Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 35 (23.9.1919)
- Date
- 1919-09-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35/36 Seite 3 Jüdische Korrespondenz Die Konstituierung der Orthodoxie in der Slowakei auf bestehender Basis wurde mit größter Begeisterung zur Kenntnis genommen. Die Orthodoxie hat bei ihrer denkwürdigen Versammlung in Preßburg ihrem Lebenswillen in solch erhebender Form Ausdruck verliehen, daß für die Zukunft nicht nur die Aufrechterhaltung des Bestehenden, sondern auch eine be- | deutende Stärke und kräftige Entwicklung und Vertiefung des orthodoxen Gedankens zn erwarten ist. Erster Tag. — Vormittag. Die Beratungen werden durch eine herzliche Begrüßung seitens des Herrn Oberrabbiners Schreiber (Preßburg) eröffnet, in welcher er ans die Wichtigkeit des Delegiertentages hinweist, dessen Tagesordnung die Lebensfragen der Orthodoxie berühre. Er betont die Notwendigkeit des Zusammenschlusses aller Gesetzestreuen und erklärt es als unsere Aufgabe, das Bollwerk des Judentums — die Orthodoxie — zu festigen. Er erklärt ferner, daß wir uns auf Basis der alten Autonomie als autonome Körperschaft konstituieren müssen. Zur Tagesordnung übergehend, legt Oberrabbiner Schreiber das Mandat des provisorischen Vollzugsausschusses zuhanden des Delegiertentages zurück. Es folgt die Wahl eines Präsidium zur Leitung der Verhandlungen. Es wurden gewühlt: die Oberrabbiner aus Preßburg, Neutra, Kaschau, die Baalbattim Krauß (Preßburg), Steiner (Neutra), Härtmann (Eperjes), Scharmann (Kaschau). Im Namen des zurücktretenden, provisorischen Vollzugsausschusses erstattet Delegierter Herrn. Steiner das Referat über die geleistete Arbeit. Er wirft einen Rückblick auf die Vorgeschichte des heutigen Delegiertentages, gedenkt der Poprader Besprechungen, au welchen noch der Hundsdorfer Gaon teilgenommen und dessen Arbeitseinteilung für uns richtunggebend sei. Er erwähnt die denkwürdige Versammlung am 23. Juli, in welcher die Vertreter der größten Gemeinden die Konstituierung der Orthodoxie ausgesprochen und berichtete dann kurz über die Ausarbeitung der Statuten, Aufstellung des Bureaus, über Presse und über Schulfragen. Nach diesem Referate spricht der Delegiertentag die Konstituierung der Orthodoxie in der Slowakei als autonome Körperschaft in feierlichster Weise aus und dankt dem Vollzugsausschuß für seine eifrige Tätigkeit. Oberrabbiner Spitzer (Kirchdrauf) erstattet das Referat über den Statutenentwurf. Der Entwurf wird einer besonderen Kommission zugewiesen. Vor der Wahl der Statutenkommission übernimmt Oberrabbiner Katz (Neutra) den Vorsitz. Es wird eine Kommission, bestehend aus 4 Rabbinern und 5 Baalbattim, entsendet, und zwar die Oberrabbiner aus Dunaszerdahely, Bülovkeszi, Berzeviee, Pistyün; die Baalbattim Dr. Herzog (Golgöcz), Gelley (Tapolcsany),Breuer (Kerdahely), Adler (Neutra), Brody (Kassa). Nachmittags halb 4 Uhr. Oberrabbiner Schreiber (Preßburg) eröffnet die Sitzung. Es folgt als 6. Punkt der Tagesordnung die Wahl der Kandidierungskommission. welche die Wahl der Landesrepräsentanz und des Präsidiums vorzubereiten hat. Die Wahl der Kommission erfolgt mittelst Stimmzettels. Während des Skrutiniums hält Markus Ungar (Prag), der als Gast den Beratungen beiwohnte, mit Erlaubnis der Delegiertenversammlung in Verbindung mit Punkts 7 (Beratung behufs Gründung eines Talmud Thora-, Jeschiwah- und Gemeindebeamtenpensionsfonds) einen Bericht über gewisse Beschlüsse der Friedenskonferenz, welche mit den jüdischen Fragen im Zusammenhang stehen und über Versprechungen der amerikanischen Hilfskommission. Der Vorsitzende dankt für die Ausführungen des Redners. Bei der Frage des Pensionssondes entwickelt sich eine lebhafte Debatte, nach welcher dann einstimmig der Beschluß gefaßt wird, daß die zu wählende Landesrepräsentanz binnen 3 Monaten zu dieser Frage Stellung nehme und in den Statuten bestimme, in welcher Weise die einzelnen Gemeinden zu dem zu gründenden Pensionsfonds beitragen sollen. Delegierter Steiner > (Neutra) berichtet sodann über das Ergebnis der Wahlen irr die Kandidiernngskornrnission. Es erscheinen als geN'ählt: