Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 32 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. B2 religiöses Zentrum in Palästina wird nicht ohne Einfluß auf das religiöse Leben in Goluth sein; eine areligiöse Brutstätte im Heiligen Lande wird auch auf die Verhältnisse in der Diaspora verheerend 'einwirken. Das wissen die beiden Richtungen innerhalb des Judentums, die religiöse und die areligiöse — von der antireligiösen schon nicht zu sprechen — sehr gut und deswegen ist auch bereits jetzt aus dem Boden des Heiligen Landes ein heftiger Kampf entbrannt, dessen Entwickelung allseitig mit großer Spanmmg verfolgt wird. Unseren Nationalisten war das religiöse Judentum seit jeher ein Dorn im Auge und sie machten auch nie ein Geheimnis aus ihren Absichten, dasselbe so weit als möglich zu verdrängen und zu schwächen. Sie wußten es nur allzugut, daß insolauge der alte Jischuw existiert, ihrer Herrschaft Schranken gesetzt sein werden. Nun konnten aber allen Machinationen zürn Trotz ihre löblichen Absichten keine Verwirklichung finden. Trotz aller Begleiterscheinungen des Krieges ist die Zahl der glaubenstreuen Juden in Palästina um ein Vielfaches höher, als die der Nationalisten. Die Kraft der Arithmetik läßt sich, nicht umstoßen, da dochunsere Nationalisten trotz allen Terrors nicht so viel Mut aufbringen können, dieHerrschaft der Minderheit zu etablieren. Da nun in Palästina das demokratische Prinzip zur Herrschaft gelangen soll, dürfte es bei den diversen Wahlen den Nationalisten keineswegs gut ergehen, dies um so weniger, als sich in letzter Zeit auch die Misrachisten der Orthodoxie angeschlossen haben, in der Erkenntnis, daß ihr Einfluß allein keine genügende Gewähr für die Wahrung der religiösen Interessen ist. In ihrer Wut ob dieses Standes der Dinge, haben die Nationalisten mit einem „Kulturkampf" gegen die glaubenstreue Judenschaft eingesetzt, der schon heute, in den ersten Stadien, die schärfsten und häßlichsten Formen annimmt. Es fehlt nicht an Drohungen, die freilich angesichts der ohnmächtigen Wut lächerlich sind, die aber das Treiben der Nationalisten drastisch charakterisieren. Den ersten Anlaß zum Kampf gab die Frage des Frauenwahlrechtes für die Konstituante. Die Orthodoxie opponierte dagegen aus religiösen Gründen, die Nationalisten-- unterschieben ihr jedoch reaktionäre Absichten und die nachstehenden Ausführungen des Wiener Zionistenorgans sind kennzeichnend David Reubeni und Zaloinon Molcho. Von Dr. M. H. F. David Reubeni und sein Gesinnungsgenosse Salomo Molcho haben in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts eine tiefe Bewegung innerhalb der Judenheit hervorgerufen und heillosen Schaden angerichtet. Der Abenteurer David Reubeni, der sich einige Zeit in Arabien und Nubien aufqehalten hatte, trat plötzlich in Europa auf und gab vor, daß er der Bruder des Königs sei, der den in Arabien lebenden israelitischen Stamm Reuben beherrsche, daher nenne er sich Reubeni. Sein ganzes Wesen war darnach angetan, ihn als eine höchst eigentümliche mysteriöse Gestalt erscheinen zu lassen. Seine Hautfarbe war schwarz und seine Statur sehr klein, fast zwerghaft und äußerst mager. Nichtsdestoweniger war er kühn, mutig und unerschrocken und rühmte sich, daß sich ihm schon öfters die Gelegenheit dargeboten habe, von seinem Heldenmut Proben und Belege zu liefern. So zum Beispiel hätte er einmal in einer Schlacht vierzig Mann erschlagen. Von Palästina, wo man für seine Märchen und Phantastereien kein geneigtes Ohr hatte, reiste er über Alexandrien nach Venedig und Rom. Papst Clemens VII., dem er