Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 33 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 33 Wollen wir retten, was noch zu retten ist, dann müssen wir dem jüdischen Kinde wieder geben, was des jüdischen Kindes ist: Erziehung im jüdischen Geiste in Schule und Haus. - Adolf Fried. Rundschau. (Die Kriegswaisenaktion der galizischen Agudas- Jisroel.) Montag, deu 1. September, fand eine Vorstandssitzung der galizischen „Agudas-Jisroel" in Wien, in Anwesenheit des Präsidenten Herrn I. I. Thumin (Przemysl) statt, der auch Delegierte des galizischen Rabbiner-Verbandes, der Schiffschul usw. beiwohnten. Herr Thumin referierte über den Stand der Kriegswaisenaktion, die infolge der politischen Umwälzung nicht durchgeführt werden konnte, nunmehr aber spruchreif sei. Nach einer eingehenden Diskussion, an der sich die Herrn Akina Schreiber, Rabbiner Katz, Bardach usw. beteiligten, wurde beschlossen, ein dreigliedriges Komjtee nach Lemberg zu delegieren, das dort die Errichtung des ersten orthodoxen Kriegswaisenhauses perfektionieren soll und auch das nötige für die Weiterführung der Aktion zu veranlassen hätte. (Morgenthau in Galizien.) Botschafter Morgenthau besuchte vorige Woche Krakau, Rzeszow, Lemberg, Stanislau usw. im Sinne seiner Mission, die Lage der Juden kennen zu lernen und einen polnisch-jüdischen Ausgleich herbeizuführen. Ueberall empfing Morgenthau die Vertreter aller jüdischen Parteien und konferierte mit den führenden jüdischen und polnischen Persönlichkeiten. (Gründung einer Organisation ungarischer Juden.) Zur kräftigen Abwehr der rüden Judenhetze wurde in Budapest eine Landesorganisation der ungarischen Juden geschaffen, die auf eine Unterstützung der Rumänen und der Ententemission gegen die Uebergriffe der Pogromisten hofft. (Beratung der Orthodoxen in Polen.) Am 11. August haben in Warschau Beratungen orthodoxer Vertreter aller Teile Polens, Litauens und eines Teils des Auslandes begonnen. Außer den Vertretern des Zentralkomitees nahmen an den Beratungen teil: die orthodoxen Landiagsabgeordneten, angesehene Persönlichkeiten, darunter das Haupt der Jeschiwa aus Briansk, David Schreiber aus Wien u. a. mehr. 60'Städte haben Vertreter entsandt. Die Delegierten aus Posen waren Paßschwierigkeiten halber an der Teilnahme verhindert. S. Kaminer erstattete Bericht über die Tätigkeit der nach der Schweiz, London und Paris entsandten politischen Kommission. Auf der Nachmittagssitzung wurde die Erziehungsfrage und die Gründung einer Haupt-Jeschiwa zwecks Ausbildung von Rabbinern, Lehrern und Leitern von Chedorim behandelt. Auch die Gründung eines Verlages für pädagogische Bücher wurde erwogen. Den ganzen zweiten Tag hindurch zog sich die Debatte^über den von Rabb. Halpern erstatteten Bericht über die Tätigkeit der orthodoxen Landtagsabgeordneten. Auf der Tagesordnung standeü u. a. noch: Agitation für den Aktienverkauf der orthodoxen Palästina-Bank und Verteilung der am 20. Siwan gesammelten Gelder. — Auf der letzten Plenarsitzung des Zentralkomitees der Szlome Emune Jisroel wurde beschlossen, eine allgemeine Zusammenkunft aller Vereine der Szlome Emune Jisroel im ehemaligen Kongreßpolen, Galizien, Posen und Litauen einzuberufen. Die Konferenz soll in Warschau kurz nach den Feiertagen stattfinden. (Ein Zeutral-Büro der orthodoxer; Gemeinden in der Slowakei.) Am 29. Juli versammelten sich die Rabbiner und Vorsteher der größeren orthodoxen Gemeinden der Slowakei in Preßburg, um die Organisierung der orthodoxen Juden in der Slowakei durchzuführen und ein Forum zu schaffen, dessen Aufgabe es sein soll, die Interessen der Juden in der Slowakei der Regierung und den Behörden gegenüber zu vertreten. Bei dieser Gelegenheit wurde ein achtgliedriger Vollzugs-Ausschuß, bestehend aus drei rabbinischen und fünf weltlichen Persönlichkeiten, gewählt, der beauftragt wurde, die Vorbereitungen zu dem am 9. September stattzufindenden Delegiertentag der Gesamt-Orthodoxie der Slowakei zu tteffen. Gleichzeitig wurde in Preßburg ein Bureau unter provisorischer Leitung