Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 35 (23.9.1919)
- Date
- 1919-09-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 38/36 Rücksicht auf den kurzen Zeitraum und den Mangel entsprechender Transportmittel nicht aufrecht erhalten lassen wird. Dr.Henzel verlangte ferner mit Nachdruck die sofortige Freigabe des beschlagnahmten Vermögens der polnischen Staatsangehörigen und wies darauf hin, daß diese Beschlagnahme das Haupthindernis der Abreise der polnischen Staatsangehörigen aus Wien bildet. Sekttonschef Jppen versprach, den Protest der polnischen Gesandtschaft der deutschösterreichischen Regierung vorzulegen. Die ukrainische Gesandschaft hat an das deutschösterreichische Staatsamt des Äußern eine Note gerichtet, in der es heißt: „Die ukrainischen Staatsangehörigen, die sich auf dem Gebiete von Deutschösterreich aufhalten, sind durchwegs politische Flüchtlinge, welche bei Rückkehr in ihre Heimat nicht nur, wie in es obzitierter Kundmachung heißt, nicht billiger und reichlicher verpflegt werden könnten, sondern wie Tausende ihrer Konnationalen in verseuchten Kerkern ihr Leben verbringen müßten. Eine Entlastung des deutschösterreichischen Arbeitsmarktes und eine Herabminderung der Zahl der Arbeitslosen, welches das Hauptmotiv obzitierter Kundmachung bilden, trifft auch im Falle der Ausweisung ukrainischer Staatsbürger nicht zu, da diese politischen Flüchtlinge zumeist den intellektuellen Ständen angehören und ihre Versorgung durch die ukrainische Gesandtschaft erfolgt. Die Gesandtschaft ersucht das Staatsamt des Aeußern, bei dem deutschösterreichischen Staatsamt des Innern in dem Sinne vorstellig werden zu wollen, daß die „ganz besonders berücksichtigungswürdigen Umstände", die in der mehrfach zitierten Kundmachung als Ausnahme von der Ausweisung ausgenommen sind im allgemeinen anerkannt werden möchten." Der ehemalige Minister für Galizien, Dr. Julius Tw ard o w s k i, nahm in einer Unterredung mit einem Vertreter der „Neuen Freien Presse" sehr scharf gegen das Altsweisungsgesetz Stellung. Besonders bemerkenswert waren die Aeußerungen Dr. Twardowskis, der jetzt Bevollmächtigter der polnischen Liquidierungsämter ist, über die Flüchtlinge. Dr. Twardowski erklärte: „Durch die von der niederösterreichischen Landesregierung an die hier weilenden Fremden ergangene, auffallend kurz befristete Aufforderung, das deutschösterreichische Staatsgebiet bis zum 20. September zu verlassen, werden, soweit Polen in Betracht kommt, hauptsächlich Menschen betroffen, die wahrlich nicht aus fteien Stücken die Fremde aufsuchten, sondern infolge der kriegerischen Ereignisse gezwungen waren, die Heimat zu verlassen. In den westlichen Teilen der alten Monarchie, die von den Kriegsgreueln verschont blieben, haben die galizischen Flüchtlinge ehrliche Arbeit gesucht und Gott sei dank, vielfach auch gefunden und damit der österreichischen Wirtschaft manch' wertvollen Dienst geleistet. Und doch hört man so oft — und dies auch von sonst vorurteilslosen Persönlichkeiten — daß es sich bei den galizischen Flüchtlingen fast durchwegs um Schmarotzer handle, die, durch die staatliche Unterstützung, die ihnen gewährt wurde, verwöhnt, wirklicher Arbeit scheu aus dem Wege gehen. Nichts unrichtiger als das! Keines der vielen über die galizischen Kriegsopfer verbreiteten Märchen entbehrt der realen Grundlage so sehr wie gerade diese Behauptung, der nicht oft und genug energisch entgegengetreten werden kann, damit die Welt nicht ein falsches Bild über den Zustand erhalte, in dem sich der überwiegend größte Teil der Flüchtlinge aus Galizien in Wirklichkeit befindet. Handelt es sich doch in erster Linie um arbeitende Menschen, vornehmlich um kleine Leute und arme Juden, die froh sind, dem Kampfe ums nackte Dasein die primitivsten Mittel zur Erhaltung ihrer und ihrer Familien Existenz abzuringen. Wenn man einen Blick in die Behausung so mancher Kriegsflüchtlinge wirft, muß auch das härteste Gemüt erweichen vor dem Jammer und dem Elend, das einem da entgegenstarrt. Wie grausam, diese gedrückten Menschen in einem Atem zu nennen mit jenen Emporkömmlingen, die die Ringstraßenhotels bevölkern und den Etablissements der Lebewelt ein