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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-27 · 23 (27.6.1919) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
23 (27.6.1919)
Date
1919-06-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 23 Generalversammlung von 150 Mitgliedern besucht! Noch viel überraschender wirkte der Tenor der Debatten. Nachdem Präsident Dr. Markus Spitzer, der seit drei Dezennien der Chewra eine aufopfernde Tätigkeit widmete, in einer meisterhaften Ansprache die hehren Ziele einer Chewra Kadischa zeichnete, entspann sich eine lebhafte Debatte, in der rechts und links Assimilanten und Orthodoxe, Zionisten und Poale Zion sich in dem Gedanken begegneten, daß die Chewra, die durch Abtrennung des Friedhofswesens ihrer ursprünglichen Bestimmung, der Pflege des Cheffed fchel Emes, entfremdet und zur reinen Wohltätigkeitsanstalt herabgedrückt worden ist, wieder ihrer eigentlichen Tätigkeit, dem Dienste der Kranken, Verstorbenen und Hinterbliebenen, wiedergegeben werden müsse. Von orthodoxer Seite wurden diesbezügliche Anträge gestellt, so auf Betätigung der Mitglieder bei den Bestattungen usw. und die Generalversammlung beschloß einstimmig, diese Anträge dem Kultusvorstande befürwortend vorzulegen. Zur Ausführung wäre erwünscht, daß dem Vorstande des Chewra Kadischa einige Mitglieder angehörten, die das Chewrawesen aus K'hillapraxis kennen. Der Geist, der in der Versammlung zum Ausdruck kam, war ein so warm altjüdischer, daß er die Hoffnung erregte, es könne auch in Wien noch besser werden. Dazu müßten sich aber die Herren Prediger ermannen, ihr Publikum auch über andere Dinge als Humanität zu belehren und auch einmal die hohe Bedeutung der Gebote und Verbote dem Verständnisse ihrer Hörer zu erschließen. Ein Chewra-Mann. Rundschau. (Einstellung des Betriebes der Zentralstelle für Krregssiüchtlinge.) Die Zentralstelle für Kriegsflüchtlinge in Wien stellt im Aufträge des Staatsamtes des Innern nach 58monatiger Tätigkeit ihren Betrieb, II., Zirkusgaffe 5, am 30. Juni 1919 endgültig ein. Von diesem Tage an findet ein Parteienverkehr nicht mehr statt. Rechnungen von Spitälern, Apothekern, Lieferanten usw. wollen bis längstens 20. Juli auf schriftlichem Wege eingereicht werden. (Thora Ez Chajim.) Zu dem Berichte über die Generalversammlung ist nachzutragen, daß in den Vorstand auch Herr Moritz Steinhof neugewählt wurde. (Spende der westukrainischeu Volksrepublik an das „Allgemeine israelitische Tanbstummeuinstitut" in Wien.) Der Bevollmächtigte der westukrainischen Volksrepublik in Wien, Herr Nikolaus von Wassilko, hat durch Zuwendung von K 10.000 an das genannte Institut wieder, wie schon so oft, seine Humanität und sein Wohlwollen für spezifisch jüdische Jnstituttonen bewiesen. Das Institut beherbergt in der Regel 80 bis 85 Prozent Zöglinge aus Galizien, vornehmlich aus Ostgalizien. Um nun seine Fürsorge für die armen Kinder seiner Heimat zu bekunden, hat Exzellenz von Wassilko ohne Säumen die Bitte des jetzt schwer bedrängten israelitischen Taubstummeninstituies erfüllt und die hochherzige Spende der Anstalt gesendet. (Flüchtlinge aus Polen.) Die Preßabteilung beim Zentralbureau der Agudas Jisroel teilt mit: Gemäß dem Zentralbureau der Agudas Jisroel, seitens der Agudas Jisroel, Misrachi und zionistischen Vereinigung Breslau, drahtlich gewordene Mitteilung, ist der nach Schlesien sich ergießende Flüchtlingsstrom aus Polen gewaltig, die Not unbeschreibbar. Schnellste Hilfe muß, um Katastrophe vorzubeugen, einsetzen. (Die Warschauer jüdische Presse vor Gericht.) Gegen die Redalleure der Warschauer jüdischen Zeitungen „Das jüdische Volk", ^Moment", „Hajnt", „Lebensfragen" und „Dziennik Nowy" wurde wegen der in diesen Zeitungen über die Pinsker Geschehnisse erschienenen Artikel ein Prozeß angestrengt. (Koltschak für Gleichberechtigung aller Völker »h5> Religionen in Rußland.) Admiral Koltschak hat an die russische politische Konferenz in Paris eine Mitteilung gerichtet, worin er mit Rücksicht auf die Gerüchte über die Beunruhigung der russischen israelitischen