Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 34 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 34 Rabbiner-Wahlen. Wr.-Ncnftadt. Mit der einstimmigen Wahl des Herrn Dr. Jakob Hoffmann zum Rabbiner unserer Gemeinde hat die gesetzestreue Sache vollen Erfolg aufzuweisen. Allerdings hat die Persönlichkeit des unseren Lesern wohlbekannten Herrn Dr. Jakob Hoffmann den Verfechtern der Gesetzestreue die Arbeit erleichtert. Wir freuen uns und hoffen, daß diese Wahl eine Kursänderung für Deutschösterreich bedeutet. Es haben die Vorsteher nicht -selbstherrisch entschieden, sondern der Gesinnung der Mehrheit, die gesetzestreu ist, Rechnung getragen. Dr. Hoffmann hat im vorhinein Bedingungen gestellt, unter welchen er nur die Stelle anzunehmen bereit wäre. Er hat auch seine Probepredigt nicht im Tempel selbst gehalten, weil vorläufig die baulichen Umänderungen nicht durchgeführt sind, die vom gesetzestreuen Standpunkte gefordert werden müssen. Es ist mit Bestimmtheit zu erwarten, daß unter Rabb. Dr. Hoffmann, der in allen seinen früheren Wirkungskreisen, Bethaus-Montefiore, Wien H., Kostet, Mähren, Radautz, Bukowina, erfolgreich wirkte, Wr.-Neustadt wieder ein Mokaunl Tauro und eine echte Kehillo werden wird, so daß an die Aera des Rabbi Jsroel Jsserlein angeknüpft werden kann. Den Wr.-Neustädter Gesetzestreuen ist der Erfolg zu gönnen, da sie einen zähen Kampf zur Erreichung ihrer Forderungen führten. Nikolsburg. Die durch den Rücktritt des Herrn Rabbiner Dr. Lewin sreigewordene Stelle des Rabbiners unserer Gemeinde wurde neuerlich besetzt. Die Wahl fiel auf Herrn Dr. Alfred Willmann, einen gebürtigen Wiener, der wohl ein Zögling des Rabbiner-Seminars, dennoch von streng religiöser Gesinnung ist und den Beruf eines Rabbiners sehr ernst nimmt. Diese Wahl kann als Zeichen der Zeit, als Orientierung nach rechts, gedeutet werden. Es ist bestimmt anzunehmen, daß Dr. Willmann, der Schabbos Schauftim seine Stelle antritt, als entschiedener Gegner der Reform und in echtem Thorageiste wirken wird. Boskotvitz. Der den Lesern dieses Blattes wohlbekannte Rabbiner in Strakonitz, Dr. Ezechiel Landau, wurde zum Rabbiner unserer Gemeinde gewählt. Sein ernster Wille wird hoffentlich in unserer Gemeinde, in der die größten Talmud- Koryphäen wirkten, und in der, seit Abgang des Dr. Funk, das religiöse Leben zu versumpfen drohte, den Geist der Thauroh wieder beleben. Möge ihm vergönnt sein, vollsten Erfolg im Dienste des Thauroh zu erzielen. -i- Der notorische Umstand, daß für das frühere Westösterreich, mit Ausnahme von Wien,'wo die Orthodoxie ihre eigenen Bethäuser besitzt, nur Rabbiner im Gewände westlicher Kultur heilsamen Einfluß im echt jüdischen Sinne ausüben können, macht es den Gemeinden, wo, wie im alten Ungarn und Galizien, die Orthodoxie noch die große Majorität bildet, zur Pflicht, bei der Wahl von Rabbinern nur Gedaule Thauroh zu wählen. Ist doch unter d^n vorgenannten drei Rabbinern nur ein einziger Vorzugsschüler einer Jeschiwah, und zwar der alten berühmten Preßburger Jeschiwah. Zur Erweckung des jüdischen Gefühls, zur Anfachung des Funkens von Jüdischkeit, ist in den modernen Gemeinden das moderne Gewand nötig. Zur Erhaltung und Wiederbelebung des Thaurohstudiums, dieses Urquells des jüdischen Lebens, kommen nur Gedaule Thauroh in Betracht. Samson Rafael Hirsch, dieser Granitblock im Kampfe gegen die Reform, wurde ein Dezennium nach seinem Amtsantritt in Frankfurt a. M. von einem ungarischen Gaon gefragt, ob sich in Frankfurt nichts für Thaurohlernen tun lasse. „Lieber Freund — war seine Antwort, — ich muß vorerst aus ganz entjudeten Volksgenossen Juden machen. Wird mir dies gelungen sein, werde ich aus Juden Lamdonien machen!" Aus den vorhandenen Elementen Eleich Bue Thauroh zu schaffen, ist ein nutzloses Bestreben. Mögen die oberwähnten drei Gemeinden das Glück haben, sich nach Frankfurter Muster zu entwickeln, so wird ihr Beispiel, hoffentlich das Judentum in allen Teilen des alten Oesterreich zu neuem Leben erwecken. Die Pogrome in Ungarn. Die Mitglieder der ungarischen Regierung bemühen sich den Eindruck, den die