so eigenartiges Gepräge geben!" Das wanne Eintreten Dr. Twardowskis für die Flüchtlinge hat in allen jüdischen Kreisen lebhafte Anerkennung gefunden. Dr. Twardowski erhielt viele Dankes- und Anerkennungsschreiben. Es ist zu erwarten, daß die maßgebenden deutschösterreichischen Amtsstellen ein Einsehen haben und von einer drakonischen Durchführung des Erlasses absehen werden. Es hat kein Jude etwas dageDn, daß Schädlinge, Preistreiber, Schleichhändler, Hasardeure usw. — leider gibt es auch solche Juden — ausgewiesen werden, aber die ehrlichen Elemente sollten darunter nicht leiden. Schließlich hat das Gros der Flüchtlinge keine anderen Wünsche als nach Hause zurückkehren zu können, sobald die Verhältnisse an Ort und Stelle dies zulassen werden. Die galizische „Agudas Jisroel" in Wien hat an die polnische Gesandtschaft folgende Zuschrift gerichtet: Die ergebenst Gefertigten, im Namen der hierorts weilenden galizischen Flüchtlinge, danken ebenso ergebenst als innig für den prompten Protest gegen die drakonische Ausweisungsmaßregel. Bei dem Umstande, als, wie der hohen Gesandtschaft bekannt sein dürfte, Tausende Galizianer sich um die Heimreise bemühen, ohne Fahrgelegenheit erreichen zu können, ist der vorgeschriebene Termin überhaupt auch nicht im kleinsten Teile ausführbar und muß ein viel längerer Termin anberaumt werden. Der ganze Effekt kann nur der sein, daß ab 20. d. M. die unglücklichen Kriegsopfer, die seit fünf Jahren hier vegetieren, endlosen Schikanen ausgesetztsein werden, die sich, da nicht alle subalternen Organe Elitemenschen sind, oft in unerträglicher Weise geltend machen werden. Wir erlauben uns ergebenst die Bitte zu stellen, eine hohe Gesandtschaft wolle mit der hohen deutschösterreichischen Regierung ein Abkommen treffen, daß alle jene, die sich zur Abfahrt melden, eine Be-, stätigung erhalten, die als Legitimation dient, daß die Partei bis zur Zuweisung der Fahrtgelegenheit unbehelligt zu bleiben das Recht hat. Wir bitten noch ganz besonders, erwirken zu wollen, daß die Juden zumindest bis nach den Feiertagen, das ist bis 19. Oktober, hier verbleiben dürfen, da die Reise und das Heimkehren, ohne Vorbereitung für Obdach die höchste Gewissenspein bedeutet. Auch stellen wir noch die ergebene Bitte, bezüglich der Heimbeförderung von Juden zu veranlassen, daß Juden in geschlossener Gelegenheit anfangs der Wochen abtranspvrtiert werden, um am Sabbat nicht fahren zu müssen, respektive daß solche Züge Samstag stationieren. Eine hohe Gesandtschaft übt hiemit einen Akt der wahren Menschenliebe und erwirbt unsere unauslöschliche Dankbarkeit. Auch der jüdische Nationalrat intervenierte zugunsten der Flüchtlinge. Der polnische Gesandte Dr. Szarota appellierte in der „Neuen Freien Presse" an die Wiener zugunsten der Flüchtlinge. Wie er einer Deputation mitteilte, habe ihm Staatskanzler Dr. Renner versichert, daß eine massenhafte Repatrierung der Flüchtlinge nicht vor dem 1. November einsetzen werde. _ von der Agudas Jisroel. Ein soeben aus Paris in Zürich eingetroffener Gewährsmann teilt der „Jüdischen Preßzentrale Zürich" mit: Der Vorsitzende des „Zentralbureans der Agudas Jisroel Zürich", Herr Oberrabbiner Dr. Th. Lewenstein hat als einziger Vertreter der politischen Kommission der „Agudas Jisroel" in Paris geweilt und mit Nahum Sokolow vertrauliche Verhandlungen gepflogen. Die anderen beiden Mitglieder der politischen Kommission der Agudas Jisroel, die Herren Oberrabbiner Prof. Dr. Margulies aus Florenz und Oberrabbiner Schapiro aus Kowno, waren verhindert an den Pariser Verhandlungen teilzunehmen. Bei der Unterredung soll es sich vor allem darum gehandelt haben, eine Verständigung für eine eventuelle gemeinsame Arbeit in Palästina herbeizuführen. Dr. Levenstein hat sich von Paris nach Holland begeben. — Laut einem Berichte der Londoner „Jewish Times" werden jetzt Versuche unternommen, die Agudas Jisroel mit dem Misrachi zu vereinigen, um so eine Einigung aller orthodoxen Juden herbeizuführen. In London verlautet, daß die Aussichten für eine Einigung günstig seien. Aus Holland ist das Vorstandsmitglied der Agudah, Herr Spiro aus Scheveningen, nach London gekommen und hat Rabbiner Dr. Joung