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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-29 · 32 (29.8.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
32 (29.8.1919)
Date
1919-08-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 33 Jüdische Korrespondenz Seite 5 Die schlimmste Periode wütet aber seit April dieses Jahres. So haben die Grigorieff-Truppen bei der Eroberung von Tscherkassi dort 800 Personen umgebracht. Ebenso schrecklich waren die Ausschreitungen in Elisabethgrad (zirka 2000 Tote). In Trostjenietz befand sich eine bolschewistische Garnison. Als sich die Bauern gegen die bolschewistische Macht erhoben, ging der christliche Teil der Garnison zu ihnen über und entwaffneten ihre jüdischem Kameraden. Darauf wurden sämtliche mindestens zwölfjährigen Einwohner des Stäbchens, die Juden waren, in die Gemeindestube eingesperrt, dort zwei Tage gefangen gehalten und nach längeren Beratungen ermordet. Mehr als 400 Personen sind dabei getötet worden. Das nationale jüdische Sekretariat hat sämtliche Pogrome genau registriert. Hiernach haben in der Zeit von Ende November 1918 bis 20. Mai 1919 in 127 Orten Pogrome und blutige Exzesse stattgefunden. Bon weiteren 40 bis 50 Orten läßt sich nicht genau sagen, welchen Umfang dort die Ausschreitungen angenommen haben, da das Sekretariat mit ihnen nicht in Verbindung treten kann. Bei diesen Pogromen sind 30.000 bis 35.000 Juden ermordet worden. Eine große namentliche Liste der Ermordeten ist in den Händen des nationalen Sekretariats. Diese Ziffer ist absolut zuverlässig, sie ist eher noch zu klein. Die Juden haben überall versucht, eine Selbstwehr zu organisieren, das wurde aber von den Bolschewiki nicht gestattet, die die Juden vielmehr aufforderten, in die Rote Armee einzutreten, wenn sie jüdisches Leben verteidigen wollten. Die Pogrome zeigten überall dasselbe schreckliche Bild: eine viehische Mordlust und eine unglaubliche Zerstörungswut: Der ganze Zeitraum von Ende November 1918 bis jetzt ist mit einer Kette von Pogromen ausgefüllt. Sie sind teilweise von Truppen, teilweise von der Zivilbevölkerung veranstaltet worden, wobei besonders das städtische Kleinbürgertum hauste, aber auch Bauern, teilweise sogar Arbeiter (z. B. in Tschirkassi) sich beteiligten. Vor allem waren es die Truppen Petliuras und Grigorieffs, deren Offiziere vielfach der Schwarzen Hundert angehören, sowie die zahllosen Banden. Auch die bolschewistischen Truppen haben vielfach Pogrome gemacht, doch schritt die bolschewistische Heeresleitung in schärffter Weise dagegen ein, sie hat viele Hunderte, die sich an den Pogromen beteiligt haben, erschießen lassen. Dennoch hat sie der antisemitischen Stimmung soweit nachgeben müssen, daß sie die Entsendung jüdischer Kommissäre zur Front vermeidet. Der Kriegsausgang und die Juden in Deutschland. Durch die Loslösung der Ostmarken und Elsaß-Lothringens hat das deutsche Judentum in seinem quantitativen Bestand eine gewaltige Einbuße erlitten. Eine lebensgefährliche Einbuße. Es handelt sich rein zahlenmäßig um eine Verminderung der Gesamtzahl (600.000) der deutschen Judenheit um etwa 70—80.000 Seelen. War das bedeutet, erkennt Man erst, wenn man die schon an sich ungünstigen biotischen Verhältnisse der deutschen Juden — der fortschreitende Geburtenrückgang, auf den ja bereits Theilhaber in seinem „Untergang der deutschen Juden" hinwies — berücksichtigt, wozu noch die in den Kriegsjahren unheimlich gestiegene Zahl der Mischehen — jede dritte jüdische Ehe in Deutschland ist längst eine Mischehe — hinzukommt. In der Zahl allein tritt die ganze Schwere dieses Verlustes kaum zutage; im posenschen und elsässischen Judentum namentlich verliert der Organismus des deutschen Gesamtjudentnms seine lebendigsten und auch kräftigsten Glieder. Ks sind dies diejenigen Teile des Westjudentums, in denen noch das stärkste jüdische Bewußtsein und der kräftigste jüdische Lebenswille Pulsierte. Was haben die Ostgebiete ftir die Erhaltung des deutschen Judentums bedeutet? Schon die Einverleibung der Polnischen Gebiete um den Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts