Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 23 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite L Jüdische Korrespondenz. Nr. 33 In Deutschland dürfte die Lage und die Stellung der Juden — abgesehen von der zahlenmäßigen Verkleinerung — keine wesentliche Aenderung erfahren. Anderseits dürste das französische Judentum durch die Judenheit Elsaß-Lothringens eine geistige Bestuchtung erfahren. * \ Alles in allem genommen — die Veränderungen in der staatlichen Zugehörigkeit der Juden in den europäischen Ländern kommen denselben nur wenig zugute. Die alten Zentren werden zerrissen, die wirtschaftlichen Positionen find unsicher geworden: die Gegenwart ist trübe, die Zukunft höchst unsicher. Diejenigen, welche von einem „Abschied von Europa" faseln und behaupten, in den nächsten Dezennien werde auch das zahlenmäßige Schwergewicht der Judenheit sich in Palästina befinden, mögen sich ob der traurigen Gegenwart hinwegtrösten. Wer aber die Lage nüchtern betrachtet und beurteilt, der muß zur Erkenntnis gelangen, daß die Veränderungen, die der Diktatsriede der Entente mit sich bringt, die Position der Juden in der Diaspora ungünstig beeinflussen ‘ und daß wir als Juden keine Ursache haben, diesem Frieden Lobeshymnen zu singen. Line jüdische Mittelschule in Wien. Wen soll in nächster Zeit mit einer jüdischen Mittelschule beglückt werden. Die Unterrichtskommission des Nationalrates will eine solche ins Leben rufen und es wird an die jüdische Oeffentlichkeit um Mithilfe und Mitwirkung appelliert. Die Orthodoxie konnte seit jeher für das Mittelschulstudium wenig Begeisterung aufbringen, da dasselbe in der Regel der Religiösität abträglich ist. Nicht etwa deswegen, weil Religion und allgemeines Wissen sich nicht vereinigen können. Im Gegenteil, gerade das Judentum hat stets dem Wissen und den Wissenschaften gehuldigt und unsere großen Schriftgelehrten, die Chachme Hatalmud sowohl, als auch die Gaoniem (sichraunow liwrocho) beherrschten viele Zweige der Wissenschaft in weitgehendstem Ausmaße. Allein der moderne Mittelschulunterricht absorbiert derart die Jugend, daß ihr keine Zeit und keine Muße mehr übrig bleibt, sich das für jeden Juden notwendige jüdische Wissen anzueignen. Sie wird dem Judentume ent- Iüöischer Klm. (König Nikita der „Judenstämmling". — Ueberall Juden. — „Judenbuben". — Bernstein und „Rewentlewi". — Wahlen am Samstag. — Rückwanderung und Einwanderung.) König Nikita — der Judenstämmling! — Das ist die neueste Enideckunq m unserer auch sonst ziemlich' aufgeregten Zeit. Neu ist die Entdeckung eigentlich nicht — schon im berühmten Semigotha ist darauf hingewiesen worden, daß die montenegrinische Dynastie von Juden abstammt. — Bislang handelte es sich aber bloß um eine theoretische Angelegenheit. Heute soll die praktische Anwendung kommen: da sich Nikita so sehr gegen den Berlust seiner Krone streubt, so wird er daran erinnert, daß er eigentlich ein Judenstämmling ist und sich bescheiden muß. Die Juden hätten eigentlich gar keinen Grund, sich darüber zu echauffieren. Ob Nikita oder Peter in Cetinje zu befehlen haben, das kann ihnen vollkommen gleichgültig sein. Aber die Sache könnte unter Umständen auch für die Judenfrage von Bedeutung sein. Bei dem großen Scharfsinn, den unsere Feinde gewöhnlich entwickeln. könnten sie eines schönen Tages auch auf den Einfall kommen, daß König Nikita eigentlich Anspruch auf den Thron von Palästina erheben darf. Die abessinische Dynastie rühmt sich bekanntlich, vom Königshause David abzustammen. Der Negus soll ein Nachkomme des Königs Salomo und der Königin von Saba sein. Ein neuer Semigotha könnte den Beweis erbringen, daß eigentlich alleJuden Abessiniens, die sogenannten Falaschen, eben Nachkommen des Königs Salomo wären. Nikita, der von einer Falaschenfamilie abstammen sollte, wäre somit ein Nachkomme des „MalchuS bes David" und somit ein rechtmäßiger Prätendent auf den Thron von Jerusalem ... Die Entente, der die Dynastiefrage in Montenegro großes Kopfzerbrechen verursacht, könnte die Gelegenheit ergreifen, um die Sache aus. der Welt zu schaffen, indem sie dem lamentierenden König einen neuen Thron zur Verfügung stellt... Die Juden, die auf diesem Wege plötzlich mit einer eigene», „nationalen" Dynastie beglückt werden könnten, noch dazu mit einer solchen aus dem Stamme Davids, zeigen aber wenig Freude darüber. Sie bedanken sich für die Zugehörigkeit des Königs der Schwarzen Berge zu ihrem Stamme und sie