Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 34 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Jüdische Korrespondenz Seite 3 an und hatten die Möglichkeit, die religiösen Interessen zu wahren. Nach der politischen Umwälzung standen sie eine Weile isoliert da, noch dazu der heftigen, ungestümen Agitation der Nationalisten ausgesetzt, die es sich in den Kopf gesetzt haben, die gesamte Jndenheit in der Tschecho-Slowakei in ihr Lager hineinznbekommen, wobei sie durch die Verhältnisse in Böhmen ziemlich begünstigt wurden. Da die dortigen Juden vornehmlich mit den Deutschen gingen, was sie jetzt nicht mehr tun konnten, aber auch nicht von heute auf morgen tschechisch schillern wollten, glaubten sie in der Proklamierung der nationalen Selbständigkeit den besten Ausweg zu finden. Auch die Prager Orthodoxie sah sich angesichts der Verhältnisse gezwungen, diesen Weg zu betreten, woraus unsere Nationalisten weidlich Kapital geschlagen haben. Gestützt auf ihre Erfolge, verlegen sich die Nationalisten in der Slowakei daraus, dort auch das Prager Experiment zu versuchen. Sie haben sich aber arg verrechnet. Bloß einen Moment lang war die Orthodoxie in der Slowakei uüentschloffen — bald jedoch faßte sie neuen Mut und raffte sich zu einer politischen Selbständigkeit auf, zu einer Organisationsarbeit, die das Beste erwarten läßt. Unseren Nationalisten, deren Politik kläglich Schiffbruch erlitt — siehe die Exzesse, Drangsalierungen und Verfolgungen — war die Organisationsarbeit der Orthodoxie ein Dorn im Auge und in ihrer „bewährten" Taktik setzten sie mit einem Gewaltsturm gegen die Orthodoxie ein. Das Erscheinen einer orthodoxen Deputation bei einer maßgebenden Regierungsstelle, um diverse Beschwerden und Wunsche vorzubringen, ärgerte die Nationalisten in Prag, Mähr.-Ostrau und Wien furchtbar und sie ließen die elende Verleumdung vom Stapel, die Orthodoxie habe sich eines „Verrates" (?) schuldig gemacht, da sie angeblich die Regierungspolitik gebilligt hätte. Wie es danüt in Wirklichkeit bestellt war, das beweist folgende Berichtigung, die das Zentralbureau der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei den zionistischen Blättern zugehen ließ: „Im Sinne des Beschlusses des provisorischen Vollzugsausschusses, solange unsere Autonomie nicht unter Dach gebracht ist, pch mit keiner Organisation in Polemik einzulassen, beschränken wir uns in bezug auf die Anklage gegen die Führer der Orthodoxie bloß auf die Klarstellung des Sachverhaltes und ersuchen auf Grund des Preßgesetzes folgenden Zeilen in Ihrem Blatte Raum zu geben: Am 29. Juli sprach eine aus Laien und Rabbinern bestehende zehnaliedrige Deputation beim Staatssekretär Jvänka (nicht beim Minister ärobür) im Interesse der orthodoxen Autonomie vor und beschwerten sich unter anderem auch über den wirtschaftlichen Druck, der auf den Juden der Slovakei lastet. Wir erhielten sowohl in bezug auf die Autonomie wie auch in bezug auf unsere Beschwerden beruhigende Antwort, lieber den Volksverband siel kein einziges Wort. Alles andere ist glatt erfunden. Das Urteil über diese Kampfesweise überlassen wir der unbefangenen Oeffentlichkeit. Wer die Verleumdungen in der zionistischen Presse (darunter auch die Wiener Zionistenorgane) gelesen hat, wird jetzt wissen, mit welchen schändlichen Waffen diese Leute kämpfen, um eine ihren Parteiegoismus unbequeme Organisation in Mißkredit zu bringen. Die Orthodoxie in der Slowakei läßt sich dadurch nicht irreführen, sie schreitet auf dem Wege der Organisation fort. Für den 14. und 15. Elul hat sie nach Preßburg einen Delegiertentag der orthodoxen Gemeinden in der Slowakei einberufen, mit folgender Tagesordnung: 1. Begrüßung seitens des Herrn Oberrabbiners, Preßburg. 2. Wahl eines provisorischen Präsidiums behufs Leitung der Beratung. 3. Referat des Vollzugsausschusses über seine bisherige Tätigkeit. 4. Verlesung der grundlegenden und vorsanktionierteu Statuten. 5. Wahl einer Statuten-Prüfnngskommission. 6. Wahl der Kandidierungskommission. 7. Beratung behufs Gründung eines Talmud-Thora-, Jeschiva- und Gemeindebeamten-Pensionsfonds. 8. Wahl der Landesrepräsentanz. 9. Wahl einer Wirtschaftskommission. 10. Wahl einer Kommission behufs Feststellung der Quote, in welcher die einzelnen Gemeinden zur Erhaltung des Zentralbnreaus beizutragen haben. 