Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 25 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 25 ohne jede Unterscheidung nach Rasse. Sprache und Religion. Der Unterschied oer Religion, des Glaubens oder der Konfession darf keinem polnischen Staatsangehörigen in bezug auf den Genuß bürgerlicher und politischer Rechte, insbesondere bei Zulassung zu öffentlichen Aemtern und Ehrenstellen oder bei Ausübung verschiedener Berufe und Gewerbearbeiten hinderlich sein. Es darf keinerlei Beschränkungen des freien Gebrauches irgendeiner Sprache sowohl im Prioatoerkehr wie bei Handelsbeziehungen. fei es in Angelegenheiten der Religion, der Presse oder der Publikationen jeglicher Art. sei es in öffentlichen Versammlungen usw., geben. Ungeachtet der Festsetzung einer offiziellen Sprache durch die polnische Regierung sollen den polnischen Staatsangehörigen mit anderer als der polnischen Sprache angemessene Erleichterungen hinsichtlich des mündlichen oder schriftlichen Gebrauches ihrer Sprache vor den Gerichtshöfen gewahrt werden. tz 8. Diejenigen polnischen Staatsangehörigen, die einer völkischen, religiösen oder sprachlichen Minorität angehören, genießen gleiche Garantien wie die anderen polnischen Staatsangehörigen. Sie haben insbesondere das gleiche Recht, auf ihre Kosten Wohlfahrtseinrichtungen, religiöse oder soziale Institutionen, Schulen und andere Erziehungsanstalten zu gründen, zu leiten und zu überwachen, mit dem Recht, ^dort von ihrer eigenen Sprache freien Gebrauch zu machen und ihre Religion frei auszuüben. 9. In bezug auf das öffentliche Unterrichtswesen gewährt die polnische Regierung in denjenigen Städten und Distrikten, wo eine beträchtliche Anzahl polnischer Staatsangehöriger mit anderer als der polnischen Sprache wohnen, angemessene Erleich^ terungen, um zu sichern, daß in den Elementarschulen den Kindern dieser polnischen Staatsangehörigen in ihrer eigenen Sprache Unterricht erteilt wird. Diese Bestimmung verhindert die polnische Regierung nicht, den Unterricht in der polnischen Sprache in diesen Schulen obligatorisch zu machen. In Städten urtfl» Distrikten, wo . eine beträchtliche Anzahl polnischer Staatsangehöriger wohnt, die einer völkischen, religiösen oder sprachlichen Minorität angehören, soll diesen Minoritäten ein angemessener Anteil an den Erträgen und der Verwendung derjenigen Summen gesichert werden, die aus öffentlichen Mitteln von städtischen oder anderen Budgets zum Zwecke der Erziehung. Religion öder Wohltätigkeit beigetragen werden sollen. Die Bestimmungen dieses Artikels sind auf polnische Staatsangehörige deutscher Sprache nur in den Gebieten Polens anwendbar, welche am 1. August 1914 deutsches Territorium waren. tz 10. Die von den jüdischen Gemeinden in Polen eingesetzten lokalen Schulkomitees werden unter der allgemeinen Kontrolle des Staates die Verteilung des proportionellen Anteiles der aus öffentlichen Mitteln gemäß § 9 für die jüdischen Schulen bestimmten Gelder sichern, ebenso wie die Organisation und Leitung der Schulen. tz 11. Die Juden können nicht zu irgendwelchen Handlungen gezwungen werden, die ihren Sabbat verletzen. Sie dürfen keine Entrechtung erleiden, wenn sie es ab lehnen, am Sabbat vor Gericht zu erscheinen oder gerichtliche Handlungen zu begehen. Diese Bestimmung befreit die Juden nicht von dbn allen Staatsangehörigen auferlegten Verpflichtungen hinsichtlich des Militärdienstes für nationale Verteidigung oder für Erhaltung der öffentlichen Ordnung. Polen erklärt, daß es nicht die Absicht habe, allgemeine oder lokale Wahlen am Sonnabend ftattfiichen zu lassen. Für Wahlen oder andere Zwecke darf obligatorisch am Sabbat keinerlei Einschreibung stattfinden. 12. Die vorstehenden Artikel, soweit sie Personen betreffen, welche Minoritäten der Rasse. Religion oder Sprache angehören, bilden Verpflichtungen von internationalen Interessen und werden unter Garantie des Völkerbundes gestellt. Sie können ohne Zustimmung der Majorität des Rates des Pölkerbundes rächt geändert werden. Die orfodoxen Wiener Kinder in der Schweiz. Wie wir bereits gemeldet haben, sind im Rahmen der Aktion „Wiener Kinder nach der Schweiz" über Initiative und unter Leitung des Vereines „Jeschurun" auch 150 orthodoxe Kinder von Wien nach der Schweiz gefahren, lieber den Aufenthalt derselben schreibt Herr Jakobsohn- Zürich in einein schweizer jüdischen Blatte: „... Und die Kinder kamen, viele hundert Kiader, Kinder, denen der Hunger das Mark aus den Knochen gepreßt, das Rot der Wangen gebleicht, den Schmelz der Jugend geraubt — und da unser Auge dieses hundertfache Elend sah, konnten wir die Tränen nicht bannen, den Schmeiß nicht meistern, daß „Israels Schmuckauf seiner Jungendblüten Höhen, schon seiner Heiligkeit beraubt schien!" (Sam. 2. 