Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 33 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Jüdisehe Korrespondenz Seite 3 Ferner wurden erschlagen: Ignaz Weiß, ein Reserveleutnant mit fünf Dekorationen, Markus Nemet und Franz Görgey, der Direktor der Losonczer Tuchfabrik, weiters Hauptmann Marton Fleischner, der neun Kriegsdekorationen hat und deswegen zum Ehrenbürger der Stadt Czelldömölk ernannt wurde. Um 4 Uhr früh griffen endlich zwei Gendarmen ein und forderten die Leute auf, von den Exzessen abzulassen, woraus sich die Pogromisten zerstreuten. Am nächsten Tag wurden 46 Personen verhaftet und der Oberstuhlrichter seines Dienstes entsetzt. Ueber den unmittelbaren Anlaß zu den Pogromen wird berichtet: Am 24. August nachmittags hielt Redakteur Linganer aus Steinamanger in einer Versammlung eine blutrünstige antisemitische Hetzrede, in welcher er offen zu Pogromen aufforderte. Von seiten der ungarischen Presse wurde gegen die Juden der Vorwurf erhoben, daß die Wiener „jüdische" Presse, insbesondere das „Neue Wiener Tagblatt" und die „Neue Freie Presse" unwahre Nachrichten über die Stimmung und das Verhalten der Magyaren in Westungarn verbreitet haben. Dafür werden die Magyaren aufgefordert, sich an den Juden für diese Beschimpfungen zu rächen. In Janoshaza wurde der Lehrer Kenyer und Rosenfeld Jonas ermordet, zwei jüdische Leichen, die völlig unkenntlich sind, wurden verstümmelt auf dem Felde aufgefunden. Sechs Personen sind schwer verwundet. In vielen Orten werden die Juden gezwungen, weißes Geld gegen blaues Geld umzutauschen. In Sarvar mußten alle Juden deshalb die Ortschaft verlassen. In Könnend haben 500 Juden eine jüdische Bürgergarde gebildet und wurden vom Kommando mit Gewehren und Munition versehen. Die „Sonn- und Montagszeitung" meldet: Von einem gestern aus dem Eisenburger Komitat in Wien eingetroffenen Reisenden, an dessen absoluter Verläßlichkeit und Wahrheitsliebe nicht zu zweifeln ist, erhalten wir eine Darstellung der blutigen Vorfälle in Janoshaza und Czelldömölk, welche die ersten Nachrichten über die Ausschreitungen in diesen beiden Städten bestätigt. Die Ausschreitungen in Janoshaza trugen sich am vorletzten Mittwoch zu, am St. Stephanstag. Nachmittags, als der Zug einlief, sammelten sich Bauern aus den kleinen Dörfern der fälschung als solche und ähnliche Behauptungen, mit denen hier zu Lande operiert und agitiert wird? War Raschi ein Nationaljude, war -es MaimonideS, waren e8 der „Ramo", der Chasfam Safer, N. Esriel Hildesheimer und Samson Raphael Hirsch? Wofür haben besonders die zwei letztgenannten gekämpft, welchem Gedanken haben sie ihr ganzes Leben und Streben geweiht, dem religiösen oder nationalen? Ist es nicht geradezu absurd und lächerlich zu' behaupten, ein den Sabbat öffentlich entweihender Student, der sich über alles, was mit Religion und Glauben zusammenhängt, öffentlich und mutwillig hinwegsetzt, der aber dafür desto mehr an dem nationalen Gedanken festhält, sei ein besserer Jude als die Heroen der Vorzeit, die ganz und ausschließlich für ihre Religion und ihrem Glauben gelebt, m ihrem Judentum ganz und restlos aufgingen? Auch dem tschecho-slowakischen Judentum muß es gesagt werden: Die jüdische Nationalität muß auf jüdischer Religiösität basieren; der nationale Gedanke muß auf religiösem Empfinden, Fühlen und Denken beruhen, dann ist man im wahren Sinne jüdisch-national. Nur wer wahrhaft religiös lebt, denkt auch wahrhaft jüdisch, ist demnach national. Der jüdische Nationalismus, um das moderne zu gebrauchen, wie er heute propagiert wird, ist rein polnischer Natur und Religion hat mit Politik nichts gemeinsames. Am allerwenigsten ist dieser Nationalismus geeignet, die Religion zu ersetzen, wie alle sogenannten guten Nationaljüden behaupten. Es gievt eben keinen Ersatz für Religion und Glauben, und gäbe es einen solchen, dann ist er wie jeder Ersatz a priori minderwertig. Der religiöse Jude hat es nicht nötig, seine jüdische Stammeszugehörigkeit zu dokumentieren und bei jeder Gelegenheit mit Pathos zu betonen, weil er eben jüdisch lebt und weil sein Judentum ein ganzes Leben ausfüllt. In diesem Sinne haben unsere Geonim und Gedaulnn gelebt und gewirkt und so sollen auch wir als gute Juden leben." Exzesse dürfen natürlich auch nicht fehlen: In der Stacht vom Montag zum Dienstag war Brünn der Schauplatz empörender Szenen. Als Vorwand zu den Vorfällen diente der Umstand, daß die gauzrschen Flüchtlinge, die die Stadt am 20. August hätten verlassen sollen, noch nicht abgereift sind. In einer kürzlich zur Besprechung dieser