Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 31 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 31 Wiederaufbau. Unter den Opfern des furchtbaren Weltringens zählen zweifelsohne zu den allerunglücklichsten die Palästinenser jüdischen Flüchtlinge. Nach unsagbaren Entbehrungen, nach zahlreichen Fällen von Hungertyphus griffen einige Tausend dieser von Angst und Unterernährung ausgemergelten Menschen zum Wanderstabe. Im Jahre 1917 traten sie die Bahnreise an, die volle sieben Wochen dauerte. Trockenes Brot war ihre Nahrung, endlose Haltestellen in glühender Hitze drückten sie nieder und sie kamen in Oesterreich-Ungarn, nachdem sie auf der Reise viele Todesfälle zu beklagen hatten, in einem Zustande an, den kein Tragiker zu schildern vermag. Die riesigen Summen, welche für die Kriegsopfer erforderlich waren, machte es unmöglich, die Palästinenser in gewohnter munifizenter Weise zu unterstützen. Die orthodoxe Judenschaft, die alljährlich für den alten Jischnw Millionen aufbringt, hat seit jeher für diese Einwohner unseres Landes, die, in Armut lebend, allein die Verbindung zwischen der Siedelung unserer Ahnen und unserer Zeit erhielten, die in kümmerlichen Verhältnissen ausschließlich dem Thora-Studium lebten, ans dem allein die Erhaltung des Judentums beruht, besondere Liebe empfunden. Hier in Wien bildeten sich sofort im.Kreise der Schiffschul Komitees, die sich der Palästinenser annahmen. Allianz, Hilsskommiffion und Kultusgemeinde beteiligten sich an dem Werke, und mit Hilfe der ganzen Wiener Orthodoxie gelang es, die Leute über Wasser zu halten. Als die fortschreitende Teuerung dieses Werk unsagbar erschwerte, gelang es Herrn Eduard Deutsch, nach langer, mühevoller Arbeit Ende 1918 ein Komitee zusammenzustellen, in dem Kultusgemeinde, Allianz, Bne Berich, Hilfskvmmiffion, Vierer-Komitee, Opfertag, Ungarischer Jüdischer Film. (Die antisemitische Hetze in Deutschland.) Deutschland ist zurzeit der Schauplatz einer wilden antisemitischen Hetze, wie sie ärger und schamloser kaum getrieben werden kann. Die Alldeutschen wollen scheinbar an den Juden für die Niederlage ihres Imperialismus Rache nehmen. Die nachstehenden Meldungen geben Zeugnis von dem Umfang, den die antisemitische Bewegung angenommen hat — sicherlich auch zu Schaden Deutschlands. Als in der großen politischen Debatte in der Weimarer Nationalversammlung der unabhängige Sozialdemokrat R.-A. Hugo Haase scharf die Pogromhetze tadelte, die jetzt in weiten Kreisen des deutschen Volkes betrieben wird und der die Regierung nicht mit der nötigen Energie entgegentrete, erhob sich der Reichswehrminister Noske und geißelte in äußerst scharfen Worten das unverantwortliche Treiben der antisemitischen Elemente. So erfreulich die scharfen Worte des Neichswehrministers sein mögen, so scheint es ihm doch bisher nicht völlig gelungen zu sein, die antisemitische Propaganda im Heere zu unterdrücken. Der ihm gewiß doch nicht feindliche „Vorwärts" muß des öfteren mit Bedauern feststellen, daß in der Reichswehr offene antisemitische Propaganda getrieben wird. So wird in der Morgennummer vom 31. Juli 1919 dieser Zeitung von einer Auseinandersetzung zwischen Rabbiner Dr. Neufeld-Briesen und einem Hauptmann Fenske vom Infanterieregiment 61 berichtet, der seinen Mannschaften während des Dienstes eine antisemitische Hetzschrift vorlas und sich dann in beleidigendem Tone die Beschwerde Dr. Neufelds verbat. Von der deutschnationalen Presse sind wir manches gewöhnt. Was sich aber der „Reichsbote" in seiner Nr. 24 leistet, übersteigt an sinnlosen Anschuloigungen im Ton doch fast alles bisher in der Tagespresse Uebliche. Abgesehen von den offenbar wissentlich falschen Behauptungen, die sämtliche Sozialdemokraten und Bolschewisten zu Juden machen (Dittmann, Barth, Lenin!), — was, wenn es der Fall wäre, die Sache jedes Einzelnen von ihnen wäre —, versucht der Artikel nachzuweisen, daß einzig und allein die Juden die Schuld an dem Zusammenbruch Deutschlands tragen. Die Beweisführung, in der Bolschewismus und Kapitalismus eine Hauptrolle spielen, ist durchaus konfus. Es gibt doch bekanntlich kein besieres Mittel, die nationalistischen Instinkte aufzupeitschen als den Antisemitismus. Recht freundliche Vorschläge macht die „Deutsche Zeitung" in einer Notiz über die Uebersiedlung zweier jüdischer Kapitalisten von Wien nach Polen, die sich der Vermögensabgabe entziehen wollt«. Wenn die „Deutsche Zeitung" ihren Schmerz darüber ausdrückt, daß man diese Leute nicht, wie man es in Paris getan hätte, an die Laterne gehängt oder, wie in Amerika, geteert und gefedert hat, so ist das Blatt mit dieser Bemerkung gerichtet. Die Folgen dieser Pogromhetze haben sich neuerdings im Ostseebad Cranz bemerkbar gemacht, wo sich die jüdischen Badegäste infolge ständiger, bisweilen sogar tätlicher Angriffe so ünsicher