftig zu unterstützen sei. Diese Sitzung wurde vom Finanzminister Herrn I. Wiletschis besucht, und im Anschluß an seine Worte, die zur Zeichnung der Anleihe aufforderten, entspann sich eine bedeutungsvolle politische Diskussion, die viel zur Klärung der litauisch-jüdischen Beziehungen beigetragen hat. Es wurde ferner beschlossen, eine Deputation! an den Ministerpräsidenten zu entsenden, und ihm ein umfang-

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