Bevölkerung wegen ihres künftigen Schicksals feststellt, die Regierung verfolge das Ziel, allen Völkern Rußlands ohne Unterschied der Religion oder der Nationalität vollständige Gleichheit vor dem Gesetze zu verbürgen, die allen Bürgern individuellen Schutz zu gewährleisten habe. (Nach Tisch wird Koltschak wahrscheinlich den Text anders lesen!) (Aktion der polnischen Assimilanten.) Eine Abordnung der polnischen Assimilanten, bestehend aus den Herren Natansohn, Warschau, Dr. Schleicher, Vizepräsident der Stadt Lemberg, und Josef Sare, Vizepräsident der Stadt Krakau, begab sich nach Paris, um der Friedenskonferenz „im Namen der polnischen Judenheit" das Memorandum vorzulegen. In demselben wird gegen die Forderung der Zionisten, die Juden als besondere Nation anzuerkennen, Stellung genommen. (Pogromagitationen in Budapest.) Der Oberkommandant der Brachialgewalt in Budapest, Volksbeauftragter für Heerwesen Haubrich, erließ folgenden Aufruf: „An die Bevölkerung von Budapest! In letzter Zeit werden von Wühlarbeit verrichtenden und unverantwortlichen Elementen immer häufiger Flugzettel verteilt, in denen die Bevölkerung zu einem Pogrom aufgefordert und aufgehetzt wird. Ich mache jedermann aufmerksam, solchen Hetzereien nicht aufzusitzen, da ich berufen bin, jede Ordnungsstörung in der entschiedensten und energischesten Weise zu verhindern. Sollten die Agitationen dessen ungeachtet nicht aufhören, so werde ich gezwungen sein, nach Ablauf von 48 Stunden das strengste Statarium anzuordnen." (Gegen Aufreizung.) Das bayerische Justizministerium gibt bekannt: „Es sind Klagen eingelaufen, daß bisweilen in der Tagespreffe wie in Flugblättern eine aufteizende Sprache gegen die jüdische Bevölkerung geführt wird. Solchen Erscheinungen ist mit Nachdruck entgegenzuwirken. Es wird das zunächst gegenüber jenem Teile der Presse möglich sein, mit dem die Aemter durch Herausgabe des Amtsblattes oder sonstwie in geschäftlicher Verbindung stehen. Es wird aber auch gegenüber der übrigen Presse sich ein geeigneter Weg finden lassen. Wenn bei den Flugblättern, wie behauptet wird, vielfach die nach dem Preßgesetze erforderlichen Angaben über Druck und Verlag fehlen, so berechtigt auch diese Unterlassung eine Handhabung zum Einschreiten." (Antizionistisches aus England.) Bei der von nur wenigen Teilnehmern besuchten Jahresversammlung der Liga der britischen Juden referierte der Vorsitzende Lionel Rothschild über die Arbeit des verflossenen Jahres, wobei er besonders auf das Verhältnis der Higa zum Zionismus einging. Man sei nicht zu einer Verständigung mit Weizmann und Sokolow gelangt, sei aber bereit, die englische Regierung in jeder Weise zu unterstützen, um Palästina als britische Kolonie erfolgreich zu gestalten. Mr. Leonard L. Cohen erklärte, die Mitglieder würden sicherlich die bisherigen Versuche einer Annäherung an die Zionisten billigen, aber man dürfe nicht vergessen, daß es ein Harlptprinzip der Bewegung sei, Religion und Nationalität als unabhängig von einander zu betrachten. Der Antisemitismus hat die Theorie eines jüdischen Nationalismus als eine neue Waffe benutzt. Paderewsll hat jene jüdischen Separatisten, die eine besondere Klasse, eine Nation in der Nation bilden wollen, gebrandmarkt. Diese verderbliche Theorie will auch die Liga bekämpfen. Claude Montefiore meinte, man beschuldige die Mitglieder der Liga, sie seien nicht patriotisch, weil sie die zionistischen Pläne der englischen Regierung nicht genügend unterstützen. Diese Vorwürfe habe bereits der Vorsitzende in gebührender Weise zurückgewiesen. Sie seien froh, daß Palästina unter englische Kontrolle komme, zögen jedoch vor, mehr englisch als jüdisch zu sein. (Förderung der polnisch-rumänischen Judenpolitik durch Frankreich.) Der Pariser Korrespondent der „Morning- °"Post" meldet, daß Clemenceau und die französischen Diplomaten im allgemeinen ihre volle Aufmerksamkeit dem polnischrumänischen Protest gegen die Bestimmung des Friedensvertrages, welche den Schutz der Juden durch den Völkerbund

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