war für das bereits damals stagnierende jüdische Leben im Westen eine lebenserhaltende Blut- und Kraftzufuhr. In der Folgezeit wurden die ursprünglich polnischen Landesteile Preußens zum Kraftreservoir für das ganze deutsche Judentum. Alles was in diesem Judentum wahrhaft groß und wahrhaft schöpferisch war, jüdisch groß und jüdisch schöpferisch, kam von Männern, deren Wiege auf östlichem Boden stand. Ich weiß nicht, ob ein deutscher Jude in diesen Tagen daran gedacht hat, daß die Geburtsstätten von Heinrich Grätz und Moritz Lazarus an Polen fallen sollen. Ich weiß nicht, ob es viele deutsche Juden gibt, die wissen, daß die erst seit einem Jahrhundert „westjüdische" Provinz Posen in der Assinlilation tatsächlich hinter ihren älteren Schwestern sehr zurückgeblieben ist, daß es noch heute alte graubärtige Juden gibt, die sich noch immer in ihr westliches Schicksal nicht hineingefunden haben, und deren jüdisches Denken und Fühlen über die preußischen Grenzpfähle hinweg mit dem großen jüdischen Volksleben des Ostens geht. Ich habe dortzuland viele solche weiland mitannektierte Ostjuden gesehen, die, noch heute mit der ihnen innerlich fremden deutschen Sprache auf dem Kriegsfuße stehend, ein altes gutes Jidisch vorziehen, sowohl auf das verdeutschte Judentum Moses Mendelsohns, wie S. R. Hirschs weidlich schimpfen und sich lieber an ihren alten vertrauten Raschi halten. Nun hat die Geschichte die Politik von anno 1772 einer gründlichen Korrektur unterzogen. Das vor einem Jahrhundert - vom großen ostjüdischen Volkskörper gewaltsam getrennte und dem Westen angehängte Glied hat wieder den Weg zu seinem Ursprung gefunden. Für das deutsche Judentum bedeutet diese Lösung seiner ursprünglich ostjüdischen Teile (wie auch des elsaß-lothringischen Judentums, dessen Anschluß an das dahinsiechende französische Judentum, dem letzteren sehr zugute konunen wird) einen unersetzlichen Blutverlust, der einen akuten Kräfteverfall zur Folge haben könnte. Es wird dies schon in naher Zukunft zutage treten. Jüdische Kriegsgefangene aus Italien auf der Durchreise in Wien. Samstag, den 23. August, abends, kam ein Trupp jüdischer Kriegsgefangener aus Italien in Wien an und wurde in der Adas Jisroel (Schiffssynagoge) übergeben. Einige der eben anwesenden Herrn der „orthodoxen Jugendgruppe" unter Führung der Herren Moses Stern und 9t. Felsenburg übernahmen die von der achttägigen Reise vollständig ermatteten und erschöpften Leute. Zwei Herren erwirkten beim Leiter der Transenabteilung der Roßauerkaserne die Erlaubnis, die Leute dort einquartieren zu dürfen. Inzwischen wurden die Hungrigen in dein Lokale der „Jugendgruppe" gespeist. Dank der raschen Arbeit der Obgenannten und der Herren Richter, Friedmann und Fürst, waren in wenigen Minuten Brot, Heringe, Bier und Zigaretten in so ausreichender Menge zur Stelle, daß die Leute nicht nur nach langer Zeit einmal gesättigt, sondern auch für den nächsten Tag mit Brot versorgt werden konnten. _ Interessant war es, zu hören, daß einer dieser Heimkehrer, ' Herr Silber aus Lemberg, Gründer einer Chewra, Maasser oni, an welche die Gefangenen einen Teil ihrer kärglichen Einkünfte zur Unterstützung ärmerer und kranker Kameraden einzahlten, war. Bis zu ihrer lange ersehnten und Mittwoch, den 27. August, erfolgten Abtransportierung nach Galizien, wurden die Leute auf Veranlassung der „Jugendgruppe" vom Verein „Tonnch Ewijonim" verpflegt. Rundschau. (^Antisemitische Kundgebungen in Wjen.) Dienstag abend fand im Saale „Zum grünen Baum" auf oer Mariahilferstraße eine von der Ortsgruppe Neubau des Antisemitenbundes und der Vereinigung „Deutsch-Wien" veranstaltete antisemitische Versammlung statt. Es sprachen mehrere Redner, . die gegen die Juden loszogen. Nach Schluß der Versammlung bewegte sich ein Demonstrationszug durch die Mariahilferstraße in die Neubaugasfe, wo vor dem Cafe „Filmhof", dem Treffpunkt vieler Juden, die Menge in drohende Rufe ausbrach. Ebenso vor dem Cafe „Lurion". Da die Sicherheitswache einschritt, stoben die Demonstranten auseinander.

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