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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-20 · 22 (20.6.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
22 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Öeite 2 Jüdische Korrespondenz, M. 22 oder von kleinerer Bedeutung handeln, tätig sein. Wo dies nicht zutrifft, soll die Orthodoxie, die Aufrichtigkeit der Gesinnung wohl nicht in Frage gestellt werden, aber diejenigeu, die sich zu keiner Aktivität im Sinne der eigenen Anschauungen aufraffen können, sollten keinen Anspruch erheben, dort entscheidend mitzureden, wo es sich um die aktive Wahrung der religiösen Interessen handelt. — „Jsch hajorej werach halewow awaudosau pesul a!" — wer aus Passivität oder aus anderen Gründen Rücksichten nehmen und Konzessionen machen will, der kann keine ganze Arbeit leisten. Seine orthodoxe Gesinnung sollte ihm aber gebieten, diejenigen, die aktiv sind und es sein wollen, -an der Arbeit nicht zu stören. Passivität kann höchstens hinsichtlich der Verneinung zulässig, sein, — wo es sich um eine Bejahung handelt, ist Aktivität heiligste Pflicht. Achad-Harabanim. Mnortta'tenschutz und dre Rechte der Ostjuden. Die Bestimmungen für den Schutz der religiösen und nationalen Minoritäten, wie sie im Friedensvertrag für Deutschösterreich formuliert wurden und die angeblich auch den anderen Staaten in Zentral- und Osteuropa zur Pflicht gemacht werden sollen, erregen begreiflicherweise das lebhafteste Interesse der weitesten jüdischen Kreise. Unsere Nationalisten rühmen sich, daß die Formulierung und die Festsetzung dieser Bestimmungen ihrem Eingreifen nnd ihrer Arbeit zu verdanken ist. Es soll dahingestellt bleiben, ob dies wirklich zutrifft. Der Umstand, daß diese Bestimmungen ausgerechnet Deutschösterreich gegenüber in erster Reihe auferlegt werden, wo der Stand der Dinge in bezug auf die Judensrage ein derartiger ist, daß ein wesentlicher Teil dieser Bestimmungen entweder überflüssig oder nicht am Platze ist (beispielsweise die Stipulierung der gesetzlich gesicherten Gleichberechtigung oder die Sprachenfrage), dieser Umstand läßt vermuten, daß es andere als die jüdischen Faktoren waren, die da in erster Reihe mitgewirkt haben. Wie denn immer sein mag, man kann unseren Nationalisten bis auf Jüdischer Lilm. (Der „Judenfriede". — „Agitatoren mit fremdländischen Typus". — Massenflucht und Einwanderungsverbot. — Papierene Beschlüffe.) Bei Beginn des Weltkrieges zerbrachen sich die Kreise, die sonst keine anderen Sorgen hatten, den Kopf darüber, welche Bezeichnung dieser Krieg in der Geschichte führen wird: man riet auf „großer Krieg", „europäischer Krieg", „Weltkrieg" usw. Die Entwickelung, die die Katastrophe der Kulturmenschheit im Laufe der Zeit genommen hatte, der Umstand, daß immer neue Völker und Staaten in den Kriegswirbel hineingezogen wurden, veranlagte schließlich alle diese „Geschichtsmacher", das Problem vorläufig in Schwebe zu lassen. Wer weiß, wie lange dieser Krieg dauern und welchen Umfang er nehmen könnte. Vielleicht wird es ein zweiter 30 jähriger, oder gar ein 60jähriger Krieg sein. Die Entscheidung über den Namen wurde also der Geschichte über!affen. Seitdem die Friedensfrage aufs Tapet gelangte, wird darüber gestritten, welche Bezeichnung dem kommenden Frieden gegeben werden soll. Es tauchen die verschiedensten Namen und Titel auf: „Brotfriede", „Hungerfriede", „Siegfriede", „Diktatfriede", „Rechtsfriede",' „Machtfricde", „Wilsonfriede" usw. usw. Zu einem definitiven Entschluß ist man bis heute noch nicht gelangt: man muß eben das letzte Wort abwarten. Unsere Christlichsozialen haben es leichter. Sie brauchen sich ihren Kopf nicht zu zerbrechen. Wo die Begriffe fehlen, dort stellt sich zur rechten Zeit das Wort „Jude" ein. Leopold Kunschak, die neueste Leuchte der Wiener Antisemiten, hat die Entdeckung gemacht, daß der Friede eigentlich die Bezeichnung „Judenfriede" verdiene und damit wäre die Diskussion geschloffen. „Judenfriede" — welch schönes Wort. Damit lassen sich alle Naturwidrigkeiten, alle Widersprüche, alle Unmöglichkeiten erklären. Was könnte man auch von einem „Judenfrieden" besseres erwarten? Die Juden haben ihr Schäfchen ins Trockene gebracht. Sie sind die Kriegsgewinner' Und zwar sowohl als Volk, als auch als Einzelne. Alle Juden (sic!) sind ja im Kriege reich geworden. Als Volk erhalten sie — oder richtiger: sie „annektieren^ — Palästina; es werden spezielle Gesetze zu ihrem Schutze in allen Ländern geschaffen, unter dem Titel eines Minoritätsschutzes: Mit einem Worte: es wird ein Judenfriede sein, der in Versailles und in St.