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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-20 · 22 (20.6.1919) · page 7

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
22 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 Juden und Nichtjuden im Deutschen Reiche wahrend der ersten 13 Jahre'des 20. Jahrhunderts abgeschlossen wurden: Während noch 1901 auf 100 Eheschließungen zwischen Juden nur 1697 Mischehen entfielen, stieg ihr Hundertsatz von Jahr zu Jahr, bis er 1913 nicht weniger als 3O98 erreichte, das heißt, daß 1913 in Deutschland von 100 heiratenden Juden oder Jüdinnen mehr als 15 eine Mischehe abschlossen. Daß diese Entwicklungnicht bloß lokal ist und auch noch weit ärger ausarten kann, zeigen die Tabellen in Dr. Teilhabers noch immer zu wenig gewürdigtem Werk „Der Untergang der Deutschen Juden". Danach entfielen zum Beispiel in Dänemark von 1901 bis 1905 auf 1O0 reinjüdische Ehen bereits 96'O5 Mischehen. Lhervra LadLscha, Wien. Sonntag, den 22. Juni 1919, um halb 11 Uhr vormittags, findet im Sitzungssaale der Kultusgemeinde, I., Seitenstettengasse 4, 2. Stock, die ordentliche Generalversammlung der Chewra Kadischa statt. * Die gefertigten Mitglieder der Chewra Kadischa erlauben sich, für die am 22. Juni stattfindende Generalversammlung die Wahl folgender Herren in den Vorstand wärmstens zu empfehlen, und zwar: Zur Wiederwahl die bisherigen Vorstandsmitglieder : Leopold Otto, II., Czerningasse 9, Samuel Steiner, VIT., Bnrggasse 72. Zur Neuwahl: Samuel Glückselig, II., Haidgasse' 15, Dawid Horowitz, I., Gonzagagasse 1, Adolf Stern, I., Marc Aurelstraße 3. Wien, 18. Juni 1919. Markus Bondi, Dr. Jakob Engel, Dir. Karl Ehrenzweig, Moritz Felsenburg, Ignaz Glück, Bernhard Hofbauer, Adolf Hoffmann, Alexander Landau, Heinrich Neurath, Isidor Wachtel. Sarniliennachrrcht. Trauung. Donnerstag, den 12. Juni, fand in Wien die Trauung des Fräuleins Malvine Schreiber, Tochter des Herrn Salomon Schreiber, Enkel des Chassam-Sofer sichraunau liwrocho, mit Herrn AmramGestättner aus Raab, Zöglmg der Preßburger Jeschiwo, statt. Diese Verbindung zweier hochangesehener jüdischer Familien wird in den weitesten Kreisen sympathisch begrüßt. Der Baalschem von Lhelm und sein Golem. Neue Golem-Sagen. ' Ausgewählt und bearbeitet von Chaim Bloch, Delatyn. (Fortsetzung.) Wieder erschienen die Gemeindevorsteher bei Rabbi Elie und erzählten ihm, das man Reb Jamtow wegen des Mordes an dem Kinde beschuldige und ihn darum verhaftet hatte. Er dachte eine Weile nach. Schließlich net er ihnen, zum Polrzeichef zu gehen und chm zu sagen : „Unser Rabbi sei in der Lage Aufschluß zu geben, wer das Kmd geboren, wer es ermordet und wer es in den Fluß geworfen hat." Die Vorsteher begaben sich zum Polizeichef und sprachen, wie ihnen der Rabbi anbefvhlen hatte, Rabbi Este stand auch bei den Christen w hoher Achtung und sein Wort war auch bei ihnen erhaben und heuig. In nicht seltenen Zeiten kamen auch polnische Edelleute, um bei chm Rat zu holen und in ihrer Bedrängnis seinen Segen zu erbuten. Als der Polizeichef davon erfuhr, daß Rabbi Elie in dieser dunklen Angelegenheit Klarheit zu bringen erklärte, wußte ex gleich, daß hier etn Wunder