Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 31 (22.8.1919)
- Date
- 1919-08-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Bezugspreis: j Ganzjährig K 16, halbjährig K 8, viertelj jährig K 4. — Ausland jährlich K 30. j Einzelnummer 40 Heller. | Organ für die Interessen des orthodoxen Judentums. j Redaktion und Administration:! Wien, VIII., Alserstraße 55.; Postsparkassenkonto Nr. 184.299. | Erscheint jeden Freitag. Ni«. 31. Wien, 26. Ab 5679, 22. August 1919. V. Jahrgang. Latsche Propheten. (Betrachtung zu P. fijn) „Wenn in deiner Mitte ein Prophet auftritt, oder einer, der Träume hat und gibt dir ein Zeichen oder ein Merkmal. Und es trifft jenes Zeichen oder Merkmal ein, das er dir vorausgesagt, und er dann zu dir spricht: Wir wollen fremden Göttern, die du nicht kennst, nachgehen und ihnen dienen; so gib kein Gehör den Worten dieses Propheten oder desjenigen, der Träume hat, denn der Herr, euer Gott, will euch versuchen, um zu erfahren, ob ihr den Herrn, enern Gott, liebt mit eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele." (V. Buch Moses, 13, 2—4). Die falschen Propheten waren seit jeher die größte Plage des jüdischen Volkes. Weniger gefährlich waren diejenigen, deren Zeichen und Merkmale nicht eingetroffen sind. Sie sind gar bald entlarvt worden und mußten in die Versenkung stürzen. Gefährlicher und unheilbringender waren diejenigen, die es verstanden haben, ihre Prophezeiungen mit solchen Zeichen und Merkmalen zu versehen, welche über kurz oder lang eingetroffen sind, sei es durch einen puren Zufall oder sei es auf Grund einer richtigen Kalkulation angesichts der Umstände und Verhältnisse. Das Leid, das sie gebracht haben, die Enttäuschungen, die Antreten mußten, lasteten furchtbar auf ganzen Generationen. Enkel und Urenkel hatten unter den Nachwirkungen der Leichtgläubigkeit ihrer Vorfahren unsäglich zu leiden. Geschlechter seufzten unter dem Druck der zerstörten Hoffnungen, der wie Seifenblasen geplatzten Illusionen. Es war das wirkliche »pauked awoun owaus al banim“. Am gefährlichsten und am schädlichsten waren jedoch jene falschen Propheten, die, gestützt auf ihre Autorität angesichts des Eintreffens ihrer Zeichen und Merkmale, es versuchten, das Volk vom richtigen Wege abzuführen und es fremden Göttern dienstbar zu machen. Wehe der Generation, die diesen Worten Gehör schenkte! Bis auf den heutigen Tag hat das zerstreute Israel darunter zu leiden. Indem sich seine Vorfahren verleiten ließen, ihrem Gott den Rücken zu kehren, haben sie nicht nur sich, sondern auch ihren Nachkommen Unheil gebracht. „Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor: den Segen — wenn ihr gehorchet den Geboten des Herrn, eures Gottes, welche ich euch heute gebiete; und den Fluch — wenn ihr nicht gehorchet den Geboten des Herrn, eures Gottes, und weichet von beni Wege, den ich euch heute gebiete, so, daß ihr fremden Göttern nachgeht, die ihr nicht kennt." (V. Buch Moses, 11, 26—28). Mit lapidarer Deutlichkeit wird in diesen Sätzen der heiligen Schrift das jüdische Volk vor die Wahl zwischen Segen und Fluch gestellt, bei gleichzeitiger Ankündigung der Folgen, die diese Wahl nach sich ziehen wird. Segen und Fluch — leider hat das Volk nicht immer den Segen gewählt. Verleitet durch falsche Propheten, ist es sehr oft dem Fluche verfallen, wovon unsere Fast- und Trauertage, unsere Jeremiaden und Kiuoth, unsere Leiden in der Diaspora Zeugnis ablegen. Nicht immer glückte es den falschen Propheten, ihre