Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 30 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Seite 7 Nr. 30 Humanitärer Verein „Liferes Bachurim" zur Unterstützung armer Wiener Talmudschüler. Wien, am 4. August 1919. Auf Grund unseres Aufrufes, in welchem wir unseren Mitgliedern und Gönnern den Vorschlag machten, statt ihrer jährlichen Beiträge unserem Vereine eine einmalige Spende zu widmen, deren Zinsenerlös den jährlichen Mitgliedsbeitrag deckt, sind uns nachstehende Beiträge zugekommen: Ludwig Müller X 100'—; Wilhelm Stroh K 200-—; Rudolf Kohn K 200 —; Hermann Glück K 200'—; O. M. K 486-—; Ignaz Back K 300-—; Heinrich Grünhut K 500-—; Nathan Hofbauer K '200 —; Gebr. Koppel K 1000 —j Juda Seltner X 100-—. Zusammen K 3256 —. Bisher ausgewiesen K. 8750 —, heutiger Ausweis X 3256'—; zusammen X 12.006'—. Ferner erklärte sich Herr Jakob Rabinowitsch in hochherziger Weise bereit, seinen Jahresbeitrag auf X 120—, für das Jahr 1918 rückwirkend, zu erhöhen. Wir sprechen den hochherzigen Spendern unseren innigsten Dank aus und hoffen auf eine weitere tatkräftige Unterstützung unserer Aktion. Der Vorstand. Siebzig Jahre Schlaf. (Talmudische Agada.1 Vor vielen, vielen Jahren lebte ein frommer. und gottgefälliger Mann, und in all seinem Tun stand Gott ihm hilfreich zur Seite. Wenn er das Heiligtum betrat, um zu beten, strahlte die ganze Halle von seinem Glanze und man sprach: „Nicht anders kann dies sein, als daß er Gottes Liebling ist." Und da er nun in Gottes Augen wirklich Wohlgefallen fand, nannten ihn die Leute Choni (d. h. oer Begnadigte). Als einmal lange Zeit der Himmel sich verschloß, kamen die Juden zu ihm und sprachen: „Flehe zu Gott, auf daß er Regen der Erde schenke." Da sprang Choni auf und schwang seinen Krummstab ringsum und sprach: „Ich werde nicht früher von dieser Stelle weichen, bevor Gott nicht Regen dem Lande gegeben." Und es geschah ein Wunder, und Gott erfüllte seine Bitte. Während der Regen zur Erde stürzte, sagte Choni: „Nickt habe ich gebeten, daß Regen ströme, und daß er mit Gewalt alles vernichte. Fruchtbringenden Regen begehre ich." Und Gott erhörte sein Flehen und erfüllte sein Begehren. Eines Tages vernahm er die Stimm« des Priesters, der also sang: „Als der Ewige wegführte die Gefangenen Zions, waren wir wie Träumende." Da dachte er bei sich: «Hat doch siebzig Jahre das Exil von Babel gewährt. Du, o Herr, hast sie hingestreckt und im Schlafe lebten sie hin. Wie ein Traum verflogen ihnen die Jahre. Welch wunderbar Ding, daß ein Mensch siebzig Jahre schlummern kann." — Nach etlichen Tagen sattelte Choni leinen Esel und ritt auf das Feld zu den Schnittern. Auf dem Weg sah er einen alten Landmann, der bei einem Baum säete. Da fragte er: „Wann wird dieser Baum Früchte tragen?" Worauf der Landmann entgegnete: „In siebzig Jahren." „Glaubst du" — forschte Choni weiter — „daß du noch seine Früchte genießen wirst?" Da erwiderte der Landmann: „Genau so wie unsere Väter für mich säeten, so will ich es für meine Nachkommen tun." — Nun zog Choni aus seinem Sacke ein Stück Brot und frische Feigen hervor, schöpfte etwas Wasser in seinen Becher, setzte sich unter den Baum und begann zu essen. Kaum hatte er seine Mahlzeit vollendet, als ein ganzes Netz von Fäden wie ein Spinngewebe ihn einzuhüllen begann. Die Fäden rückten immer dichter an einander, bis sie schließlich ein Gewand bildeten. Und das Gewand ward zu einer