Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1919-08-22 · 31 (22.8.1919) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
31 (22.8.1919)
Date
1919-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495418-3495447--1017-3496876
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. -31 Seite 3 Jüdische Kori espondenz Der Abschluß dieses traurigsten Kapitels der Judennot im Kriege bezeichnet den Beginn der Wiederausbau-Aktion, die alle jüdischen Kräfte im Uebermaß in Anspruch nehmen muß. Ist doch die Judenuot ein Vielfaches des Unglückes, das der Krieg über die Welt gebracht. Mit dem Eintritt geordneter politischer Verhältnisse in Palästina wird sich hoffentlich ein Modus finden, daß produktive Elemente und Thorabesiissene nebeneinander leben, ohne Reibung, beffissen, das Heilige Land wirtschaftlich und ideal zur Blute zu bringen. Anna Lorbeerbaum. Die Abreise des ersten Teiles der Palästinenser Flüchtlinge hat in der Wiener strenggläubigen Jndenschaft ein Gefühl der Erleichterung ausgelöst. Da wenden sich aller Augen einem jungen, anspruchslosen Mädchen aus Erez Jisroel zu, das allein die schwere Arbeit verrichtete, diese Heimreise zu ermöglichen. Ich hörte soviel von Anna Lorbeerbaum reden, daß ich beschloß, sie aufzusuchen. Im Zentrum des Judenviertels wohnt die Familie Lorbeerbaum. Die jüngere Tochter, ein kluges, liebenswürdiges Mädchen öffnet mir die Türe und verriet durch ihre Art, daß man hier gewohnt ist, Besuche zu empfangen. Bald braucht jemand einen Rat, bald wieder will ein Armer sein Herz ausschütten, ein Gedrückter sein Leid mitfühlenden Menschen mitteilen. Der Vater, ein Sprößling uralten Palästinenser Geistesadels, ist selbst ein ausgezeichneter Talmud Chochom und dabei von einer rührenden Bescheidenheit; die Mutter eine kluge Frau, die viel gesehen hat. Sie erzählt von großen Juden, von Dr. Max Nordau und anderen. Welcher Unterschied zwischen diesem Idealisten und vielen seiner Nachahmer; welche Liebe und Wertschätzung bringt er — der große Freidenker — den das damals in antisemitischer Hetze Geleistete womöglich noch überbieten. Die Flugblätter gehen als „Streng vertraulich" vom Ausschuß für Volksaufkläruug in Berlin, vom „Deutschen Schutz- und Trutzbund", Landesverein Württemberg, vom „Deutschvölkischen Bund" in Hamburg aus, soweit sie nicht anonym verbreitet werden. Zwei große Wochenschriften, die im Gegensatz zu diesen „vertraulich" von Hand zu Hand in Riesenauflagen übermittelten Flugblättern überall öffentlich zu haben sind, das „Deutsche Wochenblatt" und „Der gerade Weg" hauen in dieselbe Kerbe. Darin wird die neue Verfassung geradezu als ein rein jüdisches Machwerk bezeichnet und der Vater des Werkes, Herr Dr. Preuß, als „Juve" entlarvt. Selbst an der Kohlennot sind die Juden schuld! Man treibt eine gefährliche, wahnwitzige Volksvergiftung, die unfehlbar zu Pogromen führen muß und die deutschvölkischen Kreise sicherlich noch zu neuen herrlichen Taten begeistern wird. Jedenfalls verdienen es diese antisemitischen Ausgeburten nicht mehr „streng vertraulich" genommen, sondern weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden. — Aus Berlin wird gemeldet: Sonntag, den 17. August, sind von den antisemitischen Arrangeuren neuerdings Exzesse gegen die Juden signalisiert, gegen welche die Polizei im Einvernehmen mit der Regierung umfassende Vorkehrungen getroffen hat. Der Zentralverein der Staatsbürger jüdischen Glaubens teilt mit, daß sich bereits seit längerer Zeit eine Fabrik mit der Herstellung von Gummiknüppeln beschäftigt, die in zwei Ausgaben an die waschechten Antisemiten verteilt werden, und zwar eine Sorte zu 25 Mark, der sogenannte große Kohn, und der sogenannte kleine Kohn zu 20 Mark. Diese seien das beste Mittel gegen die Juden. — In, der „Deutschen Zeitung", diesem antisemitisch-alldeutschen Hetzblatt, fand sich folgende Annonce vor: Preisausschreiben. Für die Abfassung eines zur Verwendung geeigneten Flugblattes, das in allgemein verständlicher Weise den unheilvollen Anteil des Judentums ani Zusammenbruch Deutschlands unter besonderer Berücksichtigung der Sozialdemokratie beleuchtet, setzen wir drei Preise von 500, 300 und 200 Mark aus und bitten, Entwürfe an Herrn Stadtverordneten Friedrich Wiegerhaus, Elberfeld, Humboldtstraße 37, richten zu wollen. Liebermann von Sonnenberg-Spende des Gaues Westmark des deutschvölkischen Bundes. Dazu schreibt das Organ der Unabhängigen, die Berliner „Freiheit"; „Da den alldeutschen Verbrechern, auf deren Häuptern die Blutschuld für Millionen Tote ruht, vor den augenblicklichen Enthüllungen ihrer Schuld in der Nationalversammlung wohl doch zu ihrer Ueberzeugung Lebenden, welchen Respekt der heiligen Lehre, welches Mitgefühl und welche Zuneigung denen entgegen, die