Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 33 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr, 83 Seite 2 Jüdische Korrespondenz eine Diktatur der Minderheit aufzurichten — ja, bis zu einem gewissen Grade tritt dieselbe schon in die Erscheinung, zumindest will die in Betracht kommende Minderheit sich selbst und der breiten Oeffentlichkeit einreden, sie sei tatsächlich bereits im Besitze der Diktatur. Wer die Verhältnisse im jüdischen Lager näher kennt, wird wohl wissen, welche Gruppe da gemeint ist: es ist die sogenannte „jüdisch-nationale, zionistische", die, obwohl entschieden eine Minderheit darstellend, sich anmaßt, die Diktatur im Innern ausüben und nach außen als Wortführerin austreten zu dürfen. Dank einer eigenartigen Verkettung der Verhältnisse vermochte es diese Gruppe, sich als die Führerin der Juden aufzuspielen und da sie unter der Ausstrahlung der Kriegsereignisse einigen Zulauf erhalten hat, daran zu gehen, die Diktatur an sich zu reißen. Jede Aktion, die in jüdischen Dingen unternommen wird, bringt sie durch Ueberredung, Vortäuschung und Einschüchterung der anderen jüdischen Gruppen unter ihren Einstuß und dann blüht der heilige Partei-Egoismus gar üppig. Es ist geradezu empörend, mit welcher Verbissenheit und Mißgunst die Forderungen der Orthodoxie behandelt und erledigt werden bei gewissen Aktionen, die wohl allgemein-jüdischen Charakser haben und deren Fonds nicht zum geringsten Teile aus orthodoxen Kreisen stammen, die aber merkwürdigerweise unter die Leitung unserer Nationalisten gerieten. Sehr oft ist es nicht bloß Mangel an Verständnis — wie dies gewöhnlich bei unseren Fortschrittlern der Fall ist — sondern direkt Mangel an gutem Willen, wenn nicht direkte Böswilligkeit, mit der religiöse Wünsche und Forderungen behandelt werden. Die Empörung derjenigen, die Gelegenheit haben, ein solches Vorgehen kennen zu lernen, ist ungeheuer — aber nur die Wenigsten haben den Mut, dagegen entsprechend zu remonstrieren, weil die Diktatoren eben im Besitze der Macht sind und nach Belieben schalten und walten. Man kann es offen eingestehen: man findet manchmal bei fortschrittlichen Kreisen, ja sogar bei nichtjüdischen, mehr Verständnis und Entgegenkommen für religiöse Dinge, Wünsche und Bedürfnisse, als bei denjenigen, die vorgeben, die „einzig wahren Juden" zu sein. Es ist hier nicht die geeignete Stelle, Jüdischer Film. (Noch einmal die Juden in der Tschecho-Slowakei.) Als ich in einem meiner letzten Filmbilder (siehe „Jüdische Korrespondenz" Nr. 30) die Verhältnisse in der Tschecho-Slovakei etwas düster schilderte, wurde ich von gewisser Seite der Nörgelei, der Schwarzseherei, ja sogar der Tendenzdarstellung geziehen. So will ich einmal andere reden lassen, damit man sehe, wie die Dinge in Wirklichkeit stehen. Die „Jüdische Volksstimme" (Brünn) schreibt in ihrer letzten Nummer: „Das ostjüdische Element scheint ein schwer verdauliches zu sein. Ungefähr fünf Jahre sind es her, seitdem es von den Kriegsereignissen hergeschleppt wurde. Im Verlaufe der Zeit hat sich so mancher hierzulande ein wenig akklimatisiert, und trotz der unsympatischen Verhältnisse. sich heimlich zu fühlen begonnen. Nun gilt der Ruf: Weg von hier, kein Platz für Ausbeuter, Kettenhändler, Schmuggler usw. Wenn es dem neuen Staat nur darum zu tun wäre, diese bösen Elemente unter den Ostjuden von hier sortzuschaffen, so könnte man sich noch damit ein wenig absinden, allein es ist diesbezüglich ganz anders. Schonungslos heißt cs in dem Erlaß, daß alle Flüchtlinge, unterschiedslos bis zum 20. August beziehungsweise bis zum 5. September 1919, insofern sie nach den Orten bis Stanislau zuständig sind, den neuen Staat beziehungsweise die Republik verlassen niüffen. In dieser Beziehung machen es die Tschechen wie die Judenfeinde zu allen Zeiten. Ausgebeutet, die Taschen ausgeleert, nun können sie gehen. Denn Tatsache ist, daß die Tschechen mit den Ostjuden während des Krieges die größten Geschäfte abgeschlossen haben. Das Geld blieb also im Lande, nur sahen sie erst dann ein, daß sie auch etwas für das empfangene Geld hergeben mußten, die verschiedenen Waren, in denen sich dann eine Not fühlbar machte. Das war die Ursache der Teuerung, die wühl das arme Volk so sehr drückte. Diese zu erklären hatten die berufenen Faktoren nicht den Mut oder den guten Willen, so hat man einfach den polnischen Juden als den Teufel hingestellt, der mit verhexten Mitteln den tschechischen Staat ausgeleert, beziehungsweise ausgeplündert hat. Das ist ja viel bequemer, und erinnert nur an die bekannte