Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 31 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 31 Die Lage der Juden in GalonM. Die hebräische Tageszeitung „Chadaschoth Haarez" bringt eine Unterredung mit dem Rabbiner der Saloniker Gemeinde Jaakow Meir, der wir folgendes entnehmen: 'Die schreckliche Feuersbrunst, die vor 1y2 Jahren in Saloniki wütete, war vernichtend für den Wohlstand der jüdischen Gemeinde. 85 Prozent der Geschädigten waren Juden. Zur Hilfe für die Betroffenen wurden zwar viele Gelder gesandt, aber sie waren doch ungenügend. Gleich nach der Feuersbrunst standen viele einst wohlhabende Juden vor dem Bankrott. Sie blieben ohne ein Dach über dem Kopf, nahmen aber keine Almosen, sondern arbeiteten, um sich ernähren zu können. Es war damals kein seltenes Bild in Saloniki, daß ein einft reicher Mann mit dem Warenkörbe durch die Stadt ging und Käufer für seine Waren suchte. Allmählich besserte sich die Lage. Durch den Krieg kamen viele Armeen nach Saloniki und mit ihnen viel Geld, so daß ein Teil der Familien bald von ihrer Materiellen Bedrückung loskam. Die materiellen Schäden der Feuersbrunst sind fast verwischt, aber die geistige und moralische Situation der Stadt weist noch große Schäden auf. Der Rabbiner erzählt dann, daß die französische Regierung den Juden ihr großes Hospital übergeben hat, wo man Dreihundert Familien unterbrachte, die bisher in Zelten und Hütten kampieren mußten. Auchdie griechische Negierung hat jetzt den großen der Gemeinde gehörigen Platz, der für militärische Zwecke requiriert war, freigegeben. Auf diesem Platze wurden dreihundert neue Häuser gebaut. Außerdem machte die italienische Regierung für 200 Familien Platz, sodaß die Wohnungsfrage für die von der Feuersbrunst Geschädigten nach Verlauf einiger Monate fast gänzlich gelöst war. Das Verhältnis zwischen der griechischen Regierung und den Juden ist von Sympathie und Freundschaft diktiert. Die griechische Regierung hat bei verschiedenen Gelegenheiten ihr Wohlwollen für die Juden und die zionistische Bewegung bewiesen. Zuerst litten wir viel von den griechischen Polizisten. die überhaupt die Bevölkerung grob behandelten; aber letzt hat sich die Lage geändert, da die Schutzleute in den jüdischen Vierteln Juden sind, die unter griechischem Kommando stehen. Die Saloniker jüdische Gemeinde ist die am besten organisierte unter den Gemeinden des Orients. Haß und Neid sind ihr fremd. Brüderlichkeit und Freundschaft herrschen in den Reihen der Gemeinde, es gibt dort keinen Zwiespalt und keine Zwietracht. Der Rabbiner wird in Saloniki sehr geehrt. Die zwölf Jahre, die ich in Saloniki als Hauptrabbiner der Gemeinde verbrachte, sind die glücklichsten meines Lebens. Leider befindet sich das jüdische Schulwesen in Saloniki auf einer niedrigen Stufe. Bei der großen Feuersbrunst brauten auch die Schulgebäude nieder', und die Schüler zerstreuten sich. In den. Schulen Salonikis wurden früher ungefähr 10.000 Schüler unterrichtet, während es jetzt nur noch 3000 gibt. Die hebräische Sprache wird nicht in ausreichendem Maße gelehrt, da es an Lehrkräften dafür fehlt. Als Dr. Jzchak Epstein noch in Saloniki war, blühten dort die hebräischen Schulen, und wäre er dort geblieben, so hätten wir heute eine hebräisch sprechende Generation. Die Schulen in Saloniki brauchen Verbesserung und Hilfe, und Erez Jisroel hat die Pflicht, hier helfend einzugreifen. Zur palästinafrage. Der „Times" wird telegraphiert, daß man in Paris die amerikanische Kommission erwartet, die in Syrien und Palästina Untersuchungen über die Wünsche der dortigen Bevölkerung anstellen sollte. Erst nach Berichterstattung dieser Kommission wird man sich mit der Frage der Verteilung der Mandate im Orient beschäftigen. Im allgemeinen hängt die Lösung stark davon ab, ob Amerika sich entschließen wir-, ein Mandat über Armenien und Konstantinopel anzunehmen. Es wird behauptet, daß der Bericht der amerikanischen Kommission dahingehend lauten