von portugiesischen Kapitänen empfohlen wurde,*nahm ihn sehr freundlich auf und-überhäufte ihn mit Ehrenbezeugungen, wodurch es ihm gelang, auch seinen Glaubensgenoffen, die sich anfangs sehr reserviert verhielten, iveil sie seinen Angaben keinen Glauben schenkten, zu imponieren. Sie glaubten nunmehr, in ihm den erwarteten Erlöser erblicken zu müsien. Von Rom ging Reubeni nach Portugal, rvo er vom König Juari lll. sehr freundlich empfangen wurde, weil er vorgab, daß die Juden ihm, als ihrem König, ihren Beistand leisten würden, damit er Palästina dem Sultan Solunan entreißen könne. Die portugiesischen Juden verehrten Reubeni über alle Maßen, da sie ihn ebenfalls für den gottgesandten Messias hielten. In Lissabon wurde durch Reubenis Erscheinen der schon als Christ geborene, von der Natur mit körperlicher Schönheit und herrlichen Geistesaaben reich ausgestattete Jüngling Salomo Molcho (Diego Pires) so sehr ergriffen, daß er, obwohl er als Neuchrist ein einträgliches und ansehnliches Staatsamt bekleidete, heimlich zum Judentum zurückkehrte. Er führte gleich Reubeni eine streng asketische Lebensweise und widmete den größten Teil seiner Zeit und Kraft dem Studium der Kabbala. Durch das viele Fasten, wie überhaupt durch die mannigfachen Kasteiungen, die er sich auferlegte, wurde sein Körper für die Formen, die die Nationalisten den: Kampfe geben wollen. Das erwähnte Organ schreibt: Das palästinensische Judentum hat auch gleich nach der Befreiung durch die englischen Truppen sich zu organisieren begonnen und die Einberufung einer demokratisch gewählten jüdischen Konstituante beschlossen. Die Einberufung dieser Konstituante, bezw. die Ausschreibung der Wahlen stieß aber auf bie größten Schwierigkeiten. Das provisorische Exekutionskomitee hat ein demokratisches Wahlrecht ausgearbeitet, und selbstverständlich auch den Frauen das Wahlrecht eingeräumt. Diese Bestimmung stieß auf den heftigsten Widerstand der orthodoxen Gruppen. Es würde eine systematische Agitation gegen die Gründungsversammlung eingeleitet und schließlich verweigerte die Orthodoxie überhaupt die Beteiligung. Es mußte daher eine Plenarsitzung des provisorischen Waad einberufen werden, in welcher die Diskussion über den strittigen Punkt mit großer Leidenschaft geführt wurde. Eine Entscheidung ist bis jetzt nicht gefallen, doch ist die Gründungsversammlung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. Der Streit um das Frauenwahlrecht ist jedoch symptomatisch und zeigt, welche verderbliche Tendenzen jetzt schon in Palästina am Werk sind. Der Kulturkampf kündigt sich schon jetzt an, er wirb mit rücksichtsloser Leidenschaft geführt und droht die Einheit des jüdischen Gemeinwesens zu sprengen. Die palästinensische Reaktion, geführt von einigen orthodoxen Rabbinern, erhebt ihr Haupt und es droht Gefahr, daß diese Elemente sich bald einen Einfluß über das gesamte öffentliche Leben amnaßen werden, daß diese reaktionären Agitatoreil gerade die unproduktivste Schicht des palästinensischen Judentums vertreten, die Chalkkuhjuden, welche dem Lande mehr schaden als nützen. Es würde sich schwer rächen, wenn man an diesen Erscheinungen des öffentlichen Lebens in Palästina achtlos Vorbeigehen wollte. Vielmehr muß die zionistische Leitung diesen Ereignissen die größte Aufmerksamkeit zuwenden und sich bewußt sein, daß sie für die Gestaltung des Lebens in Palästina die Verantwortung trägt. Die zionistische Organisation ivar von allem Anbeginn an auf den demokratischesten Grundlagen aufgebaut. Niemals ist hier das Franenwahlrecht in Frage gestanden. Der Misrachi, der sich jetzt