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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-20 · 22 (20.6.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
22 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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„ "-- .~r-vx->.< r rJ- -- ..•■■■ . - Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 23 ' Die politischen Verhältnisse brachten es mit sich, daß auch die Juden in diesen beiden Provinzen sich zu einem gesonderten Vorgehen veranlaßt gesehen haben. Unter der früheren österreichischen Herrschaft sind die Juden in Böhmen und Mähren vornehmlich mit den Deutschen zusammengegangen. Die Deutschen ihrerseits machten ihnen tvohl diese Haltung nicht besonders leicht, besonders in den letzten Jahren, da der Antisemitismus immer stärkere Verbreitung fand. Nichtsdestoweniger blieben die Juden ihrer Orientierung treu, teils aus Tradition, teils deswegen, |toeiI die Deutschen den österreichischen Staatsgedanken repräsentierten, was für die immer loyalen Juden maßgebend war. Nach der politischen Umwälzung konnten die Juden ihre Orientierung nicht mehr aufrecht erhalten, ohne sich den ohnehin ziemlich scharfen Haß und die Verfolgung -der zur Herrschaft gelangten Tschechen zuzuziehen. Da sie sich aber nicht lächerlich machen und plötzlich als Tschechen girieren konnten, so blieb ihnen nichts anderes übrig, als dem Drängen der jüdischen Nationalisten nachzugeben und sich als jüdisch-national auszugeben, obwohl tatsächlich bloß ein kleiner Bruchteil der böhmischen und mährischen Juden wirklich jüdisch-national gesinnt ist. Dieser Stand der Dinge wurde seitens der Nationalisten auch gehörig ausgenützt. Gelegentlich der Wahlbewegung setzte eine sehr intensive^Propagandaarbeit ein; fast in allen Städten wurden jüdisch-nationale Kandidatenlisten angemeldet und für dieselben agitiert. Da die Wahlpflicht gesetzlich statuiert ist, mußten die jüdischen Wähler zur Urne erscheinen und den nationalen Listen ihre Stimmen geben, da sie weder für die Deutschen noch für die Tschechen stimmen konnten. So brachte dann der Wahltag den Nationalisten einen Erfolg. In Prag konnte sie drei Kandidaten durchbringen, darunter den bekannten „Sinai-Führer" Dr. med. Salomon Lieben, in Karolinental ebenfalls drei, in Weinberge zwei. Auch in der Provinz sind ihnen mehrere Mandate zugefallen. Charakteristisch ist, daß es in Prag auch den Poale-Zionisten gelungen ist, einen Kandidaten. Prof. Dr. Pollak, durchzubringen. Mit Herrn Dr. Lieben erhält auch die glaubenstreue Judenschaft einen Vertreter im Prager Gemeinderat, was besonders zu begrüßen ist. Daß die Nationalisten ihren Wahlerfolg weidlich ausnützen und sich rühmen, das Gros der böhmischen und mährischen Judenschaft stehe in ihrem Lager, ist selbstverständlich. In Wirklichkeit haben aber die eigenartigen politischen Verhältnisse das Wahlresultat viel stärker beeinflußt als die innere Ueberzeugung. -Der jüdischen Gemeinderäte harren schwere Aufgaben. Der Antisemitismus macht sich in Böhmen und Mähren immer mehr breit, und zwar sowohl im deutschen als nuch besonders im tschechischen Lager. Angesichts der politischen Verhältnisse können oder wollen die herrschenden Kreise nicht genug Kraft und Energie zur Eindämmung der Hetze aufbringen. Ger-Tauschow. Die Pogrome in Polen. (Der Pogrom in Krakau.') Aus Krakau wird berichtet: Der Schneider Lazar Szymon Gottlieb, der während des Pogroms am Freitag einen Bauchschuß erhalten hat, ist im Spital gestorben. Er hinterläßt eine Frau und drei Kinder. Freitag vormittags fand das Begräbnis dieses Opfers des Pogroms unter großer Beteiligung der jüdischen Bevölkerung statt. In Vertretung der jüdischnationalen Organisation erschienen Dr. Thon, Dr. Wahrhaftig und Dr. Schwarzbart, in Vertretung der Kultusgemeinde Dr. Landau. Am offenen Grabe sprach Dr. Thon, der in ergreifenden Worten das Schicksal des Ermordeten beklagte und die jüdische Bevölkerung aufforderte, Mut und Ausdauer zu bewahren. Er