werde, daß die Bevölkerung von Syrien und Palästina, Amerika als Mandatar und falls Amerika ablehnen sollte, England zu wählen wünscht. Die französische Presse tritt mit der Beschuldigung hervor, daß diese Stellungnahme der syrischen und palästinensischen Bevölkerung das Resultat der von englischen Agenten geführten Propaganda sei. — Der „Times"-Korrespondent in Kairo meldet: Aus Syrien angekommene Personen berichten über das Resultat der Nachforschungen der amerikanischen Komission: Eine große Majorität der EinNwhner der syrischen Dörfer verlangt absolute Selbständigkeit. Falls dies unmöglich sei, verlangen sie ein amerikanisches Mandat oder wenigstens ein englisches, weigern sich jedoch unter die Kontrolle irgend einer andern Macht zu kommen. Beirut, Libanon und ein Teil der Bewohner der Meeresufer erklärten sich meistens für ein französisches Mandat, was auch die Majorität der Katholiken wünscht, während die Anhänger der orthodoxen Kirche teils für Frankreich, teils für England sind. Außer der jüdischen Minorität ist in Palästina niemand für den Zionismus. Palästina wünscht im allgemeinen Amerika oder England als Mandatar, die Mohammedaner ziehen England, die Christen Amerika vor. Falls Palästina unter das Mandat eines der zwei angelsächsischen Staaten kommen sollte, wird dies ein starkes Argument dafür bilden, daß dieselbe Macht auch das Mandat über den übrigen Teil von Syrien, außer Beirut und Libanon, erhallen soll. Rundschau. (Gedächtnisfeier für Rabbiner Dr. Güdemanu.) Anläßlich der ersten Wiederkehr des Todestages des verewigten Oberrabbiners Dr. Moriz Güdemann findet Sonntag, den 24. August 1919, im Stadttempel I., Seitenstettengasse 4, anschließend an ben Abendgottesdienst (Beginn 7 Uhr) eine Gedächtnisfeier statt. (Kardinal und glaubenstreue Juden.') Die Pogromhetze.in Budapest veranlaßte eine hervorragendste Persönlichkeit der dortigen Neologengemeinde, beim Kardinalfürstprimas vorzusprechen. Auf das an den hohen Kirchenfürsten gestellte Ansuchen, durch seinen bedeutenden Einfluß dieser bedrohlichen Hetze Einhalt zu gebieten, antwortete der als ebenso erleuchtet wie human bekannte Primas: „Sagen Sie doch Ihren Glaubensgenossen, sie mögen doch wieder zu ihrer Religion zurückkehren, die Einfachheit der Sitten, die Ehrlichkeit, die Bescheidenheit, die Mildtätigkeit und Menschenliebe, die Moses befohlen, sind das einzige, aber wirksamste Mittel, den Haß, der ihnen leider' vielseitig entgegengebracht wird, in Achtung und Liebe zu verwandeln." „Wer die Weisheit der Nichtjuden gering schätzt, ist ein Narr" — heißt es im Talmud. (Bazsonyi gegen den Judenhaß.) Minister a. D. Wilhelm Vazsonyi veröffentlicht im nichtamtlichen Teil des Amtsblattes einen Aufruf an die ungarische Gesellschaft, worin es unter anderem heißt: Die Bolschewiken haben als Vulkan des Klassenhasses den fruchtbaren Boden unseres Landes mit Lava und Asche bedeckt, und kaum ist dieser Krater, der das Leben zur irdischen Hölle gemacht hat, erloschen, muß ich voll Schrecken die drohende Eruption eines neuen, unser Leben bedrohenden Kraters erblicken, jenes des konfessionellen Hasses. Es ist keine Selbstüberhebung, wenn ich daran erinnere, daß ich als Erster in Ungarn die Gefahr des Bolschewismus bemerkt und meine Stimme dagegen erhoben habe. Ich habe älso das Recht zu fordern, daß man meinen Worten Gehör schenke. Gibt es doch niemanden in Ungarn, den die Bolschewiken mehr gehaßt hätten als mich. Es ist unzweifelhaft, daß die meistenFührer der Bolschewiken der jüdischen Rasse entstammen, aber es ist auch gewiß, daß diese Propheten der Hölle sich seit langer?Zeit von der jüdischen Religion losgesagt haben, daß sie Gott verleugnen und also in Wirklichkeit bloß ihrer Abstammung nach Juden sind. Und wir müssen auch feststellen, daß die bolschewistische „jüdische Inquisition" bei ihrem Zerstörungswerk auch die Geschäfte und Fabriken der Juden nicht geschont hat. Die Sünde ist um so - größer, weil dieses Land seinen Bürgern