Pogrome hervorgerufen haben, zu verwischen, indem sie diverse Erklärungen verlautbaren ließen, die die Vorkommnisse beschönigen. Der christlichsoziale ungarische Kultusminister Hnszar machte einem Mitarbeiter des „Neuen Tag" Mitteilungen über die Politik der ungarischen Regierung. Dabei sagte er über die Pogrome unter anderem: „Der ungarische Landmann ist ein friedliebender Mensch, der mit allem Fleiß seine Scholle betreut und der an seinem Glauben hängt, für den er lebt. Die Bolschewiken.haben ihn ans der Kirche vertrieben. Sie haben die Hetze gegen die Kirche zu einem Programmpunkt erhoben, und da sich unter Bolschewikenführern zahlreiche Juden befanden, haben die Bauern die Juden überhaupt als Bolschewiken angesehen. Sie haben nicht bedacht, daß der größte Teil der Judenschaft Ungarns selbst unter den bolschewikischen Exzessen furchtbar gelitten hat, daß Juden und Christen in Ungarn, aber namentlich in Budapest, unter der Fuchtel des Terrorismus Unsägliches erdulden mußten. In Ungarn wie nirgends finb Juden und Christen aufeinander angewiesen und ich muß konstatieren, daß die Regierung alles aufgeboten hat, um die antisemitische Hetze einzudämmen und die zukünftige wird dies in noch energischerer Weise tun. ... Ich persönlich bin gegen die Judenverfolgungen auf das allerentschiedenste schon als guter Christ aufgetreten. Ich habe persönlich mit der größten Schärfe gegen die antiseluitischen Ausschreitungen Stellung genommen und habe die Technische Hochschule geschloffen, weil sich unter der Hörerschaft antisemitische Tendenzen zeigten. Ich werde sie auch nicht früher öffnen, bevor nicht alle Hörer ohne Unterschied in der gleichen Weise behandelt werden. Ich bin ein Christlichsozialer und halte das für meine Pflicht und Schuldigkeit. Die konfessionellen Gehässigkeiten stellen eine Reaktion dar, die schon im Interesse des Landes auf das entschiedenste bekämpft werden muß. In wenigen Tagen wird in Ungarn wieder die Presse erscheinen können und in diesem Moment wird man die Bevölkerung aufklären und die Verhältnisse bessern können. Man hat den Leuten in der bolschewikischen Zeit ihre schönsten Ideale rauben wollen und es ist klar, daß gerade dadurch die christlichsoziale Bewegung erstarkt ist. Christliche Liebe ist aber nicht gleichbedeutend mit Judenhetze. Wir wollen mit der Pflege des christlichen Sinnes die seelischen Verhältnisse der Menschen bessern und wollen alle Stände ohne Unterschied den Interessen des Landes nutzbar machen." Ministerpräsident Friedrich empfing am 6. September einen Mitarbeiter des' Ungarischen Telegraphen-Korrespondenz- Bnreaus, demgegenüber er seinen Standpunkt in der Frage des Antisemitismus folgendermaßen auseinandersetzte: Mit Bedauern mußte ich erfahren, daß meine Erklärungen, welche ich bezüglich des christlichen Charakters Ungarns abgab, von sehr vielen Seiten unrichtig ausgelegt werden, ja denselben ein Sinn beigelegt wurde, der das krasse Gegenteil von dem ist, was ich in Wirklichkeit sagte und sagen wollte. Eben deshalb halte ich es für notwendig, zu erklären, daß man meiner Feststellung, Ungarn sei seit tausend Jahren christlich und werde auch in Zukunft christlich sein, irrtümlich einen antisemitischen Sinn beigelegt hat und daß es ein noch größerer Irrtum ist, wenn man dieser meiner Feststellung die Tendenz unterschob, als ob ich damit zur Verfolgung der Juden Anlaß hätte geben wollen. Aus all dem geht von selbst hervor, daß ich die unter solchen Schlagworten verübten Gewalttätigkeiten nicht nur nicht gntheiße, sondern vielmehr auf das entschiedenste verurteile; denn solche Gewalttätigkeiten erschweren, ja verhindern direkt die einheitliche Arbeit zum Ausbau des Ungarns der Zukunft. Es ist zweifellos, daß in Verbindung mit der Verfolgung der -Bolschewiken vor allem in Transdanubien einzelne sehr bedauernswerte Fälle von Judenverfolgungen vorgekommen sind. Für diese Vorkommnisse kann mich aber nur der böse Wille verantwortlich machen. Der unerhörte Terror und die grenzenlose Unterdrückung, womit der Kommunismus die Massen tätlich erbittert hat, löst nun derartige bedauernswerte Gegen-