Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 23 (27.6.1919)
- Date
- 1919-06-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- ' " - Z, ~ - „* - Bezugspreis: GanzjährigK16,halbjährig K8, vierteljährig K 4. Ausland jährlich K 30. Einzelnummer 40 Heller. Horrespondenz Organ für die Interessen des Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Freitag. Np. 23 Wien, 29. Siwan 5679, 27. Juni 1919. II. Jahrgang. Der Friede und das zerstreute Israel. Von Dr. Awi-Schalom. Endlich lassen sich die Friedensglocken vernehmen. Nach säst fünsjährigem blutigen Völkerringen wird ein Friedensvertrag unterschrieben, der zumindest für absehbare Zeit dem Blutvergießen ein Ende bereitet. Freilich, der Ton der Friedensglocken klingt ziemlich gedämpft. Es ist nicht die volle Freude, die zum Ausdruck gelangt; nicht einmal die Sieger können ungetrübte Freude empfinden, mögen sie sich noch so triumphierend stellen. Auch droht noch immer im Osten die Gefahr einer Fortsetzung des Krieges und neue Verwicklungen sind nicht ausgeschlossen — immerhin: der Friede hält seinen Einzug, und die geplagte Welt wird von einem Alp befreit. Die allgemein-politischen Rückwirkungen und Ausstrahlungen des Friedens von Versailles lassen sich heute noch nicht übersehen. Es ist möglich, daß über kurz oder lang eine neue Mächtekonstellätion sich bildet, welche der politischen Lage ein völlig neues Bild geben wird. Nach einer Richtung hin scheinen aber schon jetzt definitive Verhältnisse geschaffen zu sein: hinsichtlich der Verteilung des zerstreuten Israel in den Ländern der Diaspora. Diesbezüglich sind ziemlich radikale Veränderungen vor sich gegangen, welche die Lage unserer Brüder in politischer, wirtschaftlicher und geistiger Beziehnng wesentlich beeinflussen werden. Vor Ausbruch des Weltkrieges waren die folgenden Staaten die Stätten großer jüdischer Zentren: Rußland mit etwa 6 Millionen Juden, Oesterreich-Ungarn mit über 2 Millionen, Deutschland mit etwa 600.000, Türkei mit etwa 300.000, Rumänien mit etwa 300.000. Die anderen europäischen Staaten kommen weniger in Betracht. Eine große Rolle spielte bloß noch die Nordamerikanische Union mit etwa 3 Millionen Juden, die aber hier nicht in Betracht kommt, weil diesbezüglich keine Aenderung Platz greifen dürfte. Hingegen sind die Veränderungen in Mittel- und Osteuropa sehr bedeutend. An Stelle Rußlands wird nun Polen in die erste Reihe gelangen. Sollten alle polnischen Aspirationen Befriedigung finden, dann dürfte der polnische Staat etwa 5 Millionen Juden beherbergen. Aber selbst für den Fall, daß Oftgalizien und Litauen nicht zu Polen fallen sollten, wird die Zahl der Juden in diesem Staate etwa 4 Millionen erreichen. An zweiter Stelle kommt dann Rumänien, das (Siebenbürgen, die Bukowina und Beßarabien eingeschlossen) nicht viel weniger als 1 Million Juden zählen dürste. An dritte Stelle gelangt Deutschland mit etwa 500.000 Juden. Dann dürfte Ungarn, Tschecho-Slowakei, Deutschösterreich folgen, nachher Griechenland, das im Besitze von Thrazien mit Adrianopel, sowie von Smyrna und anderen Gebieten Kleinasiens etwa 200.000 Juden zählen dürfte. Auch derS.-H.-S.