des Herrn Oberrabbiner S. Hirschler aus Modor errichtet. . \ (Die Pogromhetze irr Berlin.) Unter der Berliner Hetzpresse zeichnet sich durch besondere antisemitische Exzesse die alldeutsche „Deutsche Zeitung" aus. Das Blatt fordert in folgendem Groß-Berliner Stimmungsbild geradezu zu einem Pogrom auf. „Samstag, den 23. v. M., gegen 10 Uhr abends, an der Ecke Joachimsthalerstraße und Kurfürstendamm, beim alten Cafe des Westens. — Soldaten mit Stahlhelmen, Offiziere und Passantem viele mit nationalen Abzeichen. — Viele Christen — wenig Inden! Man atmet ordentlich auf! Sonst meist semitischer Kurfürstendammpöbel, jetzt fast nur Christen, schlichte, ordentliche Gestalten. Da sagt jemand: Was die Juden hier bloß noch bei uns wollen, sie haben doch jetzt eine selbständige Republik in Jerusalem, sollen sie doch auswandern! — Ob der wohl so unrecht hat?! — Der Zeitungsverkäufer an der Ecke verkauft viele nationale Blätter. — Schaulustige wandern auf und ab. Sie warten auf kommende Ereignisse, doch es geschieht nichts! — Die Stimmung ist gespannt, es liegt sehr viel Zündstoff in der Luft! — Wann wird er sich entladen?!? — Mit gelassenen Schritten ziehen die Juden ihres Weges, sie fühlen sich sicher; die Regierung hat ja Militär zum Schutz geschickt! — Vorläufig bleibt alles ruhig. Wie lange noch?!! Ruhe — doch Ruhe vor dem Sturm!" (Arbeitsbeschaffung fiir jüdische Flüchtlinge.) Vom Verband der Ostjuden in' Deutschland, Berlin N. 54, Gormannstraße 29, geht uns die folgende Zuschrift zu: Die Pogromflut in Polen zwingt zahlreiche dortige Juden, ihre Wohnstätten unter Zurücklassung von Hab und Gut zu verlassen und Zuflucht in Deutschland zu suchen. Diese unglücklichen Flüchtlinge befinden sich hier zumeist in größter Not, und es ist eine dringende Aufgabe, ihnen Hilfe zu leisten. ' Das wichtigste Erfordernis ist, ihnen Arbeit und Beschäftigung zu beschaffen. Unsere östlichen Brüder hegen den heißesten Wunsch, durch fleißige Arbeit eine anständige Existenzmöglichkeit zu erhalten, und es ist ein soziales und brüderliches Gebot, ihnen nach Kräften dazu zu verhelfen. Wir möchten daher die Aufmerksamkeit der jüdischen Arbeitgeber in allen Teilen des Reiches auf diese dringliche Aufgabe lenken und an sie das Ersuchen richten, nach Maßgabe der lokalen Verhältnisse und statthaften Möglichkeiten im Bedarfsfall ostjüdische Flüchtlinge, unter denen sich vielfach gelernte Arbeiter befinden, zu beschäftigen. Unser Verband ist mit Hilfe seiner über das ganze Reich ausgedehnten Organisation in der Lage und bestrebt, bei der Beschafftmg und Vermittelung von Arbeitnehmern in systematischer planmäßiger Weise mitzuwirken. Ein einheitliches Vorgehen der bestehenden jüdischen Arbeitsämter und Nachweise mit der Organisation der in Deutschland lebenden Ostjuden wäre dabei nützlich und erforderlich. (Der Kampf um die Wilnaer Gemeinde.) Einen schweren Kampf hat die Wilnaer Orthodoxie für die Erhaltung der religiösen Institutionen zu führen. Ein Vorschlag des Herrn Rabbiner Grodsenski in der Gemeindeverwaltung 13.500 Mk. für verschiedene Jefchiwos in den Etat einzustellen, wurde trotz heftigen Protestes des Bundes, der auf dem Standpunkte steht, daß Unterstützung der Thorajünger eine „Privatangelegenheit der Frommen" sei, mit 34 gegen 24 Stimmen angenommen. Die Zionisten unterstützten den Vorschlag. Starken Eindruck machten die Worte des Rabbiners Krakowski, der auf die Pflicht des Judentums von heute gegen den letzten Rest der Thoraträger mit eindringlichen Worten hinwies. (Der Rabbiner als Vermittler in der Industrie.) Rabbi Stepheu Wise von New Jork hat dem Rationalkomitee der amerikanischen Arbeiterpartei seine Dienste zwecks Einigung mit der Stahlindustrie angetragen. Samuel Gompers hat das Angebot von Rabbi Wise akzeptiert. (Das Bürgerrecht der rumänischen Juden.) Der „Monitorul official" veröffentlicht für das alte Königreich Rumänien die Verlängerung der Termine zur Erlangung des Bürgerrechtes durch die Juden wie folgt: 1. Für die im Lande wohnenden Juden drei Monate nach Ablauf des alten Ter-