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Jüdische Korrespondenz · 1919-09-05 · 33 (5.9.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
33 (5.9.1919)
Date
1919-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Bezugspreis: Ganzjährig K 16, halbjährig K 8, vierteljährig Iv 4. — Ausland jährlich K 30. Einzelnummer 40 Heller. Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII., Alserstraße 55. Postsparkassenkonto Nr. 184.299. Erscheint jeden Freitag. Np. 33. Wien, 10. Elul 3679, 5. September 1919. V.Jahrgang. m ^suchen wir die P. T. Abonnenten, C? v+vyv4Vv deren Abonnement abgelanfen ist, um Die Abonnenten in der Tschecho-Slowakei werden ersucht, das Abonnement an Herrn Isidor Pappenheim, Preßburg, Donaustraße 26, einzusenden. Die Abonnenten und Verschleißstellen in Polen und Galizien belieben die Bezugsgebühr an die „Ludowa Kasa Zaliezkowa", Krakau, Gertruds 9, für die „Jüdische Korrespondenz" einzusenden. Der Ordnung wegen ersuchen wir, die Administration von der Entrichtung des Abonnements zu verständigen. ==5i^=55=S=i Oie Diktatur der Minderheit. Die Diktatur der Minderheit, das ist zurzeit die größte und furchtbarste Plage der Völker und Länder. Daß eine mehr oder minder ansehnliche Minderheit, die über eine hübsche Dosis Rücksichtslosigkeit, Entschlossenheit und Gewalttätigkeit verfügt, die Herrschaft über ein Volk, über einen Staat, an sich reißt, die Majorität vergewaltigt, terrorisiert, plündert uitb mordet — Erscheinungen, wie wir sie in Rußland, in München und in Budapest gesehen haben — das ist eine Plage, viel furchtbarer und grausamer als die schrecklichsten Greuel des Krieges. Wohl ist es richtig, daß es immer chat Minderheit ist, die herrscht und regiert. In den monarchistischen Staaten war und ist es in der Regel eine dünne Schicht der sogenannten „Oberen Zehntausend", die regiert und herrscht. Auch in jeder Partei, in jeder Gruppe, sind es in der Regel nur gewisse Kreise, die die Macht besitzen und ausüben. Aber zumindest wird der Schein gewahrt, zumindest heißt es, daß man das demokratische Prinzip hochhält und nichts gegen den Willen des Volkes tut. So wenig man auch davon hat — auch diese kleine Konzession genügt zuweilen, um die Herrschaft halbwegs erträglich zu machen. Uebrigens sind es bis zu einem gewissen Grade die Fähigen und Tatkräftigen, die die erste Stelle einnehmen. Stimmen müssen nicht bloß gezählt, sondern auch gewogen werden. Ganz anders verhält es sich mit der Diktatur der Minderheit, wie sie Lenin in Rußland, Bela Kun in Ungarn und ein Häuflein halbverrückter Dekadenten in München aufgerichtet haben. Da wird brutal erklärt, es sei die Minderheit, welche diktieren will, ohne Rücksicht auf das demokratische Prinzip; da sind es in der Regel nicht die Fähigen und Tatkräftigen, nicht die Idealisten und die Verfechter eines gewissen Prinzips, sondern die Brutalsten und Rimsichtslosesten, die Vor-Nichts- Zurückschreckenden, die nichts , zu verlieren haben, welche die Macht an sich reißen und mit Hilfe des Terrors behalten wollen. Das ist eine Plage, die am schwersten empfunden wird, welche jede Reaktion auslöst und über kurz oder lang alle Errungenschaften der Demokratie vernichtet und nivelliert. Deswegen auch die gewaltige Erbitterung der Völker, die darunter zu leiden haben, deswegen auch der bleiche Schrecken, den das Gespenst dieser Diktatur einjagt. Die Betroffenen möchten schon lieber alles andere, als diesen Schrecken ohne Ende. Die Diktatur der Minderheit ist heute das