Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 24 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 24 Bekanntlich waren sowohl die großen Feschiwos als die Talmud-Thorafchulen, an deren Spitze die große Ezchajim-Talmudthora steht, für ihren Bestand, auf die Beiträge angewiesen, die ihnen aus allen Ländern der Welt, insbesondere aber aus Rußland und aus Amerika Zuflüssen. Während des Krieges wurde das Vorhandene, trotzdem die Haupteinnahimeguelle, Rußland, volckoim men wegfiel, hauptsächlich dank zweier Faktoren erhalten: Es war einerseits die großzügige Hilfe der amerikanischen Glaubensgenosse^ andererseits das Eingreifen der Amsterdamer Pekidimverwaltung, welche diese Aufgabe Fahre hindurch, mit beträchtlichen Hilfsmitteln aus Deutschland, fast allein zu bewältigen hatte. Sowohl die deutschen als bic amerikanischen Hilfsgelder wurden in einer Weife verwaltet und verteilt, daß die Unabhängigkeit und insbesondere' die religiösen Prinzipien der Feschiwos und Talmud-Thorafchulen in keiner Weife Beeinträchtigung erfuhren. / Mit dem Uebergang des heiligen Landes in englische Militärverwaltung vollzog sich sehr bald ein Wandel in allen Verhältnissen des öffentlichen und insbesondere des wirtschaftlichen Lebens. Leider hat dieser erfreuliche Wechsel auch seine Schattenseite bald genug gezeigt. Die politische Konstellation brachte es mit sich, daß der gesamte Einfluß auf-die Gestaltung des jüdischen öffentlichen Lebens in die Hände e'i ner einzelnen Partei, der zionistischen, überging. Es erschien in Jerusalem eine zionistische Kommission, der sogenannte' Waad-Haziirim. der, von amerikanischer Seite mit reichen Geldmitteln ausgerüstet, sehr bald eine fast unumschränkte Herrschaft in der heiligen Stadt ausübte'. Damit waren für die Existenz der Thora-Lehranstalten nicht nur die im Frieden fließenden normalen Quellen Rußland, Polen, Deutschland, Ungarn volckommen verstopft, sondern auch die amerikanifche'n Spender schienen für Jerusalem nur noch durch di e Verm i tt lu n g de r z i on ist i schen K o m Mission erreichbar/ Die Anstalten sahen sich somit dieser Kommission auf Gnade und Ungnade überliefert. Obgleich die Kommission zunächst auf dem Standpunkte stand, daß sie sich um Schule und Bildunas'wesen überhaupt nicht zu kümmern habe, sondern lediglich Kriegsnotstandsgelder verwalten und daher nur Kriegsnotleidende berücksichtigen dürfe, gelang es doch, ein Abkommen mit ihr zu treffen, das — gewissermaßen um der Unterstützung der notleidenden Lehrer wegen — auf vier Monate, vom 1. Schwat bis zum 1. Fjar das Budget der grösseren Talmud-Thoraanstalten und Feschiwos sicherte'. Zu den hie?u erforderlichen 1000 Pfund monatlich verpflichtete sich d',e Kommission 750 Pfund beizutraaen, während 250 Pfund der zeitweilige Vertreter der Amsterdamer Pekidimverwaltung zusagte'. Dem letzteren wurde die Vertretung der Anstalten gegenüber der Kommission und die Prüfung der Rechnungsfühigung übertragen-'. Es war eine peinliche' Ueberrafchung, als die Kommission bereits im Monat Adar 1 das zu ge sagte' Budaet auf 900 Pfund reduzierte' und im Adar Schenk plötzlich erklärte, daß sie die' Unterstützung vollkommen einstellen müsse. Frgiendwelche Begründung? für diese alarmierende Maßregel wurde nicht gegeben. Rach einigen Tagen erfolgte eine weitere Nachricht, daß auch für die religiösen Fnstitutionen. wie Mikwaoth, Eruwin usw. keine Mittel mehr bewilligt würden. Die Panik, die entstand, ist leicht zu ermeffen. Trotzdem alle orthodoxen Kresse nur in dem Gefühile unendlicher Bitt«rkM das Brot, das ihnen von der Kommission gereicht worden war, entgegen genommen batten, denn man empfand M jedem Schritte den Mangel