geschehen wird. Selbstredend wußte er nicht, daß hinter dem Rabbi „Srulik der Narr" stehe. Er ließ den Rabbi zur Behörde kommen und ftagte ihn. was er in dieser Sache zu sägen habe. Rabbi Elie erklärte dem Polizeichef, daß er nur dann in die feit« fame aijiarc Licht bringen könne, wenn dieser ihn zu unterstützen gewillt sein wird. Der Polizeichef erwiderte: „Der Rabbi kann meiner weitgehenden Unterstützung wie auch meiner Objektivität versichert seim Darauf der Rabbi: „Unsere erste Aufgabe ist es, festzustellen, wer die Mutter des aufgefundenen Kindes ist. Ich habe ein Beweisstück, daß Maria, die Tochter des Selchers Kraczynski, vor einigen Wochen ein Kind geboren hat. Versuchen wir, sie zu befragen, ob das richtig ist. uiid sie wird hartnäckig-leugnen." Der Polizeichef ließ gleich Maria aus das Amtszimnier vorladen. Als sie erschienen war, bat Rabbi Elie, sie über die ih,n wichtig erscheinenden Dmae zu befragen, was der Polizeichef bewilligte. Maria erschrak, als sie den alten gebeugtsitzenden Rabbi mit dem ehrwürdigen Bart erblickte. Der Rabbi Elie richtete an sie sanftmütig die Worte: „Rede die Wahrheit vor Gott und vor Gericht, hast du vor einigen Wochen ein Kind geboren?" Maria wurde tief beschämt, sie schlug die Augen nieder und war im Innern auch sehr erschrocken. Da sie reine Antwort gab, setzte der Rabbi fort: „Versuche nicht durch Schweigen oder durch Abrede die Wahrheit zu unterdrücken, denn ich habe einen schriftlichen Beweis in Händen." Bei diesen Worten überreichte er dem Polizeichef eine Schrift, und als er diese zu Ende las, sprach er zu Marra: „Sage sogleich^ hast du vor einigen Wochen einem Kinde das Leben geschenkt oder nicht?" Maria schwieg. Als aber der Polizeichef die Drohung fallen ließ, er werde sie, wenn er keine Antwort bekomme, in den Kerker bringen lassen, erwiderte sie leise mit weinender Stimme: „Jal" Und der Rabbi frug weiter: „Ist es wahr, was die Hebamme Johanna da schriftlich bestätigte, daß das Kind tot geboren wurde?" Maria wurde verwirrt. Die Hebamme Johanna? Wie kommt sie dazu, solche Bestätigungen zu geben? Aber bei jeder Frage war eine Androhung seitens des Polizeichefs notwendig, da sie im Schweigen beharrte. „Es ist wahr, was die Hebamme bestätigt hat," sagte sie zitternd. „Da möchte ich dich noch fragen," sprach Rabbi Elie, „wer war der Vater dieses totgeborenen Kindes?" Maria brach darauf in tiefes Schluchzen aus und wie eine Tobsüchtige schrie sie: „Ich werde meinen Geliebten unter keiner BedinMng verraten." Rabbi Elie beruhigte sie, indem er sprach: „Also, deinen Geliebten mußt du nicht nennen. Aber ich habe noch eine Frage an dich, die mir am allerwichtigsten ist: Wo wurde das Kind geborgen?" Der Polizeichef merkte, daß Maria von einem Zittern im ganzen Körper erfaßt wurde und sie vermochte nur stotternd und unverständlich eine Antwort zu geben. Da sprach Rabbi Elie: „Der eingesperrte Jude ist vollkommen unschuldig. Morgen werde ich beweisen, wer das Kind ermordet und in den Fluß geworfen hat. Absichtlich wurde der Hals des Kindes durchschnitten und das Gebetbuch der Leiche beigelegt, um den Verdacht von sich abzuwälzen und auf die Juden aufzuwälzen. Indessen bitte ich sie Herr