Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 22 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22 Jüdische Korrespondenz. Seite 5 terr Frommer erstattet einen ausführlichen Bericht über die arung des Vereines. Der Rechenschaftsbericht wird als verlesen erklärt und nach einem Referat des Herrn Bernhard Hofbauer, der im Namen der Revisoren, die vollkommene Uebereinstimmung des Abschlusses mit den Büchern und die besonders sorgfältige Verwaltung des Vereines konstatiert, genehmigt. Ueber die durch die Verhältnisse gebotenen Adaptierungen und Veränderungen sowie über die Erweiterung der Vereinstätigkeit entspinnt sich eine lebhafte Debatte, an der die Herren: G. Bram, Lederer, Winkler, W. Pappenheim, Jos. Stern, N. Herzka, A. Rosenfeld und I. Steinfeld sich beteiligen. Die vorgeschlagenen Statutenänderungen werden einstimmig genehmigt. Die Zahl der Vorstandsmitglieder wird um 3 auf 14 erhöht und erscheinen die Herren: August Austerlitz, Philipp Back, Ignaz Back, Adolf Bernseld, Markus Bondi, Albert Breuer, Isidor Frommer, Wilhelm Kritzler, Sälomon Schreiber wieder-, die Herren r-Woritz Pappenheim, Emil Stroh, Alexander Danzinger, Moses Schreiber neugewählt. Zu Revisoren wurden die Herren: Bernhard Hofbaüer, Jakob Fuchs wieder-, Herr Josef Brodi neugewählt. Oie traurige Lage der Iuden i« Saloniki unter griechischer Lewschaft. Das in Genf erscheinende „L’Echo de Geneve“ Nummer 94 vom 20. März bringt einen Brief des Herrn M. S. Mallah, Deputierter für Saloniki in der^riechischen Kammer, in welchem Herr Mallah u. a. schreibt: Die Nachrichten über die unfreundliche Behandlung, welcher die jüdische Bevölkerung Mazedoniens unterworfenist, hat nicht nur in den jüdischen Kreisen der Schweiz, sondern auch in Amerika, England und Italien einen häßlichen Eindruck hervorgerufen. Das Vertrauen in den Liberalismus der griechischen Regierung ist dadurch bei denen, die stets mit den hellenischen Bestrebungen sympathisierten, stark erschüttert worden. Ich halte es für meine Pflicht, bei der hier darüber herrschenden Polemik so unparteiisch wie möglich die Dinge darzustellen. Es ist unnütz und gefährlich, das Uebel zu leugnen oder ignorieren zu wollen, wie es einige tun wollen. Unglücklicherweise^ existieren m Griechenland Nationen, welche, kurzsichtig genug, es gerne sehen und kein Bedenken haben würden, die Abreise der wichtigen jüdischen Bevölkerung Salonikis zu provozieren. Ein Teil dieser tut es aus unvernünftigem fanatischem Haß, ein anderer hält es wohl für inhuman, glaubt aber, daß das nationale Interesse es verlange. Sie sagen, die Juden Salonikis sind, seitdem es griechisch ist, durchaus nicht hellenisch, oder, die Hauptstadt Mazedoniens muß griechisch sein. Wir können nicht dulden, daß sich ein nicht assimiliertes Element in der Majorität befinde und unseren Nachbarn einen Vorwand zur Jntrigue gebe. Drese These hat Anhänger bis in die gebildeten Kreise des Landes gefunden. Nun möchte ich diejenigen, die uns tadeln, weil wir zu lange Zeit zur Hellenisierung brauchen, fragen: Seid ihr nicht schuld daran? Habt ihr gar keinen psychologischen Sinn? Was habt ihr, nachdem ihr eine zum größten Teil von einer Bevölkerung bewohnte Stadt erobert habt, die ihr nicht kennt, getan, um ihr Vertrauen einzuflößen? Die Besetzung