Angelegenheit einberufenen Versammlung der nationaldemokratischen Partei hielt das Mitglied der Nationalversammlung, Hadlak, Umgebung bei der Station und zogen dann mit den: Straßenmob in das Innere der Stadt. In dem Zuge befanden sich auch abgerüstete Rotgardisten und Frauen. Unter wüstem Geschrei fiel der Haufen zunächst über den Kaufmann Josef Fuchs und dessen Frau her, die beide von der Menge furchtbar zugerichtet wurden. Das nächste Opfer loar der Lehrer Simon Kemeny, dem mit einer Eisellstange der Schädel zertrümmert wurde. §)er Apothekergehilfe Sandor Salzberger wurde durch eine Kugel getötet. Es gab kaum einen Juden, der von dem Pöbel nicht blutig geschlagen wurde. Bei vielen sind die Verletzungen überaus schwere. Die Behörden verhielten sich vollständig passiv. Als man nach Steinamanger zu Oberst Lehar um Hilfe sandte, ließ er antworten, daß seine Soldaten nicht genug verläßlich seien. Da am nächsten Tag ein neuer Pogrom drohte, beschlossen sämtliche jüdischen Einwohner, die Stadt unter Zurücklassung ihrer ganzen Habe zu verlassen. Auf dem Bahnhof wurden die fluchtbereiten Juden aber von der Menge in den Wartesaal getrieben und dort neuerlich mißhandelt. Inzwischen hatte der Zug bereits die Station verlassen, so daß die Inden, auch die Verletzten und Kranken, zu Fuß flüchten mußten. Kein Einziger getraute sich zurückzubleiben, zumal die wütende Menge jeden Hausbesitzer oder Wohnungsinhaber mit Lynchjustiz bedrohte, wenn man bei ihm verborgen gehaltene Juden auffinden sollte. Noch ärger ging es in der Nacht von Freitag auf Samstag in Czelldömölk zu. Hier zog der Pöbel von Haus zu Haus, erzwang sich die Oeffnung der Tore, riß die jüdischen Familien ans ihren Wohnungen und verübte überall bestialische Ausschreitungen. Ermordet wurden in Czelldömölk: Ein Großkaufmann Markus Nemeth, 52 Jahre alt, der Kaufmann Max Hoffmaun, 73 Jahre alt, Privatier Ungar, Hauptmann Fleischer, Fähnrich Gergely, Leutnant Weisz, Eierhändler Schöntag, letzterer im Beisein seiner sechs unmündigen Kinder und Frau. Schwer verwundet wurden die Brüder Heimler und Adolf Glück, an deren Aufkommen gezweifelt wird. Leichtere Verletzungen trugen sämtliche Juden davon. Auch aus Czelldömölk ist die gesamte Judenschaft gefliychtet. Ihrem Beispiel folgten die meisten Bewohner von Sarvar, eine Rede, die von wüsten Schmähungen gegen die polnischen Juden erfüllt war, denen vor allem Schuld ' an der heutigen Wohnungsnot zugeschrieben wird. In einer Entschließung wurde die Regierung zum sofortigen Einschreiten aufgefordert. Nach der Versammlung durchzogen Scharen von halbwüchsigen Burschen, begleitet von Legionären, unter der Parole: „Hinaus mit den Juden! Fort mit den deutsch-jüdischen Firmenschildern!" die Hauptstraßen und Plätze der Stadt mit wüsten: Gejohle und machten sich bald an die Zerstörung aller deutschen Aufschriftstafeln. Der Haufe schwoll rasch immer mehr an, insbesondere, als sich beim Stadttheater, wo soeben die tschechische Vorstellung ihr Ende gefunden hatte, nicht nur Neugierige, sondern zahlreiche begeisterte Helfer, Damen und Herren, anschwssen. In ungeordnetem Zuge ging es durch die Krapfenaasse, Nennergasse, Jakobsgasse, Liechtensteingasse auf dem Großen Platz. Ueberall auf diesem Wege wurden die deutschen Hausnummerntafeln heruntergerissen und deutsche Firmenschilder und Ankündi gungstafeln, soweit sie aus Glas waren, zertrümmert und die aus festerem Material hergestellten abgerissen oder zerbrochen. Aus der Ferdinandsgasse ging es nach dem Bahnhofplatz und Bahnring. Hier versuchte gegenüber dem Grand Hotel ein tschechischer Oberstleutnant vom Kraftwägen aus beschwichtigend auf die Demonstranten einzuwirken, wurde aber während seiner Ansprache fortwährend unterbrochen, hauptsächlich auch von Soldaten, und überschrien. Ein anderer Haufen war vom Lazanskyplatz ausgegangen und hatte sich in die Neugasse gewendet, in der Antonsgäsfe eine Wohnung ausgeräumt, dannen der Giskrastraße sein wüstes Treiben fortgesetzt und randalierten schließlich in der Tivligasse. Unterwegs wurde immer wieder mit Schreien und Johlen gefordert, daß die polnischen Juden bis spätestens 8. September Brünn verlassen haben müssen. Wenn sich einer nach dem 8. September irgendwo zeige, werde er kurzerhand aufgehängt werden. Auch die Deutschen müssen aus Brünn heraus, so hieß es. Mittwoch, den 27. August wiederholten sich die Ausschreitungen in noch größerem Umfange. * So sieht es in der Tfchecho-Slowakei aus — wahrlich die Grenzen talbasiens sind ziemlich .weit gen Westen vorgeschoben worden — ank der Siege der Entente... Star.