11. Wahl des Präses, Vizepräses und Sekretärs für das Zeutralbureau. Wir werden über den Verlauf des Delegiertentages eingehend berichten, konstatieren heute schon mit Genugtuung, daß die Orthodoxie in der Slotvakei auf dem besten Wege ist, sich zur Geltung zu bringen und wünschen ihr den besten Erfolg. durch orthodoxe Organisationen, wie zum Beispiel die Agudas Jisroel, deren Sitz sich in Zürich befindet und andere." Der Redner gab noch der Freude Ausdruck, daß der Orthodoxie Gelegenheit gegeben worden sei, ihre Wünsche offiziell zum Ausdruck zu bringen, um so mehr, als gerade die orthodoxen Juden bisher ihre Stimme noch wenig erhoben hätten, und schloß: „Wir hegen das feste Vertrauen, daß Ihre künftigen Beratungen volle Aufmerksamkeit unserem Ansprüche schenken werden, daß die Z u s a m m e n g e h ör i g k e i t des jüdischen Landes und des jüdischen Gesetzes eine unlösliche ist. Wir bitten Sie, uns zu helfen, unsere alte Hoffnung zu verwirklichen, die Hoffnung, die wir fast 2000 Jahre gehegt n’nb gepflegt haben, die Hoffnung auf Rückkehr ins heilige Land, zum Wohle der ganzen Menschheit." Der Gesaiutvorstand der Aschkenasischen Gemeinden der heiligen Stadt (Waad Hoir) veröffentlicht ein vom Siwan 5679 datiertes ausführliches Rundschreiben an die amerikanischen Juden, worin auf die Erklärung der zionistischen Kommission in amerikanischen Blättern vom 2. Mai wegen der Unterstützung der Thoralehrausialten geantwortet wird. Jedoch gegenüber den Versuchen der zionistischen Kommission, den Waad Hoir als eine bedeutungs- und einflußlose Körperschaft hinzustellen und seine geistigen Führer, die allverehrten Oberrabbiner Diskin und Sonnenfeld, durch persönliche Schmähungen zu verdächtigen, weist der Waad darauf hin. daß er die auf Grund demokratischer Wahlen bei einer Wahlbeteiligung von 90"/,, der aschkenasischen Bevölkerung gewählte legitime Repräsentanz der letzteren ist. Der Waad besteht aus 70 der angesehendsten Persönlichkeiten der heiligen Stadt, meist Russen, Polen und Galiziern, von denen ein sehr großer Teil auch in Amerika allbekannt ist. Sämtliche Gemeinden sind in diesem Waad vertreten, deffen Vorsitzende die Herren D. B. Eppstein, M. L. Bernstein, David Feinstein, Schatzmeister Wolf Schocher und Schriftführer B. R. Jungreis sind. (Die deutsch-holländische Gemeinde ist durch einen Abgeordneten, den bekannten Chefarzt des Schaare-Zedek-Hospitals, Sanitätsrat Dr. Wallach vertreten.) In den: Aufrufe heißt es unter anderem weiter: „Die beiden hervorragendsten Persönlichkeiten, die erhaben sind über jeden Verdacht eines versönlichen Interesses, haben nur ihre heilige Pflicht getan, wenn sie den amerikanischen Brüdern die Lage vielerHundertervonTalmide-Chachomim und Tausender junger Kinder, denen die zionistische Kommission jede Stütze ausgerechnet am Rüsttage zum Pessachfeste gesperrt hatte, nicht verheimlichten- Wollte man einfach die stark gedrückte Lage armer Menschen dazu ausnutzen, um sie unter das Joch des zionistischen Erziehungssystems zu zwingen. Die zionistische Kommission hatte diese Leute an ihren „Waad Hachinuch" gewiesen, jenen Waad Hachinuch, dessen früherer Vorsitzender Dr. Turof war, der Mann, der offiziell gesagt hat. es sei soweit, daß „man es mit den Rabbonim im Erez Jisroel machen solle, wie mit den Jesuiten in Frankreich". Zu diesem Waad Hachinuch hat man die Insassen der Jeschiwos und die Lehrer der Talmud-Thoraschulen geschickt und der Waad Hachinuch hat ihnen offen erklärt: „Wenn iyr^unsere Erziehung annehmen woljt, so ist es gut; wen n ni cht, bekommt ihr keine Unterstützung!" Die armen Talmide Chachomim und Melandim haben die neue Thora des Waad Hachinuch nicht angenommen, haben also auch kein Gehalt bekommen. Wir erwarten jetzt, daß die zionistische Kommission den frommen Anstalten wieder ein paar Brocken zuwerfen wird, sogar vielleicht der verhaßten ungarischen Jeschiwa und Talmud-Thora ebenfalls. Aber wie lang wird das dauern? Das Geben und das Rtchtgeben sind bei der Kommission nur Bestandteile eiu.'er Politik, die darauf ausgeht, die Orthodoxie im heiligen Lande zu zerreiben." Der Aufruf gibt dann zur Begründung dieser Behauptung noch weitere Einzelheiten aus Unterredungen zwischen den Führern der Orthodoxie mit dem Rabbi Siegel wieder und weist dann darauf hin, daß die Ankündigung des Aufhörens der Unterstützung schon zu einem Zeitpunkte erfolgte, als Dr. Weizmann — gewiß in bestem Glauben — im Auslande offiziell erklärte, die zionistische Kommission sorge für alle Bedürfnisse der orthodoxen Juden im heiligen Lande, und es sei daher unangebracht, wenn von anderer Seite Unterstützungen für diese Kreise gesandt werden. Durfte man es angesichts dieser Situation nun wirklich zu einer Katastrophe für die auf diese Weise dem Verhungern preisgegebenen Elemente kommen lassen? In einem besonderen hebräischen Aufrufe protestiert der Waad noch im einzelnen gegen die empörenden persönlichen Angriffe gegen die Rabbiner Diskin und Sonnenfeld und ruft insbesondere die Rabbiner der ganzen Diaspora auf, für die so unerhört angegriffene Ehre der Thora des heiligen Landes einzutreten. So sehen wir, daß die Palästinafrage politisch noch immer ihrer Lösung harrt — aber auch im Innern sind viele Fragen offen. Herren Zionisten, deren Ruhmrederei wenig begründet ist, werdM.gu4 tun, der Orthodoxie etwas mehr entgegenzukommen. S