-Staat wird etwa 100.000Juden beherbergen. Schließlich erfährt auch die Judenschast Frankreichs durch die etwa 30.000 Juden Elsaß-Lothringens einen wesentlichen Zuwachs. Die voraussichtlichen Verhältnisse in Rußland werden da nicht in Erwägung gezogen, da das Schicksal dieses Reiches noch immer nicht entschieden ist. Sollte es zur Wiederherstellung eines Großrußland kommen, dann wird dasselbe noch immer über 2 Millionen Juden zählen. Andernfalls dürfte die Ukraine etwa 1 Million umfassen, auch Litauen wird eine ansehnliche Judenschast beherbergen. Die staatliche Reihenfolge wird dann eine Veränderung erfahren. Rumänien dürste erst an vierte Stelle gelangen usw. Rußland vorläufig außer Betracht lassend, stehen die Veränderungen in den anderen europäischen Staaten schon heute mehr oder weniger fest. Es ist auch die Möglichkeit gegeben, das voraussichtliche Schicksal der Juden in den diversen Ländern einer Betrachtung zu unterziehen. Bisher waren die Juden Rußlands und Rumäniens die Sorgenkinder der jüdischen Gesamtheit. An Stelle Rußlands tritt nun Polen an erster Reihe; nicht bloß zahlenmäßig. Die Lage der Juden in Polen ist geradezu trostlos und es ist gar nicht abzusehen, wie eine Besserung derselben herbeigeführt werden könnte. Optimisten mögen sich vieles von den Bestimmungen über den Schutz der Minoritäten versprechen, welche die Friedenskonferenz festgelegt hat. Wie aber in diesen Blättern wiederholt nachgewiesen wurde, darf man sich hievon nicht viel versprechen, selbst wenn es zur Durchsetzung dieser Bestimmungen kommen sollte, was allerdings angesichts des Widerstandes der Polen und Rumänen nicht ganz sicher ist. Dasselbe läßt sich auch hinsichtlich der Juden Rumäniens sagen. Da bleibt die alte Sorge weiter bestehen, mit dem einzigen Unterschied, daß es ein viel größerer Bruchteil der Mischen Gesamtheit sein wird, der unter dem Druck der rumänischen Machthaber zu leiden haben dürste. Daß Griechenland eine verhältnismäßig so bedeutende Zahl Juden beherbergen werde, muß ebenfalls höchst peinlich empfunden werden. Die Griechen haben sich seit jeher mit ihrem Judenhaß „ausgezeichnet", und je größer die Zahl der Juden in ihrer Mitte, desto schärfer dürste dieser Haß zum Ausdruck gelangen. Besonders die Juden Thraziens und Kleinasiens, die sich unter der türkischen Herrschaft einer günstigen Lage erfreuten, werden die Wendnng in ihrem Schicksal überaus schwer empfinden. Die ungarische Judenheit wird unter der Zerreißung und Schwächung ihres geistigen Zentrums viel zu leiden haben. Ganz besonders dürfte dies auf die Entwicklung des religiösen Lebens, auf die Jeschibot usw. nachteilig wirken. Die Lage der Juden in der Tschecho-Slowakei ist schon heute, in den Flitterwochen der jungen Republik, keineswegs rosig. Die Judenhetze zieht immer weitere Kreise, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist in nächster Zeit mit einer Verschärfung der Situation zu rechnen. Die Juden der Slowakei wären wohl berufen, ihre Brüder in Böhmen und Mähren in religiöser Beziehung zu befruchten. Die gewalttge Agitation der Nationalisten, die sich aus politischen Gründen der Förderung der Regierung erfreut, droht aber, die Orthodoxie der Slowakei in das nationalistische Fahrwasser hineinzuziehen, falls die berufenen Führer der Orthodoxie nicht rechtzeitig eingreifen sollten,, was sehr zu wünschen wäre. Relattv nicht ungünstig ist die Lage der Juden in Deutschösterreich. Aber die wirtschaftliche Zukunft derselben ist höchst unsicher und auch in geistiger Beziehung droht eine Berdorrung, falls der Zuzug aus dem Osten ausbleiben sollte. Die Position der Juden in Jugoslawien scheint nicht ungünstig zu sein. Geistig dürften die Juden Serbiens, Bosniens und Mazedoniens durch den Zusammenhang mit ihren Brüdern in Kroatien manches gewinnen. Politisch macht sich allerdings bereits jetzt eine antisemitische Bewegung bemerkbar.