Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 30 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 30 Fräulein Irma Rothschild referiert über „Die Aufgaben der Mädchengruppen". Das bisherige Betätigungsfeld der Mädchengruppen bildete Lernschiurim, Nähabende, soziale Arbeit wie Uebernahme von Ferienheimen. Ferner hat die Züricher Mädchengruppe bisher mit Erfolg für die jüdische Bildung von kleinern Mädchen gesorgt, nach dem Muster der deutschen Esra-Organisaüonen. Im Laufe ihrer anregenden Darstellung bespricht Fräulein Rothschild die Notwendigkeit des Lernens für das jüdische Mädchen, das später die jüdische Mutter, die Priesterin des Hauses werden soll. Nun wurde die Frage einer „Arbeitsgemeinschaft" der agudistischen und misrachistischen Jugend wieder behandelt. Vorher hatten bereits im kleinen Kreise einige führende Persönlichkeiten aus beiden Organisationen einen Gedankenaustausch gepflogen und hierbei war der beiderseitige Wunsch zutage getreten, unter Wahrung der beiderseitigen Selbständigkeit zu einer „Arbeitsgemeinschaft" zu gelangen. Das Ergebnis dieser Besprechung wurde in einem Memorandum festgelegt, das folgenden Wortlaut hat: „Die am 22. Tammus in Zürich anläßlich des Jugendtages versammelte, in der Agudas-Jisroel organisierte gesetzestreue Jugend der Schweiz hat, im Erkenntnis des notwendigen Zusammenschlusses des thoratreuen Mall Israel, in zwangloser Aussprache mit Mitgliedern des Misrachi den beiderseits bestehenden Wunsch nach Schaffung einer Arbeitsgemeinschaft festgestellt. Diese Arbeitsgemeinschaft soll, unter Wahrung der prinzipiellen und organisatorischen Selbständigkeit sowie der Parteidisziplin der einzelnen Verbände, Glieder der in den Vereinigungen Agudas-Jisroel und Misrachi Organisierten sowie auch der noch nicht organisierten thoratreuen Jugend umfaßen. Die provisorische Exekutive wird einer gemischten sechsgliedrigen, ad hoc von dem gegenwärtigen Jugendtag gewählten Kommiffion übertragen. Die Kommiffion hat die Ausgabe, tunlichst bald eine allgemeine schweizerische Tagung der gesetzestreuen Jugend mit entsprechendem Arbeitsprogamm vorzubereiten und einzuberusen. Die Jugendtagung gibt weiterhin ihrem Wunsch Ausdruck, daß die zurzeit zwischen den Führern der gesetzestreuen Organisationen Agudas-Jisroel und Misrachi schwebenden Verhandlungen bald zu einem befriedigenden Abschluß kommen mögen." Nach kurzen Bernerkungen der Herren da Fano und Dr. Rom und nachdem Herr Rothschild namens der Versammlung dem vorbereitenden Ausschuß gedankt hat, wird der Jugendtag mit einem Schlußwort des Herrn Botschko geschlossen. Ströme jüdischen Blutes fließen in der Ukraine. Das Komitee der Jüdischen Delegationen in Paris, veröffentlicht unter obigem Titel nachfolgenden Bericht: Unerschütterliche BeweiseHaben'gezeigt, daß die Dementis der jüdischen Massakers in der Ukraine falsch sind. Eine Vertrauensperson, die jüngst aus Rumänien und Bessarabien nach Paris gekommen ist, hat dem Komitee der Jüdischen Delegationen einen Bericht erstattet, der nicht in Zweifel gezogen werden kann. Während der letzten sechs Monate wurden Zehntausende von Juden massakriert und Hunderttausende beraubt, geschlagen und mißhandelt. Die schrecklichen Tage der Inquisition wiederholen sich, denn die Massakers haben die grausamsten Torturen und die furchtbarsten physischen und moralischen Leiden im Gefolge. Ein mündliches Verhör des Rabbiners und anderer jüdischen Persönlichkeiten Chotins, bestätigt diese, Schaudern erregenden Geheimnisse. Die Pogrome dauern an und bedrohen die Juden mit gänzlicher Ausrottung. Die letzten Massaker über die wir Nachricht erhielten, haben im Juni in Kamenetz-Podolsk. Kitaigorod und Urinin stattgesunden. Wir besitzen nur fragmentarische Berichte aus diesen, von der ganzen Welt isolierten Gegenden, aber diese Berichte sind schauderhaftlund im Stande, die härtesten Seelen