würden es sicherlich vorziehen, sollte fremdet und gerät auf Abwege, von welchen nur selten eine Rückkehr möglich ist. . Anderseits ist es eine bekannte Tatsache, daß die heutige Judenheit Westeuropas — vielfach ist dies auch im Osten bereits der Fall — unter einer Hyperproduküon an „Intelligenz" leidet, was weder dem jüdischen Geiste, noch dem wirtschaftlichen Leben zuträglich ist. Diese Gründe waren und sind es, die die Orthodoxie veranlassen, dem Mittelschulstudium keine besondere Begeisterung entgegenzubringen. Es wäre für das Judentum in religiöser und geistiger Beziehung viel gesünder, wenn wir weniger Mittelschüler hätten. Nun sollen wir gar eine jüdische Mittelschule erhalten. Angesichts der Verhältnisse ist es begreiflich, daß sich die Orthodoxie dieser Aktion gegenüber ablehnend verhalten muß und wird. Die Erfahrungen, die mit dem hebräischen Gymnasium in Jaffa, sowie mit den diversen Vorträgen und Kursen in Wien gemacht wurden, mahnen zur Vorsicht und fordern das Mißtrauen geradezu heraus. Sollte auch in dieser „jüdischen" Mittelschule moderne Bibelkritik vorgetragen werden? Sollte in dieser „jüdischen" Anstalt all das, was dem Gros der Judenschaft heilig und teuer ist, mittelst einer angeblich „wissenschaftlichen" Analyse entweiht und verspottet werden? Der sogenannte „Religionsunterricht" in. unseren Mittelschulen entspricht sicherlich nicht seinem Zweck. Aber diese Unzulänglichkeit ist eine mehr passive. Eine direkte Verneinung der religiösen Vorschriften, eine Verstümmelung der heiligen Schriften, eine Verspottung der religiösen Tradition, eine offenkundige Verletzung der religiösen Gebote in einer „jüdischen" Lehranstalt, eine tendenziöse Auslegung und Deutung unserer Geschichte, wie dies bisher in den meisten nationalen Schulen und Anstalten üblich ist — dies müßte noch viel nachteiligere Rückwirkungen haben. t Jnsolange unsere Nationalisten nicht gewillt und außerstande sind, diesbezüglich entsprechende Garantien zn geben, muß und wird sich die glaubenstreue Judenschaft dem Gedanken und dem Plane hinsichtlich der Errichtung einer jüdischen Mittelschule gegenüber absolut ablehnend verhalten. Jehudi-chored. es wirklich zur Errichtung des Judenstaates von Englands Gnaden kommen, lieber eine Republik zu bilden, als Nikita zum König zu haben. Ebenso wie sie sich für die Zugehörigkeit der Trotzki, Kun, ,Szamuelly, Bettelheim, Wertheim, Friedländer usw. zum jüdischen Volke herzlichst bedanken, ohne leider die Möglichkeit zu haben, diese Elemente von sich abzuschütteln. Wir können den großserbischen Agitatoren, die uns den Nikita in die Schuhe schieben wollen, das Handwerk ebenso wenig legen, wie den jüdischen Führern des Kommunismus, die überall Haß und Wut gegen uns Hervorrufen. Darin liegt eben unsere große Tragik. Wir werden ob unserer angeblichen „Solidarität" so viel beneidet und angefeindet. Aber diese „Solidarität" versagt auf Schritt und Tritt. Diese sogenannten „Juden" tun im Gegenteil alles, um den Haß gegen uns noch zu steigern. Freilich, ihre Strafe bleibt nicht aus. Auch sie und ihre Politik leiden unter der jüdischen Marke, die sie tragen. Unsere Feinde halten sich stets an der Maxime: ,af al pi schechoto — Jisroel hu!“ In Wien, wie anderwärts wird gegen die Kommunisten mit dem Schlagworte „Judenbuben!" losgezogen. In Ungarn mußten Kun und Genoffen zugeben, daß ihre Agitation unter den breiten Volksmassen darunter zu leiden hat, weil diese der „Judenpolitik" Mißtrauen entgegenbringen. Wir wollen den angeblichen Idealismus der Kommunisten nicht in Frage stellen — aber gerade, wenn es ihnen mit ihrer Ideologie ernst ist, sollten sie der Führerschaft entsagen, um „ihrer Sache" besser dienen zu können. Sie würden damit sowohl sich, ihrer Idee als auch dem Judentume einen großen Dienst erweisen. Freilich, es geht auch den jüdischen Führern des Sozialismus nicht besser. Auch sie bekommen es oft zu hören, daß diese Führerschaft der Sache, der sie dienen soll, abträglich ist. Beim sozialdemokratischen Parteitag in Deutschland kam es zu scharfer: antisemitischen Aeußerungen. So erklärte der sozialdemokratische Chefredakteur Braun (Nürnberg), daß die Partei „Bernsteins talmudistische Methode nicht mitmachen" könne. Herrnann Müller warf demselben alten sozialdemokratischen Führer vor, daß er „alle Angelegenheiten unter dem Gesichtspunkt des Rabbiners von Minsk behandle". Auch Scheidemann leistete sich unerlaubte Ausfälle, so den Spitznamen Rewent-