Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 22 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 22 Juden wagten sich nicht auf die Gasse. Erst Mittwoch nachts fanden die Räubereien ein Ende. (Die Judenmassaker iu der Ukraine.) Aus Budapest wird dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm telegraphiert: Der Volkskommissär Szamuely, der von Budapest nach Moskau geflogen war und mittels Aeroplan wieder in Budapest angelangt ist, berichtet über die Ukraine folgendes: „Große Kämpfe waren nötig, um mit den Banditen fertig zu werden, welche hier gehaust haben. Es war ein förmlicher Pogromfeldzug. Diese Banditen haben eine Reihe von Städten durch einen unerwarteten Handstreich erobert und in diesen Orten, wo sie nur tage-, ja oft nur stundenlang geweilt haben, furchtbare Grausamkeiten verübt. Es gab Städte, wo die Rote Garde dreitausend bis viertausend Leichen vorfand, besonders bedeckten Leichen von jüdischen Frauen und Kindern die Straßen und füllten die Häuser, und das geschah alles unter dem Titel des Kampfes gegen den Bolschewismus. Nun ist die Ukraine von den Banditen gesäubert, die Armee des ottomanischen Kosaken Grigoriew, die hauptsächlich aus solchen bestand, vernichtet. Die ukrainische Armee schreitet in bester Bereitschaft an die Abrechnung mit den rumänischen Bojaren." (Minister für jüdische Angelegenheiten in Litauen.) Dem Jüdischen Preßbureau in Stockholm wird aus Berlin telegraphiert: Dr. Max Soloweitschik ist zum Minister für jüdische Angelegenheiten in Litauen ernannt worden. (A. A. Harkawi gestorben.) Erst jetzt ist die Nachricht eingetroffen, daß der berühmte jüdische Gelehrte A. A. Harkawi am 15. März in Petograd gestorben ist. Harkawi, der in der wissenschaftlichen Welt als Autorität auf dem Gebiete der jüdischen Archäologie galt und mehr als vierhundert Werke veröffentlichte, erreichte ein Alter von 84 Jahren. (Der amerikanische Senat gegen die Judenpogrome.) Der Washingtoner Senat faßte einstimmig folgende Resolution: Der Senat ersucht das Staatsdepartement, dem Präsidenten Wilson die Bitte zu übermitteln, mit den Friedxnsdelegierten jener Länder, wo Pogrome und Judenmassakres stattfanden, zu konferieren und ihnen mitzuteilen, daß der amerikanische Senat und das amerikanische Volk die Exzesse und Metzeleien, die an Männern, Frauen und Kindern des jüdischen Volkes begangen werden, aufs tieffte bedauert. (Spaltung in der „Alliance"?) Aus Paris wird gemeldet, daß es in den Reihen der „Alliance Israelite Universelle" infolge einer Meinungsverschiedenheit in bezug auf die Forderung nationaler Rechte für die Juden in den Diasporaländern zu einer Spaltung gekommen wäre. (Kein Einwanderungsverbot in Amerika.) Amerikanische Blätter dementteren die Nachricht von einem Verbot der Einwanderung nach Amerika. Es liegt nur ein in der Kammer eingebrachter diesbezüglicher Antrag einer Partei vor. Im Laufe der letzten Monate wurde einigen hundert Juden aus Polen die Einreise nach Amerika gestattet, wobei man von ihnen nur die Kenntnis des Lesens und Schreibens in irgendeiner Sprache forderte. (Vom italienischen Judentum.) Die Vorstände der Komitees der israelitischen Gemeinden Italiens, des italienischen Zionistenverbandes und des italienischen Rabbinerverbandes versammelten sich in Rom zu einergemeinsamen Sitzung. In Anbetracht der wichtigen Probleme, vor denen sich das heutige Judentum befindet, beschlossen diese drei Organisationen in jeder Frage gemeinsam vorzugehen und wählten zu diesem Zwecke eine aus sieben Mitgliedern bestehende Kommission. (Kinder, die das Spielen verlernt haben...) Solche Kinder sind wohl eine der traurigsten Erscheinungen der durch den Weltkrieg geschaffenen Not. Kinder, die das Spielen verlernt haben, gibt es in Palästina, wie die amerikanisch-jüdische medizinische Kommission für das Heilige Land festgestellt hat. Seit Kriegsausbruch sind keinerlei Spielwaren nach