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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-20 · 22 (20.6.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
22 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 - Jüdische Korrespondenz. Seite 3 als ein Instrument des Boykotts. Wie in Rußland die Regierung, so sollte in Polen das Volk, die Nation den Boykott besorgen. Me Nationaldemokratie hatte ihn nach langer Vorbereitung im Jahre 1912 ins Werk gesetzt, lange verlief er unblutig, bis er schließlich in Pogrome ausartete, mit Metzeleien, Brandstiftungen und allem Zubehör, wie wir es seit November vorigen Jahres erleben. Dabei ist der Boykott viel gefährlicher als der Pogrom. Letzterer kann Hörstens einige Zeit andauern, die menschliche Bestie sättigt, sich und wird des bluttgen Geschäftes müde. Der Boykott kann Jahre anhalten, erregt kein Aufsehen, ruft keine Empörung hervor, weckt keinen Abscheu, würgt seine Opfer im Stillen und die Opfer sind viel zahlreicher als die eines Pogroms. Niedermetzeln kann man höchstens einige Hundert, wirtschaftlich ruinieren, an den Bettelstab bringe::, kann man Zehn- und Hunderttausende, ohne daß ein Tropfen Blut dabei fließt. Der Boykott ist der schleichende Pogrom. Will man die Juden vor Pogromen schützen, so muß man den Boykott unmöglich machen." Gegen den Boykott bieten aber die Bestimmungen über den Schutz der Minoritäten keine Abhilfe und keine Abwehr. „Man muß sich nur in der Geschichte des Nationalitätenkampfes im ehemaligen Oesterreich umsehen, um das zu begreifen", heißt es weiter in dem zitterten Arttkel. „Die Tschechen haben die Deutschen, die Ruthenen die Polen, die Slowenen haben die Italiener aus zahlreichen Ortschaften .hinausgegrault, nicht durch Pogrome, sondern durch den systematischen Boykott. Hinaus mit den Fremdnationalen!' war das Losungswort. Metzeleien sind nur selten vorgekommen, aber man kaufte nicht beim fremdnationalen Händler, Krämer, Handwerker und Gewerbetreibenden, untergrub seine wirtschaftliche Existenz, so daß er wegzog, in Massen auswanderte. In Oesterreich war der Boykott unter schwerer Strafe verboten, aber er wurde trotz- . dem unerbittlich durchgeführt, indem zum Beispiel die Tschechen nicht die Parole ausgaben .Kauft nicht bei Deutschen?, sondern .Unterstützt die nationale Industrie, das nattonale Handwerk und Gewerbes,Wer sein Volk liebt, macht seine Einkäufe bei den Agitatoren", den Juden mit einem neuen „Vormarsch der Masten gegen die Leopoldstadt". „Das werktätige Volk Wiens wird sich die Hetze der Nichtstuer und Schürer, der Fremden aus dem Osten, nicht gefallen lasten. Schon einmal haben die Masten, die die Kommunisten ausgeboten haben, den Weg in die Leopoldstadt gefunden... Und dann war's stille eine Weile..." Wer Gelegenheit hatte, die jüdischen Stimmungen am Tage des blutigen Zusammenstoßes, wie nicht minder einige Tage vorher, da der Putsch gewistermaßen orbi st urbl angekündigt wurde, kennen zu lernen, der weiß, wie wenig Begeisterung die Juden für derartige Demonstrationen übrig haben können. Als sogenannte „Bourgeois" haben sie kein wie immer geartetes Interesse an einen kommunistischen Putsch und als Juden noch weniger. Wenn es unter den Führern der Kommunisten einige Juden gibt, so sind sie weder vollwertige Juden, noch treten sie als solche auf. Dies hindert aber unsere Feinoe nicht im geringsten, aus jedem Vorfall eine Waffe gegen die Juden zu schmieden. Wir aber sind außerstande, die Friedländer und die Wertheimer von ihrem Tun und Lasten abzuhalten. Sie würden einen Appell, im Interesse des Judentums von ihrem Wahnwitze abzulassen, nicht das geringste Verständnis entgegenbringen. Darin kiegt die furchtbare Tragik unseres Lebens als Einzelne und als Gesamtheit. * In Berlin hat vorige Woche ein Palästina-Delegiertentag der deutschen Zionisten stattgefunden. Den breitesten Raum unter den Beratungen nahm die Frage ein, ob die Einwanderung nach Palästina in großem Maßstabe oder langsam und unter strenger Auswahl vor sich gehen soll. Gleichzeitig kommen aus den Ländern des Ostens Meldungen, wonach sich dort eine starke Emigrattonsbewegung vorbereitet. D:e Massenflucht wird sofort einsetzen, kaum werden die Grenzen offen und d:e Reisemöglichkeiten gegeben sein- Wohin sollen aber all, diese Fliehenden sich begeben? Amerika ist auf dem besten Wege, ein Einwanderungsverbot zu erlaffen. Dem englischen