Polizeichef, noch in dieser Nacht Franzischek Bogucki dingfest zu machen." Der Polizeichef gab sofort Befehl, daß Bogucki vorgeführt werden soll. Man traf ihn bei Marias Eltern, wo er auf ihre Rückkunft wartete. Daß gegen ihn nun der Verdacht vorliegt, ließ er sich nicht träumen. Da Rabbi Elie schon nach Hause gehen wollte, bat er den Polizeichef das Verhör zu unterbrechen. Morgen wird solches wieder fortgesetzt. Franzischek und Maria wurden aber die Nacht über vom Polneiorgane bewacht. Es dürfte etwa gegen 1v Uhr vormittags gewesen sein. Erst hatte Rabbi Elie das Morgengebet beendet und schon begab er sich auf das Polizeiamt, uin das Verhör fortzusetzen. Seine Gattin drang in ihn, einen Imbiß zu nehmen, doch er lehnte ab, indem er sagte: „Es ist keine Zeit, ein Unschuldiger schmachtet im Kerker." Rabbi Elie trat ein, dahinter schritt in Unsichtbarkeit gehüllt, der Golem. Als man Franzischek in das Amtszinlmer brachte, erklärte er, es sei unwahr, daß Maria ein Kind geboren hat. Ihr Geständnis geschah infolge des Erschreckens vor dem alten Juden, und er wiffe jedenfalls nichts von der ganzen Sache. Da er nachts mit Maria sprechen konnte, belehrte er sie, was sie auf jede Frage zu erwidern habe. Maria erklärte daher gleichfalls, sie habe gestern nur infolge des Schreckens vor Rabbi Elie das Wort „ja" gesprochen und die Wahrheit der Bestätigung seitens der Hebamme zugegeben. Tatsächlich, behauptete sie, haben die Juden von der Hebamme diese Bestätigung gewaltsam oder durch Bestechung herausberommen. Darauf fragte der Rabbi den Polizeichef: „Ist die Leiche des Kindes schon begraben worden?" Der Polizeichef erwiderte: „Bis zur Stunde nicht und sie befindet sich hier im Zimmer." Da sprach der Rabbi: „Wir müssen nun Wunder anwenden, die Seele des Kindes vom Himmel herabzwingen, daß sie hier öffentlich Zeugenschaft ableat, wer sie auf diese Welt in einen Menschenleio brachte. Das muß aber unter freiem Himmel geschehen, damit alle Leute hören, auf welche Weise man gegen Juden die Beschuldigung wegen des Mordes von christlichen Kindern zustande bringt. Uno er richtete an den Polizeichef die Bitte, er möge das in der ganzen Stadt kundmachen lassen, damit genug Leute das Wunder sehen. Als das geschehen war, verlangte er vom Polizeichef die drei Personen, gegen die der Verdacht vorliegt, nämlich Reb Jomtow, Franzischek und Maria auf den bestimmten Platz zu bringen, ferner die Kindesleiche mitbringen zu laffen. Auf dem bestimmten Platz kommend, sprach Rabbi Elie zum Polizeichef: „Wir müssen der Seele einen leeren Platzraum von vier Ellen laffen, ihr müget daher anordnen, daß das Volk von der Stelle, wo das Kind liege» wird, vier Ellen Abstand nehmen soll." Dieser leere Platz war für den Golem bestimmt: Das Volk stand umher und Rabbi Elie sprach: „Nun erzähle alles, wie es gekommen ist, daß die Fischer deinen Leib aus dem Fluffe herauszoaen." Da hörte bie ganze Menge eine Stimme in polnischer Sprache reden und sie erzählte alles, wie es schon früher erzählt mürdW Franzischek und Marie schauten sich dabei einander an und die Faxbo ihrer Angesichte wechselte sich von Augenblick zu Augenblick.

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