fühlten, (Schiff), Westgalizischer (Schreiber), gemischter Kollel (Dr. Funk, Schramek), Jischuw und die Großrabbiner zusammenwirkten, um durch größere Zuwendungen ein kleines Existenzminimum in klagloser Weise zu bieten. Dieses Komitee stellte im Juni seine Tätigkeit ein, die das Joint Distribution Committee übernahm. All diese Hilfsaktionen waren aber nur hinreichend, die Leute kümmerlichst zu erhalten. Man hatte wohl oft von der Heimsendung derselben gesprochen, glaubte aber, daß die Einreise unmöglich sei. Da faßte ein junges jüdisches Mädchen aus Palästina, Frl. Anna Lorbeerbaum, den kühnen Gedanken, die Heimreise in die Wege zu leiten. Bespöttelt, entmutigt, unglaublichen Widerständen begegnend, hat selbes die Arbeit von einem Dutzend Männern geleistet und alle Hindernisse aus dem Wege geräumt. Wenn es sich nur mehr um die Beschaffung der Mittel handelte, fand sich alles zusammen, um es zu ermöglichen, daß diese bedauernswerten Menschen, die seit so langer Zeit von ihren Familien getrennt in größter Not leben, wieder in ihr ärmliches Heim, den Gegenstand ihres heißesten Sehnens zu ihren Angehörigen znrückkehren können. Letzten Dienstag ging der erste Transport, bestehend aus zirka 100 Personen, ab. Es war rührend zu sehen, wie diese Menschen, die seit Jahren kein Lächeln kannten, freudig erregt waren, endlich tvieder heimzukommen. Hoffentlich geht Erez Jisroel einer besseren Zukunft entgegen und wird das wirtschaftliche Aufblühen des Landes, an dem die ganze Judenschaft Interesse nimmt, auch die Zukunft dieser Jdealistm besser gestalten. An alle Juden und jüdischen Korporationen ergeht die dringende Bitte, die Mittel zu beschaffen, um die restlichen Palästinenser, einige Hundert an der Zahl, heimzubesördern. daß sie beim Reichswehrminister militärischen Schutz erbaten. Nachdem dieser 'eingetroffen war, hörten die Belästigungen auf. Was für eine Wirkung die antisemitische Hetze aber im Ausland hervorgerufen hat, beweist, daß auf Veranlassung der englischen Besatzungsbehörde zurzeit in Cöln a. Rh. eine Schrift „Der Antisemitismus in Deutschland", gedruckt bei Wilhelm Clowes et Sons, vertrieben wird. Diese Tatsachen sollten sich alle diejenigen Kreise, die in Deutschland unaufhörlich gegen die Juden hetzen, zur Warnung dienen lassen. Die Kunde von einem starken Antisemitismus in Deutschland wird nicht dazu beitragen, bei den andern Völkern Sympathien für Deutschland wieder aufkommen zu lassen. Der Herd der antisemitischen Hetzpropaganda ist der Ausschuß für Volksaufklärung, der in Berlin seinen Sitz und an verschiedenen Orten seine Zweigstellen hat. Im engeren Einvernehmen mit it>m arbeitet der Deutsche Schutz- und Trutzbund und der Deutsche Volksbunddem der Bund der Kaisertreuen sehr nahe steht, der Deutschvölkische Bund, der Reichshammerbund, der Großdeutsche Frauen- Schutz und Trutzbund und andere Organisationen. Es wirken aber auch Vereinigungen mit, die nach ihrem Aushängeschild ganz anderen Zwecken dienen sollen. Der Verein zur Abwehr des Bolschewismus hat sicherlich namhafte Beiträge von vielen Personen erhalten, die vom Antisemitismus durchaus nichts wissen wollen, darunter auch von Juden selbst. Nun ist aber eine in großen Mengen unter die Lehrerschaft verteilte antisemitische Broschüre ursprünglich mit dem Namen des Vereins zur Abwehr des Bolschewismus versehen worden, und erst spät hat man diesen überklebt und die Hauptstelle für Volksaufklärung als Herausgeber drucken laffen. So sind sicher auch andere unter einem allgemeinen Titel veranstaltete Sammlungen zum Teil den antisemitischen Zwecken dienstbar gemacht worden, unter grober Täuschung der Geldgeber. Die genannten Organisationen, die mit verteilten Rollen die Bevölkerung mit Millionen von Flugblättern überschütten — Geld spielt für sie offenbar keine Rolle — treiben eine bereits ganz ausgesprochene Pogrompropaganda. Ein Flugblatt des Ausschußes für Volksaufklärung, das die wahnwitzige Lüge von einem Massenritualmord auftischt, ruft zur Rache, zur Vernichtung und zum Totschlag auf, ein anderes, das heimlich am schwarzen Brett der Frankfurter Universität angeklebt worden war, enthielt den Appell: „Auf zum Pogrom!" Und ebenso finden, sich überall die schwersten Drohungen. Diese Hetze hat auch bereits wiederholt zu Gewalttätigkeiten geführt. In Marburg und Gießen haben mehrfach Studenten sich Mißhandlungen von Juden zuschulden kommen lassen. An anderen Orten, wo allgemeine Ausschreitungen stattgefunoen haben, konnten ganz deutlich von antisemitischer Seite dirigierte Plünderungen jüdischer Geschäfte festgestellt werden. Es handelt sich hiebei um ganz planmäßige, antisemitische Arbeit. — Der „Vorwärts" schreibt: In den letzten Wochen wird Deutschland mit vielen Millionen Exemplaren von Flugschriften überschüttet, die an die Zeiten der Achtziger- und' Neunzrgeriahre erinnern, aber