Mauer, die Choni von allen Seiten umgab, bis ein tiefer Schlaf ihn befiel und er entschlummerte. Chonis Familie und Freunde wußten nicht, wohin er verschwunden war. Tage, Monate, Jahre verstrichen, ohne daß er rviederkehrte. Die Kinder seines Hauses und der Stadt waren herangewachsen, wurden alt und gingen schließlich den Weg alles Irdischen, -ohne daß einer noch Chonis gedachte. Doch wenn auch sein Leib und seine Stimme vergessen ward, so vernahm man doch im Kreise der Gelehrten und in allen Schulen seine Worte. Choni aber träumte unterdessen still an den Fels gelehnt. Der Schlaf umfing die ganze Gegend. Kein Ast rührte sich, kein Vogel bewegte die Flügel, bevor die siebzig Jahre um waren. An diesem Tage begann ein Wind an dem Felsen zu rütteln, und Choni regte sich langsam, wiewohl der Schlummer seine Augen noch drückte. Der Felsen wurde immer kleiner und ward schließlich zu dem Kleide, und das Kleid löste sich in viele Fäden auf, und auch diese verschwanden allmählich. Choni rieb sich den Schlaf aus den Augen und sprang auf. Da sah er einen blühenden Baum, und vor diesem stand ein Mann, der die Früchte in einem Sacke sammelte. Und Choni fragte: „Hast du den Baum gepflanzt?" „Was fällt dir ein!" entgegnete der Landmann. „Kann ein Mann die Früchte eines Baumes genießen, den er selbst pflanzte? Diesen Baum pflanzte mein Großvater, und nachdem er längst tot ist, efle ich die Früchte." Da wußte Choni, daß er siebzig Jahre geschlafen hatte. Und als er sich umsah, merkte er, daß sein Esel zu einem Knochenhaufen geworden, und daß der Sattel, auf dem er geritten, gänzlich verfault war. Und ringß. um das Gerippe grasten Scharen von Eseln und v|ielmnen. Und als er weiterschaute, sah er, daß aus dem Felde ein Garten, aus dem Weinberge lein Wald und aus dem Walde eine Pflanzung von Granatäpfeln geworden war. Da seufzte er auf und rief: „Ein Fremder bin ich in meiner Vaterstadt aeworden." Nun wandte er sich seinem Hause zu und wollte seinen Sohn Wiedersehen. Aber man erklärte ihm, daß Chonis Sohn nicht mehr lebe und daß depen Sohn jetzt Herr des Hauses sei. Und als er diesem sagte: „Ich bin Choni, dein Großvater." Da wollte der Mann es nicht glauben. Tief aufseuszend rief Choni: „Ein Fremder bin ich in meinem eigenen Hause." Hierauf begab er sich nach dem Lehrhause, wo die Weisen über die Lehre Gottes hin- und herredeten. Er näherte sich ihnen und beteiligte sich an ihren Reden. Und seine Worte gefielen den Weisen so sehr, daß sie ausriefen: „Deine Reden sind wie Chonis Worte." Er aber antwortete: „Ja, ich bin Choni," und sie glaubten es nicht. Da seufzte er und rief: „Ein Fremder bin ich den Weisen meines Volkes." Nun ging er ins Gotteshaus, kniete dort nieder, und siehe da, der Baum erstrahlte von seinem Glanze. Da näherten sich ihm die Priester und sprachen: „Seit Chonis Tagen ward es nicht mehr so im Heiligtume." Und als er sagte: „Ich bin Choni", wollten sie es nicht glauben. Da seufzte er und rief: ‘„(gin Fremder bin ich den Priestern meines Gottes." Sodann ging er über die Plätze und Straßen, um seine besten Freundezu besuchen. Aber sie waren alle bereits tot. Da rief Choni aus: „Wenn ich keine Freunde habe, was soll mir das Leben?" Und als er weiterging, da sah er sich von einer Menge von Goldfäden umgeben. Und die Fäden rückten immer dichter gegen einander, bis sie zu einem Goldvorhange wurden. Uno dieser Vorhang ward zur Hülle, die Chonis ganzen Körper umschloß; dann verfiel er in tiefen Schlaf. Und Cherubim und Serasim kamen und hoben Choni, der rings von einem Lichtmeere umgeben war, in die Höhe. Dort traf er ferne Freunde, die er auf Erden gesucht und nicht gefunden hatte. Da rief er aus: „Jetzt weiß ich. daß ich lebe und ich die Herzen, die ich liebe, hier finde. Was soll ich noch mehr?" Nach Jawetz von Ben Jacob. Der Baalschem von Lhelrn und sein Golem. Neue Golem-Sagen. Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delatyn. »Fortsetzung.) „An den heiligen Rabbi Elie Baalschem in Chelm." Ich schreibe diese Zeilen in Angst und Eile. Es handelt sich um ein Unheil von der ganzen Gemeinde in Chelm abzuwenden. Die Näcker haben besprochen, am Ausgangstage Eures Pasiahfestes in den Sauerteig Gift zu geben. Seiet auf der Hut, damit Ihr nicht alle an einem Tage zugrunde gehen sollet. Gräfin Bronislawa, vormals Bruche Witwe nach Reb, „Mendel dem Jüd". Rabbi Elie ließ den Diener warten, bis er mit dem Gebete fertig wurde. Nun gab er ihm die verlangte Bestätigung. Als der Diener sich entfernt hatte, sprach Rabbi Elie zum Golem: „Wieder ist unsere Gemeinde von einem großen Unheil bedroht, lese diesen Brief und du wirst wissen, um was es sich handelt. Deine Aufgabe ist jetzt, die Bäcker, welche gegen uns den Anschlag planen, auf frischer Tat zu ertappen und zu ermöglichen, daß sie alle der Behörde überliefert werden sollen." Der Golem schüttelte bejahend den Kopf und ging gleich seines Weges. Unter den Bäckern in Chelm war Gawronski der bekannteste. Daher begab sich „Srulik der Narr" zu ihm — es war am sechsten Tage des Passahfestes — weil er wußte, daß dieser der Hauptanstifter des schrecklichen Anschlages sein müsse. Es war um die Mittagszeit. Als „Srulik der Narr" im Hause des Gaivronski erschien, brach dieser in ein großes Lachen aus. „Wirst du essen eine frischgebackene Semmel? — aber weißt, es ist Chumez." Mit diesen Worten wurde der Golem empfangen. Er erwiderte: „Was kümmert es mich, daß es Chumez ist, hauptsächlich, daß es Brot ist, ich bin schon von den Mazos überdrüsiig." Darauf reichte ihm Gawronski ein großes Stück Brot, das „Srulik der Narr" in einigen Augenblicken verzehrte. „No, no", sprach Gawronski, „nur noch einige Tage und auch die Juden werden Brot essen dürfen. Da hast du, ich habe schon das Sauerteig vorbereitet." Nachdem Srulik noch eine hübsche Weile Gawronski durch verschiedenes Geschwätz unterhielt, entfernte er sich, indem er auch für den nächsten Tag einen Besuch in Aussicht stellte. So ging er an diesem Tage von einem Bäcker zum anderen. Fast bei jedem traf er ein bedeutendes Holzgefäß des „jüdischen Sauerteiges" — so wurde es benannt — voll Es kam der Abend. Der Golem schlich sich als Unsichtbarer in die Bäckerei des Gawronski ein und nahm ein Stück des „jüdischen Sauerteiges" mit sich. Nun begab er sich wieder zu Rabbi Elie und berichtete ihm von all seinem Gespräche und daß er ein Stück des verdächtigen Sauerteiges bei sich habe. Rabbi Elie befahl ihm nachts in der „chumetzdigen Küche" mit dem Sauerteige Brot zu backen, und wenn es schon ausgekühlt sein wird, vor einen Hund zu legen. So tat der Golem. Kaum hatte der Hund ein kleines Stückchen Brot gefressen, als er schrecklich zu heulen anfing und bald darauf krepierte. Da wußte Rabbi Elie, daß die Gräfin ihm die Wahrheit mitt^W^x Er begab sich zum Polizeichef, erzählte ihm den ganzen SachverhiH.'^