Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 5 (1919)
- Issue
- 22 (20.6.1919)
- Date
- 1919-06-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz „ Bezugspreis: Ganzjadrig K16, halbj ädrig K 8, vierteliädrig K 4. Ausland jährlich K 30. Einzelnummer 40 Heller. Organ für die Interessen des Judentums. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Freitag. Hi*i 22. Wien, 22, Siwan 5679, 20, Juni ISIS V. Jahrgang. Aktive und passive Orthodoxie. Wer die Verhältnisse innerhalb deS Judentums aus eigener Wahrnehmung genau kennt, der weiß eS, daß die Orthodoxie — un weitesten Sinne des Wortes — eigentlich das Gros der Judenheit bildet. Von>den Ländern des Ostens abgesehen, wo das Uebergewicht der Orthodoxie ja evident ist, ist die Zahl der glaubenstreuen Juden selbst in manchen Ländern des Westens keineswegs so gering, wie es dem oberflächlichen Beobachter scheinen mag. Wenn die Orthodoxie im öffentlichen jüdischen Leben trotzdem nicht genug stark zur Geltung kommt, so ist dies dem Umstande zuzuschreiben, daß ein großer Teil derselben sich vornehmlich passiv verhält, im schreienden Gegensätze zu den anderen jüdischen Gruppen, die überaus aktiv austreten und arbeiten. Diese Erscheinung ist im Interesse des unverfälschten Judentums nicht bloß höchst bedauerlich, sondern auch sehr merkwürdig. Keine jüdische Gruppe wird so sehr der Intoleranz geziehen als die Orthodoxie — es liegt aber im Wesen jeder Intoleranz, nach jeder Richtung hin aggressiv vorzugehen, Anhänger für die eigene Ideologie zu werben und die Gegner mit aller Heftigkeit zu bekämpfen. Die Orthodoxie ist jedoch — das muß Freund wie Feind zugeben — in den' letzten Jahren allzu-- tolerant geworden. Sie versucht es kaum, den Gegnern an den Leib zu rücken, sie wirbt selten Anhänger im Lager der anderen jüdischen Gruppen und ist nicht einmal genug aktiv in der Abwehr gegenüber der Seelenfängerei, die seitens ihrer Gegner in ihrem Lager, oft nicht ohne Erfolg, betrieben wird. Die Aufgabe dieser Zeilen ist es keineswegs, der Orthodoxie Intoleranz zu predigen. Es soll nur auf gewisse Erscheinungen im Lager der glaubenstreuen Juden hingewiesen werden, die nicht überall Verständnis finden und vielfach zu Mißdeutungen und Vorwürfen Anlaß geben. Die passive Orthodoxie findet es oft befremdlich, daß sie seitens der aktiven Orthodoxie nicht als vollwertig anerkannt und nicht zur Mitarbeit und zur Mitwirkung an gewissen Aktionen herangezogen wird, die im Interesse des orthodoxen Judentums unternommen werden. Sie erhebt gegen die aktive Orthodoxie den Vorwurf, daß diese sich überhebe und das Recht usurpiere, im Namen der Orthodoxie als solcher aufzutreten und zu handeln, ohne auch seitens der passiven Orthodoxie die Ermächtigung hierzu erhalten zu haben. Bei oberflächlicher Beobachtung mag dieser Einwurf nicht ohne Berechtigung sein, in Wirklichkeit aber entbehrt er jeder sachlichen Begründung. Worin unterscheidet sich die aktive von der passiven Orthodoxie? Die Glaubenstreue der letzteren soll keineswegs in Frage gestellt werden. Sicherlich sind die passiven Orthodoxen gute und treue Juden, die für ihre Person, in der Regelauch für ihre Familien und ihre nächste Umgebung auf dem Boden der Thora stehen und alle Vorschriften und Anordnungen derselben strenge beobachten und erfüllen. Weiter aber geht ihr Interesse und ihre Arbeit nicht. Die aktive Orthodoxie faßt ihre Aufgaben anders auf. Sie will nicht bloß ftir die eigene Person, für die Familie und für die nächste Umgebung die Fahne des unverfälschten Judentums Hochhalten, sondern ist bestrebt, demselben auf allen Gebieten des Lebens Geltung zu verschaffen