Verhaßteste und auch das Gefürchtetste. Die^ Diktatur der Minderheit ist aber nicht bloß im Staatsleben so furchtbar und verderbenbringend — auch im inneren Leben einer jeden Schichte, einer jeden Volksgruppe ist eine solche Diktatur das gefährlichste und verderblichste. Wehe demjenigen Volk, innerhalb dessen irgend eine Partei die Macht an sich reißt, nicht kraft ihrer großen Anhäugerzahl, sondern dank ihrer Agitationskraft, ihrem Terror, ihrer Demagogie. Furchtbar sind in der Regel die Folgen eines solchen Zustandes. Eine Zeitlang mag es noch angehen. Die eingeschüchterte Masse läßt sich alles gefallen, vielfach glaubt sie sogar, es geschehe alles zu ihrem Heil — die „Herren", die über ihr Schicksal entscheiden, meinen es ja gut mit ihr und sie verstehen es auch besser als anderen, dem Ziele zuzustreben. Mit der Zeit aber kommt die Ernüchterung und die Erkenntnis — sehr oft aber ist es schon zu spät. Die Verheerungen, welche die Diktatur angerichtet hat, lassen sich schwer gutmachen. Was an Bolkskraft, an Volksvermögen, au heiligen Gütern, an Zukunftsmöglichkeiten zerstört und vernichtet wurde, das kann nur schwer und manchmal nie wieder ganz ersetzt werden. Das große, mächtige Rußland wird sicherlich Jahrzehnte, vielleicht Generationen hindurch an den Folgen der Bolschewistenherrschaft zu leiden haben. Die drei Monate Kommunismus in Ungarn haben mehr zerstört und vernichtet als ein Jahr Krieg. Eine .. Volksgruppe, innerhalb deren eine Minderheit eine Zeitlang die Diktatur ausübt, hat Generationen hindurch an den Folgen zu leiden. * Das jüdische Volk hatte im letzten Jahrhundert die Gelegenheit, die Folgen einer solchen Minderheitsdiktatur am eigenen Leibe zu verspüren und noch heute leidet es an den Rücklvirkungen dieser Diktatur. Denn was war denn der Reformkoller im jüdischen Lager, jene gewaltsame „Aufklürungsmache", jener Drang und Zwang nach „Fortschritt und Kultur", etwas anderes, als eine Diktatur der Minderheit? — Die breiten jüdischen Volksmasseu wollten ja davon nichts wissen — aber die Führer der Bewegung haben es verstanden, die Gunst der Machthaber für sich zu gewinnen, auf diese Gunst zu pochen und mit deren Hilfe der glaubenstreueu Judenschaft Dinge aufzudringen und aufzuzwingen, gegen welche sie sich mit Händen und Füßen sträubte. Sie, die sogenannten Fortschrittler, haben die Macht in den Kultusgemeinden an sich gerissen, unter Berufung darauf, daß sie dank ihren Konnexionen mit den Regierungskreisen, ihrem Ansehen und Einflüsse die „berufenen Vertreter und Wortführer" der Judenheit wären. Man ließ sie einigermaßen unter diesem Titel gewähren — als sie aber die Macht völlig in Händen hatten, da richteten sie moralische Verheerungen innerhalb des Judentums an und noch bis auf den heutigen Tag ist es nicht ganz gelungen, ihnen die Herrschaft zu entreißen, obwohl die Zahl ihrer Anhänger, — nicht zum mindesten infolge Austritt und Taufe — immer kleiner wird. An ihren Früchten soll man sie erkennen, die Diktatur der Minderheit. Nur in denjenigen Ländern, wo die glaubenstreue Judenschaft es verstanden hat,, sich dieser Diktatur entgegeuzustellen und ihr entgegen zu wirken, wie in Ungarn und späterhin auch teilweise in- Deutschland, konnte es gelingen, die gute Sache zu retten. Wo dies nicht der Fall war, ging es immer mehr abwärts. In den letzten Jahren, besonders in den allerletzten, machet^' ■.> sich innerhalb des Judentums wieder Bestrebungen bemer^ck^'. f

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