Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 30 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz Nr. 30 (Ausweisung von „Ausländern".) Wie die „Humanite" meldet, hat die französische Regierung kurzerhand zahlreiche „Russen", will sagen Juden, aus Frankreich ausgewiesen oder wie man es nennt, repntrie. Mit Entrüstung weist die „Humanite" auf die unglaubliche Behandlung dieser Juden hin, die seit langer Zeit in Frankreich leben und dort ruhig ihre Geschäfte betreiben, bis sie eines Tages unter dem Vorwände, Bolschewisten zu sein, in Konzentrationslager gesperrt und dann nach Rußland abgeschoben werden, wo ihrer, sofern sie den Armeen Koltschaks oder Denikins in die Hände fallen, sicher kein angenehmer Empfang harrt. Die „Liga für Menschenrechte" hat bei der Regierung gegen diese zaristischen Methoden protestiert. (Antisemitismus in Frankreich.) Wenn der Antisemitismus in Frankreich auch nicht die Stärke erreicht hat, wie etwa heute in Deutschland, so äußert sich der Judenhaß doch auch dort an manchen Stellen in sehr unzweideutiger Form, wie der vorstehende Bericht der „Humanite" zeigt. Die Gründe hierfür sind zunächst in der augenblicklichen Vorherrschaft der nationalistisch-militärischen Elemente zu sehen. Auch hat die Frage der Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina unter englischem Protektorat' in Frankreich, das ja bekanntlich ursprünglich Syrien einschließlich Palästinas beanspruchte, starke Erregung hervorgerufen. Es existieren eine ganze Reihe kleiner Blätter, wie die „Voix Nationale", „Libre Parole", „Vielle France" und Leon Daudet» „Action Francaise", die einzig und allein vom Antisemitismus leben. Am rückhaltlosesten für die Juden tritt das offizielle Organ der französischen Sozialisten die „Humanitö ein. Am 5. Juli brachte sie einen scharfen Artikel gegen die Pogrome in Polen. (Born Leben der Juden in Japan.) „The Chicago Jsraelite" vom 31. Mai 1919 veröffentlicht einen Bericht über das jüdische Leben in Japan, in dem bereis alle Schattierungen, Zionisten, Nationalisten, Assimilanten und Sozialisten vertreten sind. Die meisten Juden kamen während des Krieges auf ihrer Flucht aus den russischen Wohnorten nach Japan ' und haben sich hauptsächlich in Yokohama niedergelassen. In der dort neu entstandenen Gemeinde wird im Augenblick heftig über die Fragen des Nationalismus und des Sozialismus debattiert. Iokohama besitzt jetzt auch eine Synagoge. Eine ältere jüdische Gemeinde befindet sich in Nagasaki, die aus polnischen und litauischen Juden besteht, die während des russisch-japanischen Krieges in Gefangenschaft gerieten. Viele von ihnen haben sich ihre Familien Nachkommen lassen, einige haben auch japanische Frauen geheiratet, die sich bemühen, möglichst getreu das Gesetz zu befolgen. Die Japaner behandeln die Juden mit Achtung. Einige alte Adelsgeschlechter in Nagasaki sollen sogar zum Judentum übergetreten sein. Es gibt auch jüdische Assimilanten, die nur japanisch sprechen Und sich wie echte Japaner gebärden. Die jüdische Gemeinde iu Nagasaki zählt 150 Familien; sie besitzt einen jüdischen Friedhof, auf dem auch viele im russisch-japanischen Kriege Gefallene ruhen. Als hauptsächlichste Gewerbe üben die japanischen Juden das Schneider- und Schuhmacherhandwerk aus, und da sie die einzigen sind, die europäische Kleidung anfertigen, so erfreuen sie sich großer Sympathien; ihre Geschäfte gehen infolgedessen glänzend. Außer Yokohama und Nagasaki gibt es noch andere kleinere Gemeinden in Japan. (Glauben Sie an Gott?) Wie „The JewishChronicle“ unter diesem Titel berichtet, hat Wilson Hanis, der Spezialkorrespondent der „Daily News", in einem in London gehaltenen Vortrag folgende Episode vom Friedenskongreß erzählt: General - Smuts unterhielt sich mit dem