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Jüdische Korrespondenz · 1919-09-23 · 35 (23.9.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
35 (23.9.1919)
Date
1919-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 35/86 um einen blitzentflammten Altar: „Der Ewige ist -Gott! Der Ewige ist Gott!" Nie wieder gab es einen solchen Kampf in Israel, nie wieder wurde das Entweder — Oder des Glaubens so gewaltsam ausgefochten. Elia war ein Prophet der Unbedingtheit, ein Manu, der keine Ausnahmen kannte und keine Zugeständnisse machte. Ihm war sein Entweder — Oder eine heilige Sache, für die er leben und sterben wollte: „Wie lange wollt ihr hinken auf beiden Seiten? Wenn der Ewige Gott ist, .so wandelt ihm nach, wenn aber Baal, so wandelt ihm nach!" Das war die Predigt, die er dem verstummenden Volke zurief. Kurz und gewaltig. Das ist auch die Predigt, die wir Juden am „Tage des Gedenkens" hören sollten. Denn auch er stellt uns vor ein Entweder — Oder. Er ruft uns zur Reue. Es ist gut, daß einmal eine Stunde der Unbedingtheit zu uns spricht. Uns vor eine Entscheidung stellt, vor ein klares Ja und Nein. Denn nur dadurch, nur durch die unbedingte sittliche Forderung, die uns entgegentritt, können unsere Augen geöffnet werden für die bittere aber notwendige Erkenntnis, daß wir Menschen des Wenn und Aber sind, schwankende, schwächliche Wesen. Die Fülle des Neujahrtages lehrt uns, mit wie schalen Neigen wir uns begnügen, seine Ganzheit macht uns endlich einmal klar, wie zerstückt und halb wir sind, halb in unserer Liebe, halb in unserer Güte, im Besten, was wir in uns tragen, immer nur halb. Wir schauen rüawärts ins vergangene Jahr: Wie war's mit unserer Liebe und Güte? Wir haben sie gespendet wie Almosen: knapp und selten. Wie mit unserer Redlichkeit und Gerechtigkeit? Wir waren gewiß keine Betrüger, sicher keine Verleumder, aber die kleinen Kotspritzer von Betrug und Verleumdung, die 'niemand sieht, sind doch unter unfern Rädern hervorgekommen. Niemals ganz schlecht, sind wir doch auch niemals ganz gut gewesen. Es war nichts Volles an uns, nichts Hohes, nichts Begeistertes in unseren Gefühlen. Wir hinkten nach beiden Seiten. Und da mag auch manch einer am Neujahrstage vor Gott erscheinen mit einer lahmen Reue, die zwischen Zwar und Aber scheidet. Die wohl gern dies und jenes zugibt, aber weit entfernt ist, das liebe Leben einmal gründlich durchzurütteln. Und doch gestattet uns dieser Tag der Demut nur einen Weg, und der ist gerade; anerkennt nur einen Menschen: den, der «in ganzes Herz zu ihm bringt. Er verlangt, daß die Seele sich demütige bis zur Erniedrigung, damit sie endlich einmal lerne, was sie in besseren Tagen nicht lernen wollte: Was es heißt, sich hinzugeben an einen Gedanken, restlos aufzugehen in einer Empfindung, einern^ Wissen. Es^ ist ein erschütterndes Wissen zwar, das Wissen von der Schwäche unseres Willens, die Erkenntnis unserer menschlichen Haltlosigkeit. Wer aber dieses Wissen, dieses Tages Erkenntnisse recht erlebt, der wird in der Erniedrigung seiner Seele vielleicht eine Erhöhung finden. Der wird die Begnadung bald verspüren, die darin liegt, einmal ein ganzes, ungeteiltes Herz zu haben, der wird, wie er ganz ist in seiner Reue, es versuchen, ganz zu werden in seiner Liebe, ganz in seiner Redlichkeit, in Wahrheit und Treue ganz. Und das wäre eine würdige Feier dieses Festes. Wie lange wollt ihr hinken auf beiden Seiten? Gilt das nicht auch für uns als Juden? Es läßt sich nicht leugnen: Unserem Judentum fehlt heute bei vielem alles Fortreißende. Nicht, daß wir nicht den guten Willen hätten, unserem Volke und unserer Religion zu dienen, wie es in unseren Kräften steht. Ich will gern zugeben, daß, abgesehen von den einzelnen Schwächlingen, die sich ihres Judentums schämen und ängstigen, die meisten unter uns ganz zufrieden sind, zur alten Fahne Judas zu gehören. Aber soll denn das genügen? Soll es genügen, daß man im gegebenen Falle als Jude nicht versagt, daß man neben den zahlreichen Interessen, die dem modernen Leben gewidmet sind, auch einen kleinen Winkel seines Herzens sozusagen für sein Judentum reserviert hat? Genügt es, ein Auch-Jude, ein Nebenber-Jude zu sein, der