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Jüdische Korrespondenz · 1919-08-22 · 31 (22.8.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
31 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 31 Jüdische Korrespondenz Seite 5 Sinn und die Universalität unserer Politik. Unser Präsident Woodrow Wilson besitzt die außerordentliche Gabe, daß er alle 64 Felder des Weltschachbrettes gleichzeitig übersieht, während sie in ihrem Gesichtskreis kaum ihr eigenes Feld übersehen können. Sie foulten daher nicht verstehen, daß gewisse Züge unwideruflich sind zum Gewinnen des ganzen Spiels. Versöhnen sie sich also mit dieser unglückseligen Klausel, um so mehr als sogar in dem Fall, daß die Juden, wie sie Vorschlägen, selbst für die Streichung wären, dies die Sachlage doch nicht ändern würde. Sie können auf die ihnen gegebenen Rechte nicht verzichten ebenso wie die Minderjährigen, und haben das Recht, von den Normen Gebrauch zu machen, die ihre Rechte schützen." Hieraus betonte Morgenthau mehrfach, daß der polnischjüdische Streit zu langwierig und zu eingewurzelt sei, um auf einmal erledigt zu werden. Bis zur Regelung der Beziehungen dürfte mehr als ein Monat ins Land gehen. — Der Pariser Korrespondent des „Kn'ryer Warszawski" teilt seinem Blatte den wörtlichen Inhalt der Instruktionen Wilsons an Senator Morgenthau für dessen Reise nach Polen mit. „Die Untersuchung der Authentizität der Pogrome in Polen", schreibt Wilson, „hat eine geringere Bedeutung. Ihre Reise bezweckt nicht, die Polen zu belasten, ebenso wenig der jüdischen Bevölkerung Unwahrhaftigkeiten vorzuwerfen. Diese Fragen gehören der Vergangenheit an und am besten wird es sein, die Angelegenheit vor dem europäischen Forum nicht zu berühren. Der Hauptzweck ihrer Reise ist, mit allen Mitteln zur Milderung des Rassenkonfliktes in Polen beizutragen, und zwar hauptsächlich durch Beeinflussung der jüdischen Bevölkerung in allen Zentren Polerls und durch Aufklärung derselbeir über ihre Pflichten dem neuen Staat gegenüber. Ich habe nämlich den Eindruck, daß die erwähnte jüdische Bevölkerung sich noch nicht klar darüber ist, daß die Gleichberechtigung mit Pflichten verbunden ist, von welchen man sich absolut nicht ausschließen kann. Ich vertraue darauf, daß ihre Reise günstige Resultate aufweisen und zur Beruhigung der Gemüter beitragen wird, welche für Konsolidierungen des Neuentstandenen dringend notwendig ist." (Der inzwischen veröffentlichte authentische Text der Instruktion lautet aber ganz anderes. D. R.) Der Korrespondent berichtet weitter, daß Morgenthau sich anfangs geweigert hätte, die Mission zu übernehmen und erst auf E Drängen Wilsons nachgab. Der Korrespondent meint, Wilson wolle mit Hilfe Morgenthaus nach dessen Rückkehr aus Polen die antistolnische Propaganda in Amerika eindämmen. — „Nowy Dziennik" meldet: Die jüdischen Ofsiziere, die sich auf Grund des Rekrutierungsbefehles vom 17. Juni zur Dienstleistung gemeldet hatten, wurden bis zum 2. d. M. in den Lammelkaders zurückgehalten, ohne in irgendeine Abteilung eiugeteilt zu werden. Am 2. erschien in Krakau ein Delegierter des Kriegsministeriums und forderte den jüdischen Offizieren eine Deklaration in bezug auf ihre Nationalität ab. Diejenigen, die sich zur jüdischen Nationalität bekannten — und es taten dies die meisten — erhielten den Bescheid, daß gemäß Verordnung des Kriegsministeriums vom 30. April 1919 der Rekrutierungsbefehl sich auf sie nicht beziehe, und sie wurden auch vom Militär entlassen. Die jüdischen Offiziere richteten hierauf auf telegraphischem Wege einen Protest an das Staatsoberhaupt Pilsudski und an den Kriegsminister. sr Im englischen Parlament erklärte der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Amtes auf eine Anfrage eines Deputierten, daß England die Entsendung zweier Kommissionen nach Polen beabsichtige, welche die Aufgabe haben werden, die polnischen Pogrome gründlich und objektiv zu erforschen. Die englischen Delegierten werden sich wahrscheinlich mit der amerikanischen Kommission in Verbindung setzen. — Die amerikanische Untersuchungskommission, welche einige Tage in Pinsk geweilt hatte, ist nach Warschau zurückgerehrt. Einige Mitglieder der Kommission teilten den hiesigen jüdischen Journalisten die Ergebnisse