mit Schrecken zu erfüllen. Die Namen nur einiger der heimgesuchten Orte mögen folgen: Zytomir: Vollständige Zerstörung, 70 Tote und Hunderte von Verwunderten. Berditschew: Plünderungen und 30 Tote. Der Pogrom wiederholte sich zweimal. Proskurow: Laut Angaben von Dr. Kern, Arzt in Woloczyska, 3964 Juden getötet. Bjelaja Cerkiew: Zahlreiche Tote und 50 vergewalügte Frauen. Stepanze: Viele jüdische Mädchen vergewaltigt, die ganze Bevölkerung beraubt. Felschtyn: Tausende von Seelen, die ganze jüdische Bevölkerungmassakriert; blos 25 jüdische Familien wurden verschont. Die Progromhelden warfen Brandbomben in die Keller und die anderen Orte, wo »die Juden Zuflucht gesucht hatten. Das ganze jüdische Viertel, mitsamt seinen Einwohnern wurde ein Raub der Flammen. Letitschew: Viele Tote. Balta: 90 Tote. Ananiew: 62 massakrierte Juden. Nietschajewka: Die ganze jüdische Bevölkerung massakriert. Alle jüdischen Ansiedelungen im Gonv. Jekaterinoslaw zu Grunde gerichtet. Uman: Mehrere Hundert Familien tot. Kamenetz-Podolsk: Mehr als hundert Juden getötet, alles vernichtet. Kitaigorod: 77 getöte Juden, eine Menge von Verletzten. Urinin: 40 getötete Juden. Die lange Liste enthält mehr als 80 Orte, in denen Pogrome stattgefunden haben. In den meisten Fällen Dauerten die Massakers 5 bis 7 Tage. In allen diesen Oertlichkeiten wurde die ganze jüdische Bevölkerung ausgeplündert. Unzählige Juden sind mißhandelt und unaussprechlichen Gewalttätigkeiten ausgesetzt worden. Viele Frauen wurden vergewaltigt. Eine unbeschreibliche Panik hat sich der ganzen Bevölkerung der Ukraine bemächtigt. Das Warschauer Korrespondenzbureau meldet: Bolschewistische Quellen berichten, daß die Banden Grigoriews ungeheure Judenpogrome veranstalten. In der letzten Zeit sollen sie in Uman 6000 Juden ermordet haben. Aus Schepetowka meldet dasselbe Bureau: Aus maßgebenden Quellen wird gemeldet, daß im ganzen Kreis Jampol ein Bauernaufstand unter Führung eines gewissen Schischo gegen die Bolschewisten ausbrach. Es bildete sich eine Regierung der Jampoler Republik. Aehnlich verhält sich auch im Rayon von Rowno, Zdolbunowo, Ostrog, Kriwin und Nowograd- Wolynsk. Bei diesen Banden, wie auch bei Petljuras Truppen verbreitet sich der Antisemitismus auf unerhörte Weise. Nach bolschewistischen Zeitungen sind in letzter Zeit in diesen Gegenden gegen 60.000 Juden ermordet worden. Rundschau. (Juden!) ehe in FrohnlertenI Die „Arbeiter-Zeitung" berichtet von Demonstrationen im steirischen Kurort Frohnleiten, die auf das Verhalten einzelner Kurgäste zurückzuführen gewesen seien, wobei das Verlangen auf sofortige Ausweisung aller Kurgäste innerhalb 24 Stunden gestellt wurde. Der Landeshauptmann mußte sich nach Frohnleiten begeben, um die Beschwerden der Arbeiter zu prüfen, die, sich über den Lebensmittelankauf durch die Sommergäste und die Preisüberbietung beklagten. Hierzu wird uns von verläßlicher Seite mitgeteilt: Es handelt sich in diesem Falle um eine gewöhnliche antisemitische Hetze, an der Christlichsoziale und Sozialdemokraten in gleicher Weise beteiligt waren. Jede andere Begründung ist unrichtig. Schon früher schrie man auf den Straßen jedem Juden nach: Juden hinaus, so daß sich niemand recht sicher fühlte. Gelegentlich einer telepathischen Vorführung kam es zu Lärmszenen, die schließlich einen antisemitischen Charakter annahmen, den Juden wurden Sessel in den Weg geworfen unb schließlich zwang der Arbeiterrat alle Kurgäste, den Ort binnen 24 Stunden zu verlassen. (Standgericht für Judenpogrome in Polen.) Der „Kurjer Polski" meldet, daß mit Rücksicht auf die judenfeindlichen Exzesse Ministerpräsident Paderewski die Weisung herausgab, daß jeder Schuldigr vor ein Standgericht gestellt und binnen 24 Stunden abgeurteilt werden soll. Diese Bestimmung betrifft sowohl Militärals auch Zivilpersonen. Die Gerichte werden bei geschlossenen Türen amtieren. Die „Gazeta