an Verständnis für biev Bedeutung und die Ehre des Thorastudiums, war man doch entsetzt, urplötzlich vor dem Nichts zu stehen. Der Waad Hoir der Aschkenafischen Geme-ind'en wandte sich telegraphisch nach Newyork, London, Amsterdam und Zürich, um die sofortige Rettung der gefährdeten Thioraanstalten zu erbitten. Wie eine Fügung des Himmels traf am gleichen Tage gegen abend ein Telegramm des Newyorker Komitees beim Waad Hoir ein, wonach an dep letzteren Adrefs« 4000 Pfund als aüßerordentlichej Unterstützung unterwegs feien. Aus der Tatsache, daß die Geldsendung nicht an die zionistische. Kommission, sondern 'an den Waad Hoir erfolgte, konnte ohne weiteres geschloffen werden, daß die Summe im Geiste der orthodoxen Bevölkerung Jerusalems verwendet werden sollte. Man beschloß, eine bestimmte Summe für die Erhaltung der Talmud-Thorafchulen, Feschiwos und religiösen Anstalten auf \lh Monate abzuziweigen und den Rest an die sonstigen Wohltätigkeitsanstalten und an die, Hot leidende Bevölkerung zu vertuen. Dabei wurden zum ersten Male auch wieder die ungarischen und galizischen Anstalten und TalmNd- G>elehrte,n bedacht, die seitens der zionistischen Kommission wegen ihrer allzu unabhängigen Haltung ausgeschlossen gewesen waren. Man war sich darüber klar, daß iy2 Moneste eine kurze Frist feien, aber man hoffte, daß die abgesändten Telegramme insbesondere die orthodoxen Kreise Europas und Amerikas zur Organisation eines selbständigen Hilf^- werks veranlassen würden. Es muß offen und ehrlich ausgesprochen werden, daß die Abhängigkeit der orthodoxen Bildungsinstitutionen, sowie der religiösen und kulturellen Angelegenheiten von einer zionistischen Kommission Fremdherrschaft im schlimmsten Sinne bedeutet. Die Kommission betrachtete'die gereichten Gelder als nackte Almofen, die man einem Bettler hilnwirst. Sie verwies die Anstalten mehr als einmal darauf, sich dein zionistischen Waad Hachinuch in Jaffa zu unterstellen und es muß mit Bedauern konstatiert werden, daß ein oder zwei sefardifche Anstalten in der Tat diesem Lockruf zum Opfer Mallen waren. Eine der beiden .Anstalten allerdings ermannte sich, als der Waad Hachinuch ihr einen hebräischen Lehrer modernen Schlages sandte und wies die. mit dem Opfer der Ueberzeugung zu erkaufende Geldunterstütznng schließlich zurück. Der „Waad Hachinuch" verlangte scheinbar als einzige Vorbedingung bie Einführung? der hieb rätschen Unterrichtssprache. Nun steht es fest, daß die Zöglinge der Talmud-Thoraschulen und der Feschiwos die hebräische Sprache genau fo gut beherrschten, wie die Besucher der modernen Schulen. Allein abgesehen davon, daß 'wir - uns die hebräische Unterrichtssprache, die für die Uebergangszeit immerhin mit erheblichen Schwierigkeiten und Gefahren für die alte bewährte Methode des intensiven Thoralernens verbunden ist, nicht ohne autoritative Zustiknmnng der uns unbedingt maßgebenden rabbinischen Gedaulim von Erez Fisroel und von Chuz Loorez oktroyieren lassen dürfen und können, verbirgt sich hinter diesem Sch lagw orte die Vormundschaft des frei-religiösen 'Waad Hachinuch überhaupt, der Einfluß feiner Verwaltungsbeamten. seiner Lehrer, seiner Lesebücher und seines ganzen Geistes. Die Gerechtigkeit gebietet festzustellen, daß kurz vor Peffach einige zionistische' Delegierte hier ein trafen, die dem religiösen Judentum freundlicher gestimmt sind als die bisherige zionistische' Kommission. Zu diesen Männer gehört insbesondere Dr. Harry Friedenwald aus Baltimore. Allein leid'er reicht der Einfluß dieser Herren bisher nicht w/eit geNug, irtn eine objektive gerechte, auf allen Gewissenszwang verzichtende Verteilung der amerikanischen GelM zu erwirken.