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Jüdische Korrespondenz · 1919-07-11 · 25 (11.7.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
25 (11.7.1919)
Date
1919-07-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 25 Als Israel nach dem Auszuge aus Aegypten die Honigwochen seiner Freiheit genoß, war es Amaler, der ihm offen den Kampf ansagte. Dasselbe taten später der Kanaaniter, Sichom der Emoriter und Og von Baschan. Diese Feinde Israels wurden im offenen Kampfe besiegt. Balak, der Moabiter, traute seiner Kraft nicht mehr. Er wollte es mit dem zweiten Mittel versuchen. Er faubte Boten an Bileam den Propheten, unr das jüdische Volk zu verbuchen; eine wilde Hetze sollte gegen dasselbe arrangiert, alle Nachbarn sollten gegen dasselbe aufgebracht werden, vielleicht wird es dann leichter sein, es zu schlagen. Es war dies die Methode, die auch unsere Feinde in der Gegenwart zur Anwendung bringen. Die Furcht des Königs Balak vor Israel war nicht gerechtfertigt, wenn er von ihm einen kriegerischer: Angriff befürchtet hätte. Denn es war ja Israel beföhlet: worden, „befehde Moab nicht und überziehe es nicht mit Krieg." Daß Israel trotzdem die Stadt Cheschbon, welche vormals zu Moab gehörte, sich arreignen konnte, war dadurch ermöglicht worden, daß Sichon, der König von Emori, sie den Moabitern abgerwmmen hatte. Obwohl Moab Israel feindlich gesinnt war, hätte Israel das Land und das Volk der von Lok abstammenden Nationen Mio ab und Ammon ebensowenig bedroht, wie es dies Edom, dem Esav entsproffenen Volksstamme, gegenüber tat, wenngleich, dieser ihr Begehren, nur das Land zu durchziehen und Speise und Trank zu bezahlen, schroff abwies. Die verwandten Völkerschaften sollten geschont werden. So wollte es die göttliche Vorschrift. Die Furcht Balaks scheint auch nur davon hergekommen zu sein, daß es Israel, ebenso wie Edom, den Durchzug und die Verpflegung nicht gönnte Zu den Fürsten von Midjan sprach er deshalb, „jetzt wird dieses Volk unsere ganze Umgebung abgrasen, wie der Ochs das Kraut des Feldes frißt." Aus dieser Mißgunst heraus kennt sein Haß keine Grenzen. Die Thora stellt an Israel die höchsten moralischen Anforderungen und befiehlt, eine schon längst verjährte Bruderschaft mitr Verwandtschaft zu achten zwischen Mraham und Lot, zwischen Jakob und Esav. Daraus können wir lernen, wie schlecht es ist, wenn nach dem Tode der Elterln Zwist ausbricht zwischen Geschwistern oder zwischen den Enkeln und Urenkeln der Vorfahren. Seht, Abraham und Lot, Jakob und Esau sind schon seit Jahrhunderten tot und die Thora, das göttliche Buch, sagt: Du, Israel, welches von Abraham abstammt, welches Jakobs Nachkommenschaft ist, darfst nicht feindselig sein gegen Edom, das Volk Efavs, nicht gegen Moab u:rd Ammon, die Lot entstammen. Finden wir noch solche Vorschriften, welche die Elternehre — Geschwisterliebe ist Elterehre — und bte Geschwisteründ Verwandtenzusammengehörigkeit nach Jahrhunderten noch so hoch hält, wie hier die Thora! Fürwahr, dieser edle Zug der Thora, der kaum beachtet und erwähnt wird, erhebt sie über die zeitgenössische und spätere Moral Himmelhoch. Das Gegenstück zu dieser Liebe und Milde siirden wir bei Moab. Der König Balak gönnt Israel nicht einmal den ruhigen Durchzug, keine Nahrung, er hofft vielleicht die Provinz Cheschbon bis zum Amon, die ihn: Sichon abgenommen und die Israel vom Sichon, da dieser ihm kriegerisch den Durchzug verwehrte, erobert hat, wieder zu erlangen; aber dami:' will er sich nicht begnügen, „vielleicht können wir es schlagen und von der Erde äustreioen" — vertilgen. Zu diesem Zweck soll der Flucher Bileam her. Was tut Bileam? Er hat einen Ruf als Flüchn:eister. Wo es etwas zu verwünschen gibt, holt man ihn. Dazu verwendet er die Gottesgabe der Prophetie, die Gabe der begeisternden Rede. Welch' ein Unterschied zwischen den Propheten und den heiligen Sängern Israels und Bileam?^ Die Propheten Israels sollen sein und sind auch Propheten der übrigen Völker und warnen sie wegen ihrer Sünden. Gott spricht zu Jeremias (Jerem. 