ihr Leben der Erforschung der Tora, des Talmuds geweiht. Mit gewissem Stolz zeigt sie einen Brief Max Nordaus, voll des Lobes und der wärmsten Anerkennung für diese wackere Frau. Ihre Tochter, ein schlichtes, bescheidenes Mädchen, unterhält sich über jüdische Probleme. Aufleuchten ihre Augen, wenn sie von Wohltun spricht, wenn sie die amerikanischen Kinderküchen erwähnt, wo sie sich an Seite der orthodoxen Jugendgruppe betätigt. Begeistert ist sie, wenn sie von Glaube und Lehre, wenn sie von ihrer Heimat, von Palästina, redet; leidenschaftlich aber wird sie, wenn sie hört, daß Menschen wegen ihrer Konfessions- und Volkszugehörigkeit oder wegen ihrer strengen Religiosität verfolgt oder auch nur zurückgesetzt werden. ' Mit einer Einfachheit, wie eine Selbstverständlichkeit erzählt sie, wie sie vor einigen Monaten beschlossen hat, ihren Landsleuten, den Palästinensern, zur Heimreise zu verhelfen. Wie sie Tag und Nacht gearbeitet, bis sie alle Formalitäten bei den verschiedenen Staatsämtern und der Polizeidirektion, bei den Ententemissionen und der Schiffahrtsgesellschaft erledigt. Dankbarst erwähnt sie das Entgegenkommen und das Verständnis, mit dem ihr seitens der Chefs und Beamten dieser Behörden begegnet wurde. Dankbar anerkennt sie auch die Güte all jener, die sie in ihrer Tätigkeit unterstützten und unterstützen wollten. Spöttisch lächelnd gedenkt sie aber jener, die ihre Arbeit hemmen wollten, und jener, die, nachdem sie alle Wege geebnet, sie beiseite schieben und Lorbeeren einheimsen wollten. Mit Dank spricht sie auch von der Direktion des Dianabades, die am Tage vor der Abreise, das Bad, welches damals für den grausen beginnt, greifen sie zu dem verzweifeltsten Versuch, nach altbewährtem Rezept des ,Haltet-den-Dieb'-Rufers die Blutschuld von sich auf andere abzuwälzen. Juden und Sozialdemokraten, welche natürlich für alles Schlechte verantwortlich sind, kommen ihnen da gerade recht. Und da sie einerseits natürlich nicht den Funken eines Beweises für eine Schuld der Juden und Sozialisten am Weltkrieg haben, und die sie anderseits viel zu beschränkt sind, um selbst einen einigermaßen glaubhaft erscheinenden Schwindel auszudenken, so versuchen sie, durch hohe Belohnungen niedrige Subjekte zur Erzeugung der verworfensten Lügen zu veranlassen. Doch das deutsche Volk hat diese Blutsauger erkannt und wird ihnen zu gegebener Zeit bald die richtige Antwort geben." — 2kn der Marburger Universität macht sich neuerdings eine starke antisemitische Strömung bemerkbar. Zu verwundern ist dies nicht, wenn dem früheren Reichstagsabgeordneten Professor Werner (Butzbach) gestattet wird, in Studentenversammlungen in fast unverhüllter Form zu Judenpogromen aufzufordern. Kürzlich wurde eine Petition deutschnationaler Studentinnen, welche die holländische Regierung um Schutz für den Kaiser bittet, zur Unterschrift ausgelegt. An dieser Petition übten „deutsch gesinnte" Studenten dadurch eine eigenartige Kritik, daß sie hineinschrieben: „Wir deutschen Männer können es nicht verstehen, daß deutsche Frauen sich für einen Kaiser einsetzen, der durch seine judenfreundliche Politik das Vaterland in den Abgrund gestürzt hat." — Einen turbulenten Verlauf nahm eine antisemitische Versammlung im Pfälzer Hof zu Bockenheim, wo der Gymnasiallehrer Professor Werner (Gießen) auftrat. Die sozialdemokratische Gegnerschaft beherrschte die Situation, forderte und letzte eine Diskussion durch, und die Linksredner widerlegten gründlich die unqualifizierbaren Angriffe des Gießener Professors, die, wie die Frankfurter „Volksstimme" schreibt, „eine Beleidigung der gesunden Vernunft waren." Redakteur Quint sagte unter anderem: Die Mehrheitssozialisten hoffen, ihr Ziel auf ruhigem, gesetzmäßigem Wege zu erreichen. Wir sind Gegner aller Gewaltanwendung. Das Eine lassen Sie sich aber gesagt sein: An dem Tage, an dem Sie es versuchen, durch eine Jude'nschlacht ein Signal zur Konterrevolution zu geben, an dem Tage haben Sie Ihren Kopf verwirkt." Stürmischer Beifall folgte seinen'Worten. — Auch die Toten wurden nicht in Ruhe gelassen. Auf dem israelitischen Friedhof in Schotten wurde von Bubenhand ein Grabstein in schändlicher Weise demoliert. — Es melden sich auch schon Proteststimmen. In einer der letzten Sitzungen des Frankfurter Arbeiterrates wurde gegen die Judenhetze Stellung genommen, die in den gegenrevolutionären Kreisen betrieben wird. Der Referent wies darauf'hin. daß die Judenhetze der Reaktion nur als Deckmantel für ihre Bestrebungen dient, gegen die Republik vorzugehen. Die Versammlung sprach sich auch auf das schärfste gegen die antisemitischen Machenschaften aus. Ganz Deutschland müßte aber im eigenen Interesse Protest erheben. ' Star.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.