die Oberrabbiuer aus Preßburg, Nagymegyer, Tyrnau, Galauta (Seidl); die Baalbattim Ungar (Preßburg), Ehrenfeld (Surany), Binet (Neuhäusel), Scharmann (Kaschau), Weiß (Neutra). Der Präses schließt die Sitzung mit der Mitteilung, daß die Kandidierungskommission noch am selben Abend ihre Tätigkeit beginne. (Schluß folgt.) Die Ausweisung deo Flüchtlinge aus Wien. Mittwoch, den 10. September, wurden die in Wien weilenden Flüchtlinge durch einen Erlaß der Landesregierung überrascht, der nach einer Schilderung der Ernährungs- und Wohnungskalamitäten in Wien folgendes besagt: lieber Weisung des deutschösterreichischen Ätaatsamtes für Inneres und Unterricht, welches von der Staatsregierung mit der Durchführung dieser Aktion betraut wurde, werden hiermit alle ehemaligen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie, welche nicht in einer Gemeinde Deutschösterreichs heimatsberechtigt sind, sofern sie sich nicht bereits vor dem 1. August 19U in Deutschösterreich dauernd aufgehalten haben, aufgefordert, sich bis 20. September aus dem deutschösterreichischen Staatsgebiet zit entfernen. Gegen Personen, welche bis zu diesem Tage der Aufforderung nicht Folge geleistet haben, wird unnachsichtlich mit der Abschaffung im Sinne des Gesetzes vom 27. Juli 1871, R.-G.-Bl. dir. 88, vorgegangen werden. Ausnahmsweise kann einzelnen Personen, deren Aufenthalt in Deutschösterreich im öffentlichen Interesse gelegen ist oder welche seit längerer Zeit in Deutschösterreich in einer dauernden Arbeitsstelluug sind oder bei welchen ganz besonders berücksichtigungswürdige Umstände, wie namentlich schwere Krankheit, vorliegen, über schriftliches Ansuchen von der staatlichen Polizeibehörde ihres Aufenthaltsortes der Aufenthalt für die Dauer des unbedingten Bedarfes gestattet werden. Der Flüchtlinge bemächtigte sich großer Schrecken. Abgesehen davon, daß der ihnen zur Verfügung gestellte Termin von zehn Tagen kaum hinreichen konnte, die Vorbereitungen zur Abreise zu treffen, sind die Verhältnisse in Galizien noch immer keine solchen, daß sie die Rückkehr gestatten. Die Aufregung machte sich überall kund und fast die gesamte Wiener liberale Presse kritisierte die Verordnung überaus scharf. Um den ungünstigen Eindruck des Erlaßes etwas abzuschwächen, erschien tags darauf folgende Mitteilung: „Laut Kundmachung der niederösterreichischen Landesregierung vom 0. September 1919 Eann jenen ehemaligen Angehörigen der österreichisch-ungarischen Monarchie, welche das deutschösterreichische Staatsgebiet bis zum 20. September verlassen müssen, ausnahmsweise der Aufenthalt in Deutschösterreich für die Dauer des unumgänglichen Bedarfes gestattet werden, wenn ihr Aufenthalt im öffentlichen Interesse gelegen ist, wenn sie sich seit längerer Zeit in Deutschösterreich in einer dauernden Arbeitsstellung besindeu oder wenn sonst ganz besonders berücksichttgungswiirdige Umstände, wie namentlich schwere Krankheit, vorliegen. Die Gesuche um diese Aufenthaltsbewilligung, welche mit einem 2-Kronenstempel versehet: sein müssen, sind beim Domizilskommissariat des Gesuchstellers zu überreichen und haben alle Nachweise für die Notwendigkeit deS weiteren Aufenthaltes in Wien zu enthalten. Die Erledigung der Gesuche wird schriftlich erfolgen." Aber auch diese Erleichterung beruhigte die aufgeregten Gemüter nur wenig. Das Verlangen ist allgemein, daß zunächst der Termin verlängert werde, um so mehr, als die hohen Feiertage vor der Türe stehen. Es wäre geradezu unerhört, wenn man die in der Regel strenggläubigen Flüchtlinge zwingen wollte, während der Feiertage auf der Reise zu sein oder irgendwo in Galizien ohne Obdach zu bleiben. Die Polnische Preßagentur meldet: Im Namen der Wiener polnischen Gesandtschaft erschien der Legatiousrat Dr. Marian Henzel im deutschösterreichischen Staatsamte für Aeußeres und legte einen energischen Protest gegen die Ausweisungsverfügung der niederösterreichischen Landesregierung ein. Der Protest richtet sich gegen den Inhalt der Verordnung, welche die polnischen Staatsangehörigen und besonders die arme jüdische Bevölkerung trifft, sowie geg-".: de:: Termin, welcher sich m'u