1): „Zum Propheten der Völker habe ich Dich gemacht." Sie predigen Barmherzigkeit nicht nur für Israel, sondern auch für die anderen Völker. Rührend sagt Jesaias (15): „Mein Jnneüüdisdier Film. (Antisemismus in Deutschland. — Eine Interpellation in der Wiener Nationalversammlung. — Die Pogrome in Polen. — Nichtjüdische Einwanderung nach Palästina. — Emigration nack Amerika.) Das deutsche Volk hat heute sicherlich schwere Sorgen. Die harten Bedingungen des Friedens, Die Unruhen im Innern. Die unsichere Zukunft — all das gibt genug Arbeit. Die Wucht dieser Sorgen ist schwer genug — es gibt aber in Deutschland noch immer Kreise, die andere Sorgen haben. Die Juden lassen sie nicht zur Ruhe kommen. So wird aus Berlin gemeldet: Demokratische und sozialdemokratische Blätter bringen Nachrichten über eine umfassende antisemitische Agitation, die gegenwärtig von mehreren Stellen aus in Deutschland unterhalten wird, und die einen sehr großen Umsang angenommen und unter anderem die Veranstaltung von Pogromen, zum Ziele hat. Die Zentrale der antisemitischen Hetzpropaganda scheint ein sogenannter ..Ausschuß für Bolksaufklärung" in Berlin zu sein. Dieser Verein veranstaltet regelmäßige Geheimversammlungen, in denen Instruktionen für die Pogrompropaganda verteilt werden. Gleichzeitig betätigen sich Vereinigungen in Leipzig. Hamburg Duisburg und Stuttgart in dieser Richtung. Hand in Hand mit dieser Pogromhetze gehen Vorbereitungen der Antisemiten, sich eine Poaromaärde zu schaffen. Am 21. Februar 1919 fand in Berlin eine Geheimverlammlung des Ausschusses für Bolksaufklärung statt, in der Regierungsrat Ernft Grosse und Leutnant v. Arnim tatkräftiges Handeln gegen die Juden verlangten. Dann erklärte ein Vorstandsmitglied, daß dem Ausschüsse für Bolksaufklärung ein Freiwilligenwerbebureaü vom Kriegsministerium sanktioniert sei, und er fügte hinzu, daß der Kriegsminister allerdings nicht wiffe. daß von diesem Werbebureau nur Freiwillige mit antisemitischer Gesinnung angenommen werden. Es ist außerordentlich bemerkenswert, daß diese planmäßig, großzüoiq angelegte Iudenhetze, welche sich als Hetze gegen die Revolution charakterisiert, finanziell stark fundiert ist. Nur mit gewaltigen Mitteln ist es möglich, eine derartige Propaganda ins Werk zu seken und zu erhalten. Wie groß diese sein müssen, ergibt sich zum Beispiel aus der Tatsache, daß die Hauptstelle für Bolksaufklärung vor kurzem eine antisemitische Broschüre „Von der Vergiftung des deutschen Volkes" in einer Auflagenhöhe von 200.000 Exemplaren an deutsche Lehrer und Geistliche versendet hat. Deutfchösterreich hat es nicht besser — vielleicht noch schlechter — als Deutschland. Aber auch da gibt es Kreise, die sich ob der Juden sehr gedrückt fühlen. In der Deutschösterreichischen Nationalversammlung stellten die Abgeordneten Dr. Ursin und Genossen an die Gesamtregierung eine Anfrage, in deren Begründung darauf verwiesen wird, daß bereits der Staatssekretär des Aeußern in seiner Rede über die Friedensvorschriften von Saint- Germain unter anderem gesagt hat: „Da sind zum Beispiel im ersten Kriegsjahre galizische Flüchtlinge nach Wien gekommen, von denen viele hier mit Geschäften aller Art und nicht immer sehr appetitlichen Geschäften große Vermögen gesammelt haben. Diese Vermögen stammen aus unserer Volkswirtschaft, aus dem Ertrag unserer Arbeit, sie sind erworben auf'Kosten unseres Staates, unserer Steuerzahler, oder auf Kosten unserer konsumierenden Bevölkerung. Trotzdem werden sie der Vermögensabgabe hier entzogen. Aber noch mehr: Wir müssen solche Vermögen, die heute etwa bei einer Wiener Bank deponiert sind, nicht nur zurückzahlen, sondern doppelt zurückzahlen. Wir werden also den Herren, denen der Krieg ein so gutes Geschäft war, ihre Kriegs, gewinne verdoppeln müssen. Dabei muß diese Verpflichtung von unserem Staate garantiert werden." In der Begründung der Anfrage wird erzählt, daß sich Zehntausende von diesen Fremdlingen aus dem Osten in Wien und Niederösterreich nieder, lassen wollen und zahlreiche Gesuche um Namensänderung bei der niederösterreichischen Landesregierung vorliegen. In diesen Erscheinungen sei eine große wirtschaftliche Gefahr für die bodenständige Bevölkerung in Deutschösterreich zu erblicken. Die Abgeordneten stellen die Anfrage: 1. Was gedenkt die Gesamtregierung zu tun, um einen weiteren Zuzüg dieser lästigen Fremdlinge zu verhindern? 2. Was gedenkt die Gesamtregieruna zu tun. um lästige Fremdvölkische in ihre Heimat abzuschicken? 3. Ist die Regierung gewillt, die Landesbehörden anzuweisen, künftighin Namensänderungen, wie dies früher seitens der Behörden ohnehin geübt wurde, nur in ganz besonders berücksichtigungswürdigen Ausnaymsfällen zu gestatten? * Die Pogrome in Polen scheinen selbst gewissen polnischen Kreisen höchst peinlich geworden zu sein. Anstatt aber alles zu tun, um dieselben hintanzuhalten, versuchen sie, die Sache mit-

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