Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 23 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 23 Stellung der Araber und Englands als Mandatar über Palästina." Eine andere zionistische Meldung berichtet: „Das Projekt des türkischen Friedensvertrages enthält unter anderem einen Abschnitt über Palästina. Nach diesem soll Palästina unter das Protektorat Großbritanniens gestellt werden, um dortselbst ein ,home national4 für das jüdische Volk vorzubereiten. Jeder, der zur Zeit der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Palästina wohnt oder im Lause der nächsten zwei Jahre dorthin einwandern und keine andere Deklaration abgeben wird, kann ein von England geschützter palästinasicherer Bürger werden. Die englische ,Protektion^ gilt für den palästinensischen Bürger auch im Ausland. Ausländer — jüdische Gesellschaften sind ausgenommen — dürfen in Palästina nicht mehr als 20 Dunam Boden besitzen. Als Amtssprache werden die englische, hebräische und arabische eingesührt. Die ganze Administration ruht in Händen der englischen Regierung, die jedoch einen großen Teil von jüdischen Beamten, welche vom jüdischen Rat vorgeschlagen werden, berufen wird. Hinsichtlich der Gerichtsbarkeit sieht das Projekt eine besondere für die arabische Bevölkerung vor, von einer jüdischen wird jedoch keine Erwähnung getan. Das genannte Projekt bildet nur den Rahmen des Friedensvertrages und dürste noch mannigfachen Wänderungen unterliegen." Nach dieser zweiten Mitteilung klingt die Sache schon anders und läßt keinen Raum für allzu weitgehende Erwartung übrig. Gleichzeitig kommen auch Meldungen, die daran erinnern, daß die Widerstände gegen die jüdischen Aspirationen in Palästina noch keineswegs beseitigt sind. So wird der „Frankfurter Zeitung" über den Inhalt einer Denkschrift berichtet, die die mohammedanischen Inder an die Friedenskonferenz gerichtet haben. In derselben wird unter anderem ausgeführt, daß die islamitische Welt sich nur dann mit der Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina abfinden könne, wenn an seine Spitze ein mohammedanischer Herrscher gestellt würde. Ein bizarrer Gedanke, der natürlich nur die Abneigung gegen das Projekt in eine England gegenüber höfliche Form kleidet. Auffallend erscheint eS, daß ungefähr gleichzeitig mit dieser indischen Denkschrift die „Morning Post" einem sehr scharfen gegen den Zionismus gerichteten Artikel von Joseph Rein ach Raum gegeben hat. Er nimmt gegen die Existenz einer jüdischen Rasse (es gebe nur eine semitische Rasse, zu der auch die Araber gehören), wie einer jüdischen Nation (diese sei seit zwanzig Jahrhunderten verschwunden) Stellung. Reinach bezeichnet den Aufbau eines Staates auf der bloßen religiösen Idee als Absurdität. Bisher wurde diese Anschauung nur von der ftanzösischen gegen die englische Presse vertreten. Die Pogrome Ln Polen. Der polnische Ministerpräsident Paderewski richtete an Wilson folgenden Brief: „Paris, 31. Mai 1919. Geehrter Herr Präsident! Ich habe Kenntnis von den Meetings in den Vereinigten Staaten erhalten, auf denen gegen die Behandlung der Juden in Polen protestiert wurde. Die Rapporte, welche die Grundlage jener Proteste bildeten, sind von der Wahrheit weit entfernt. Die polnische Nation hat wiederholt Gelegenheit gehabt, ihre Toleranz der jüdischen Bevölkerung gegenüber zu betonen. Wir haben oft bewiesen, daß wir keine judenfeindliche Politik betreiben. Der Krieg hat den Keim zu Konflikten in allen Ländern, nicht nur in Polen, gelegt. Infolgedessen ereigneten sich in einigen Teilen unseres Landes bedauernswerte Fälle, welche jedoch nur lokale Ausschreitungen sind, wenn wir sie mit den täglichen Massakres der jüdischen Bevölkerung in manchen Teilen Rußlands vergleichen. In überwiegender Mehrheit war die herausfordernde Haltung der jüdischen Bevölkerung die Ursache jener Vorgänge in Polen. Die in den