Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 30 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30 Jüdisehe Korrespondenz Seite 3 verständigt und hat auch alle Vorkehrungen getroffen, um den Behelligungen der jüdischen Bevölkerung seitens unverantwortlicher Elemente ein Ende zu bereiten. Das Budapester Amtsblatt veröffentlicht folgende Proklamation des Ministerpräsidenten Stephan Friedrich: An das Publikum! Mit Befremden und Empörung erfahre ich, daß die in der Regierung Ungarns eingetretene Wendung, welche das Volk des Landes überall mit freudvollem Empfinden der Befreiung von sozialer Willkür ausgenommen hat, einzelne, ja selbst auch Institute und Aemter durch willkürliche Ahndung des Bolschewismus und unter dem Vorwand dieser Ahndung durch konfessionelle und Rassenverfolgungen zu mißbrauchen versuchen. Die neue Regierung, welche sich eben die Aufhebung des bis aufs äußerste getriebenen Klassenkampfes und des damit verbundenen Terrors zur Aufgabe machte, kann keinen Augenblick die Fortsetzung der Willkürlichkeiten, welche das verschwundene Rätesystem so sehr gebrandmarkt haben, dulden. Die. für die Verbrechen des bolschewikischen Systems verantwortlichen Personen fallen unter die Bestimmungen des Strafgesetzbuches. Sie werden für ihre rechtswidrigen Handlungen büßen, doch darf diese Ahndung nicht Gegenstand unverantwortlicher individueller Gerichtsbarkeit sein, noch weniger kann sie als Vorwand dienen zur Anzettelung konfessioneller und Klassenkämpfe, welcher vor der gebildeten Welt unseren moralischen Wert herabmindern könnten, wo wir doch alle uns zur Hebung desselben zusammenraffen müssen. Aus all diesen Gründen verbiete ich jede gesellschastsseindliche Bewegung, jede Willkür und jede Störung der Ordnung. Ich verbiete, daß unter dem Deckmantel der Verfolgung des Bolschewismus Private oder Gruppen das Leben, die Gesundheit oder das Vermögen von wem immer angreifen. Gegen jene, welche dieses Verbot und damit gleichzeitig die Bestimmungen unserer Gesetze verletzen, wird die Regierung mit der vollsten Strenge Vorgehen. Die pflichtvergessenen öffentlichen Beamten werden ihrer Stellen sofort enthoben, die an den Ausschreitungen teilnehmenden Studenten aus sämtlichen Instituten ausgeschlossen. Ich berufe mich auf die eigensten Interessen der ungarischen Nation, indem ich jedermann bitte, die neue Regierung in ihrer Tätigkeit nicht zu stören, sondern bestrebt zu sein, sie mit allen Kräften zu unterstützen. Auch die Rumänen wollen ihre Hände in Unschuld waschen. Die Presseabteilung der Wiener rumänischen Gesandtschaft teilt mit: „Seit der Besetzung Budapests durch die rumänischen Truppen sind in den hiesigen Tagesblättern verschiedene durch eine hiesige unsere Emanzipierung vom fremden magyarischen Kapital, das heute in der Slowakei die Herrschaft führt." Daß ein Mitglied der Regierung einer freien demokratischen Republik es wagt, eine solche Rede zu halten, ist bezeichnend für den „Freiheitsgeist", der in dieser Republik trotz aller modernen Garnierung herrscht. Eine andere Frage ist aber: Was geschieht jüdischerseits dagegen? Und da ist es unmöglich, die Sache vorübergehen zu lassen, ohne unseren Nationalisten in der Tschecho-Slowakei ein bischen auf die Finger zu klopfen. Sie sind nämlich nicht frei von jeder Schuld. Für das Liniengericht, die Juden eventuell als besondere Nation anzuerkennen, haben sie seinerzeit der Regierung einen Freibrief ausgestellt, der es ihr erlaubt, alle Schändlichkelten zu dulden, ohne die Empörung der öffentlichen Meinung der Kulturwelt zu fürchten. Wie denn, der „Jüdische Nationalrat", der „alleinige" Vertreter (o weh!) der Juden, stellt der Negierung der Republik ein Ehrenzeugnis aus; bei jeder Gelegenheit wird den führenden Männern gehuldigt in einer byzantinischen Form, wie sie selbst in den Zeiten der Monarchie selten war — wer dürfte es noch wagen, das Schild dieser Regierung mit dem Vorwurf zu beflecken, sie sei antisemitisch oder dulde Antisemitismus?! — Nein, was sie tut, ist wohl getan! Der „Jüdische Nationalrat" hat es ja bestätigt!... Deswegen darf sich Dr. Srobar oerartige Hetzreden erlauben; desrvegen dürfen die galizischen Flüchtlinge rücksichtslos ausgewiesen werden; deswegen darf mail sich sogar erlauben, das zaristische 50-Werst-Grenz-System einzusühren und zu dekretieren, all die Flüchtlinge auszuweisen, die 30 Kilometer nahe der Grenze wohnen. .. Der „Jüdische Nationalrat" aber schweigt; es schweigen die Brod, Singer, Engel und Genossen, die sonst den Mund so voll nehmen. Genügt ihnen auch jetzt noch das Versprechen, die jüdische Nationalität anzuerkennen, oder haben sie sich mit ihrer bisherigen Politik so vergaloppiert, daß sie keine Möglichkeit haben, ihre Taktik zu ändern? Wie dem aber auch sein mag, eine Lehre soll das jüdische Volk ziehen: Wehe ihm, wenn es sich so bei der Nase herumführen läßt! Star. uns wohlbekannte „amtliche ungarische" Nachrichtenquelle verbreiteten Alarmmeldungen über das Verhalten der rumänischen Truppen in Budapest veröffentlicht worden. — Die Presseabteilung der hiesigen rumänischen Gesandtschaft hat jede dieser Meldungen auf ihre Richtigkeit überprüft und erklärt, daß sämtliche Nachrichten über die seitens der rumänischen Truppen in Budapest verübten Plünderungen, Devastierungen, Zwangsrequirierungen usw. unwahr und aus der Luft gegriffen sind. — Solche Gewaltakte sind anläßlich des Einzuges der rumänischen Truppen wohl vorgefallen, doch sind diese, wie das rumänische Stadtkommando in Budapest feststellen konnte, nicht von den rumänischen Truppen, sondern vom ungarischen Militär und auch von Zivilisten durchgeführt worden. Die rumänischen Truppen sind erstens noch viel zu diszipliniert und befinden sich noch stark genug in der Hand ihrer Führer, um sich zu sochen Taten herzugeben. Aus diesem Anlasse sah sich das rumänische Armeekommando gezwungen, die ungarischen Truppen und auch die ungarische Polizei, die ebenfalls nicht ganz einwandfrei war, zu entwaffnen und den Ordnungsdienst in Budapest zu übernehmen." * Wie gesagt, die volle Wahrheit wird man erst später erfahren. Oer Iugendtag der geietzestreuen jüdischen Iugendvereme der Schweiz. Aus Zürich wird berichtet: Am Sonntag, den 20. Juli, fand hier im großen Saale der Waag, ein Jugendtag der gesetzestreuen Jugendvereine der Schweiz statt. Ueber 45 Delegierte aus allen Teilen der Schweiz waren dem Rufe gefolgt und ein zahlreiches Auditorium, worunter eine große Anzahl auswärtiger Gäste zu bemerken war, folgte vom Morgen bis zum Abend den Verhandlungen. Herr Felix Goldschmidt eröffnete im Namen des vorbereitenden Ausschusses den Jugendtag. Das Tagesprüsidium, bestehend aus Herrn Botschko (Basel) als ersten Vorsitzenden, Herrn Felix Goldschmidt als zweiten Vorsitzenden und Herrn Josef Rothschild als Schriftführer, wird per Akklamation gewählt. Herr Botschko übernimmt das Präsidium und hebt mit geistreichen Thaursworten die Bedeutung der jetzigen Zeit und der heutigen Tagung hervor. Herr Rosenzweig begrüßt die Versammlung im Namen des Schweizerischen Landeskomitees der Agudas-Jisroel und freut sich im voraus auf den Zusammenschluß, der herbeigeführt werden soll. Herr Vogelmann entbietet der Versammlung auf Hebräisch den Willkommgruß der Züricher Agudo-Jugend. Herr Braun spricht als erster Referent über die „Grundlagen der Aguda-Organisation". Er bespricht die Vorbedingungen und Ziele dieser Organisation, die nur dann ihre Aufgabe lösen kann, wenn jeder einzelne all seine Kräfte bedingungslos der Gesamtheit zur Verfügung stellt. Disziplin, Bekennermut und „Ahawas Jisroel" sind die drei Ideale der Aguda, die auch für die Jugendorganisation maßgebend sein sollen. Nach einer kurzen Pause referiert Herr W. S. Jacobsohn über die Notwendigikeit der Schaffung eines schweizerischen Agudas-Jisroel-Jugendverbandes. Eine ähnliche Organisation bestehe bereits in vielen Ländern, und überall hat sie zur Kräftigung des Judentums energisch beigetragen. Nach einer Debatte wird die Schaffung eines Agudas-Jisroel-Jugendverbandes einstimmig beschlossen und ein zehngliedriger Vorstand gewählt. In der Nachmittagssitzung bespricht Herr Krauß, Bern, in einem längeren Referat das „Lernen". Die Thauro soll für uns absolut sein. Das „Lernen" muß die Hauptarbeit der Jugendgruppen bilden. Herr Dr. Robert Guggenheim spricht über die „Aufgaben der Jugendgruppen". In Anbetracht der sittlichen Verkommenheit unserer heutigen Umgebung hält er es für notwendig, unsere Jugend vor allem zu Willensstärken Persönlichkeiten zu erziehen, damit sie allen Versuchungen der heutigen Zeit widerstehe und „rein" bleibe. Das Lernen soll der erste Erziehungsfaktor sein; die Politik soll möglichst ganz ausgeschaltet werden. Die körperliche und geistige Ausbildung soll durch Ausflüge, Vorträge, Bibliotheken, usw. erfolgen.