Zeichen und Merkmale eintreffen zu sehen. Mit diesen hatte man verhältnismäßig leichtes Spiel, wenn auch die Ausstrahlungen ihres Auftretens manchmal furchtbar waren, wie beim Sabbatai. Zwi, Jakob Frank u. a. Furchtbarer waren die Folgen des Auftretens jener falschen Propheten, deren Zeichen und Merkmale zumindest äußerlich Verwirklichung fanden. Wieviel Leid und Unglück brachte die sogenannte Reformbewegung dem Judentum, deren Verkünder und Verfechter darauf hinwiesen, mit der Abstreifung des „religösen Joches", des „Ol Thora", werde den Juden die Sonne der Freiheit und der Gleichheit leuchten, Haß und Neid werden verschwinden unb die Leidenszeit des ewigen Juden ihr Ende finden. In der ersten Periode, in den Flitterjahren des Reformsturmes und -dranges schien es, als ob die Prophezeiungen ihre Verwirklichung fänden. Erst später trat die Enttäuschung an den Tag, nachdem breite Volkskreise auf Abwege gerieten, dem Gott ihrer Väter den Rücken kehrten, aber nach wie vor gehetzt und verhöhnt wurden. Das waren gefährliche falsche Propheten, unter deren stuchwürdigem Tun wir noch heute zu leiden haben. Gerade in unseren Tagen sind wir wieder Zeugen einer ähnlichen Erscheinung, auf welche nicht ernst genug aufmerksam gemacht werden kann. Die zweitausendjährige Sehnsucht des jüdischen Volkes, ins heilige Land zurückkehren zu können, hat Propheten gefunden, die Zeichen und Merkmale angeben, deren Verwirklichung dank einer erfdjiitternbeu Weltumwälzung sie mit großer Ruhmrederei verkünden. Mit dem Eintreffen ihrer., Zeichen und Merkmale könnte man sich wohl absinoen. Aber es droht gleichzeitig die Gefahr, baßeste in ihrem llebermut auch den letzten Schritt aller falschen Propheten werden unternehmen wollen und gestützt auf ihre Autorität das Volk auf falsche Wege zu verleiten versuchen. Die Anzeichen hiefür mehren sich täglich: der Kampf unserer Nationalisten gegen die glaubenstreue Judenschaft im Heiligen Laude, die Versuche, das gesamte Erziehungswesen iu die Hand zu bekommen und die Schlaume Emune Israel immer mehr zurückzudrängen, sprechen deutlich für die Pläne, welche unsere Nationalisten im Schilde führen. Es droht dem Heiligen Lande eine Entweihung, deren Folgen die Heilige Schrift deutlich androht. Die Gefahr ist um so ernster, als sich ja die falschen Propheten rühmen könne::, daß ihre Zeichen und Merkmale bis zu einem gewissen Grade Verwirklichung finden. Der Erfolg vermehrt die Anhängerzahl und blendet die Augen der Leichtgläubigen. Ob die Zeichen und Merkmale, die sie verkünden, wirklich eintreffen werden, ist wohl noch immer eine große Frage. Was jetzt in Paris hinsichtlich der Palästinafrage vorgeht, ist noch weit entfernt davon, einen übertriebenen Optimismus zu erregen. Aber selbst den günstigsten Fall angenonunen, wird das, was kommen soll und kann, keine Erlösung, kein „Geula" sein. Diese wird anders vor sich gehen: Der Ewige wird der Erlöser Israels sein! Mit den Worten der heiligen Thora muß heute den Söhnen Israels zugerufen werden: „Gebt kein Gehör den Worten dieser Propheten oder desjenigen, der Träume hat; denn der Herr, euer Gott, will euch versuchen, um zu erfahren, ob ihr den Herrn, euern Gott, liebt aus eurem ganzen Herzen und eurer ganzen Seele. Dem Herrn, eurem Gotte, folget und ihn fürchtet und seine Gebote beobachtet, seiner Stirume gehorchet, ihm dienet und ihm ^hanget an!" Bedenkt: „siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor", wählet den Segen! Achad-harabanim.