1.) Wir glaubten, daß der Hunger die Heiligkeit, des Lebens Rauheit des Kindes Reinheit verscheucht hätte, daß diese Kinder nur eines kennten und wollten: essen, sich entschädigen an dem, was von jüdischer Pflicht gebotene Gastfreundschaft ihnen gibt, für so vieles, was die vorangeaangenen Hungerjahre chnen versagt hatten. — Wir glaubten! Doch ach, wir Westler beurteilen die andern nur nach uns und gelangen zu falschen Schlüssen! Dieser Kinder ans tiefstem Seeicngrund verankerte Heiligkeit schwand nicht, sie blieb im Hunger h heilig, die Hölle, in der sie lebcen, raubte ihnen nicht Blick und Sinn für des Lebens wahre Helle! selbst die jüngsten unter ihnen, die es noch kaum lesen können, fic leben es schon, das Psalmenwoct, daß Gottes Macht auf Kindern zart sich gründe!... Wenn wiu hörten, was diese Kinder sich von denen, erbaten, die ihr erstes Nachtlager auf Schweizer Boden betrauten: nicht Schokolade oder andere Herrlichkeiten, nein, der eine bat, daß man ihm ein Minjan schaffen möge, daß er seiner Mutter das Kadischgebet nachsagen könne, andere, daß man das Licht im Schlafsaal nicht lösche, bevor sie Maariw gebetet und geomert — und sie stellten sich in eine Ecke und beteten auf fremdem Boden in heimatlicher Weise und Geste — wieder einer bat flehentlich, man möge ihm die neuesten Depeschen von den Stätten polnischer Bestialität verschaffen, ihmi wohnten Verwandte in Pjo.leu nu5 sein kleines Herz hatte keine Ruhe, seit: Auge leinen Schlummer, bis man ihn beruhigt! hatte... Und als man einem Zwölfjährigen Buben auf dem WeitertMnsport erzählte, daß er in die Obhut des reichsten Juden an seinem Bestimmungsorte komme uut> man erwartete, daß diese Nachricht Riesenfreude auslösen werde, da hatte er nur die lakonische Antwort: „Ich, will nicht zum Reichsten, ich will zum Frommsten!" Und da man seinen Bitten entsprach, und ihn in einer der jüdischen Familien des betreffenden Ortes unterbrachte, da prüfte er dort bedächtig jede Tür, ob eine Mesuso sie auch schmücke. Und glücklich strahlten seine Augen, als die seine Sorge verstehende Familienmutter ihm eine Sefertora in ihrem Hause zeigte — doch sein Urteil, ob es ihm dort gefalle, wollte er dennoch erst sprechen, wenn er gesehen habe, wie man den Jaum tauw begehen würde!... Und als ich emem kleinen, bei nreinen Gastsreunden wohnenden Knaben von neun Jahren im scherzenden Spiel die Kappe wegnahm, da bedeckte er schnell mit seinen Händen den Kopf, daß er nicht bloß'köpfig, sei — und das ist — ja, das ist — gelebtes Judentum!.. Und wenn wir am Schwuausg'esie Freunde' besuchten und die Hausfrau uns nicht in ihren Salorr führte, dann hatten wir recht geraten, wenn wir vermuteten, daß dort der kleine Feriengast sein Heim aufgeschlagen, den Jaum tauw würdig zu begehen, indem er Gemoro „lernte". Und wenn wir an der Tür den frjemden und uns doch liebvertrauten Tone lauschten, in welchem er lernte, dann ging uns das Herz weit auf, wenn es sich nicht zusammenpreßte, weil wir uns vor uns selber schämten ... Die Orthodoxie in Polen und die jfidlsdie Sprache. Die Presse-Abteilung beim Zentralbureau der„Agudas Jisroel" schreibt: Herr S. Kammer, Delegat der Aguda in Polen, der sich gegenwärüg auf seiner Rückreise von Paris und London in Zürich aufhält, erklärt uns zu einem Artikel der „Wiener Morgen zeitung" vom 18. Juni d. ^J. über den Protest einer Gruppe von Assim'ckanten gegen die jüdische Forderung einer Schulautonomie in Polen: Unsere Assinulanten verkünden, daß eine solche Autonomie ein ganzes Netz von jüdischen Schulen und die Verbreitung der jüdischen Spräche, die ja eigentlich nur ein deutscher Dialekt sei, zur Folge haben werde. Die Absicht ist klar. Dadurch, daß sie die jüdische Sprache als deutsch stempeln, soll die Entente gewarnt und zu Maßregeln gegen