jüdischen Zeitungen erscheinenden zahllosen Artikel weisen ebenfalls einen eminent herausfordernden Charakter auf und vertiefen, indem sie die öffentliche Meinung aufteizen, die Kluft der gegenseitigen Mißverständnisse. Die in Polen vorgekommenen Ausschreitungen wurden von der Regierung und von der Nation streng verurteilt. Man würde daher sowohl der Regierung, wie auch der Nation Unrecht tun, wenn man den tendenziösen Gerüchten Glauben schenken würde. Ich wende mich an Sie, Herr Präsident, mit der Bitte, dieser unwürdigen Agitation durch Entsendung einer Spezialmission nach Polen zwecks Untersuchung der tatsächlichen Lage und der Berichterstattung über dieselbe ein Ende zu bereiten. Dadurch würden die Anschuldigungen, unter denen mein Vaterland leidet, hinfällig werden. Polen hat immer durch die Tugend der Toleranz geglänzt, und dies sogar in jenen Zeiten, da diese Tugend in anderen Ländern noch unbekannt war. Meine Nation erachtet es daher als erstklassige Notwendigkeit, daß ein unparteiisches Zeugnis gerechter Männer diese Anschuldigungen entkräfte. Paderewski." Die polnischen Regierungskreise würden sicherlich besser tun, die eigene öffentliche Meinung zu beeinflussen und der Pogrombewegung Einhalt zu tun, anstatt die Welt mit einer Vertuschungstaktik irreführen zu wollen. Wilson scheint dem Ersuchen Paderewskis zu entsprechen, was aus folgender Londoner Meldung hervorgeht: Reuter berichtet, Präsident Wilson habe auf Ersuchen der polnischen und litauischen Regierung beschlossen, eine Kommission zur Untersuchung der aus Polen gemeldeten Pogrome zu ernennen. Es wird nur darauf ankommen, wie diese Kommission die Untersuchung führen werde. Die Judenstage in Rumänien. Der „Adeverul" beschäftigt sich in einem von der Zensur stellenweise gestrichenen Artikel mit der Frage des Antisemitismus in Rumänien und führt unter anderem aus: Eine der schwierigsten Fragen für den, wie wir alle hoffen, demokratischen neuen rumänischen Staat wird die Lösung der Judenftage sein, wenn es den leitenden Staatsmännern nicht jetzt schon gelingt, einen Ausweg zu finden, der sowohl uns als auch die Juden zuftiedenstellt. Durch die Annexion Beßarabiens, der Bukowina und Siebenbürgens ist der achtzehnte Teil der Bevölkerung Rumäniens jüdisch geworden. Es ist nicht zu bezweifeln, daß die Juden dank ihrer besonderen Begabung zum Handel, ihrer Rassenintelligenz und ihrer finanziellen Lage auch im Handelsleben Rumäniens eine führende Rolle einnehmen werden. Man wird nicht leugnen können, daß, wenn die Regierung ihre bisherige Politik in der Judenfrage nicht ändert und (Zensurlücke) ihren alten antisemitischen Gefühlen auch weiterhin Folge leistet, die jüdische Bevölkerung für Rumänien keinen großen Nutzen bedeuten wird: Sie wird sich im Gegenteil bestreben, den ohnehin schon wenig glücklichen Romanismus dem Ausland gegenüber zu diskreditieren. Wir wissen es und müssen es zu unserem Bedauern auch an dieser Stelle betonen, daß wir auch heute noch unsere Antisemiten haben. Wir neue Männer Rumäniens müssen den Standpunkt betonen, daß die Judenfrage keine interne Angelegenheit des Reiches ist — die große Tragkraft dieser Frage nötigt uns, anzuerkennen, daß ganz Europa ein Recht hat, uns bei der Behandlung dieses Problems zu überwachen. Wir dürfen deshalb nicht zögern, den Juden alle jene Rechte zuzuerkennen, deren sie infolge einer lächerlichen Tradition bisher nicht teilhaftig waren. Wenn sich der rumänische Staat wirklich auf demokratischer Grundlage aufbauen will und nicht allein seinen Bewohnern ohne Unterschied des Stammes und der Religion, die gleichen Rechte garantiert, dann wird der rumänische Staat (längere Zensurlücke) von seiner Reife Zeugnis ablegen. _ . Lrnwanderungsverbot in England. Havas meldet aus London: „Dem Unterhause wird ein Reglementsentwurf zugehen, wonach kein Ausländer ohne Erlaubnis eines Auswandernngs-