versicherte, daß für die Familie des Getöteten Sorge getragen wird. Gleichzeitig wurde Eiwisz Knobler aus Zlomniki zu Grabe getragen, der auf dem Wege nach Mnichow von einem polnischen Gendarmen beraubt und schwer verletzt wurde und seinen Verletzungen erlegen ist. (Pogrom in Praga.) In der Warschauer Vorstadt Praga, die von zahlreichen Juden bewohnt ist, kam eS in der letzten Zeit wiederholt zu blutigen Ueberfällen auf Juden, Räubereien und Plünderungen jüdischer Geschäfte.' Am ersten Tage des Schowuothfestes haben diese Exzesse einen gefährlichen Charakter angenommen. Viele Soldaten und Zivilisten versammelten sich in den Straßen der Vorstadt und veranstalteten eine Jagd nach Juden. Die Soldaten warfen sich mit vorgehaltenen Revolver auf die Unglücklichen und verletzten viele. Dann drang die Menge, in jüdische Wohnungen ein und raubte viele Gegenstände, besonders aber bares Geld. Die Hallerschen Soldaten begnügten sich nicht mehr mit dem Bartaoschneiden, es wurden auch viele bartlose Juden angefallen, ihnen die traditionellen jüdischen Hüte heruntergerissen und mit dem Bajonett durchbohrt, wobei den Juden zugerufen wurde: „Solche Hüte werdet ihr in Palästina tragen!" Bei diesen Exzessen sind gegen 30 Juden schwer verwundet worden. Die Abgeordneten Grünbaum und Dr. Schipper begaben sich behufs Untersuchung der Vorfälle nach Praga. Einige französische Offiziere besuchten das Lokal des Pragaer Zionistischen Vereines, wo sie Informationen über die Exzesse einholten. ,Die jüdischen Ratsmänner sämtlicher Parteien brachten in ’ der Sitzung des Stadtrates eine Interpellation in Angelegenheit der Exzesse ein, der die Dringlichkeit zuerkannt wurde. Als jedoch Ratsmann Dawidsohn die Ereignisse in Praga zu schildern begann, verließ die ganze Rechte den Sitzungssaal und machte es auf diese Weise unmöglich, die Beratungen fortzuführen. „Thora Tz ThajLm", Beth Damidräsch der Adas Irftoel. Am 8. Juni fand die Generalversammlung des Vereines im Lokale desselben statt. Obmann Herr Philipp Back, dev Gesamtvorstand und'über 100 Mitglieder nahmen an derselben teil. Der Obmann eröffnet die Versammlung, begrüßt die Erschienenen, speziell den Vertreter der Kultusgemeinde, Herrn Oberoffizial Alfred Meißner, und wirft einen Rückblick auf die verflossenen schweren Jahre. Einen Lichtpunkt in dieser verhängnisvollen Zeit bildet die Tätigkeit unseres Vereines, dessen Heim Hunderten von Brüdern Asyl gab zur Pflege unseres teuersten Gutes des Thorastudiums. Unsere Lehrsäle waren vom frühen Morgen bis zum späten Abend erfüllt von lern- und lehrbegierigen Talmudkundigen, denen auch aus dem Kreise unserer Mitglieder reichliche, materielle Unterstützung zuteil wurde. Die regelmäßigen -Vorträge der Herren Rabbiner Fürst, Rabbinats-Assessor Baumgarten, Fleischmann, die Schiurim für Kaufleute waren sehr besucht. Auch die Finanzen des Vereines bewegten sich in aufsteigender Linie. Die von uns subventionierten Lehranstalten Jeffod-Hathora und Religionsschule sind in einen separaten Verein umgestaltet worden und sind deren Resultate geradezu glänzend. Die erhöhten Einnahmen setzten uns in den Stand, die Bezüge unserer Funktionäre zu erhöhen, leider nicht in dem Ausmaße, wie es die Not der Zeit erfordert hätte. Die Einnahmen erhöhten sich von K 25.000 im Jahre 1914 auf K 42.000 im Jahre 1918. Das Vereinsvermögen stieg in derselben Periode von K 88.000 auf K 120.000. Wir beklagen den Verlust einer Anzahl geschätzter Vereinsmitglieder, von denen besonders der Hintritt unseres langjährigen Vorstandskollegen, Herrn B. Schiff, eine große Lücke in unserem Verbände zurückläßt. Selber war durch Jahrzehnte eine Zierde der Wiener Judenschaft. Das Muster eines ehrenhaften Kaufmannes, eines eifrigen Forschers in unserem heiligen Schrifttum, ein großzügiger Wohltäter und ein werktätiger Förderer aller jüdisch-religiösen Angelegenheiten. (Die Versammlung erhebt sich zum Zeichen der Trauer von den Sitzen.) , J i. i l 1

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