sich immer erst erinnern muß, daß er einer ist? Oder der erst durch ein böses Wort zum Judentum aufgerüttelt werden muß? Soll es nicht mehr möglich sein, daß einer einmal hintritt in der Ueberfülle seines Herzens und spricht: Judentum, laß micb versinken in aller deiner Herrlichkeit! Soll unsere alte tausendjährige Kultur nicht mehr die Kraft haben, uns ganz zu beherrschen, uns Welt- und Lebensanschanung zu sein? Ein fester Grund in dieser Zeit, wo alle Werte schwankend, d. h. wertlos für unser Inneres sind? Wenn unserem Feste auch dieses gelänge, uns zu überzeugen, daß es nichts Göttlicheres gibt, als aufzugehen in einer großer: Idee, ihr zu dienen um jeden Preis, und daß für uns diese Idee inmitten der schwankenden Gestalten, der verworrenen Richturrgen, der verzerrten Bildungsgötzen um uns nur in dern alten ewigen Erbe liegen kann, das nur mit seinen sittlichen alle Zeit überdauerden Forderungen von unseren Vätern überkommen ist, das wäre herrlich; berauschend wäre das! - Was der Neujahrstag verlangt, ist gewiß kein Zuviel, ist einfach, daß das Wort Jrrde nicht bloß eine Phrase für uns bedeute, sondern einen Sinn bekomme für uns und durch uns, nicht bloß ein guter Wille sei, sondern eine sittliche Tat. Mitgefühl mit einer Gesamtheit! Mitarbeit an ihrem Werke! Das ist's. Keiner hat das Recht sich zu entziehen, keiner das Recht zu sagen: Es geht auch ohne mich! Nein, es geht nicht ohne dich! Ein Kopf und ein Herz sind Millionen wert. Gleichviel auf welchen Schultern der Kopf sitzt, in welcher Brust das Herz schlägt. Wenn nur jeder sich bewußt werden wollte, wie unentbehrlich er ist in einer Gemeinschaft wie der unseren. Und wie' groß der Gewinn für ihn selbst, wenn er bereit wäre, einzustehen mit seiner Person, nicht bloß mit seinen Worten,; sondern mit seiner ganzen Person für diese Gemeinschaft, zur Stelle sein, wenn man ihn ruft, und durch seine Gegenwart bei allem, was die Gesamtheit betrifft, diese Gemeinschaft erst im höheren Sinne schaffen zu helfen. Wie lange wollt ihr hinken auf beiden Seiten? Ihr habt ja die Erkenntnis, daß nicht der Baal „Moderne Bildung", nicht der Baal „Geld" euer Gott sein, euer Leben ausfüllen darf, sondern einzig, der von Ewigkeit zu Ewigkeit über uns waltet in seiner Macht. So dienet ihm! Mit ganzem Herzen, ganzer Seele, ganzer Kraft! Lautlos stehen wir am Neujahrstage vor Gott wie einst das Volk am Berge Karmel vor Elia. stand. Hört nicht auf die Baalspfaffen, die um den Altar ihrer Zeit- und Modegötzen herumspringen und doch kein Feuer vom Himmel holen, sondern nichts als Nervenkitzel und nachfolgende Hohlheit! Hört auf das schlichte Gebet des Elia, der das ewig Bleibende erkannt im Wechsel der Idole, und der nur die Glut seiner Seele zum Himmel zu senden brauchte, um den Blitz herunterzureißen, der sein Opfer entzündete. Feuer vom Himmel! Wißt ihr, was das heißt? — Daß die Herzen einmal wieder in Brand geraten, die stumpfen Judenherzen in Flammen, Flammen der Liebe für das jüdische Volk, Flammen der Begeisterung für die große Sache, daß die Hunderte, die Tausende niederstürzen in aller Welt, mit dem glühenden Bekenntnis auf den Lippen: Der Ewige ist Gott! Der Ewige ist Gott! Delegiertentag der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei. (Originalbericht.) Preßburg, 15. September. Der Delegierten tag der orthodoxen Juden in der Slowakei hat am 9. und 10. September 1919 in Preßburg unter regster Beteiligung der orthodoxen Gemeinden stattgefunden; 58 Mutter-. gemeinden, und mehr als 300 Filialgemeinden waren durch 40 Rabbiner und 70 Delegierte vertreten. Aus der Ostslowakei konnten sehr viele Delegierte wegen Verkehrshindernisse nicht erscheinen, doch ließ ein sehr großer Teil' dieser Gemeinden durch einzelne Delegierte — denen es trotz riesiger Schwierigkeiten gelungen war, persönlich zu erscheinen — und auch auf telegraphischem und schriftlichem Wege seine Zustimmung zu den Beschlüsse:: des Delegiertentages erklären. Die Delegiertenversammlung, welche zwei volle Tage dauerte, hat alle an die Zusammenkunft der Rabbiner und Führer der en-tbodoren Inden in der Slowakei geknüpften Haffnnna/n erfüllt.

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