Zionistensührer Dr. Weizmann. Plötzlich wendete er sich an ihn mit der Frage: „Glauben Sie an Gott'?" — „Gewiß," erwiderte Weizmann. „Nun," fuhr General Smuts fort, so werden sie auch wohl glauben, daß Gott einen ganz anderen Vertrag geschrieben hätte, als der da mit Deutschland geschloffen ist." (Die größte Talmud-Ausgabe.) In London wird jetzt die größte Talmud-Ausgabe der Welt gedruckt. Sie enthält 1000 Kommentare. Bemerkenswert an dieser Ausgabe ist, daß der Talmud mit Akzenten und Interpunktionszeichen versehen ist. Am Ende jeden Bandes ist ein Wörterbuch für die schwierigsten Ausdrücke vorhanden und eine Biographie von sechs Tanaim und Amoraim. Es sind vorläufig drei Bände erschienen, der 4. und 5. Band sind noch im'Drucke. Die Ausgabe wied zusammen 28 Pfund Sterling kosten. (Die jüdische Abstammung des Königs von Montenegro.) Die klerikale Presse Südslawiens hat einen Feldzug gegen König Nikita von Montenegro begonnen, dein sie, nach neuen Quellen, jüdische Abkunft vorwirft. Nach ihren, historischen Enthüllungen führe sich das Königshaus der Njegus auf ein jüdisches Priestergeschlecht zurück, dessen eigentliche Heimat Abessinnien war. Einer seiner Vorfahren kam im Jahre 1515 als Venezianer Kaufmann in das Land der schwarzen Berge und erwarb sich hier die Würde eines griechischorthodoxen Vladika (Bischof), die seit 1811 mit der obersten Staatsgewalt vereinigt ist. Die Feststellung der jüdischen Abstammung König Nikitas ruft bei den Südslaven großes Aufsehen hervor. Sie wird in gleicher Weise verteidigt und bekämpft. (Eine jüdische Schrist aus der Seleukidenzeit.) .In der letzten Sitzung der philosophisch-historischen Klaffe der 'Berliner Akademie der Wissenschaften legte Professor Eduard Meyer eine Abhandlung vor: Die Gemeinde des neuen Bundes im Lande Damaskus, eine jüdische Schrist aus der Selenkidenzeit. Die von Schechter 1910 veröffentlichten, in zwei Handschriften der Synagoge von Kairo gefundenen Schriftstücke sind kein Erzeugnis der Sekte, sondern völlig orthodox. Sie entstammen aus den Kreisen der Frommen, die in scharfem Gegensatz gegen das hellenisierende Reformjudentum der Seleukidenzeit standen und sich um 170 v. Chr., vor dem entscheidenden - Eingreisen des Antiochos Ppiphanes, von der abtrünnigen Judenschaft Palästinas separierten und als eine Diasporagemeinde in Damaskus konstituierten, die den alten Bund der Vorfahren erneuert hat und das unmittelbar bevorstehende Kommen des Weltgerichts und des Messias' erwartet. Ihre Schriften, eine prophetische, in zwei Redaktionen erhaltene Mahnrede und ein Gesetzbuch, stehen im engstem Zusammenhang mit den ältesten Bestandteilen des Henoch, des Jubiläenbuchs und der Testamente der zwölf Patriarchen, deren Zeit dadurch bestimmt wird. Von besonderer Bedeutung sind sie dadurch, daß in ihnen eine rein auf jüdischem Boden verlaufene Entwicklung ohne hellenistische Einwirkungen zum Ausdruck gelangt. Auch die dem Danielbuch eigentümlichen, auf parsischen Einfluß zurückgehenden, eschatologischen Anschauungen fehlen in ihnen noch völlig. Orthodoxe Iugendgruppe. Wien, II., Große Schiffgasse 16. Worte an jüdische Herzen: Rüste die Jugend für ihren einstigen Lebensweg, daß du sie reich machest an Mitteln, die ihr künftiges Wirken erfordert! (S. R. Hirsch: „Pflichten Jisroels".) 4. Spendenliste. Der „Jugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" sind in der abgelaufenen Woche nachstehende Spenden zugekommen: S. Rothstein, Agram K 300-; S. Kohn K 250'-; Bernhard Hirschler K 200 —; H. G. K 100 —; Brüder Silberstein K 100 —; Isidor Forst K 100—. Weitere Geldsendungen sind zu richten an den Wiener- Bankverein, Filiale Stephaniestraße, aus Postsparkassenkonto Nr. 172829 für „Jugendgruppe" oder an Herrn David Baumgarten, II., Herminengaffe 13.