und dainnerjüdische Leben und Weben darnach zu richten. Deswegen auch kommt derselben innerhalb der Judenheit eine erhöhte Bedeutung zu und deswegen kann ihr das Recht, im Namen der glaubenstreuen Juden zu sprechen und zu handeln, nicht streitig gemacht werden. Für die aktive Orthodoxie bildet das Leben und das Streben im Geiste der Thora, die Erhaltung und die Fortpflanzung des unverfälschten Judentums eine Hauptaufgabe, die all ihr Tun. und Lassen reguliert und leitet. Selbst dort, wo es sich um wichtige Lebensfragen des jüdischen Volkes handelt, zum Beispiel hinsichtlich Palästinas, steht die Sache der Religion in erster Reihe. Bei aller Bedeutung, die dem „Jischub-Erez- Jisroel" zukommt und zugebilligt wird, stellt die aktive Orthodoxie die Bedingung an erster Stelle, daß dieser „Jischub" eben „al taharat hakaudesch" sein muß; nur dann kann er für sie den richtigen Wert und die richtige Tragweite haben. Auf diesem Gebiete Konzessionen zu machen, dazu kann sie sich nicht verstehen, weil es sich eben um eine prinzipielle Sache handelt. ES wird keinem orthodoxen Juden einfallen, die Glaubenstreue derjenigen, die sich um den „Misrachi" schaaren, oder die (wie dies beispielsweise in letzter Zeit in Wien geschehen ist) einen speziellen „Jischuh-Erez-Jisroel-Verein" orthodoxer Färbung gebildet haben, in Frage zu stellen. Aber die aktive Orthodoxie kann sich diesen Gruppen nicht anfchließen, und sie muß auch in der Palästinasache selbständig Vorgehen, weil jene erwähnten Kreise sich der Führung nichtorthodoxer Faktoren unterordnen — zumindest bis zu einem gewissen Grade — und weil sie in der Hauptsache zionistische Organisationen orthodoxer Färbung darstellen, wogegen die aktive Orthodoxie selbst dort, wo es sich um Palästina handelt, das religiöse Moment in den Vordergrund stellt. Wenn es sich darum gehandelt hat, eine Weltkonferenz der orthodoxen Verbände einzuberufen zwecks Gründung einer orthodoxen Weltorganisation, so konnten deswegen nur jene Verbände. Vereine und Organisationen zur Teilnahme eingeladen werden, die in relrgiöserZBeziehung aktiv sind oder es zumindest sein wollen. Der „Misrachi" und der Verein „Jischub-Erez-Jisroel", ebenso wie ähnliche Gruppen, stellen nur Verbände orthodoxer Juden für bestimmte allgemein-jüdische Aktionen dar. Ihr Vorhaben und ihre Handlungsweise mag unter Umständen sehr löblich und auch nützlich sein — aber sie sind nach der religiösen Seite hin nicht aktiv und sie dürfen sich nicht beklagen, wenn sie seitens der Aktiven darnach beurteilt und bewertet werden. Dasselbe läßt sich auch hinsichtlich verschiedener Einzelpersörmchkeiten und hinsichtlich verschiedener orthodoxer Vereine sagen. Es gibt Rabbiner, die für ihre Person streng orthodox sind und diesbezüglich keiner wie immer gearteten Anfechtung ausgesetzt werden können. Es gibt diverse Bethaus- und andere Vereine orthodoxer Richtung, die sicherlich ihren Aufgaben gerecht werden und keinen Zweifel an die Echtheit ihrer Tendenzen und ihrer Ziele zulassen. Aber wenn sie nicht über den engen Rahmen ihrer Tätigkeit hinausgehen, wenn sie nicht auf der Wacht der Interessen des orthodoxen Judentums stehen, im Sinne des Prophetenwortes: „al mischmarti eemaudo jaumom wolajlo 1", dann können sie nicht als aktiv gelten und sie dürfen keinen Anspruch darauf erheben, als Faktoren des aktiven glaubenstreuen Judentums bewertet zu werden. Ein orthodoxer Jude sein, heißt ein Kämpfer für die Sache des unverfälschten Judentums sein ' eine orthodoxe Organisation bilden, heißt aktiv im Jntereste der Ortodoxie nach jeder Richtung, es mag sich um wichtige Fragen allgemeiner Natur 799556