Parlamente ist ein solches bereits unterbreitet worden. Deutschland und die ehemaligen österreichisch-ungarischen Länder können keine Zuwanderer mehr aufnehmen. Die Immigration nach Palästina wird also trotz aller Beschlüsse der diversen Palästinakonferenzen und trotz aller Warnungen der diversen Palästinaämter stark einsetzen, — falls nicht England zu „Hilfe" kommen und auch da mit einem Einwanderungsverbot vorgehen werde. In den ernsten jüdischen Kreisen müßte man' damit rechnen und rechtzeitig die Vorbereitungen treffen. Papierne Beschlüffe werden da wenig helfen. Star. nachfolgend genannten Finnen, hinterlegt seine Gelder bei den nachfolgend genannten Banker? usw. Gegen diese positive Form des Boykotts vermochte kein Gesetz etwas auszurichten. Kein Staatsanwalt und kein Richter konnte jemanden verbieten, die nattonale Industrie, den nationalen Handel und das nationale Gewerbe zu unterstützen und zu fördern. Das Publikum aber wußte ganz genau, was es sich darunter zu denken hatte." - Die Folgen des antijüdischen Boykotts in Polen in den Jahren 1912 bis 1913 sind noch jedem in trauriger Erinnerung; es ist auch bekannt, daß die Juden in Posen und Westpreußeu infolge des Boykotts der Polen im Laufe weniger Dezennien zum fast völligen Verlassen des Landes gezwungen wurden. Wir wollen hier nicht den Teufel an die Wand malen. Wir kennen den talmudischen Grundsatz: „Daja lezara beschaato!“ Aber dieses Moment darf keine Sekunde aus den Augen gelassen werden. Wenn unsere Nationalisten sich rühmen, die Aufnahme der Bestimmungen für den Schutz der Minoritäten in die Friedensvcrträge für Osteuropa erwirkt zu haben, so mögen sie nur einen Schritt weiter gehen und auch für die Bannung der Boykottgefahren etwas unternehmen. Diese Gefahren sind um so ernster, als sich die in Betracht kommenden Staaten mit Händen und Füßen gegen die erwähnten Bestimmungen sträuben. Besonders die polnische Presse tritt sehrscharf dagegen auf und auch der polnische Sejm hat eine feierliche Verwahrung dagegen beschlossen. Auch die jüdischen Assimilanten in Polen sollen dagegen auftreten und wie verlautet, soll sich eine Delegation aus ihrer Mitte nach Paris begeben haben, mit einem Memorial au die Friedenskonferenz, in welchem gegen die Stellung der Juden Polens unter auswärtigen Schutz' Stellung genommen wird. Man kann sich vorstellen, mit welchem Unwillen man in Polen, Rumänien usw. die Aufzwingung des Minoritätenschutzes aufnehmen und daß man alles anwenden werde, um die „Schuldigen" zu treffen. Unsere Nationalisten, die sich so sehr ihrer Erfolge rührnen, haben da eine Aufgabe von großer Tragweite vor sich. . Sie sollten es versuchen, auch nach dieser Richtung etwas positives zu erreichen. _ Spectator. verband für jüdische Jugendfürsorge. Sonntag vormittags fand im Lokale der Wiener Handelskammer die konstituierende Hauptversammlung des Verbandes für jüdische Jugendfürsorge in Deutschösterreich statt. Der Versammlung wohnten auch Delegierte der orthodoxen Vereine „Jessod-Hathora", „Jeschurun" und „Jugendgruppe des Vereines zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums" bei. Im Laufe der Beratungen erklärte ein orthodoxer Delegierter, Vorstandsmitglied der obgenannten Vereine, daß die Frage eines Zusammenwirkens aller jüdischer Kreise in Angelegenheit der Jugendfürsorge bereits seit längerer Zeit vielfach erwogen wird. In Deutschland sind diesbezüglich auch mehrfache Versuche unternommen worden, ohne aber zu einem positiven Resultat geführt zu haben. Nichtsdestoweniger wollen die Wiener orthodoxen Vereine die Zusammenarbeit nicht a priori ab lehnen, erklären jedoch, daß für die glaubenstreuen Juden die Thora und ihre Vorschriften den Regulator jeder öffentlichen Tätigkeit bilden. Sie können deswegen nur dann mittun, insolange die geplante Aktton diesem Gesichtspunkte nicht widersprechen werde. - Der Vorsitzende Dr. I. Samuety erklärte, daß selbstverständlich nichts unternommen werden wird, was die Religion verletzen könnte. (Veäeremo!) Die Gemeindewahlen in Böhmen und Mähren. Aus Prag wird uns geschrieben: Sonntag, den 15. Juni, haben in Böhinen und Mähren die Gemeinderatswahlen stattgefunden. Diesen Wahlen kommt eine erhöhte politische Bedeutung zu, als sie die ersten seit der politischen Umwälzung sind und das Bild der künftigen Wahlen zur Nationalversammlung widerspiegeln.

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