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Jüdische Korrespondenz · 1919-06-13 · 21 (13.6.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
5 (1919)
Issue
21 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Korrespondenz, Seite 5 Nr. 21 sie — so merkwürdig die Sache auch erscheinen mag — bereits gefunden. Man höre und staune: Die Kämpseder Polen um die Wiedereroberung Ostgaliziens, wie nicht minder die gemeinsamen polnisch-rumäUischen Interessen in ihrem Gegensätze zu den Ukrainern, haben in Warschau wie in Bukarest den Gedanken aufkommeu. lassen, eine gemeinsame polnisch-rumänische Grenze zu schaffen; das heißt, daß unter diesem Titel das Streben der Polen, Ostgalizien zu behalten, als Notwendigkeit erklärt werden sollte. Als die jüngsten Kämpfe gegen die Ukrainer in Ostgalizien einsetzten, traten auch die Rumänen von der Bukowina aus auf den Plan, indem sie bis über Kolomea vordrangen und das ganze Gebiet von der Bukowinaer Grenze bis zu den Karpathen in Besitz nahmen. Wie es heißt, sollen sie auch bis Stanislau vorrücken. Die gemeinsame polnisch-rumänische Front ist bereits hergestellt und der Kampf gegen die Ukrainer wird konzentrisch geführt. Soweit wäre alles in „Ordnung". Aber die Herren in Rumänien haben gar bald eine neue Entdeckung gemacht: Die Verbindung zwischen der Bukowina und ihrem neuen „Erwerb" in Ungarn ist höchst beschwerlich und zeitraubend. Das Terrain bietet einer direkten Bahnverbindung große Schwierigkeiten und ein solcher Bau würde kollossale Kosten verursachen. Von Stanislau führt aber eine sehr gute Bahnverbindung über Körösmözö nach Marmarosch-Sziget, das angeblich den Rumänen zugesprochen werden soll. Was wäre nun natürlicher, als daß die Rumänen auch noch den „Zipfel" Ostgaliziens bis Stanislau erhalten sollten, um eine direkte Verbindung mit ihren ungarischen Gebieten zu bekommen. Der Plan gefiel den Herren in Bukarest so gut,- daß sie bereits Anstalten treffen, um hiefür die Friedenskonferenz zu gewinnen. Die Sache dürfte natürlich nicht so einfach vor sich gehen können. Zunächst werden die Polen da ein Wörtchen mitsprechen wollen. Die Hilfe der Rumänen gegen die Ukrainer war ihnen wohl sehr willkommen und auch die gemeinsame Grenze mag ihnen aus politischen und wirtschaftlichen Gründen nicht unerwünscht sein — aber hiefür mit der Ueberlassung des schönen und reichen Landstriches zu bezahlen, dazu werden sich die Polen kaum verstehen wollen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es deswegen gar bald zu einem neuen Konflikt zwischen den „Freunden" kommen wird. Immerhin wird man jüdischerseits gut tun, der Sache einige Aufmerksamkeit zu schenken. Unter rumänische Herrschaft — wenn auch bloß zeitweilig — zu gelangen, — das könnte den ostgalizischen Juden noch gerade fehlen. * Wir haben bereits mehrfach an einer Reihe von Einzelfällen bewiesen, wie wenig von einer Besserung der Lage der rumänischen Juden die Rede sein kann. Das gilt nicht nur für das eigentliche Rumänien, sondern ebenso für alle diejenigen Gebiete, die durch die Entwicklung der allgemeinen Ereignisse unter rumänische Herrschaft gekommen sind, vor allem für Beßarabien, über welches der „Peuple Juif“ (Paris) einen Brief veröffentlicht, der die politische Situation als absolut trostlos schildert. Der Handel, an dem die Juden einen großen Anteil hatten, liegt vollständig darnieder. Die Beziehungen mit den großen russischen Zentren sind unterbrochen, die reichen und schönen Städte sind in Dörfer verwandelt, die Lebensmittel sind unerschwinglich teuer. Von der angeblichen Autonomie der beßarabischen Verwaltung ist nichts zu spüren. Der Gebrauch, der jüdischen Sprache wird in jeder Weise von den rumänischen Machthabern bekämpft. So durste zum Beispiele eine jüdische Lehrerkonferenz nicht in jüdischer Sprache stattfinden. Vor allem geht das Bestreben der rumänischen Behörde dahin, das Schulwesen zwangsweise zu rumänisieren. In Siebenbürgen hat sich die Lage unter der rumänischen Herrschaft in jeder Weise zum Nachteil der Juden entwickelt. Für die Stimmung, die in diesem Landesteil herrscht, ist folgende Tatsache interessant: Die in Sibiu (Hermannstadt) erscheinende rumänische Zeitung „Revasterea Romana“ hatte zu einer in Bukarest stattgefundenen