ihrer Untersuchungen mit und stellten fest, daß die 35 Erschossenen nach den Erhebungen vollständig unschuldig waren. Kein einziger unter ihnen gehörte der bolschewikischen Partei an, die Behörden, welche die Verhaftung hatten vornehmen lassen, hatten von der politischen Zugehörigkeit der Erschossenen keine Ahnung. In Bettak wurden 72 Personen verhaftet, sämtliche auf den Ringplatz gebracht, au die Klostermauer gestellt, und nach Entfernung der Greise und von sechs Frauen wurden die übrigen erschossen. — Wie mau der Warschauer „Arbeiter-Zeitung" aus Stockholm telegraphiert, akzeptiert die internationale sozialistische Konferenz in Luzern den Antrag der poale-ziouistischen Delegierten, eine Kommission zur Untersuchung der Pogrome nach Polen, der Ukraine und Litauen 311 entsenden. Die Iuderr in Rumänien. Der rumänische Gewährsmann der „Jüdischer! Preßzentrale Zürich" schreibt: Die rumänische Regierung ist von ihrem Plane, jetzt Neuwahlen durchznführen, abgekommen und hat ein königliches Dekret erlassen, laut welchem die Nachwahlen für die Kammer auf den 15., 16., 17. September, die Wahlen für den Senat auf den 20. und 21. September festgesetzt wurden. Diese Daten sind offenbar mit Rücksicht darauf bestimmt, daß in dem von Oesterreich unterfertigten Vertrag die Grenzen Rumäniens nach Westen bereits endgültig fixiert sein werden. Wahlberechtigt sind alle großjährigen rumänischen Staatsbürger im alten Königreich, in der Bukowina, in Bessarabien, Siebenbürgen, dem Banate und den ungarischen Gebirgsteilen. Die Wahl erfolgt in Wahlkreisen nach dem allgemeinen, gleichen, direkten, obligatorischen und geheimen Stinnnrecht. Auf je 30.000 Bewohner eines Wahlkreises und je 20.000, die diese Zahl übersteigen, fällt ein Abgeordneter; auf je 70.000 Bewohner und je 46.000 eines Wahlkreises, die diese Zahl übersteigen, entfällt ein Senator. Die Durchführungsvorschriften zu diesem Dekrete, das wie alle rumänischen Gesetze eine sehr gefällige Form hat, die aber niemanden mehr tärffcht, stehen noch aus. Man weiß nicht, ob Proporz oder Majoritütssyftem Grundlage des Verfahrens bildet und nach welcher Geolnetrie die Wahlkreise geschnitten werden. Bei ordnungsmäßiger Regelung des Wahlrechtes müßten den Juden von zirka 500 Sitzen der Kammer ungefähr 35, von zirka 200 Sitzen im Senate ungefähr 14 zufallen. Allerdings, Ulan weiß auch noch lange nicht, wer rumänischer Staatsbürger ist. Ans dem für die Wahlen zur Konstituante bestimmten Zeitpunkt geht klar hervor, daß Rumänien den analogen Vertrag, wie ihn Polen unterschrieben hat, unterfertigen wird. Sonst bekommt es eben nicht die alten österreichischen Provinzen. Wozu also der Lärm wegen der Sicherung der Minoritätsrechte? So orientiert ist heute jeder, daß er den glatten Versicherungen rumänischer Staatsmänner keinen Glauben schenkt und daß man aus ihren Handlungen Schlüsse, die sich leicht ergeben,, ziehen kann. Soll die Sprödigkeit gegenüber den Minoritäten oder gegenüber alliierten Staatsmännern wirken? In beiden Richtungen ist die Mühe vergeblich. Bleibt als Trost nur der Belagerungszustand und der Verwaltungsapparat, zwei Mittel, die bisher in Rumänien den Regierungskreisen in allen Nöten erfolgreich gedient haben. — Der bekannte amerikanische Poalezionist Baruch Zuckermann, der auf der Rückreise nach Amerika in Paris tveilt, äußerte sich einem Mitarbeiter der „Jewish Times" gegenüber in allgemeinen Umrissen über die Verhältnisse in Rumänien. Die jetzige rumänische Negierung tue alles, um den Juden in Rumänien verstehen zu geben, daß sie selbst gegen die Einmengung der Alliierten bezüglich der jüdischen Rechte auftreten sollen, da die Einmengung ein Attentat auf die rumänische Souveränität bildet. Es wird den Juden suggeriert, daß ein solches Auftreten ihrerseits für die Regierung der beste Beweis sein würde, daß die Juden wirklich gute rumänische Bürger sind, wie sie es unaufhörlich behaupten. Es soll sich also niemand wundern, meint Zuckermann, wenn demnächst eine kleine Gruppe von Juden diese ihnen eingegebene Meinung zum Ausdruck bringen wird. Sie werden für diesen Zweck sicherlich außer moralischer auch finanzielle Unterstützung finden. Die jüdische Oeffentlichkeit möge also gewarnt sein.

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