der Stadt hat gleich zu Mißbräuchen geführt, unter denen wir zu leiden hatten und die noch in aller Erinnerung sind. Seit dem 15. Jahrhundert dort ansässig, haben wir unter der türkischen Herrschaft gelitten, wie die Türken selost, aber Nicht als Juden. Und gleich beim ersten Osterfest unter griechischer Herrschaft mußten wir unter der schändlichen Anklage des Ritualmordes stehen, die neue Ausbrüche des Fanatismus verursachte. Die Anklage stürzte nicht von selbst unter ihrer Lächerlichkeit zusammen, sondern es war nötig, daß eine offizielle Untersuchung erst ihre Falschheit feststellen mußte. Man kann sich deshalb die Unruhe vorstellen, die sich der ganzen Bevölkerung bemächtigte. Einige Monate später wurde König Georg ermordet. Wieder wurden die Juden des Mordes angeklagt. Der Mörder, namens Skynas, war von reinem griechischen Blute. Trotzdem suchte man bei ihm einen jüdischen Stammbaum auszuklügeln. Bei den zweiten Wahlen wurde der Kampf unter der Parole geführt: „Christen verbindet Euch gegen die Ungläubigen!" Ein anderer Punkt. Die meisten Bootführer im Hafen Salonikis waren früher Juden. Jetzt kamen Griechen dazu. Gut. Aber diese Konkurrenten machen sich dadurch bekannt, daß sie rufen: „Ich bin ein Christ, nehmt mich, nehmt kernen Juden." (Da sind also nicht alle Juden im Handel beschäftigt, sondern zumeist in schwerer Arbeit und im Handwerk. Der Judenhaß gönnt ihnen auch das nicht! Red.) Dann kam der große Brand und unter dem Einfluß der Nationalisten wollte man in der Zerstörung der Stadt die erträumte Gelegenheit finden, die Juden zugunsten osr Neuangekommenen zu exproriieren. Mit welchem Rechte verlangt man Vertrauen von Leuten, ie man zuerst des vorher nie gekannten Ritualmordes bezichtigte, denen man~unstatthafte Konkurrenz machte, die man unzähligen Vtißbräuchen der Polizei und der Verwaltung aussetzte und die man verjagen will, nachdem ihr Besitztum zerstört wurde. Ich sage daS nicht, um zu verbittern, sondern um zu heilen. Ueberall, wo das jüdische Element tatsächliche Freiheit genoß, wie in England, Frankreich, Amerika, Italien usw., trug es zum Fortschritt bei. London hatte einen jüdischen Lordmayor, Nathan war der erste Bürger Roms, Strauß und Morgentau waren amerikanische Botschafter. Nur das Vertrauen ihrer christlichen Mitbürger hat sie so hoch gestellt. Ein Nichtjude sagte: Jedes Land hat die Juden, die es verdient. Warum sollte Griechenland nicht wünschen, daß wir so leben wie die Juden in England... Wir verlangen nur daS Recht zu leben und das Land, das es nicht gewährt, wird früher oder später die Folgen seiner Unhumanität zu tragen haben... Da ich in Athen grohe, durchaus liberale und humane Bürger kennen gelernt habe, versuche ich es für meinen Teil, die Hindernisse zu beseitigen, welche verbrecherisch zwischen Griechen und Juden aufgerichtet werben. Mit einigen durch ein Band des Vertrauens verknüpften christlichen Freunden haben wir uns entschlossen, uns dieser Aufgabe zu weihen und beschlossen, u. a. zu diesem Zweck zwei Zeitungen zu gründen, eine griechische und eine jüdisch-spaniolische. Die Verhältnisse haben es verhindert. Als Jude und als griechischer Bürger wünsche ich, daß dieses Werk der Verständigung unverzüglich zur Ausführung gelange." I. N. Mallah, vöputö au Parlament