Vermählung eines jüdischen Redakteurs ihre Glückwünsche ausgesprochen. Zu dieser Angelegenheit schrieb ein anderes rumänisches Blatt „Patria“ folgendes: „Zum erstenmal wird in der rumänischen Presse Siebenbürgens ein jüdischer Journalist mit der Bezeichnung ,Kollegs genannt und gelegentlich seiner Vermählung beglüco wünscht. Ist die ,Reva§tei-ea Romana1 etwa für die Aufnähme der Juden in die rumänische Presse? Eine Frage, durch die niemand beleidigt werden soll, die aber von der Tradition der rumänischen Presse auch Siebenbürgen zur Pflicht gemacht wird." Der schreckliche Vorwurf, der hier der „Revasterea Romana" gemacht wird, hat sie veranlaßt, sofort folgendermaßen zu erwidern: „Die ,Patria‘ las mit Verwunderung eine von uns aus Bukarefter Blättern reproduzierte Notiz, in welcher wir einem jüdischen Redakteur der ,L'Independance roumaine‘ aus Bukarest in ironischer Weise unsere Glückwünsche senden. Weit davon entfernt, uns für die Aufnahme der Inden in die rumänische Presse auszusprechen, benützten wir eine Gelegenheit, um zu zeigen, mit was für Redakteuren sogar die Organe der Regierung ihre Redaktionen schmücken. Wenn unsere Ironie zu fein war, bedauern wir es Lebhaft, denn sie ist schuld daran, daß wir mißverstanden wurden. Ein anderes Mal werden wir uns bemühen, den Punkt deutlicher auf das i zu setzen." Liebe mb Gerechtigkeit. Aus einem Vortrage: „Der Sinn des Judentums." Von Dr. Nathan Birnbaum. Dem Judentum wird oft der Vorwurf gemacht, daß es keine Religion der Liebe sei. Und unsere jüdischen Apologeten haben, — seitdem sie so geworden sind, wie sie sind, alle Hände voll zu tun, um diesen Vorwurf zurückzuweisen. Ich glaube, sie täten besser daran, in die Welt hinauszuschreien, daß wir diesen Vorwurf als Kompliment annehmen. Das Judentum eine Religion der Liebe? Oh nein! Es weiß Besserem,Höherem, Göttlicherem zu dienen: Der Gerechtigkeit. Liebe ist für den, der sie genießt und für den, der sie spendet, die Quelle von mehr oder minder dauerhaftem Glücke, zugleich auch Erhebung und Vertiefung. Aber sie ist ihrem Wesen nach Bevorzugung einzelner und Hintansetzung aller anderen. Liebe ist in ihren zwei wichtigsten Erscheinungsformen, der Familien- und Geschlechtsliebe, gesellschaftsgründend, aber nach ihrer jeweiligen unmittelbaren Wirkung innerhalb der Gesellschaft in allen ihren Formen gesellsch aststörend, antisozial. Liebe ist Natur jenseits von Sittlichkeit und muß erst durch Gottes Gebote versittlicht werden. Liebe ist in Hinsicht auf ihr Tun Lehrkurs für Gerechtigkeit, aber sie selber ist ihr Gegensatz. Das hebräische Wort für Liebe, „Ahawa", kann verschiedenes ausdrücken: Ebenso die metaphysische Liebe zu Gott, die doch nur aus der Unzulänglichkeit menschlicher Sprache heraus Liebe heißt, wie die bevorzugende Liebe von Mensch zu Mensch, die eigentliche, wirkliche Liebe, wie endlich jene Liebe, die in dem Satze: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" gemeint und die wieder nicht Liebe ist, weil man doch nicht alle Nächsten bevorzugend zu lieben vermag. Und gerade diese dritte Art von Liebe, die im Grunde besagt: Ob du deinen Nebenmenschen liebst oder leidest oder nicht leidest, in jedem Falle handle so gegen ihn, als ob du ihn liebtest, ist die jüdische Liebe, d. h. das, was höher und göttlicher ist als die Liebe und wofür wir ja auch ein eigenes stolzes Wort haben: „Zedek", Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit bevorzugt nicht, sie bestrebt sich, dem wunderbaren Blicke über die ganze Welt hin zu folgen. Die Gerechtigkeit verweichlicht nicht den Menschen, wie die Liebe, sondern macht ihn gut, und verhärtet ihn nicht wie die Liebe, sondern macht ihn streng. Die Gerechtigkeit erhält die Gesellschaft, die die Lieve gegründet hat, und die ohne sie zerfiele — trotz aller Liebe oder vielleicht gar durch sie. Wo die Liebe, ist auch der Haß. Wäre die Gesellschaft der letzten zwei Jahrtausende nicht soviel mit Liebe gefüttert worden, statt mit Gerechtigkeit, sie würde heute nicht in den furchtbaren Greueln stecken, in denen wir sie stecken sehen. Und wären unsere heutigen „Gerechtigkeits"-Fanatiker, auch die jüdischen, nicht in Wahrheit Fanatiker der Liebe und des Hasses, sie

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