-Germain Zustandekommen dürste. Es hätte wenig Sinn, sich mit Leopold Kunschak in eine Polemik darüber einzulassen, ob der Krieg den Juden tatsächlich solch große Vorteile gebracht hat und ob der Friede.tatsächlich ihren Jntensionen weiteres ihr Selbstlob lassen, vorausgesetzt, daß die erwähnten Bestimmungen tatsächlich dazu geeignet, wären, die Rechte der Juden im Osten — darauf kommt es ja in erster Reihe an — sicherzustellen und ihnen ein ruhiges Leben und eine unbehinderte Entwicklung zu verbürgen. Diesbezüglich können aber gewisse Zweifel nicht unterdrückt werden. Ein wichtiges Moment scheinen die Initiatoren der zitierten Bestimmungen entweder übersehen oder sich außerstande gesehen zu haben, diesbezüglich eine befriedigende Lösung zu finden. Dieses Moment übertrifft aber alle anderen an Bedeutung und Tragweite. Es handelt sich — um es offen heraus Zusagen — um die Boykottsrage, um eine der schwersten Plagen und Gefahren, welchen das Ostjudentum ausgesetzt ist und deren Folgen um so furchtbarer sind, als es schwerlich eine Handhabe zur Beseitigung derselben gibt. - In einem reichsdeutschen jüdischen Blatte wird diese Frage - eingehend behandelt. Dort heißt es unter anderem: „Was vom Kriege gesagt worden ist, er sei die Fortsetzung der Politik, nur mit anderen Mitteln, gilt auch vom Pogrom; er ist nur eine Fortsetzung des Boykotts, nur mit anderen Mitteln. Der Pogrom ist nichts anderes, als der konzenttierte Boykott. Wenn es gilt, die Juden durch gesetzliche oder soziale Maßnahmen wirtschaftlich zu ruinieren, ihnen den Aufenthalt im Lande unmöglich-zu machen und sie hinauszudrängen, so greift man zum Boykott, der sich zum Pogrom steigert oder gar mit ihm beginnt. Die ganze russische Judenpolitik mit ihren Austteibungen aus den Dörfern und den kleinen Marktflecken, Zusammenpferchung in den großen Städten des Ansiedlungsrayons, Verdrängung aus den Schulen, den freien Berufsarten und dem Handwerk, zielte darauf hin, die Juden aus dem Lande hinauszudrängen oder ihre Zahl auf ein Minimum zu reduzieren. Der verstorbene Pobjedonoszew -drückte das auf folgende Weise aus: ein Drittel der Juden sollte verhungern, ein Drittel auswandern, ein Drittel totgeschlagen werden. Es war also, wie man sieht, der Boykott von oben, zwei Drittel der Arbeit sollte die Gesetzgebung und Verwaltung und ein Drittel der Pogrom besorgen. Der Pogrom erscheint entsprechen werde. Unsere eigene Bilanz sieht wesentlich anders aus. Wir wissen von den tausenden und abertausende» Flüchtlingen, die von Heim und Herd verjagt seit länger als vier Jahren in der Fremde herumirren und auf die Wohltätigkeit ihrer reichen Brüder in Amerika angewiesen sind. Wir wiffen von den tausenden und abertausenden Krregswaisen, deren Zukunft noch höchst problematisch ist. Wir wiffen auch von den unzähligen Lücken zu erzählen, die der Krieg in unseren fämilien geriffen hat. Wir wiffen von den blutigen Pogromen ein ied zu singen, die mehr Opfer fordern, als gar manche Entscheidungsschlacht . . . Das sind die Gewinnste, die uns der Krieg gebracht. Es war wahrlich ein Judenkrieg in dem Sinne, als die Juden unter den Wirkungen und Ausstrahlungen desselben verhältnismäßig mehr zu leiden hatten, als alle anderen Völker. Und wie sieht es nun mit dem Frieden aus: Wir wissen noch immer nicht, welche Rechte.wir in Palästina erhalten werden. England freilich weiß schon heute genau, was es in Palästina erhält. Der Gewinn Englands kann aber keineswegs unserem Konto gutgeschrieben werden. Was den Schutz der Minoritäten anbetrifft, so handelt es sich vorläufig um einen „Fetzen Papier". Vorläufig sind wir täglich Zeugen des „Schutzes", den die Friedensdiktatoren den Juden im Osten, in Polen, in Rumänien angedeihen lassen, Allzu viel können wir uns von dem „Schutz" dieser Mächte, die in erster Reihe ihre eigenen Vorteile suchen, nicht versprechen. So sieht also der „Judenfriede" aus, den uns Leopold Kunschak vorwirft. Wie gesagt, es hänselt sich nicht darum, mit Kunschak zu polemi? sieren. Es ist jedoch nötig, die Wahrheit festzustellen, um auch denjenigen jüdischen Kreisen, die der Meinung sind, der Friede von Versailles und der Friede von St.-Germain bringen den Juden gewiffe Vorteile, den wirklichen Stand der Dinge vor Augen zu führen. Nein, der Friede, der in den nächsten Tagen oder Wochen abgeschlossen werden sollte, wird kein „Judenfriede" sein. Die Kunschak haben keinen Anlaß zur Hetze und andere Kreise keinen Anlaß zur Ruhmrederei... .* ' Wien war letzten Sonntag der Schauplatz blutiger Szenen, die mehrere Opfer an Toten und Verwundeten forderten, darunter auch einige .Juden. Der amtliche Bericht weiß von „Agitatoren mit fremdländischem Typus" zu melden, hie die ^reibende Kraft der kommunistischen Demonstration waren. Unsere sieben Freunde vom „Wiener Mittag" beeilten sich hierauf und stempelten dre ganze Angelegenheit zu einm „Judenputsch". Das Schwesterblatt des „Mittag", dze „Republik", drohte einige Tage vorher, unter Berufung auf dre Warnung des sozialdemokratischen Arbeiterrates vor die „fremden

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