Helöne. Es muß noch hinzugefügt werden, daß Herr Mallah für sein offenes Eintreten für seine jüdischen Brüder nun im Exil leben muß. (!!!) Die palästrnabank der Orthodoxen. Bekanntlich hat die in Zürich stattgefundene Weltkonferenz der jüdisch-orthodoxen Verbände die Gründung einer Siedlungs- und Handelsbank für Palästina beschlossen. Als Hauptsitz waren London oder New Aork gedacht. Der Bankrat, dem unter anderen die Herren Saly Guggenheim (Basel), Julius Holländer (Kopenhagen), Leo Wreschner (Frankfurt a. M.), A. Hornstein (Kiew), Nachum Rosenfeld und I. Nosenbaum (Warschau) angehören und der noch einige Herren aus Zürich kooptierte, hat mit Rücksicht auf die jetzigen Verhältnisse und zwecks schneller Organisierung dieser Bank beschlossen, die Zentrale nach der Schweiz zu verlegen. Gleichzeitig sollen in den verschiedenen Ländern Bankinstitute gegründet werden, die als Filialen dieser Palästinabank in der Schweiz, respektive als selbständige Unternehmungen gedacht sind und in enger Verbindung mit der schweizerischen Zentrale stehen sollen. Infolge des vorläufigen Sitzes der Zentrale in der Schweiz, sind die Statuten umgeändert und der schweizerischen Gesetzgebung angepaßt worden. Die Bank wird den Namen „Jüdische Siedlungs- und Handelsbank für Palästina" führen. Unter diesem Namen wird eine Aktiengesellschaft mit Zentrale in Zürich gebildet. Zweck der Bank ist: Unterstützung aller Unternehmungen in Palästina, die sich bestreben, Palästina im Geiste der Thora zu entwickeln. Das Aktienkapital besteht aus 100.000 Inhaberaktien zu je 100 Francs. Alle Bekanntmachungen der Bankverwaltung müssen im offiziellen schweizerischen Handelsamtsblatt veröffentlicht werden. Alljährlich muß eine Generalversammlung stattfinden. Jede Aktie hat eine Stimme, kein Aktionär darf jedoch mehr als ein Fünftel aller Stimmen haben. Die Bankverwaltung besteht aus einem Verwaltungsrat von 15 bis 26 Mitgliedern, die für drei Jahre gewählt werden. Jedes Verwaltungsmitglied muß mindestens zehn Aktien zeichnen. Rundschau. (Fast- und Bettag.) Angesichts der unaufhörlichen Judenmetzeleien haben 400 Rabbiner des Ostens den 20. Siwan (18. Juni) als allgemeinen Fast- und Bettag (Taanit- Zibur) bestimmt. Die Anordnung ist sowohl im Osten, als auch in Wien, in der Schweiz und in anderen Westländern befolgt worden. (Die Pogromhetze in Wien.) Bei der Sonntag- Versammlung vor dem Rathause tauchten Pogromredner auf, die zweifellos von deutschnationaler und christlichsozialer Seite entsendet wurden. Sie versuchten an mehreren Stellen der Versammlung, durch antisemitische Hetzreden aufzustacheln, wurden aber von der Menge zunächst höhnisch, dann aber handgreiflich abgetan. Die Auslassungen in einem deutschnationalen Winkelblatte deuten darauf hin, daß es sich um eine organisierte Hetze handelt. (Pogrom in Cholm.) Dem „Jüd. Volk" wird aus Cholm gemeldet: Vorigen Dienstag brach in Cholm ein fürchterlicher Pogrom aus, der ursprünglich gegen die jüdischen Fleischhauer gerichtet war, später jedoch sich auf die gesamte jüdische Bevölkerung ausdehnte. Das Militär und die Miliz verhielten sich passiv. Einige Juden wurden getötet und viele verwundet. Es wurden auch viele Geschäfte ausgeplündert. Am ersten Schowuothfeiertag waren sämtliche Bethäuser geschlossen. Die