Anekdote von dem Dieben der verfolgt, von sich den Verdacht des Diebstahles abwälzen wollte, also schrie er mit der ihn nachlaufenden Menge: „Fanget den Dieben! Fanget den Dieben!" detaillierte Schilderungen von den Vorgängen in den letzten Monaten und Wochen in Wien zu geben. Aber kurz gesagt darf es werden: die Diktatur der Minderheit, die sich schon jetzt in unserer Mitte bemerkbar macht, nimmt unzulässige Formen an, und es wäre geradezu furchtbar, wollte man es dazu kommen lassen, daß diese Diktatur voll und ganz zur Tatsache werde. Ebenso wie sich alle Völker und Staaten gegen die Etablierung der Diktatur der Minderheiten mit aller Macht wehren, ebenso dürfen wir Juden es nicht zulassen, daß in unserem Lager eine Minderheit die Diktatur an sich reiße. Ganz besonders kann und darf die Orthodoxie dies nicht zulassen. Die jüdische, wie die breite Oeffentlichkeit sollen es wissen: Es ist eine Minderheit, welche sich anmaßt, Wortführerin des ganzen Volkes zu sein und danach muß sie auch behandelt werden. Dr. Awi-<Schalom. Die Pogrome in Ungarn. Die Pogrome in Ungarn nehmen einen furchtbaren Verlauf. Die nachstehenden Meldungen machen jedwedes Kommentar überflüssig. In Czelldömölk begannen die Unruhen am 24. August uni 12 Uhr nachts. Ungefähr 200 bis 250 Soldaten rotteten sich unter Führung zweier Offiziere zusammen und gingen gegen die Inden vor. Die zwei Offiziere werden jetzt von den Behörden verleugnet, es wird behauptet, es seien Personen gewesen, die zum Tragen der Uniform nicht berechtigt sind. Die Bande begab sich zu dem Holzhändler Hofmann, einem achtundsechzigjährigen Manne und schrie wörtlich: „Wir wollen Blut sehen, daher werden wir heute alle Juden ermorden!" Mit diesen Worten erschlugen sie ihn. Von dort begaben sie sich zu den Juden Glück, Ungar, Rosenberger, Roth, welche sie völlig ausplünderten. Die Wohnungen der Genannten liegen unmittelbar neben der Gendarmeriekaserne. Die Gendarmerie weigerte sich jedoch, die Juden zu schützen und sagte, sie habe höhere Weisung, nicht einzugreifen. Den Brüdern Heimler wurden die Augen ausgestochen und der Bauch aufgeschlitzt, hierauf wurden beide ermordet und auf den Mist geworfen. Die Juden werden also von hier fortziehen, wenigstens bis auf einen bloß kleinen Rest fortziehen, und sich aber dieses brutale Vorgehen gut merken! Der Weltmarkt ist jetzt offen, Bezugsquellen gibt es genug, und der moderne Jude ist intelligent und tüchtig genug, um diese ausfindig machen zu können. Dann . . . dann wird es das moderne Tschechenvolk, das mit seiner Kultur und Freiheitssinn so gerne zu prahlen pflegt, gewiß reuen, daß sie sich die Sympathien und guten Beziehungen so verscherzt haben." Ueber die religiösen Verhältniffe schreibt Rabbiner Dr. Kanter (Zwittau) im Frankfurter „Israelit": „Traurig ist es überhaupt um das Judentum in der Tschecho- Slowakei bestellt. Dies beweist am deutlichsten die Freude, die man speziell in den sogenannten gut jüdischen Kreisen über die geplante Trennung der Kirche vom' Staate empfindet. Man könnte fast die Behauptung aufstellen: je jüdischer man denkt und je mehr man vorgiebt, sich für das Judentum zu interessieren, desto größer die Freude, die man über die von der Regierung - geplante Aktion gegen das Judentum empfindet. Denn gut jüdisch ist der, der jüdisch-national denkt und sich als solcher übrall frei und offen geriert. Und den Jüdischnationalen hier zu Lande ist die jüdische Religion mehr als Nebensache. Der Schwerpunkt des Judentums beruht nach ihrer Ansicht mehr im Agitationslokal als im Gotteshause, mehr in der Gastwirtschaft, wo große politische Debatten geführt werden, als in der Synagoge, mehr in der Parteipresse, als in der parteilosen Thora. Jude sein heißt: jüdisch fühlen, jüdisch denken und für die Interessen des Judentums eintreten- Wer aber jüdisch lebt, nach seiner Religion lebt, nn Sinne seines Glaubens lebt, seinen Gott liebt, seine Thora lernt und darin forscht, die religiösen Pflichten und Gebote streng und gewissenhaft erfüllt und beobachtet, ist ein — sonderbarer Schwärmer, rückständig im höchsten Grade und hat keine Ahnung vom wahren Wesen des wahren Judentums. Denn was mir sind und was wir geworden, was uns erhält und durch fast zwei Jahrtausende in der Zerstreuung erhalten hat, verdanken wir ganz und ausschließlich nicht der Religion nicht der Thora, nicht dem Glauben an Gott und der strikten Erfüllung seiner Gesetze und Gebote, sondern dem nationalen Gedanken, dem nationalen Bewußtsein, dem nationalen Zusammengehörigkeitsgefühle. Giebt es den eine größere Geschichts-