in Palästina der Reaktion angeschloffen hat, hat nie etwas dagegen einzuwenden gehabt, ^Und nun plötzlich, will man unser öffentliches Leben nach Grundsätzen regeln, die heute keine Geltung mehr haben können. Die Zionisten führen alle denselben Kampf um die Demokratie in der jüdischen Gemeinde und verlangen selbstverständlich auch die uneingeschränkte Zulassung der Frauen. Und nun soll diese Frage auf unserem eigensten Gebiet selbst wieder arifgenommen werden. Die Mißhelligkeiten zwischen den einzelnen Gruppen der palästinensischen Judenheit sind überhaupt ein böses Zeichen für die Zukunft. Es scheint, daß bisher von zionistischen Geist iloch wenig in Palästina vorhanden ist. Wir dürfen uns das nicht verhehlen, um die ganze übermenschliche Schwierigkeit unserer Aufgabe erfassen zu können. Denn es wird alles darauf ankonnnen, daß dieser- Geist in jenen Menschen lebendig ist, die sich jetzt zur Auswanderung anschicken. Sonst riskieren wir, daß alles so schwach, daß er. der überhaupt eine lebhafte Phantasie hatte, von Visionen und grauenhaften Träumen stets heimgesucht wurde. Er verließ Portugal und ging nach der Türkei. In Adrianopel lernte erden berühmten Rabbi Josef Karo kennen, den er für das Studium der Kabbala begeisterte. In Palästina verweilte er längere Zeit, namentlich in dem zumeist von Kabbalisten bewohnten Safet, wo er allsabbatlich Vorträge hielt, die dort allgemein bewundert wurden. Später ging er nach Rom, wo der Papst Clemens VII. und andere Kardinäle mit ihm freundschaftlich verkehrten. Der Leibarzt des Papstes jedoch, Jakob Mantino, erkannte ihn bald als einen Schwärmer und Abenteurer und verfolgte ihn so sehr, daß er dem Jnquisitionsgericht in die Hände siel. Dieses mußte ihn aber auf Befehl des Papstes, der sich seiner warm annahm, wieder freilassen. In Rom kam Molcho wieder mit Reubeni zusammen. Beide Schwärmer faßten den Entschluß, sich nach Regensburg, wo damals gerade der Reichstag versammelt war, zu verfügen und dein deutschen Kaiser sich vorzustellen. Sie erhielten auch tatsächlich beim Kaiser Audienz. Einer nicht ganz verbürgten Nachricht zufolge, sollen sie den Versuch gemacht haben, den Kaiser zur Annahme des Judentums zu bewegen. Die Folge dieser Audienz war, daß sie beide in Fesseln geschlagenwurden. Molcho ließ der Kaiser nach Mantua bringen, wo er 1532 von einem Glaubensgericht zum Feuertode verurteilt wurde, während Reubeni nach Spanien gebracht wurde, wo er im Kerker starb. Ueber die Todesart Molchos berichtet der Geschichtsschreiber Rabbi Josef Hakohen in seinem „Emek Habacha“ folgendes: „An einem der folgenden Tage legte man einen Zaum um' seine Kinnbacken, damit er nicht sollte sprechen können, imb führte Salomo hinaus auf den Richt-- platz. Als die ganze Stadt seinetwegen in Aufruhr war und Feuer vor ihm brannte, sprach einer von den Fürsten des Kaisers: .Nehmet ihm den Zaum von den Zähnen, denn ich habe ihm etwas von dem Kaiser mitzuteilen/ Und nachdem sie also getan, sprach er zu ihm: ,Der Kaiser sendet mich zu dir, Fürst Molcho, um dir zu sagen, daß, wenn du von deinem Wege abgehst, dir vergeben werden soll, er dich am Leben erhalten will und du in seiner Nähe leben sollst, wo aber nicht, so ist das Urteil über dich beschlossen/ Indes erhob dieser sich weder, noch bewegte er sich vor ihm, sondern antwortete wie ein Heiliger, gleich einem Engel Gottes: ,Nur wegen der Zeit, während welcher ich dem christlichen Bekenntnisse angehört habe, ist mein Herz bekümmert. Nunmehr aber tuet, wie es euch gefällt, und meine Seele möge zurückkehren in ihres Vaters Haus/ Da wurden sie von Zorn