Palästina gebracht worden und die dortigen Kinder haben die Beschäftigung mit Spielsachen deshalb vergessen. Auf Veranlassung der amerikanisch-jüdischen Kommission wurde in den jüdischen Gemeinden Amerikas eine Sammlung von Kinderspielzeug jeglicher Art für die armen Kinder Palästinas veranstaltet. Die Sammlung hatte einen überraschenden Erfolg. Die gestifteten Spielsachen werden jetzt von den Mitgliedern der Kommission in Palästina verteilt. (Antisemitische Ansichtskarten.) Von antisemitischer Seite werden in Wien Ansichtskarten verbreitet, die auf der Rttcksette haßerfüllte Karikaturen, auf der Vorderseite folgenden Text zeigen: Moses prophezeite vor 3500 Jahren: „Und du (Israel nach dem Fleische) wirst zum Entsetzen werden, zum Sprichwort und zur Spottrede unter allen Völkern, wohin Gott dich vertreiben wird." Ferner: „Denn ich weiß, daß ihr nach meinem Tode vergeblich handeln und von dem Wege abweichen werdet, den ich euch geboten habe; und da wird, euch düs Unglück treffen am Ende der Tage (durch die Pogroms), weil ihr getan, was böse in den Augen des Herrn, und ihn erzürnet habet durch die Werke eurer Hände." (Siehe 5. Buch Moses, Kapitel 28, Vers 37 und Kapitel 31, Vers 29.) Judenmass akers müssen also sein, damit sie, die Propheten- und Gottesmörder am eigenen Leibe fühlen, daß die mosaischen Prophezeiungen wahr sind. Die Karten, welche anonym mittels der Post versendet werden, sind deutschböhmischer Herkunft und alles weist auf eine deutschnationale Mache hin. (Warnung vor der Auswanderung nach Palästina.) Das Kopenhagener Zionistische Bureau sieht sich genöttgt, die von der zionistischen Parteipresse mit so verführerischen Farben agitatorisch ausgemalte Aussicht der jüdischen Ansiedelung in Palästina auf ihre wirklichen Möglichkeiten abzudämpfen und folgenden Warnungsruf ergehen zu lassen: „Die Einwanderung kann nicht beginnen, bevor systematische Kolonisationspläne nach ökonomischen, finanziellen und anderen Gesichtspunkten ausgearbeitet worden sind, was zum großen Teil auf Basis der Lösung der politischen Palästina-Probleme geschehen muß. Bis dahin sollte kein einziger Auswanderer nach Palästina kommen. Wir halten es für notwendig, das zu betonen und alle Gruppen und Einzelpersonen vor übereilten Maßnahmen zur Auswanderung zu warnen. Niemand sollte in Hast seine Geschäfte liquidieren und sich zur Reise nach Palästina bereit machen. Eine voreilige, unorganisierte und übereilte Einwanderung birgt die größten Gefahren sowohl für die Einwanderer selbst wie auch für die ganze jüdische Zukunft in Palästina. Jeder Zionist und jeder Jude wird sich klar machen, daß jede verftühte Einwanderung nicht nur seine eigene Zukunft, sondern auch die Zukunft anderer Einwanderer gefährdet." (Palästina «nd die neue Bagdadbahn.) Wie „Der neue Orient" mitteilt/ dürfte die Bagdadbahnlinie innerhalb zweier Jahre den Persischen Golf erreichen.. In den Kreisen der Entente scheint die Absicht zu bestehen, den Ausgangspunkt der Bahn von Haidar Pascha am Bosporus nach Alexandrette am Mittelmeer, dem Haupthafen des # neuen „Arabischen Staates", zu verlegen. Das an dieser Linie liegende Aleppo, 130 Kilometer von Damaskus entfernt, wird den Mittelpunkt für alle Reisenden und Waren bilden, die nach dem Euphrattal gehen und ebenso für die Reisen nach dem Persischen Golf. Bei Beginn des Waffenstillstandes war die Linie bis auf eine Enffernung von 100 Meilen westlich von Mossul fertiggestellt, 200 Meilen Schienen sind noch zwischen Mossul und Bagdad zu legen, südlich von Bagdad soll dann die Bahn abwechselnd am Flußlauf des Tigris und dem des Euphrat folgen. Für die wirtschaftliche Zukunft Palästinas ist der Anschluß Aleppos an die Bagdadbahn von ausschlaggebender Bedeutung. (Die Mischehe.) Die „Zeitschrift für Statistik und Demographie der Indens Berlin, bringt folgende hochbedeutsame Taten über die Entwicklung der Mischehen, welche zwischen